Recycling Kleidung aus Plastikschrott - macht das Sinn?

Selbst Modeketten wie H&M werben inzwischen mit Kleidung aus recycelten PET-Flaschen oder Ozeanplastik. Ist das wirklich gut für die Umwelt?

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Von Carolin Wahnbaeck


Alte PET-Flaschen sind Müll? Weit gefehlt: Sneaker aus Ozeanplastik verkauft etwa Adidas. H&M hängt ein Abendkleid aus 89 PET-Flaschen in die Regale, Kunert strickt Strumpfhosen aus alten Fischernetzen.

Auch Outdoor-Jacken, Fußballtrikots, Blusen, Anzüge, Jeans und Bikinis aus Plastikabfall gibt es inzwischen im Handel. Was vor wenigen Jahren noch eine Rebellion kleiner Öko-Labels war, ist heute zum Vorzeigeprodukt von großen Textilfirmen wie H&M oder Adidas geworden.

Mode aus recyceltem Kunststoff soll die Lösung bringen für die Plastikflut an Land und im Meer. Etwa 140 Millionen Tonnen davon schwimmen in den Gewässern, jedes Jahr kommen laut Umweltbundesamt etwa sechs Millionen hinzu. Das Recycling soll noch mehr Plastik verhindern, schließlich wird kein neues Rohöl zu Garn versponnen. Die Firmen versprechen sich ein grünes Image - und geben den Kunden ein gutes Shopping-Gewissen. Schließlich gibt Adidas an, mit jedem dieser Laufschuhe die Ozeane um elf Plastikflaschen leichter gemacht zu haben. Gutes Marketing.

Aber was gut klingt, muss noch lange nicht gut sein. Funktioniert das Recycling technisch und wirtschaftlich gesehen? Ist das sauber? Und macht das ökologisch Sinn?

"Technisch ist das Umwandeln von PET zu Garnen möglich", sagt Kai Nebel, Textilforscher an der Hochschule Reutlingen. Doch der Prozess ist aufwendig: Die Flaschen aus Polyethylenterephthalat - kurz PET, ein Kunststoff aus der Familie der Polyester - werden gesammelt, die Restinhalte herausgewaschen, Etiketten, Kleber und Deckel entfernt. Maschinen sortieren die Flaschen nach Farben oder entfärben sie chemisch, andere schreddern sie. Dann werden die Plastikteilchen eingeschmolzen, zu kleinen Pellets gegossen und daraus neue Fäden gezogen. Diese werden ihrerseits gefärbt - und zu neuen Kleidungsstücken verarbeitet.

Ein Polyester-Kleid aus alten Flaschen ist also machbar. Zwar muss ein wenig neues PET hinzugefügt werden, und statt endloser Fäden entstehen Stapelfasern mit begrenzter Länge. Doch das reicht für die meisten Firmen, die nun mehr und mehr in Recycling-Textilien investieren.

Laufschuhe mit Ozeanplastik

Die Firma Sympatex etwa stellt atmungsaktive Membrane her, die sowohl giftfrei als auch recyclingfähig sind. Futter- und Oberstoffe bestehen zu 100 Prozent aus Garn, das aus PET-Flaschen aus Zentraleuropa stammt. "Damit sparen wir gegenüber neuen Fasern 95 Prozent Wasser und zwei Drittel Energie", sagt Rüdiger Fox, Chef von Sympatex.

Aktuell macht Sympatex nach eigenen Angaben mit recycelten Materialien etwa 15 Prozent seines Gesamtgeschäfts und will bis 2020 die 50-Prozent-Marke erreichen. Die Outdoor-Marke Vaude will nächstes Jahr Trekking- und Radschuhe mit dieser Sympatex-Membran anbieten. Auch andere Outdoor-Marken wie Pyua oder Jack Wolfskin bieten Recycling-Kleidung an.

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Plastik-Recycling: Gut fürs Image, schlecht für die Umwelt

Adidas arbeitet seit zwei Jahren mit der Organisation Parley for the Oceans zusammen, die Plastik aus dem Meer sammelt, recycelt - und mit der Industrie neue Produkte entwickelt. Eine Million der Parley-Adidas-Schuhe sollen dieses Jahr über die Ladentheke gehen, nächstes Jahr noch mehr.

Für Adidas ist das noch ein kleines Geschäft: Jährlich produzieren die Herzogenauracher etwa 360 Millionen Schuhe. Aber das Ozeanplastik-Sortiment von soll wachsen - Fußballtrikots, ein Outdoor-Schuh und Badebekleidung sind bereits auf dem Markt.

