Röhren für Nickerchen Ich bin mal eben im Schlaf-Pod!

Ärzte raten zum regelmäßigen Nickerchen im Büro. Doch nicht jeder Angestellte will vor den Augen seines Chefs dösen. Ein britischer Jungunternehmer bietet eine Lösung an: Er baut Schlaf-Pods - platzsparende Röhren zum Entspannen.

Podtime

Jon Gray steht vor einem Kartonstapel in seinem Büro und sucht nach einer Tür. "Hier", sagt er und zieht eine runde, rote Scheibe aus Plexiglas hervor. "Wir können sie in jeder Farbe liefern."

Der 29-jährige Brite ist Erfinder des "Schlaf-Pods". Seit diesem Sommer verkauft seine Firma Podtime die zwei Meter langen Schlafröhren, gedacht für die kleine Pause im Büroalltag. Die Montage übernimmt er selbst, deshalb stapeln sich in seinem Büro im Londoner Viertel Battersea Park die Verpackungen.

Das Design der Schlafröhren ist simpel: Sie enthalten eine abwaschbare Matratze, eine Leselampe und ein digitales Radio mit iPod-Dock. Man kriecht am Fußende in die Röhre hinein und kann den Eingang hinter sich mit einer Tür verschließen. Der Durchmesser von einem Meter ist großzügig genug, um keine Platzangst zu bekommen. Lüftungsschlitze an beiden Enden sorgen für frische Luft. Gegen Aufpreis werden die Röhren auch mit Fernsehern oder Ledermatratzen ausgestattet. Das Standardmodell kostet 1695 Pfund - also gut 1900 Euro.

Selbstmontage wie bei Ikea

Nach Grays Vorstellung sollen seine Mini-Schlafzimmer wie ein Möbelstück in Großraumbüros aufgestellt werden. Sie nehmen nicht viel Platz weg und schaffen einen geschützten Rückzugsraum für die Mitarbeiter. "In einem Großraumbüro fehlt jegliche Privatheit", sagt Gray. "In den Pods können sich die Kollegen zurückziehen, Tür zu, und sie haben ihre Ruhe." Auf ihrer Web-Seite preist die Firma die Vorteile des Ausruhens an: Studien hätten erwiesen, dass ein 15- bis 20-minütiger "Power Nap" beim Arbeiten die Leistungsfähigkeit erheblich erhöhe.

Die Idee kam Gray vergangenes Jahr, als er im Projektmanagement bei der Investmentbank Merrill Lynch im Londoner Finanzviertel Canary Wharf arbeitete. Viele Kollegen klagten über Müdigkeit und wünschten sich nichts sehnlicher als eine Pause. Es gab jedoch keinen Ort zum Entspannen.

Gray bastelte einen Prototypen und vermietete die Schlafröhre während einer zweimonatigen Testphase im Frühjahr in der Canary Wharf. 5,99 Pfund kostete die halbe Stunde. 15 bis 20 Leute am Tag legten sich nach seinen Angaben tatsächlich hinein.

Doch überzeugte ihn das Mietkonzept nicht so recht, ihm schwebte Größeres vor. Zusammen mit dem Hotelier und Investor Paul Grindrod begann er, die Produktion und den Verkauf der Pods zu planen. Nun lässt er sich die Teile aus verschiedenen Regionen Englands zuliefern (Röhren aus fester Pappe, Endteile aus Plastik, Türen aus Plexiglas), macht eine Basismontage in seinem Büro und schickt die leicht veredelten Teile zum Kunden. Dieser übernimmt die Endmontage - wie bei Ikea.

Schlafplätze für Banker und Backpacker

Soweit das Geschäftsmodell. Auf den ersten Kunden wartet das Zwei-Mann-Unternehmen jedoch noch. Er sei ja gerade erst gestartet, sagt Gray. Täglich führt er Gespräche mit Interessenten. Seinen ursprünglichen Fokus auf Banken und andere Großraumbüronutzer hat er etwas erweitert. Er wirbt jetzt auch bei Fußballclubs, Feuerwehrwachen und Krankenhäusern. "Für Leute, die Nachtschichten schieben, wäre der Pod ideal", sagt Gray.

Auch Hotels könnten ihr Zimmerangebot so erweitern. "Manche Hotelkunden brauchen nur ein Zimmer für wenige Stunden", sagt Hotelveteran Grindrod. "Denen reicht vielleicht ein Pod, wenn sie Geld sparen können". Die Hotel-Idee ist alt, sie stammt ursprünglich aus Japan, wo die "Capsule Hotels" in jeder größeren Stadt zu finden sind.

Auch im Westen gibt es erste Versuche mit Mini-Hotelzimmern, zu besichtigen etwa im Flughafenhotel Yotel in London-Heathrow. In New York bietet eine Firma namens MetroNaps müden Passanten einen Schlafsessel mit Dach zur stundenweise Miete an - im 22. Stock des Empire State Building.

