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17. August 2010, 10:29 Uhr

Riskante Gasförderung

Feuer aus dem Wasserhahn

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Mit neuen Methoden pressen US-Energiekonzerne selbst dort Erdgas aus dem Erdreich, wo alte Techniken versagten, auch in Deutschland sind erste Pilotprojekte geplant. Die Wirtschaft hofft auf eine Milliarden-Bonanza - doch nun zeigt der Dokumentarfilm "Gasland", wie riskant die Verfahren sind.

Hamburg - Eine Küche in Amerika. Ein junger Mann mit schwarzer Hornbrille nähert sich der Spüle. Dort hängt ein Zettel mit der Aufschrift: "Dieses Wasser nicht trinken." Mit der rechten Hand betätigt der Mann ein Feuerzeug, mit der linken dreht er den Wasserhahn auf. Plötzlich schießt eine Flamme heraus - als hätte ein Feuerspucker gegen eine Fackel geblasen. Der Mann zuckt zurück. Hastig dreht er den Wasserhahn wieder zu.

Der junge Mann heißt Josh Fox. Der brennende Wasserhahn ist die Schlüsselszene aus seinem aktuellen Film "Gasland" ( zum Trailer...), der ersten Dokumentation über den Gasförder-Boom in den USA - und über dessen ökologischen Risiken. In klassischer Roadmovie-Manier reist Fox quer durch Amerika, quer durch "Gasland", und zeigt, wie Giftstoffe, die bei der Förderung verwendet werden, Menschen und Umwelt belasten. In dem gut 90-minütigen Werk wird Gas zu einer unsichtbaren, geruchlosen Bedrohung. Das Ausmaß der Gefahr symbolisieren unzählige rote Punkte auf einer Landkarte, die große Städte und Metropolregionen förmlich umzingeln.

Zu Beginn des Jahrzehnts galt Gas schon als schwindender Rohstoff. Dann begannen Konzerne wie Exxon Mobil und Halliburton flächendeckend, sogenannte unkonventionelle Fördermethoden einzusetzen, mit der sich schwer zugängliche Quellen anzapfen lassen: Reservoirs, in denen Gas nicht in durchlässigen, gut miteinander verbundenen Gesteinsschichten liegt, sondern verstreut im Gestein. Bei der Förderung wird daher standardmäßig eine Mischung aus Wasser, Sand und teils giftigen Chemikalien ins Gestein gepresst. Das Gestein wird aufgesprengt, danach wird das Gas abgesaugt (Details: siehe Infobox links).

Seit 2005 hat in Amerika ein wahrer Förder-Boom eingesetzt. In 34 US-Bundesstaaten wird gegenwärtig unkonventionelles Gas abgebaut, mehrere Zehntausende Male haben sich die Energiegiganten ins Erdenreich gebohrt. Der US-Markt ist schon jetzt mehrere Milliarden Dollar schwer - und das Gasland dehnt sich aus. Spätestens seit die USA im Jahr 2009 Russland als weltgrößten Gasproduzenten überholten, greift das Rohstofffieber auf andere Kontinente über.

In Europa starten Firmen wie Eurenergy Resource, OMV, Shell oder 3Legs Resources zahlreiche Pilotprojekte. Der polnische Politiker Maciej Wozniak hofft, dass Energie-Hegemon Russland durch eine europäische Gasschwemme an Einfluss verlieren würde. In Deutschland hat Exxon erste Probebohrungen durchgeführt, andere Firmen haben sich Konzessionen für die Erforschung bestimmter Regionen gesichert.

Menschen erkranken, Brunnen explodieren

Doch wie gefährlich ist der Boom? Dokumentarfilmer Fox hält unkonventionelle Gasförderung für eine "ökologische Katastrophe", die Atemluft und Grundwasser bedroht - und bei der Menschen immer wieder giftigen Chemikalien ausgesetzt werden. "Wir erleben einen Umweltskandal, den die US-Regierung erst jetzt ernsthaft zu untersuchen beginnt - Jahre, nachdem der Förder-Boom begonnen hat", sagt er SPIEGEL ONLINE. Die Umweltprobleme in den USA "sollten Europas Regierungen eine Warnung sein".

Fox' Film zeigt Bilder, die sich ins Gedächtnis einbrennen: Eine Straße, an der sich kilometerweit Bohrtürme aufreihen. Sprinkleranlagen, die chemikaliengetränktes Abwasser in die Luft sprühen. Wasserbrunnen, die explodieren, nachdem Konzerne in ihrer Nähe nach Gas bohrten. Pferde und Katzen, denen die Haare ausfallen. Menschen mit Atemwegserkrankungen. Und brennende Wasserhähne.

