Virgin-Gründer Der sinkende Stern des Richard Branson

In der Wirtschaftspresse wird Richard Branson als Unternehmerlegende gefeiert, der mit seiner Marke Virgin alles verkaufen kann: Handys, Internet, Musik, Fitness, Flüge - sogar Reisen ins Weltall. Doch eine neue Biografie kratzt an dem Mythos. Der britische Milliardär wird als Blender dargestellt.

REUTERS

Von , London


Im April 2013 stand Richard Branson auf einem Flugfeld in der Mojave-Wüste. Sonnenbrille, lange Haare, breites Grinsen - der Hippie-Milliardär aus Großbritannien, wie man ihn kennt. Sein "SpaceShipTwo" hatte gerade einen ersten Überschalltest erfolgreich absolviert, und Branson schien bester Laune: Noch ein paar Testflüge, dann werde Virgin Galactic die ersten Passagiere ins All befördern. Im Radio präzisierte er später: Er hoffe auf den ersten Weihnachtstag 2013, dann könne er sich als Weihnachtsmann verkleiden.

Im Herbst passierte dann, was passieren musste: Branson verschob den Start - auf Herbst 2014. So läuft es schon seit neun Jahren. Seit er damals den Jungfernflug für 2007 in Aussicht gestellt hatte, verschiebt sich der Zeitplan immer weiter nach hinten. Nächstes Jahr ganz bestimmt, tröstet Branson dann seine betuchten Kunden. Mehr als 600 Menschen sollen bereits einen Kurztrip in die Schwerelosigkeit mit Virgin Galactic reserviert haben, darunter viele Prominente. Die Anzahlungen sollen sich auf insgesamt 80 Millionen Dollar belaufen.

Die vielen Pannen bei Virgin Galactic werden nun in einer neuen Biografie der Unternehmerlegende detailliert beleuchtet. Der langjährige Branson-Kritiker Tom Bower schaut sich in "Branson - Der Mann hinter der Maske" das ehrgeizigste Projekt des Virgin-Gründers mal genauer an - und kommt zu einem wenig schmeichelhaften Urteil. Er beschreibt den 63-Jährigen als Blender, der sich wie kein Zweiter zu inszenieren weiß, es aber mit der Wahrheit nicht so genau nimmt und regelmäßig zu viel verspricht.

Auf exklusiven Events erzählt Branson von Weltraumhotels und Flügen zum Mars. In Wahrheit, schreibt Bower, habe er bislang gerade mal eine Rakete für 20 Sekunden in die Erdatmosphäre gebracht. Seine Ingenieure hätten in all den Jahren noch nicht mal einen geeigneten Motor für eine Touristenraumfähre entwickeln können.

Keine Branche war vor Branson sicher

Nun ist es kein Geheimnis, dass Branson ein begnadeter Selbstdarsteller ist. Seine spektakulären Stunts zur Produkteinführung haben ihn schließlich berühmt gemacht, Eigenwerbung ist der Kern seiner Management-Philosophie. Lange vor der "New Economy" hatte er erkannt, dass Unternehmen eine "Story" brauchen. Er selbst war der Rebell ohne Schulabschluss, der sich mit trägen Giganten wie British Airways und British Telecom anlegte, Märkte revolutionierte und so zum Selfmade-Milliardär wurde.

Aus dem Plattenladen Virgin Records Anfang der siebziger Jahre wuchs im Laufe einer vierzigjährigen Karriere ein globales Reich: Flugzeuge, Züge, Fitness, Finanzen, Handy, Internet - keine Branche war vor Bransons roten Virgin-Logos sicher.

Vor zehn Jahren sei Branson ein "inspirierender Star" neben den Software-Königen des Silicon Valley gewesen, schreibt Bower. Inzwischen aber sei sein Imperium geschrumpft und sein Wohlstand im Niedergang. Virgin habe aufgehört, innovativ zu sein. Es sei "eine Marke ohne Zukunft". Seine Fluglinie Virgin Atlantic sei längst von Easyjet Chart zeigen und Ryanair in den Schatten gestellt worden. Und Virgin Galactic drohe zu einem Millionengrab zu werden.

Undurchsichtiges Firmengeflecht

Der negative Grundton in dem Buch steht in starkem Kontrast zu den Jubelporträts, die sonst zu lesen sind. Die unzähligen Wirtschafts- und Lifestyle-Journalisten, die an Bransons Lippen hängen und seine Behauptungen ungeprüft wiedergeben, haben in Bowers Augen ihren Job verfehlt.

Besitzt Branson wirklich 3,5 Milliarden Pfund, wie die Vermögensrangliste der "Sunday Times" schätzt? Bower hat seine Zweifel. Branson gehörten nicht Hunderte Firmen, wie immer wieder berichtet werde, schreibt er. Er kontrolliere höchstens vier Firmen mit einem Umsatz von sechs Milliarden Pfund. An den meisten Unternehmen, die den Markennamen Virgin tragen, halte er nur einen kleinen Anteil oder verdiene eine Lizenzgebühr.

Viele Mythen würden von Branson selbst in die Welt gesetzt, schreibt Bower. Eine Überprüfung sei schwierig, weil er seine Finanzen mit verzweigten Offshore-Konstrukten undurchsichtig gestalte. Die Fluggesellschaft Virgin Atlantic Airways etwa sei nur über zehn Zwischenfirmen bis zu seiner Virgin Group Holding auf den Britischen Jungferninseln zurückzuverfolgen.

Bowers Abrechnung markiert eine kritischere Haltung der Briten zu ihrem Lieblingsunternehmer. Der Ruf des Sonnyboys hatte bereits vergangenes Jahr gelitten, als bekannt wurde, dass Branson vor einiger Zeit seinen Hauptwohnsitz auf seine Privatinsel Necker Island in der Karibik verlegt hat. Die Flucht in die Steueroase sorgte für einige Empörung, schließlich hatte die Queen Branson für seine Verdienste um das Königreich zum Ritter geschlagen. Doch er redete sich wieder einmal heraus: Er habe es nicht nötig, wegen einiger Steuern umzuziehen, erklärte er. Er mache es, weil ihm auf seine alten Tage die Sonne gut tue.

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