Erdogan und die Ratingagenturen Wer ist hier der Boss?

Schlagabtausch zwischen Erdogan und Standard & Poor's: Der Rating-Riese warnt vor Türkei-Investitionen, der Präsident wütet gegen angeblich "türkeifeindliche" Kräfte. Wer überzeugt?

Recep Tayyip Erdogan
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Recep Tayyip Erdogan

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Recep Tayyip Erdogan zeigt in diesen Tagen zwei Gesichter. Das eine ist hart, unversöhnlich und herausfordernd, so tritt er gegenüber den Staaten des Westens auf. Der Präsident wittert Verrat, EU und USA steckten mit den Juli-Putschisten unter einer Decke. Erdogan wähnt sich aber - Stichwort Flüchtlingspakt - am längeren Hebel. Deswegen schlägt er laute Töne an.

Erdogan kann aber auch anders: Höflich, offen, eilfertig - so wirbt der Staatschef um die Gunst internationaler Investoren. Weil er weiß, wie stark die türkische Wirtschaft auf sie angewiesen ist.

Bei einem eilig im Präsidentenpalast in Ankara anberaumten Treffen mit Vertretern internationaler Konzerne am Dienstag versprach Erdogan schnelle Wirtschaftsreformen. "Nie werden wir etwas tun, was internationalen Investoren schadet", versicherte der Präsident. Das werde er "persönlich verhindern".

Erdogans Konterrevolution verstört den Westen

Erdogan bemüht sich um Schadensbegrenzung. Der Putschversuch hat die türkische Lira auf Talfahrt geschickt. Die Kapitalflucht hat Fahrt aufgenommen, 460 Millionen Dollar flossen allein in der ersten Woche nach dem Umsturzversuch aus der Türkei ab, nach Zuflüssen in die Türkei von 1,2 Milliarden Dollar in der Woche vor dem Putsch.

Der Aufstand gegen Erdogan hat die Wirtschaft verunsichert, vollends verstört aber hat sie erst Erdogans rabiate Antwort darauf. Die Regierung hat 20.000 Personen verhaftet und Reiseverbote gegen 49.000 Türken verhängt. Bei der Fluglinie Turkish Airlines wurden 211 Mitarbeiter gefeuert.

Putschversuch und Erdogans Konterrevolution werden die Türkei schwächen, darin sind sich die meisten Wirtschaftsexperten einig.

Die Ratingagentur Standard & Poor's hat deshalb die Zahlungsfähigkeit der Türkei gleich nach dem Putschversuch herabgestuft, auf BB. "Ramschniveau" wird das genannt, spekulative Anlage, nicht für Investitionen empfohlen. Anfang der Woche legte die Agentur nach. Die Türkei sei als "Hochrisikoland" zu behandeln. Danach trommelte Erdogan die Unternehmensführer zu dem Treffen im Präsidentenpalast zusammen. Er wirft der Agentur "Türkeifeindlichkeit" vor.

Politische Turbulenzen, aber solide Wirtschaftsdaten

Auch in Fachkreisen herrscht Kopfschütteln über S&P. Die Kritik wird nur vornehmer formuliert als in Erdogans Präsidentenpalast. Timothy Ash, Türkei-Kenner und Analyst der japanischen Bank Nomura, findet das Vorgehen der Agentur "nicht nachvollziehbar". S&P bewerte die Türkei derzeit zwei Stufen schlechter als Südafrika, dabei habe das Land "viel bessere Zahlen". Der türkische Ökonom Seyfettin Gürsel bezeichnet in der "FAZ" die Abwertung als "unberechtigt" und die Begründung "verworren und inkonsistent".

Tatsächlich kann die Türkei bislang mit guten Zahlen glänzen, trotz eines großen Leistungsbilanzdefizits der Türkei. Es liegt bei rund vier Prozent der Wirtschaftsleistung, die Türkei führt also deutlich mehr Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland ein, als sie selbst exportiert.

  • Allerdings liegt die Staatsverschuldung bei nur 34 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Deutschland sind es 68 Prozent.
  • Die Konjunktur brummt, zuletzt wurden in der Türkei rund eine Million neue Jobs pro Jahr geschaffen.
  • Die türkische Lira hat sich nach dem Putschversuch schnell wieder stabilisiert.
  • Das Wachstum lag im ersten Halbjahr bei rund vier Prozent. Die Arbeitslosigkeit dürfte sich durch die Massenentlassungen von Erdogan-Gegnern leicht erhöhen, eine Rezession ist aber wenig wahrscheinlich. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche geht 2017 und 2018 von stabilen 2,5 bis 3,5 Prozent Wachstum aus.

