Finanzmärkte Die Börse kann Erdogan und Trump nicht zügeln

Ob Türkei, USA oder Italien - immer wieder dämpfen die Finanzmärkte den Eifer populistischer Politiker. Aber taugt die Börse als Retterin der Demokratie?

Der Börsenbulle als Heilsbringer? Wohl kaum.
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Der Börsenbulle als Heilsbringer? Wohl kaum.

Eine Kolumne von


Der Gedanke liegt nahe: Was alle Protestnoten im Kampf gegen den autoritären türkischen Präsidenten nicht geschafft haben, erledigt der mächtige Finanzmarkt. Denn die Börsianer sorgen durch eine milliardenschwere Flucht aus der Währung dafür, dass die türkische Lira abstürzt und der Wirtschaft eine tiefe Krise droht, sodass Recep Tayyip Erdogan früher oder später schon irgendwie weg sein wird. Ist zu lesen.

Und der eine oder andere stimmt schon Lobeshymnen auf die demokratisch gute Seele der Finanzwelt an.

Schon die Wortfolge aus "guter Seele" und "Finanzwelt" mag bei manch aufmerksamem Beobachter des Zeitgeschehens eine Art kognitive Dissonanz auslösen - geht das zusammen? Doch die Frage ist, ob so eine Währungskrise überhaupt zum vermeintlich gewünschten Ergebnis führt. Und ob die Menschen, die börsentäglich viele Milliarden hin und her handeln, als unverhoffte Wächter der Demokratie so verlässlich sind.

Gut möglich, dass solche Börsentrends das Problem nur verschärfen. Und autoritäre Regime die schlimme Entwicklung dann nutzen, weil sie noch einen Grund mehr zur Klage haben, wie böse die Welt um sie herum ist. Wäre es so, könnte es sich für Deutschland ja doch lohnen, den Türken jetzt zu helfen.

Conte, Trump, Erdogan

Mit dem Phänomen widerborstiger Börsianer wird in diesen Tagen nicht nur Erdogan konfrontiert. Als Italiens rechtslastig-populistische Regierung kürzlich nicht ganz so günstige Wir-machen-jetzt-alles-anders-Pläne verkündete, reagierten die Händler von Staatspapieren prompt mit einem Ausverkauf italienischer Titel. Bis die Regierung kundtat, schön aufzupassen beim Geldausgeben.

Was wollen Italiens Populisten?

Ein wenig kriegt selbst der größte aller Donald Trumps zu spüren, was es heißt, wenn die hohe Finanz bei seinem America-first nicht ganz mitmacht. Seit Monaten wird der Dollar teurer, und mit ihm plötzlich alle schönen amerikanischen Produkte im Rest der Welt, die der US-Präsident so sorgsam billiger zu machen versucht, indem er mit Chinesen und Europäern Zölle-Pingpong spielt.

Ist das ein Gewinn für die freie Welt? Auf den ersten Blick könnte die zynische Rechnung aufgehen: Weil die türkische Lira abstürzt, schnellen Importpreise und Inflation hoch, wird für die Bevölkerung alles teurer, müssen die Zinsen steigen, was die Wirtschaft zu treffen droht. Den Türken geht's schlechter - da wollen sie bestimmt ihren Präsidenten bald auch nicht mehr. Die italienische Regierung macht dank Finanzpolizei keinen finanziellen Blödsinn mehr. Und Donald Trump wird sicher bald einsehen, dass er gegen das Gute im Börsianer machtlos ist.

Sie merken schon: Nicht wirklich ein Selbstläufer.

Im Ernst: Wenn die Finanzmärkte nur ansatzweise als Wächter demokratischer Gepflogenheiten taugen, und sei es als Grundlage für Gewinn und längerfristigen Wohlstand - warum brachen dann Aktienkurse und Dollar nicht ein, als Donald Trump sein Amt antrat? Oder als er meinte, es sei in Ordnung, die Staatsschulden hochschnellen zu lassen, um damit ein enorm teures Steuersenkungspaket ohne Gegenfinanzierung aufzulegen?

Wen interessiert an der Börse, wer das alles finanzieren soll?

Der Dollar steigt seit Wochen, obwohl der Handelskrieg eskaliert. Derweil werden die Aktien im Trump-Zeitalter auf Rekordniveaus gehandelt. Und warum stürzte die türkische Lira erst in diesem Sommer ab - und nicht früher schon?

