Von Carsten Volkery, London
So gut lief es in der 107-jährigen Geschichte von Rolls-Royce noch nie. 3538 Autos hat die britische Edelmarke im vergangenen Jahr verkauft - ein Plus von 31 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Absatz übertraf damit erstmals den bisherigen Verkaufsrekord von 1978.
In London trat Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös am Montag hochzufrieden vor die Presse. "Wir hatten 2011 ein herausragendes Jahr und sollten diesen Moment nutzen, uns auf diese britische Erfolgsgeschichte zu besinnen", erklärte der langjährige BMW-Manager.
Der britische Autobauer, seit 2003 im Besitz von BMW, konnte in allen Märkten kräftig zulegen. In Deutschland und Russland verdoppelte sich der Absatz, in Asien wurden 47 Prozent mehr von den Wagen mit der silbernen Kühlerfigur Emily verkauft. China ist nun vor den USA der größte Markt des Nischenherstellers.
Ähnlich gute Zahlen hatte vergangene Woche bereits der britische Hauptkonkurrent Bentley verkündet. Der Absatz der früheren Schwestermarke von Rolls-Royce stieg 2011 um 37 Prozent auf über 7000 Fahrzeuge. Das liegt noch deutlich unter dem Niveau von 10.000 Fahrzeugen im Vorkrisenjahr 2007. Es reicht aber, um das Unternehmen nach drei Verlustjahren wieder in die Gewinnzone zu bringen.
Der Trend geht "vom Schein zur Substanz"
Der Erfolg der beiden Luxusmarken zeigt, wie wichtig ein Traditionsname gerade im Luxus-Segment ist. Denn während Rolls-Royce und Bentley scheinbar mühelos die Schwellenländer erobern, wurde Mercedes-Konkurrent Maybach im vergangenen Jahr sang- und klanglos eingestellt. In zehn Jahren hatten die Stuttgarter nur 3000 Autos verkauft. Die Marke war international einfach nicht bekannt genug.
Gerade asiatische Käufer schätzen das Prestige, das Namen wie Bentley und Rolls-Royce ausstrahlen. Diese Märkte der Zukunft böten ein riesiges Potential für die britischen Marken, sagt David Bailey, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Coventry. Die schnell wachsende wohlhabende Mittelschicht werde auf Jahre hinaus für Nachfrage sorgen.
Mindestens ebenso entscheidend für das Comeback ist die unter deutscher Führung revolutionierte Produktpalette. Bentley war 1998 von Volkswagen
übernommen worden. 2003 wurde dann die Marke Rolls-Royce aus dem Konzern abgespalten und an BMW
verkauft. Bentley produziert weiter im Stammwerk in Crewe bei Manchester, während Rolls-Royce in eine neue Fabrik in Goodwood südlich von London zog.
Beide Marken locken seit einigen Jahren mit einem Einsteigermodell neue Käuferschichten, insbesondere jüngere Kunden und Frauen. Bentley machte es mit dem kompakten Continental GT vor, der umgehend zum Bestseller der Firma wurde und 90 Prozent der Verkaufszahlen ausmacht.
Rolls-Royce folgte mit dem Ghost: Kleiner, etwas weniger protzig und mit einem Preis von 165.000 Pfund deutlich günstiger als das Flaggschiff Phantom. Der Ghost sorgt inzwischen für 60 Prozent des Gesamtabsatzes. Es gebe einen Trend "vom Schein zur Substanz", sagt Müller-Ötvös. Bei Autos, die über 200.000 Euro kosten, ist diese Aussage allerdings relativ zu verstehen.
Bei der Innenausstattung gibt es keine Kompromisse
Das Wachstum soll 2012 anhalten. Auf dem Programm von Rolls-Royce stehen die Expansion nach Südamerika und die Erweiterung der Produktpalette. Dafür soll auch die Zahl von derzeit 1000 Mitarbeitern in Goodwood aufgestockt werden.
Auch in technischer Hinsicht wagen sich beide Hersteller auf bislang unbekanntes Terrain vor. Auf der Detroit Auto Show wird erstmals ein Bentley mit weniger als zwölf Zylindern vorgestellt. Der neue V-8-Motor signalisiert ein neues Umweltbewusstsein. Selbst über Diesel- und Elektromotoren wird unter Bentley-Chef Wolfgang Dürheimer nachgedacht - vor einigen Jahren wäre dies undenkbar gewesen.
Rolls-Royce hat bereits vergangenes Jahr mit dem Tabu gebrochen und eine fast drei Tonnen schwere Limousine mit Elektromotor auf die Straße gebracht. Der 102 EX Phantom Experimental Electric dient zwar vorerst nur Testzwecken, aber ein Anfang ist gemacht.
Keine Kompromisse hingegen gibt es bei der Innenausstattung. Als einen Grund für das Rekordjahr nennt Rolls-Royce-Chef Müller-Ötvös die maßgeschneiderte Fertigung nach den persönlichen Vorlieben der Kunden. 450 Arbeitsstunden werden pro Auto investiert. Rolls-Royce-Käufer können zwischen 44.000 Lackfarben und noch mehr Lederfarben wählen. Auch sonst wird jeder Wunsch erfüllt. Müller-Ötvös: "Die Fantasie der Kunden ist das Limit."
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