Rede zur Finanzwelt Gauck, der Banker-Versteher

Die Spannung war groß: Würde Joachim Gauck der Finanzelite auf dem Bankentag ins Gewissen reden wie seine Vorgänger? Ach was. Der Bundespräsident war so zahm, dass er in Sachen Kritik von den Bankern selbst überholt wurde.

Von , Berlin

Bundespräsident Gauck: Defensivere Töne
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Bundespräsident Gauck: Defensivere Töne


Jürgen Fitschen konnte sein Glück kaum fassen, als er nach Joachim Gauck die Bühne betrat. Der Applaus der 800 Banker hallte noch nach. Einige Funktionsträger in den ersten Reihen waren sogar aufgestanden, um den Bundespräsidenten mit Standing Ovations zu feiern. Und auch Fitschen rang sichtlich nach Worten, um Gaucks Rede gebührend zu würdigen. Der Bundespräsident habe "uns aus dem Herzen gesprochen", jubelte der Co-Chef der Deutschen Bank und Präsident des Deutschen Bankenverbands schließlich. Er spüre "viel Unterstützung und Vertrautheit mit Ihrem Umgang mit unserem Thema".

In der Tat: In seiner mit Spannung erwarteten Rede auf dem Deutschen Bankentag hatte Gauck die leidgeplagten Bankerseelen gestreichelt. Es war eine Mischung aus wohl dosierter Kritik und ganz viel Verständnis. Sicher, "einige Banken und einige Mitarbeiter" hätten sich eine Menge zuschulden kommen lassen, konstatierte Gauck. "Da war viel fehlgeleitete Kreativität im Spiel" - was er ja früher auch schon kritisiert habe.

Doch inzwischen habe sich "viel getan". Viele Banken hätten Fehler eingestanden, neue Geschäftsmodelle entwickelt und sich ethischen Fragen gestellt. "Kein Zweifel: Die Branche befindet sich im Wandel." Das ist exakt der Duktus, den die Banker mittlerweile selber pflegen, wenn es um die Aufarbeitung ihrer unrühmlichen Vergangenheit geht: Fehler eingestehen und den Wandel versprechen.

Von Bundespräsidenten sind die Banker eigentlich kritischere Töne gewohnt. Unvergessen ist in dieser Hinsicht Horst Köhler, der den Banken einst Versagen vorgeworfen und die internationalen Finanzmärkte als Monster bezeichnet hatte, das in die Schranken gewiesen werden müsse.

Noch deutlicher in Erinnerung dürfte den Bankern aber der Auftritt von Gaucks Vorgänger Christian Wulff auf dem vorangegangen Bankentag im Jahr 2011 sein. Damals hielt der Bundespräsident den anwesenden Finanzmanagern in harschem Ton ihre Versäumnisse vor. Die Banker hätten die richtigen Schlüsse aus der Krise noch nicht gezogen, klagte Wulff. Sie müssten "im Eigeninteresse zeigen, dass sie den notwendigen Wertewandel leben".

Wandel in der Rhetorik der Bankenvertreter

Dass es diesmal viel sanfter zuging, hängt zum einen damit zusammen, dass Gauck einen deutlich wirtschaftsfreundlichen Kurs fährt als seine Vorgänger. Erst im Januar hatte er sich in einer Rede gegen staatliche Überregulierung ausgesprochen und den deutschen Neoliberalismus verteidigt. "Freiheit in der Gesellschaft und Freiheit in der Wirtschaft gehören zusammen", hatte Gauck damals gesagt.

Der andere Grund für die Beißhemmung des Präsidenten mag der Wandel in der Rhetorik der Bankenvertreter sein. Auch sie schlagen mittlerweile etwas defensivere Töne als noch vor drei Jahren. Das wurde auch am Mittwoch am Bankentag deutlich. Statt lauthals gegen staatliche Regulierung zu wettern und die eigenen Taten zu preisen, hielt Verbandspräsident Fitschen eine eher defensive Rede, die auch Gaucks Kritikpunkte pflichtschuldig aufgriff. Wo der Bundespräsident die Banken in der "Bringschuld" sieht, mehr Aufklärung über Chancen und Risiken ihrer komplexen Produkte zu leisten, erkennt auch Fitschen Handlungsbedarf: "Wir wissen, dass wir noch längst nicht genug getan haben, um diesem Anspruch gerecht zu werden."

An einigen Stellen klang der Banker sogar kritischer als sein Vorredner - etwa wenn es um die Notwendigkeit staatlicher Regulierung ging. Die Banken sollten "Gemeinsinn statt Hochmut zeigen", gab Fitschen seinen Branchenkollegen mit auf den Weg. "Letztendlich geht es darum, dass wir durch unser Handeln und nicht nur durch schöne Reden überzeugen."

2011 las der damalige Bundespräsident Christian Wulff der Finanzbranche beim Bankentag die Leviten. Drei Jahre später streichelte sein Nachfolger Joachim Gauck die Seelen der Banker. Hier sind die wichtigsten Passagen von damals und heute.

Was haben die Banken aus der Finanzkrise gelernt?