Hinter alledem steckt ein grundsätzliches Problem: Finanzmärkte tendieren - allen Weisheiten aus herkömmlichen ökonomischen Lehrbüchern zum Trotz - zu einer recht kurzfristigen Deutung der Welt. Als der US-Präsident die Steuersenkungen machte, schnellten halt die Aktien der Firmen hoch, die jetzt weniger Steuern zahlen. Wen interessiert schon, wer das alles finanzieren soll.

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Dazu kommt, dass Finanzmärkte nicht immer gleich reagieren. Das kann dazu führen, dass autoritäre Politik - die auf Dauer mit hoher Wahrscheinlichkeit zu nicht viel Gutem führt - über Monate oder Jahre durch schöne Kursentwicklungen belohnt wird. Bis der Trend bei den hippen Börsenleuten kippt und Zuneigung plötzlich in kollektive Panik umschlägt, weil Börsianer in der Not dem Herdentrieb folgen. Ist ja auch schwer, die Entwicklung einer ganzen Volkswirtschaft mit einen einzigen Kurs zu bewerten, nämlich dem Währungskurs.

Was, wenn die Finanzmärkte alles schlimmer machen?

Als noch tückischer könnte sich etwas anderes erweisen: Es gibt eine Menge Erkenntnisse darüber, dass der Zulauf für Populisten viel mit dem Gefühl der Menschen zu tun hat, ihre Regierungen hätten ohnehin keine Kontrolle mehr. Was nicht nur damit zu tun haben dürfte, dass es schwierig ist, die Migration in den Griff zu bekommen.

Das Problem sitzt tiefer. Tatsächlich haben Regierungen wegen der Globalisierung auf vieles nicht mehr so viel Einfluss. Etwa, wenn Finanzmärkte oder Gläubiger via Geldabzug die Regierungen abstrafen, die womöglich gerade erst demokratisch gewählt wurden.

Was das heißt, haben die Griechen erlebt, als sie 2015 via Volksabstimmung gegen die Fortführung der Kürzungspläne stimmten - und die Regierung genau die danach fortführen musste. Ein Demokratie-Desaster. Oder kürzlich die Argentinier, denen die hohe Finanz jäh das Vertrauen entzog. Oder eben die Italiener.

Das mag kurzfristig irgendeinen ökonomischen Sinn ergeben (was es im Falle Griechenlands nicht einmal tat). Es droht aber, die autoritären Männer noch zu bestärken. Und zwar darin, dass es autoritäre Herrscher braucht, um das Volk ein bisschen autoritärer vor den bösen Mächten zu schützen. Die Trump-Salvini-Leier.

Wenn's dumm zugeht, hat man ein ganz anderes Ergebnis als die Wiederkehr demokratisch-rechtstaatlicher Verhältnisse. Auf die blöde Verteuerung des Dollars reagiert der US-Präsident, indem er gegen den von ihm selbst eingesetzten Notenbankchef poltert - weil der die Zinsen anhebt und das den Dollar halt attraktiver und somit teurer macht. Ein Angriff auf die Unabhängigkeit der Notenbank. Und ein weiteres Tabu, das fällt - hin zum autoritären Regime.

Heillose Urteile der Finanzjongleure

Ähnlich versucht Erdogan, die Währungshüter im Kampf gegen die böse Finanzwelt einzusetzen. Und Italiens rechter Innenminister Salvini hat einen Grund mehr, anderen die Schuld zu geben.

Es spricht viel dafür, dass die mehr oder weniger heillosen Urteile, die Finanzmarktjongleure fällen, eher dazu führen, dass die wütenden Erdogans und Trumps noch rabiater werden. Und selbst wenn es sie langfristig wirklich die politische Existenz kostet, wird danach nicht verschwunden sein, was den Unmut über ohnmächtige Regierungen seit Jahren so gefährlich nährt. Im Gegenteil: Es könnte die nächste Welle populistischer Politiker folgen.

Es wäre dringend nötig, die Finanzströme besser zu kanalisieren und die Menschen vor allzu irren Kapriolen zu schützen. Und sei es, um den autoritären Polterern einen Grund für ihr Poltern zu nehmen.

Das könnte im deutschen Interesse dafür sprechen, den Türken zu helfen und die Verselbstständigung der Finanzpanik zu stoppen, auch wenn das politisch völlig widersinnig wirkt. Damit bald das wieder zählt, was demokratisch gewählte Regierungen tun.

