Gewerkschaften "Wieso wählen Arbeiter so häufig rechts?"

Vor den Betriebsratswahlen profilieren sich explizit rechte Listen. Doch die größere Gefahr droht Gewerkschaften von innen, sagt der Soziologe Klaus Dörre - und erklärt, weshalb sie gerade deshalb wichtig sind.

IG-Metall-Kundgebung in Hamburg (Januar 2015)
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IG-Metall-Kundgebung in Hamburg (Januar 2015)

Ein Interview von


Am Montag vergangener Woche konnte Pegida-Frontmann Lutz Bachmann bei der wöchentlichen Kundgebung in Dresden einen besonderen Redner ankündigen: Oliver Hilburger, von 1989 bis 2008 Mitglied der Neonazi-Band Noie Werte - und Betriebsrat im Daimler-Werk Untertürkheim sowie Vorsitzender der laut Selbstbezeichnung "oppositionellen Gewerkschaft" Zentrum Automobil.

Knapp zwei Wochen vor Beginn der Betriebsratswahlen, bei denen die Beschäftigten in rund 28.000 privaten Betrieben von Anfang März bis Mitte Mai über rund 180.000 Sitze in den Arbeitnehmergremien abstimmen, kündigte Hilburger an: "Nachdem die AfD in fast allen Parlamenten ist, werden bald auch wir in viele Betriebsratsgremien einziehen." Zentrum selbst werde künftig auch außerhalb der Autobranche aktiv werden.

Für die Dresdner Demonstranten hatte der Zentrum-Chef dazu passend noch eine besondere Neuigkeit: Auch in "einem wichtigen Görlitzer Werk" würden "alternative Kandidaten" antreten. In der ostsächsischen Stadt ist die Zukunft des Siemens-Turbinenwerks und eines Werks des Zugherstellers Bombardier akut gefährdet.

Hilburger und Zentrum haben in den vergangen Wochen große mediale Aufmerksamkeit erhalten. Doch solch explizit rechte Kandidatenlisten verstellen die Sicht auf das eigentliche Phänomen, sagt Klaus Dörre. Im Interview erklärt der Jenaer Sozialwissenschaftler, wo den Gewerkschaften tatsächlich Gefahr von rechts droht und weshalb gerade Arbeiter häufig die AfD wählen.

Zur Person
  • FSU Jena
    Klaus Dörre lehrt Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Dörre forscht seit den Achtzigerjahren intensiv zu den Einstellungen von Gewerkschaftern.

SPIEGEL ONLINE: Erst wurde die AfD in die Parlamente gewählt - ziehen nun rechte Gewerkschaften in großem Stil in die Betriebsräte ein?

Dörre: Das ist unwahrscheinlich. Diesem "Zentrum Automobil" sind zwar Erfolge in einzelnen Werken einzelner Unternehmen zuzutrauen. Aber über alle Betriebe gesehen treten offenbar nur wenige explizit rechte Listen an. Noch fehlt es an Logistik und Infrastruktur, um flächendeckend zu einer ernsthaften Konkurrenz zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Ist die mediale Aufmerksamkeit also übertrieben? Sind diese Gruppen nur ein Randphänomen?

Dörre: Wir sollten diese Gruppen nicht verharmlosen. Sie sind in der äußersten Rechten verankert, und das macht sie gefährlich. Tatsächlich stellen sie ein Randphänomen dar. Das ist aber kein Grund zur Entwarnung. Denn das Hauptproblem ist ein anderes.

SPIEGEL ONLINE: Welches?

Dörre: Die Tatsache, dass bei der Bundestagswahl 15 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder die AfD gewählt haben, im Osten waren es sogar 22 Prozent. Die sind in aller Regel nicht Mitglieder einer rechten Gewerkschaft, sondern in einer des DGB. Das ist dann kein Randphänomen mehr.

SPIEGEL ONLINE: Sie untersuchen seit Jahren die Einstellungen von aktiven Gewerkschaftern, also Betriebsräten und Funktionären. Erst jüngst haben Sie umfangreiche Interviews geführt. Was sind Ihre Erkenntnisse?

Dörre: Es gibt etliche Gewerkschafter und engagierte Betriebsräte, die sich offen zur AfD, zu Pegida und deren Ansichten bekennen. Schockierend ist deren Gewaltaffinität. Kein einziger dieser Gewerkschafter hat sich klar gegen Übergriffe auf Geflüchtete oder Umtriebe selbst ernannter Bürgerwehren positioniert. Gleichzeitig sind das in ihren Unternehmen oft vorbildliche Gewerkschafter, denen können Sie überhaupt nichts vorwerfen. Die leisten ausgezeichnete Betriebsratsarbeit. Und sie stellen sich nicht auf explizit rechten Kandidatenlisten zu Wahl, sondern auf denen der DGB-Gewerkschaften. Die Gewerkschaften sind weniger von außen gefährdet als von innen.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Gewerkschaften also versagt?