"Mit Nachhaltigkeit hat das nichts zu tun"

Da ist also einiges möglich, auf dem Markt mit Plastik-Recycling. Aber ist das ökologisch wirklich sinnvoll? "Nein", sagt Wissenschaftler Nebel entschieden. "Das ist eine reine Marketing-Aktion. Mit Nachhaltigkeit hat das nichts zu tun". Denn erstens verbrauche das Recycling vom Einsammeln über das Waschen, Entfärben und Einschmelzen Unmengen an Energie und Chemie - ein Riesengeschäft sei das für die Chemie-Industrie, so Nebel. Zweitens stünden die Recycling-Anlagen meist in Asien, wo nicht genügend alte PET-Flaschen gesammelt und deshalb aus Europa und Amerika CO2-intensiv angeliefert würden.

"Und all das nur, damit aus einem extrem kurzlebigen Produkt wie einer PET-Flasche ein weiteres kurzlebiges Modeteil hergestellt wird", sagt Nebel.

Statt im Nachhinein den Plastikmüll aufzuwerten - und zu weiterem sorglosem Plastikkonsum anzuregen -, gelte es ihn zu verhindern. Soll heißen: weniger Plastikflaschen kaufen, Kleidung länger tragen. Eine Milliarde Kleidungsstücke liegt allein in Deutschland ungetragen im Schrank, wie eine Greenpeace-Umfrage ergeben hat.

Womöglich schadet Kleidung aus Plastikmüll auch unserer Gesundheit: PET-Flaschen enthalten oft bedenkliche Mengen des hoch toxischen Schwermetalls Antimon, das als Katalysator in der PET-Produktion eingesetzt wird. "Das gehört nicht auf die Haut", sagt Nora Sophie Griefahn, Geschäftsführerin von Cradle to Cradle. Der Verein - "Von der Wiege zur Wiege" - setzt sich für gesunde, kontinuierliche Stoffkreisläufe ein.

Noch undurchsichtiger als bei PET-Flaschen sei das Problem bei den verschiedenen Sorten an Meeresplastik: "Welche Kunststoffe mit welchen Zusätzen als Rohstoff für Schuhe und Shirts verarbeitet werden, ist da oft völlig unklar", so Griefahn. Außerdem binden sich Schadstoffe im Meer besonders an die herumschwimmenden Plastikteile, was die Belastung noch erhöht. "Kleidung aus Plastikmüll macht nur ökonomisch Sinn - auch weil die Kunden ihr Konsummodell nicht hinterfragen," sagt Griefahn.



insgesamt 48 Beiträge
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ketzer2000 25.06.2017
1. Vermeidung
Die einzige Variante ist die Vermeidung von Plastikmüll, da die Herstellung von Plastik zusätzliche Ressourcen benötigt. Wenn man natürliche Rohstoffe, die abbaubar sind durch recycleten Plastik ersetzt, führt das nicht zu einer Müllvermeidung, sondern zu einer Vertagung des Problems. Insofern ist der "Grüne"-Punkt gescheitert.
Kowalski68 25.06.2017
2. Nein, es macht keinen Sinn, weil...
... es immer das vorrangige Ziel sein muss, Müll zu vermeiden. Was passiert mit den Schuhen, nachdem sie aufgetragen worden sind? Wieder zurück in die Recyclingkette? Wohl kaum, weil ´s auch nur bedingt funktioniert. Irgendwann endet auch dieser Kunststoff in der Müllverbrennungsanlage oder schwimmt wieder als Kleinstpartikel in den Oceanen herum. Leider nur Augenwischerei, um den Verbrauchern ein vermeintlich "gutes" Umweltgewissen zu geben.
twonk 25.06.2017
3. Stop making sense!
Nach 14 Jahren eine 100%ige Kehrtwende des Spiegels. Schade. http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/zwiebelfisch-stop-making-sense-a-261738.html
eigen 25.06.2017
4.
Schadstoffgehalt wird man wohl testen und überwachen können. Wer das nicht macht, der wird auch die Neuware aus Asien schadstoffbelastet verkaufen. Die werden nämlich überraschenderweise auch nicht im Reinraum gefertigt. Insofern nicht der Unterschied, den der Herr Nebel hier konstruiert. Und- "Einsammeln" & "Einschmelzen" ist wohl ohnehin angesagt. Es sei denn man will in den nächsten Jahrzehnten auf einer globalen Mülldeponie leben.
hwdtrier 25.06.2017
5. Wir werden immer älter
und tragen von Getränken wird da schwierig. Da sind PET- Flaschen einfach besser. Ich will ja Getränke schleppen und kein Glas. PET Mehrwegflasche sind schlecht und nur unter höheren Kosten und Mehraufwand zu reinigen.immer mehr Getränkehersteller sind froh über Einwegrücklauf aus dem neue Flaschen entstehen.
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