Wulff 2011:

"Wir dürfen nicht vergessen: Diese Krise brach nicht aus heiterem Himmel über uns herein. Da reichte der Ordnungsrahmen nicht aus, um die Stabilität des Finanzsystems zu gewährleisten. Da gab es die Neigung von Menschen zur Hybris, zur Selbstüberschätzung. (...) Also frage ich mich: Wie groß ist der Lerneffekt? Ist er dauerhaft? (...) Ich möchte ganz offen sein, mein Fazit lautet: Nein - weder haben wir die Ursachen der Krise beseitigt, noch können wir heute sagen: Gefahr erkannt - Gefahr gebannt."

Gauck 2014:

"Es hat sich inzwischen viel getan. Banken müssen heute mehr Eigenkapital vorhalten als vor der Krise. Neue Regeln sollen riskante Geschäfte kontrollierbarer machen. Mit Stresstests wird die Überlebensfähigkeit von Banken im Krisenfall überprüft. Nicht zuletzt haben viele Institute Fehler eingestanden, neue Geschäftsmodelle entwickelt und sich ethischen Fragen gestellt. Kein Zweifel: Die Branche befindet sich im Wandel."

Ist der Bürger selbst für seine Geldanlage verantwortlich?

Wulff 2011:

"Es gibt sicherlich auch andere Finanzinnovationen, deren Sinn und Zweck unklar bleiben. Hier sehe ich eine besondere Aufgabe der Banken, den Kunden, aber auch den Aufsichtsbehörden, die teils äußerst komplex strukturierten Produkte klar und verständlich zu erläutern. (...) Wer Finanzprodukte verkauft, muss sie verstehen, und wer sie kauft, sollte sie ebenfalls verstehen. Sonst sollten beide Seiten die Finger davon lassen."

Gauck 2014:

"Banken, ich habe es eben erwähnt, haben hier eine Bringschuld. Aber Bürger haben auch eine Holschuld. Wer die Quellen unseres Wohlstands verstehen, persönliche Chancen nutzen und Risiken einschätzen will, der muss sich informieren und in Finanzfragen kompetenter werden. (...) Zum informierten Bürger gehört eine ökonomische Grundbildung. Studien belegen, dass viele Deutsche hier Nachholbedarf haben."

Mehr Regeln für den Finanzmarkt?

Wulff 2011:

"Es war ein Fehler, den Kapitalverkehr und die Kapitalmärkte global zu deregulieren und zu liberalisieren, ohne zuvor einen funktionierenden globalen Ordnungsrahmen geschaffen zu haben. Ein Ordnungsrahmen, der erlaubt, was ökonomisch und finanzpolitisch gewollt ist und der drastisch ahndet, was unerwünscht und schädlich ist. Ein globaler Finanzmarkt braucht eine feste Ordnung mit klaren Regeln und fairen Wettbewerbsbedingungen. Damit stünde man in einer guten ordnungspolitischen Tradition."

Gauck 2014:

"Geht manche Regel gerade für kleine Banken, die nicht "systemrelevant" und kaum mit anderen Banken verflochten sind, vielleicht schon zu weit? Dazu kann es unterschiedliche Antworten geben. Eine, die mir persönlich sehr sympathisch ist, stammt von Karl Popper, dem Begründer des Kritischen Rationalismus. Er hat einmal gefordert, den freien Markt nicht als "ideologisches Prinzip" zu betrachten, sondern als eine Ordnung, die davon lebt, dass die Freiheit nur dort zu beschränken ist, wo es aus wichtigen Gründen notwendig ist. Er war sich bewusst, dass oftmals umstritten sein wird, wo genau die Grenze des Notwendigen verläuft. Diese Grenze in kluger und verantwortungsvoller Weise zu ziehen, das ist Aufgabe der Politik."

Mitarbeit: Isabell Prophet

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insgesamt 162 Beiträge
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p-touch 09.04.2014
1. optional
Als Gauck BP wurde hatte ich gehofft das mir mal wieder einen BP mit Ecken und Kanten bekommen. Aber zu mehr als einen pastoralen Grüßaugust reicht es wohl nicht. Bloss niemanden auf die Füße treten...
Peter.Lublewski 09.04.2014
2. Anderer Planet
Zitat von sysopDPADie Spannung war groß: Würde Joachim Gauck der Finanzelite auf dem Bankentag ins Gewissen reden wie seine Vorgänger? Ach was. Der Bundespräsident war so zahm, dass er in Sachen Kritik von den Bankern selbst überholt wurde. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/rede-gauck-schont-die-banken-a-963442.html
Wer damit ernsthaft gerechnet hat, muss wohl von einem anderen Planeten stammen.
Questionator 09.04.2014
3. Neeeein!
Bitte nicht noch ein "Versteher"-Wort!!!
christian0061 09.04.2014
4. optional
na, das ist doch super! wenn sogar gauck die banken lobt, dann ist doch die krise und alles andere überstanden................. wann lobt gauck die neue demokratische nichtgewählte ukrainische regierung? dann knnten wir das thema auch abhaken.....?
hobbyleser 09.04.2014
5. Er übertrifft sich selbst
Ich gebe mir ja wirklich Mühe, etwas Gutes an diesem Präsidenten zu finden. Aber irgendwie wird das nichts mehr. Dieser vermeintliche Bürgerrechtler hat hier einmal mehr gezeigt, welchem Gott er folgt.
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