Dörre: Es wäre falsch, auf die Gewerkschaften einzuprügeln. Bei der Bundestagswahl haben 19 Prozent der Arbeiter für die AfD gestimmt. Die Gewerkschaften sind die einzigen zivilgesellschaftlichen und demokratischen Organisationen, die diese Arbeiter überhaupt noch erreichen. Aber sie sind intern erheblich verunsichert, wie sie mit diesen rechten Strömungen umgehen sollen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso wählen ausgerechnet Arbeiter so häufig rechtspopulistisch?

Dörre: Es gibt ein Bündel an Motiven. Ein starkes ist die Wahrnehmung von Lohnungerechtigkeit: Viele haben das Gefühl, in einer Gesellschaft, in der anscheinend ringsherum alles nur besser wird, trotz harter Arbeit selbst nicht genug vom Kuchen abzubekommen. Eng verknüpft damit ist ein zweites Motiv, das im Osten stärker ist, aber auch im Westen existiert. Da kommen dann so Sätze wie: "Wir haben uns viele Jahre hinten angestellt - und jetzt kommen die Flüchtlinge und drängeln sich in der Reihe der Anspruchsberechtigten vor, obwohl sie nie etwas in die Kassen eingezahlt haben."

SPIEGEL ONLINE: Dabei sind die Löhne in den vergangenen Jahren wieder stärker gestiegen - gerade in Betrieben mit Tarifbindung. Fehlt den Arbeitern dafür das Bewusstsein?

Dörre: Eben dieser Vorwurf des "Jammerns auf hohem Niveau" verstärkt das Problem. Ein Beispiel aus unseren Befragungen: In einer Familie mit zwei Kindern arbeiten beide Eltern Vollzeit für je 1700 Euro brutto - wohlgemerkt nach Tarif. Beide brauchen ein Auto, weil sie sonst nicht zur Arbeit kommen. Der Familie bleiben nach Abzug der Fixkosten 1000 Euro im Monat. Davon können Sie nicht in den Urlaub fahren. Solche Lebenslagen werden in der Gesellschaft aber überhaupt nicht wahrgenommen. Soziale Probleme hat man bei uns nur, wenn man ganz arm oder prekär beschäftigt ist.

Doch auch unter Kollegen mit höherem Einkommen gibt es das Empfinden, gesellschaftlich abgewertet zu sein: Arbeiter wirst du nur, wenn du nicht studieren und nicht ins Büro gehen kannst. Gleichzeitig verorten sich alle Arbeiter, auch die mit niedrigen Einkommen, in der Mittelschicht, weil sie oft auch in ihren Betrieben Leute kennen, denen es noch schlechter geht - Leiharbeiter oder befristete Kollegen.

Das alles führt zu dem frustrierenden Gefühl, in der Sozialstruktur festzuhängen: Man hat einerseits etwas zu verlieren, weil man noch weiter absteigen kann, ist aber andererseits ganz weit weg von denen oben, ohne jede Aussicht auf Anschluss.

SPIEGEL ONLINE: Das ist doch grundsätzlich ein Ansatzpunkt für linke Politik. Was können Rechtspopulisten denn da anbieten?

Dörre: Sie bedienen das Bedürfnis nach Anerkennung. Sie werten Arbeiter, die sich kollektiv abgewertet und missachtet fühlen, auf: als Deutsche und Patrioten, als Angehörige nicht einer Klasse, sondern einer Volksgemeinschaft. Im Grunde wollen sie die soziale Frage neu definieren. Der Konflikt besteht für sie nicht mehr zwischen Oben und Unten, zwischen Arbeit und Kapital - sondern im Innen gegen Außen: Die Eindringlinge, die unser Volksvermögen beanspruchen, die müssen raus.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie übersetzt sich das in ein rechtes gewerkschaftliches Programm?

Dörre: Das lässt sich an den Zentrum-Betriebsräten bei Daimler gut beobachten. Sie treten vor allem als Kritiker der Globalisierung auf - etwa beim konzerninternen Wettbewerb, dem sich die Werke rund um die Welt jedes Mal stellen müssen, wenn die Entscheidung ansteht, wo ein bestimmtes Modell gebaut werden soll. Der IG-Metall-dominierte Betriebsrat sieht sich dann oft gezwungen, im Gegenzug für die Standortsicherung Kompromisse zulasten der Beschäftigten einzugehen. Diese Linie attackieren die Zentrum-Leute als zu weich - und bedienen den eigentlich linken Gegensatz von Oben und Unten. Für sie gehören aber die etablierten Betriebsräte mit zu den Oberen, zum Establishment. Das sind dann Gewerkschaftsbonzen.

SPIEGEL ONLINE: Verfängt dieser Vorwurf?

