Regenerative Energie: "Windparks im Meer sind eine verrückte Idee"
Er ist steinreich, Inder - und Chef des aufstrebenden Windradherstellers Suzlon. Tulsi Tanti erklärt im Interview seine Pläne für Deutschland und verrät, was er von Offshoreparks hält. Nebenbei outet sich der Öko-Milliardär als Kernkraft-Fan: "Wir brauchen auch Atomenergie."
SPIEGEL ONLINE: Herr Tanti, Sie haben 1990 zwei Windmühlen für Ihr Textilunternehmen gekauft - daraus wurde eines der größten Windenergieunternehmen der Welt. Symbolisieren Sie den Aufstieg der Schwellenländer?
Tanti: Ich wollte immer ein global agierendes Unternehmen aufbauen. In der Textilindustrie war das nicht möglich. Das war meine Motivation.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: In vielen Industrieländern geht die Angst vor einer wirtschaftlichen Machtverschiebung um - hin zu Indien und China. Zu Recht?
Tanti: Vergessen Sie diese Unterscheidung zwischen Ost und West! In unserer Branche geht es darum, fast sieben Milliarden Menschen mit Energie zu versorgen und dabei die Welt nicht zu verschmutzen. Dafür müssen wir auf globaler Ebene zusammenarbeiten. Asien ist der Markt und der Ort, wo günstig produziert werden kann. Die technologische Expertise und die Fachkenntnis kommt aus den Industrieländern. Es geht darum, das zu verbinden - auch in unserem Konzern.
SPIEGEL ONLINE: Sie besitzen über 90 Prozent des Hamburger Windturbinenherstellers Repower. Als sie dort einstiegen, war die Angst groß, sie seien nur am Know-how interessiert. Verstehen Sie solche Bedenken?
Tanti: Wenn deutsche Unternehmen in Indien Firmen übernehmen, ist das normal. Wenn ein Inder ein oder zwei Firmen in Deutschland kauft, ist es etwas Besonderes. Wenn ich für eine Firma Geld bezahle, gehört das Know-how dann grundsätzlich unserem Konzern. Aber ich will es zum Wohle aller nutzen. Suzlon ist ein strategischer Investor. Wir haben in den vergangenen drei Jahren über tausend Arbeitsplätze in Europa geschaffen, die meisten davon in Deutschland. Davon profitiert auch der Standort Deutschland stark.
SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie mit Repower vor?
Tanti: Wir wollen das Unternehmen noch globaler aufstellen. Ich denke, wenn wir Suzlon und Repower richtig zusammenführen, können wir Repower in drei bis fünf Jahren sogar zum Weltmarktführer in einzelnen Bereichen machen.
SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie noch andere deutsche Unternehmen kaufen?
Tanti: Nein. Repower und Suzlon haben zusammen das Know-how für die unterschiedlichen Märkte in Industrie- und Schwellenländern. Wir haben eine global aufgestellte Zulieferkette und Produktionsstätten in Ländern, wo es günstig ist. In unserem Unternehmen fehlt derzeit kein Puzzlestein. Außerdem ist es nicht leicht, als ausländisches Unternehmen in Deutschland zu investieren.
SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?
Tanti: Ich möchte eine Bitte an die deutsche Regierung richten: Deutschland sollte globaler werden, die Gesetzgebung sollte offener sein. Das ist für die Entwicklung Ihrer Wirtschaft sehr wichtig. Wenn ein deutsches Unternehmen 51 Prozent an einem indischen übernimmt, bekommt es weitreichende Beherrschungsrechte. Besitzt ein indisches Unternehmen aber die Mehrheit an einem deutschen Unternehmen, hat es nur sehr begrenzten Einfluss. Das ist nicht gerecht. Wenn wir bestimmen wollen, müssen wir erst einen sogenannten Beherrschungsvertrag abschließen. Das ist überhaupt erst ab einer Beteiligung von 75 Prozent möglich, und auch dann noch schwierig.
SPIEGEL ONLINE: Das Windenergie-Geschäft ist inzwischen von einer Boombranche zur Krisenindustrie geworden. Auch Sie mussten 2010 mit Verlusten kämpfen. Sind die goldenen Zeiten vorbei?