Doch niemand scheint so große Pläne für das Schlaf-Pod zu haben wie Gray. So überzeugt ist er von seiner Innovation, dass er ein Patent angemeldet hat. Auch einen Franchise-Nehmer in Frankreich hat er schon gefunden, der die Vermarktung der Röhren dort übernimmt. In Deutschland sucht er noch.

Der Start-up-Unternehmer, standesgemäß in Jeans und Turnschuhe gekleidet, kann stundenlang über die möglichen Anwendungsmöglichkeiten seiner Erfindung reden. Große Hoffnungen setzt er auf ein Treffen mit dem britischen Jugendherbergsverband. Die Pods sind stapelbar und damit eine mögliche Alternative zu den Etagenbetten der Hostels.

"Die Zeit für die Schlaf-Pods wird kommen", sagt Gray. Wenn nötig, warten die beiden Partner auch ein ganzes Jahr auf ihren ersten Kunden. So lange reicht ihr Startkapital.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Methados 26.09.2011
1. .
tolles spielzeug - aber nur für investmentbanker gedacht, die das nötige kleingeld haben sich nach ihren verkoksten abenden am nächsten arbeitstag recht zu erholen um sich gleich darauf die nächste dröhnung zu holen. weltuntergang mit style eben.
simsung 26.09.2011
2. soso
hab ich das nicht schon vor 8 Jahren in Tokio gesehen? Doch ich bin mir ziemlich sicher .... Gratulation zu einer ganz neuen Erfindung!!! soviel zum thema die asiaten kopieren ganz unverschämt :)
Gibsonman 26.09.2011
3.
Zitat von sysopÄrzte*raten zum*regelmäßigen Nickerchen im Büro.*Doch nicht jeder Angestellte will vor den Augen seines Chefs*dösen. Ein*britischer Jungunternehmer bietet eine Lösung an:*Er baut*Schlaf-Pods - platzsparende Röhren zum Entspannen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,787521,00.html
Eigentlich eine gute Idee für die Arbeitnehmer, werden die Arbeitgeber größtenteils und dummerweise anders sehen. So ein Ding kostet Geld (1.900 Euro in der aufkommenden Finanz/-Bankkrise) und Platz (wenn ich in unseren Büroflur schaue wüsste ich nicht, wo das passen würde). Und in Deutschland ist das Thema Mittagsschlaf im Büro ja noch recht heikel ;) Ich bin froh, dass mein Büro am Ende eines Flures liegt, so habe ich mittags immerhin kurz die Möglichkeit im Bürostuhl zu schlafen. Wünsche dem Startup dennoch alles Gute, zumindest in Frankreich gibt es ja eine weitaus bessere Pausenkultur als in D.
pu_king81, 26.09.2011
4. Ein Recht auf ein 20 minuetiges Nickerchen sollte
dem Arbeitnehmer in jedem Arbeitsvertrag zugesichert werden. Schlaf ist bekanntlich lebensnotwendig wie die Nahrungsaufnahme.
tess2 26.09.2011
5. Schlafpod...
Die "Neuerfindung" des Betts in Röhrenform... Was für ein Blödsinn, als ob so ein Ding dazu führen würde, dass man während der Arbeitszeit schlafen darf. Heutzutage wird man ja schon schief angeschaut, wenn man mal kurz einen Kaffee holen ist, oder nicht pausenlos am einen arbeitenden Eindruck macht. Klar, es gibt Betriebe, wo man auch unter dem Bore-out Sydrom leidet, aber wehe der Chef bekommt den Eindruck, man würde faulenzen, oder gar schlafen... Eine der Todsünden schlechthin... So ein Spielzeug ändert doch rein gar nichts an den Arbeitsverhältnissen. Man stelle sich mal vor, morgens um 10 würde sich ein Kollege verabschieden mit den Worten: "Ich bin dann mal ne halbe Stunde schlafen..." Selbst wenn man dafür ausstempeln muss. Und wehe der Chef will dann plötzlich was wichtiges oder ein Kunde will irgendwas. Dann geht das auch mal gar nicht... Herr XY? Der schläft... LOL. In den Pausenzeiten würde das Konzept auch nicht funktionieren, denn dann müsste man ja für jeden Mitarbeiter seine eigene Schlafröhre aufstellen. Warum die Röhre so toll sein soll, ist mir schleierhaft. Eine alte und bewährte Erfindung der Menscheit erfüllt den gleichen Zweck. Die Wand. Oder wie man vielleicht bald lesen wird: die "iWand" mit integriertem Blaulicht, futuristischer USB Schnittstelle, Webcam und Facebook-Zugang... Die Röhre ist für mich ein Rohrkrepierer.
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