Dörre: Das Tückische ist, dass er nicht komplett falsch ist. Nehmen Sie die zum Teil extrem hohen Betriebsratsgehälter bei VW, die gekappt wurden, nachdem die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Untreue eingeleitet hat. Die Bezahlung ist bei Daimler und Audi nicht deutlich anders. Gerade in den Konzernen sind Betriebsräte häufig in der Rolle des Co-Managers. Was sie mit dem Arbeitgeber aushandeln, ist für die Belegschaft weder transparent noch nachvollziehbar.

All das ist eigentlich keine rechte Kritik, sondern entspricht exakt dem, was viele linke Gewerkschafter ebenfalls anprangern. Rechtspopulistisch ist jedoch, dass der Gegner außen verortet wird: in den Werken im Ausland, die deutsche Werke bedrohen - und in den Zuwanderern, die von dem leben, was deutsche Arbeitnehmer erwirtschaftet haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind rechte Betriebsräte trotzdem in einer DGB-Gewerkschaft?

Dörre: Sie sagen: Wir wollen eine Gewerkschaft, die parteipolitisch neutral ist. Sie meinen damit aber, dass die Gewerkschaft ihre rechtspopulistischen bis rechtsextremen Ansichten über Gesellschaft hinnimmt und aufhört, gegen rechts zu mobilisieren. Das aber zielt direkt auf die Wurzeln der Gewerkschaften, den antifaschistischen Grundkonsens, der quasi zu ihrer Gründungsurkunde gehört.

Aber auch die geforderte Neutralität in sozialpolitischen Bereichen, etwa der Sozialhilfe oder Rente, wäre unannehmbar. Es käme zu massenhaften Austritten von Linken und Mitgliedern mit Migrationshintergrund, und das sind nach wie vor die aktiven Kerne der Gewerkschaften. Würden sie den Forderungen ihrer rechten Mitglieder nachkommen, würde es sie zerreißen.



insgesamt 123 Beiträge
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Seite 1
mwroer 27.02.2018
1.
"Wieso wählen Arbeiter so häufig rechts?" Weil 'links' sie die letzten 20 Jahre im Stich gelassen hat?
zardoz77 27.02.2018
2. Ganz einfach
Ganz einfach, weil der Arbeiter das Rückgrat des Stammtisches schon immer gebildet hat und sie somit im Online-Zeitalter das perfekte Opfer sind für Internet-Propaganda. Dazu kommt häufig auch noch fehlende Bildung in den "weichen Fächern". Ein Arbeiter kann Kabel ziehen, Mauern bauen, löten und schustern, aber sobald Themen wie Politik, Soziologie, Staatskunde oder gar Geschichte angesprochen werden, wirds zappenduster.
Marhaus 27.02.2018
3. Da habt Ihr wohl was falsch gemacht
Seit 1980 ist die Kaufkraft des deutschen Arbeitnehmer (die den Grossteil der Gewerkschaftsmitglieder stellen) nicht mehr gestiegen. Hingegen erfreuen sich die Gewerkschaftsbonzen erhebliche "Erb"- Sinekuren und viel haben sich über die "Mitbestimmung" von den Arbeitgebern kaufen lassen. Da ergab eine Art von "Feudalismus" in den Gewerkschaften. Das musste irgendwann knallen.
84erstudent 27.02.2018
4.
Arbeiter wählen meiner Ansicht nach häufig rechts da die Linken Parteien inklusive SPD schon seit mehreren Jahren versäumen, auf die wirklichen Probleme der Arbeiter einzugehen. Vereinfacht gesagt, was interessiert den Kumpel in der Zeche im Ruhrpott der Familiennachzug für Flüchtlinge? Der hat ganz andere Probleme, die werden aber von den linken Parteien nicht thematisiert.
**Kiki** 27.02.2018
5. Merkwürdige Frage.
"Wieso wählen ausgerechnet Arbeiter so häufig rechtspopulistisch?" Wen sollten sie denn sonst wählen? Die SPD hat sie verraten. Die Linkspartei hat keine Wurzeln in der Arbeiterschaft im Westen und im Osten die falschen. Die Grünen sind eine Beamten- und Akademikerpartei und verachtet Arbeiter ganz unverhohlen. Und die CDU, tja, von der weiß niemand, wofür sie eigentlich steht, aber das "C" im Parteinamen zieht jedenfalls auch nicht mehr. Ich habe schon 2005 oder 2006 - irgendwo hier im Forum - geschrieben, die erste Partei, die sich traut, sich im Untertitel "Die Unterschichtenpartei" zu nennen, bekäme unbesehen meine Stimme, weil die Verachtung und die Arroganz, die offen oder unterschwellig in ALLEN Parteien für jeden, der sich bei der Arbeit dreckig macht, zu spüren war, mich empört, aber auch beängstigt hat. Niemand verachtet eine so große Bevölkerungsgruppe über anderthalb Jahrzehnte hinweg, ohne damit rechnen zu müssen, daß sich das rächt. Wer also noch im Jahre 2018 solche treudoofen Fragen stellt, von dem erwarte ich nicht, daß er irgendwie zur Lösungsfindung beitragen kann.
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