Streckenweise driftet der Film ins Absurde ab. In einer Szene läuft Fox mit durchgedrücktem Rücken zwischen Bohrtürmen und Kompressoren umher. Eine graue Gasmaske verschluckt seinen Kopf. In der Ferne verschwimmen Berge im Dunst. Graue Wolken dichten den Himmel ab, sie scheinen nur wenige Meter über der Erde zu hängen. Um Fox' Schultern baumelt ein Banjo, er beginnt darauf ein altes Lied zu spielen: Woody Guthries "This Land Is Your Land".

Gasrückstände im Grundwasser, krebserregende Chemikalien

Die US-Gasindustrie nimmt solche Szenen zum Anlass, den Film als unseriös zu brandmarken. Fox weist die Vorwürfe zurück. Erbittert kämpfen Energielobbyisten und Ökoaktivisten um die Deutungshoheit über den Film. Doch schon jetzt ist klar: Unkonventionelle Gasförderung ist - bei all den Vorteilen, die die Technologie bietet - weit weniger harmlos, als die Energiekonzerne es darstellen. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die, unabhängig von "Gasland", belegen, wie riskant die Technik für Umwelt und Menschen sein kann.

Schlupflöcher im Umweltgesetz

Kurz: Eine lange Gefahrenliste steht den potentiellen Milliardengewinnen gegenüber - und obwohl die Technologie seit Jahren flächendeckend im Einsatz ist, fehlen genaue und unabhängige Untersuchungen, inwieweit die aufgetretenen Umweltschäden Einzelfälle sind oder ein flächendeckendes Problem.

Fox und viele andere Kritiker sagen, Amerikas Gasrausch wäre überhaupt nicht möglich gewesen, wenn die US-Regierung die Umwelt- und Gesundheitsrisiken gewissenhaft untersucht hätte. Der Gas-Boom sei nicht Folge eines technologischen Durchbruchs. "Die Innovation liegt vor allem in der breiten Anwendung des Prozesses", heißt es in einer Kurzstudie von ASPO Deutschland und der Energy Watch Group. Und die sei erst möglich, seit die US-Regierung strenge Umweltauflagen beseitigt hat.

So nahm die Regierung unter George W. Bush im Juli 2005 die Öl- und Gasförderung in größerer Tiefe vom Save Drinking Water Act aus, vom zentralen US-Wasserschutzgesetz. Seither müssen Öl- und Gasfirmen die US-Umweltbehörde EPA zum Beispiel nur noch in Ausnahmefällen darüber informieren, welche Chemikalien sie bei der Gasförderung in den Untergrund pressen.

Erst nachdem das Gesetz geändert wurde, begann der Gas-Boom. Und mit ihm der Siegeszug einer Technologie, die schon seit 60 Jahren existiert. Für die Ausnahmen im Save Drinking Water Act hat sich besonders Dick Cheney eingesetzt, der damalige Vizepräsident und frühere Halliburton-Chef. Ökoaktivisten nennen den Passus im Save Drinking Water Act daher das "Halliburton-Schlupfloch".

Gerechtfertigt wurde dieses durch eine EPA-Studie aus dem Jahr 2004. Der mittlerweile pensionierte EPA-Mitarbeiter Weston Wilson, der neben Colborn in "Gasland" als zweiter Kronzeuge fungiert, hat seinerzeit in einem Brief scharf kritisiert, dass wichtige Umweltrisiken in der Studie nur rudimentär untersucht werden. Heute sieht er das Dokument nicht weniger kritisch: Die EPA habe auf Druck des US-Energieministeriums ihre Pflichten schmählich vernachlässigt, sagt er SPIEGEL ONLINE.

Erst jetzt, nachdem in Amerika bereits Zigtausende Bohrungen stattgefunden haben, holt die Regierung ihre Versäumnisse nach: Seit Februar löchert der US-Kongress die großen Gasförderer mit Fragen zu giftigen Chemikalien, Luft- und Grundwasserverschmutzung. Auch die Umweltbehörde EPA befasst sich erneut mit dem Thema. Nachdem sie die Risiken unkonventioneller Gasförderung 2004 nur lasch prüfte, schaut sie nun, Jahre später, in einer neuen Studie genauer hin. Geplante Veröffentlichung der Ergebnisse: 2012.

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