Die Konkurrenz von Standard & Poor's, die Agenturen Fitch und Moody's, hat die Abwertung der Türkei nicht nachvollzogen. Moody's und Fitch bewerten Ankaras Bonität derzeit gleich um zwei Stufen besser als Standard & Poor's. Bei ihnen gilt die Türkei nicht als Ramsch. Sie wird als passable Anlage empfohlen. Moody's hat nach dem Putsch zwar eine Delegation in die Türkei geschickt, um die Lage neu einzuschätzen. Nach Gesprächen gibt sich die türkische Regierung zuversichtlich, das gute Rating behalten zu können.

Langjährige Fehde mit der Ratingagentur

S&P gibt an, mehr Wert auf "institutionelle Faktoren" zu legen, die Entwicklung von Demokratie und Rechtsstaat. Der Rating-Riese ficht seit Jahren eine Fehde mit Erdogan aus. Während Fitch und Moody's vor Jahren ihre Bewertungen auf "investment grade" anhoben, blieb S&P skeptisch. 2012 stufte die Agentur ihren Ausblick von "positiv" auf "stabil" herab, trotz mehr als acht Prozent Wachstum in 2011.

Die schlechten Bewertungen brachten Erdogan auf die Palme. Seit 2013 überweist Ankara Standard & Poor's nicht mehr die für Entwicklungsländer übliche Gebühr für die Bewertung und setzt stattdessen auf Fitch. "Wer ist hier der Boss?", titelte das "Wall Street Journal" damals.

In der aktuellen Krise wirft Erdogan S&P vor, Teil einer westlichen Verschwörung zu sein. Der Präsident war bereits gegen US-General Joseph Votel ausfällig geworden: Der Oberbefehlshaber des US-Zentralkommandos stecke mit den Putschisten unter einer Decke. Die "New York Times" kam zu dem Schluss, dass sich "die Türken nur auf eines einigen können: Die USA stecken hinter dem gescheiterten Putsch".

Der Türkei-Kenner Timothy Ash hat Verständnis für den Unmut gegenüber S&P. Die Tiraden hält er aber für kontraproduktiv. Die Türkei schade sich selbst, die Agentur sitze am längeren Hebel. Ankara solle "lieber supernett zu S&P sein. Wie schon meine Oma sagte: Mit Honig fängst du mehr Fliegen als mit Essig".

Zusammengefasst: Präsident Erdogan und die Ratingagentur Standard & Poor's liefern sich seit Jahren einen Schlagabtausch. S&P hat die Türkei nach dem Putschversuch im Juli auf Ramsch-Niveau eingestuft. Wirtschaftsexperten finden die Entscheidung unverständlich: Die Bilanz der Türkei ist ordentlich, die Wirtschaft brummt, jedes Jahr werden eine Million neue Jobs geschaffen.

insgesamt 182 Beiträge
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kurt_der_wolf 03.08.2016
1. S&P Rating für Lehman Brothers A+ in 2008
als Lehman Pleite ging. Soviel zur Kompetenz der Rating Agentur. Wer richtig zahlt, bekommt auch richtige Zahlen, oder in diesem Fall, die richtigen Buchstaben!
Mueller-Luedenscheid 03.08.2016
2. S&p ???
Also man muss Präsident Erdogan nicht mögen. Aber das "Rating" von S & P sollte man auch mal kritisch unter die Lupe nehmen. Waren es nicht Rating-Agenturen, dei 2008 jeden Ramsch hochjubelten wenn er denn nur als "Verbriefung" einher kam?
mirkoklemm 03.08.2016
3. Immer schriller...
...werden Erdogans Tiraden, immer lauter sein Gepolter. Aber all das vermag einen Großteil der Türken, und auch eine große Zahl türkischstämmiger Deutscher, nicht abzuschrecken. Furchtbar, dass die Selbstdarstellung als "starker Mann" immer noch (oder schon wieder) Erfolg zu haben scheint. Setzt sich das fort, gehen wir global finsteren Zeiten entgegen. Nicht wegen Erdogan selbst (oder Putin, oder Trump, oder Johnson, oder wie sie alle heißen), sondern wegen all der Menschen, die diese Leute wählen und die sich solche Polterer und Demagogen als Anführer wünschen.
jerusalem 03.08.2016
4. Die Ratingagenturen
wird er wohl nicht einschüchtern können, der Mann vom Bosporus. Sie sind derzeit, neben Hr. Kurz aus Österreich die einzige Hoffnung für die Türkei!
w.diverso 03.08.2016
5. S&P Rating für Lehman Brothers A+ in 2008
Zitat von kurt_der_wolfals Lehman Pleite ging. Soviel zur Kompetenz der Rating Agentur. Wer richtig zahlt, bekommt auch richtige Zahlen, oder in diesem Fall, die richtigen Buchstaben!
Deswegen nimmt man immer einen Durchschnitt aller drei Agenturen. Wobei es sicher gut wäre, wenn es noch eine europäische und eine asiatische Ratingagentur gäbe, dann wäre ein Durchschnitt noch aussagekräftiger.
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