Und nicht das, was gerade am Finanzplatz gedacht wird. Die Börse ist ein schlechter Politik-Ersatz.

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Kolumne - Die Rechnung, bitte!


insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
syracusa 24.08.2018
1. Börsen sind grundsätzlich demokratiefeindlich
Die Börsen sind grundsätzlich demokratiefeindlich. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben die Börsen ganz maßgeblich dafür gesorgt, dass halbwegs demokratisch legitimierte Regierungen durch marktradikal-neo"liberale" Diktaturen abgelöst wurden. Chile ist dafür nur ein Beispiel unter vielen. Viele der heutigen Probleme, nicht zuletzt auch die der arabischen Diktaturen, gehen darauf zurück. Und übrigens haben die USA mit dem CIA dabei in aller Regel auch kräftig nachgeholfen (für alle Putin-Trolle: das rechtfertigt keineswegs die Verbrechen der Putin-Oligarchie).
Ossifriese 24.08.2018
2. Egal
"Die Börse" als bestimmende Institution gibt es eigentlich nicht. Es gibt die "Wirtschaft", die von einigen Wenigen beherrschte Ökonomie. Und diesen Wenigen ist es zunächst einmal egal, ob sie in einer "Demokratie" oder in einer autoritären Staatsform leben. Es geht dieser "Wirtschaft" nur um günstige Bedingungen zum "wirtschaften", d.h. zum Gewinne machen. Dabei ist es allerdings häufiger so, dass eine autoritäre Regierung, eine demokratische Regungen wie Gewerkschaften, soziales Engagement und Aufklärung unterdrückende, vorteilhafter ist. "Die Börse" ist dabei nur Nebensache und Spielwiese des Kapitals.
bjbehr 24.08.2018
3. Von Geldmanegen und Gruselkabinetten
Diese Börsen und Finanzmärkte dieser Welt - nichts als menschenverachtende Casinos. Weder können Finanzmärkte zu irgendwelchen Deutungen von irgendwas tendieren noch Regierungen abstrafen noch können Börsen schwächeln oder Freudensprünge vollführen. Alleine schon dieses vermenschlichende Vokabular ist haarsträubend, da diese Gruselkabinette genau das suggerieren sollen und der Mensch, dumm wie er war, ist und immer sein wird, stets aufs Neue darauf hereinfällt. Die Welt wäre um einiges besser, gäbe es diese Geldmanegen nicht.
kajosch55 24.08.2018
4. Interessantes Thema.
Allerdings mit einem bitteren Geschmäckle, Die Börsen respektive die großen Kapitalisten haben sich bekanntlich aktiv für die Nationalisten und Faschsten im letzten Jahrhundert eingesetzt. Und auch die Diktatoren der Nachkriegszeit waren wohl eher nützlich als geschäftsschädigend. Sieht man dann noch aktuell in Richtung Osten, gibt es jedenfalls keine sichtbaren Ressentiments gegen die Urbans, Poroschenkos und Putins. Nein, die These dass die Börse ein Stabilitätsanker der Demokratie ist lässt sich nicht belegen. Eher im Gegenteil.
syracusa 24.08.2018
5.
Zitat von Ossifriese"Die Börse" als bestimmende Institution gibt es eigentlich nicht. Es gibt die "Wirtschaft", die von einigen Wenigen beherrschte Ökonomie. Und diesen Wenigen ist es zunächst einmal egal, ob sie in einer "Demokratie" oder in einer autoritären Staatsform leben. Es geht dieser "Wirtschaft" nur um günstige Bedingungen zum "wirtschaften", d.h. zum Gewinne machen. Dabei ist es allerdings häufiger so, dass eine autoritäre Regierung, eine demokratische Regungen wie Gewerkschaften, soziales Engagement und Aufklärung unterdrückende, vorteilhafter ist. "Die Börse" ist dabei nur Nebensache und Spielwiese des Kapitals.
Nein, das ist falsch. Selbständige Handwerker, genossenschaftlich organisierte Betriebe uswusf. sind allesamt Teil der Wirtschaft und stellen sich dem Wettbewerb im Markt, sie sind aber eben ganz und gar nicht "die Börse", sondern haben dieser sogar diametral entgegen gesetzte Interessen. "Die Börse" ist ganz wesentlich der Bereich des Finanzkapitals, das heute leider die Volkswirtschaften maßgeblich bestimmt.
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