Tanti: Ich bin überzeugt, dass 2011 wieder besser wird. In Deutschland etwa bietet der Offshore-Bereich großartige Chancen, also der Bau von Windparks vor den Küsten. Die bereits vorhandenen Kapazitäten an Land von gut 25 Gigawatt konnten sich dadurch verdoppeln.
SPIEGEL ONLINE: Wegen des Wattenmeers müssen die deutschen Offshore-Felder allerdings besonders weit in die See gebaut werden - was als schwierig gilt. Ist die Idee vielleicht doch eine Nummer zu verrückt?
Tanti: Es ist grundsätzlich eine verrückte Idee, Windparks im Meer zu bauen, aber es funktioniert. Wir haben schon Anlagen 40 Kilometer vor der Küste und in bis zu 50 Meter Tiefe bestückt. Neue Entwicklungen sind zeitlich immer schwer kalkulierbar. Eine Menge Tests und Genehmigungen sind nötig.
SPIEGEL ONLINE: Ist der Elan der großen deutschen Energieunternehmen, die Offshore-Entwicklung voranzutreiben, nicht einfach erlahmt? Die deutsche Bundesregierung hat schließlich gerade die Laufzeiten für Atomkraftwerke verlängert.
Tanti: Das glaube ich nicht. Wir brauchen sowohl Wind- als auch Atom- und Solarenergie. Alle drei sind relativ klimaschonend, der Energiebedarf wird immer größer. Es gibt aber die klare politische Vorgabe, dass der Anteil der erneuerbaren Energien bis 2020 weltweit auf 20 Prozent wachsen soll. Bislang sind wir bei zwei Prozent.
SPIEGEL ONLINE: China hat die USA und Deutschland mittlerweile als Markt für Windkraftanlagen überholt und ist auch für Sie ein zentraler Wachstumsmarkt. Doch die chinesische Regierung fördert vor allem heimische Unternehmen. Wie schwer ist es, dagegen anzukommen?
Tanti: Man muss China nur richtig verstehen. Unser Management dort besteht aus Einheimischen, wir produzieren vor Ort, und auch die Zulieferer kommen aus China. So können wir zum Beispiel Kostenvorteile ebenfalls mitnehmen.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem bieten chinesische Unternehmen ihre Produkte im Vergleich sehr viel billiger an. Werden Windenergie-Firmen aus der Volksrepublik Suzlon und Repower bald auch international abhängen?
Tanti: Nein. Im Einkauf sind chinesische Produkte vielleicht billiger, aber wenn man die gesamte Lebensdauer einer Anlage über 20 Jahre betrachtet, sind wir günstiger. Die chinesischen Unternehmen mögen auf ihrem Heimatmarkt schon wettbewerbsfähig sein - bis sie international ernsthafte Konkurrenz sind, wird es sechs bis acht Jahre dauern. Wir sollten keine Angst vor China haben, sondern von dem Land lernen.
SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?
Tanti: Die Regierung dort eröffnet Firmen zunächst alle Möglichkeiten auf dem heimischen Markt, der gigantisch ist. In den kommenden zehn Jahren werden in China Windanlagenkapazitäten von bis zu 200 Gigawatt installiert. Das ist mehr als das Siebenfache dessen, was derzeit in Deutschland steht. So können chinesische Unternehmen Erfahrungen sammeln. Dann werden drei oder vier besonders gute Firmen gezielt zu globalen Champions gemacht.
SPIEGEL ONLINE: Haben deutsche Firmen da überhaupt noch eine Chance?
Tanti: Viele der kleinen deutschen Firmen müssen sich mit anderen zusammenschließen, um im Wettbewerb zu bestehen. Aber das Know-how in Deutschland ist groß. Wir haben nicht umsonst vier Entwicklungszentren in der Bundesrepublik. Deutsche Ingenieure können mit ihrer Erfahrung aus den bereits vorhandenen Anlagen schon die nächste Generation an Turbinen entwickeln. Sie müssen mit der besseren Technologie auf dem Weltmarkt punkten, nicht mit niedrigen Preisen.
Das Interview führte Anne Seith
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