Rohstoffe Der rätselhafte Optimismus der Gold-Fans

Der Goldpreis fällt und fällt, und viele Fachleute erwarten kaum eine Wende. Dennoch kaufen Gold-Liebhaber derzeit besonders viele Münzen und Barren.

DPA

Von manager-magazin.de-Redakteur


Um es gleich vorweg zu sagen: Gegen antizyklisches Investieren ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Oft erscheint es vernünftig, zu kaufen, wenn andere verkaufen - und umgekehrt. Viele Fachleute halten dieses Vorgehen für einen guten Weg zu möglichst hoher Rendite.

Was viele Gold-Käufer jedoch machen, erscheint dennoch bemerkenswert. Der Goldpreis fällt und fällt - aber der Optimismus der Edelmetallfreunde scheint mit jedem Dollar, um den sich die Feinunze verbilligt, nur noch mehr zuzunehmen. Und das eigentlich Irritierende daran ist: Im Gegensatz zu anderen Fällen der antizyklischen Geldanlage - etwa am Aktienmarkt oder bei Immobilienkäufen - fehlen beim Gold gegenwärtig augenscheinlich weitgehend die fundamentalen Argumente, die einen Kauf rechtfertigen würden.

Viele Fachleute halten ein weiteres Absinken des Goldpreises für möglich, wie zuletzt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Sie zählen Markteinflüsse auf, die für einen fallenden Preis sprechen, wie die Gründe, die Harry Tchilinguirian, Chef des Rohstoff-Researchs bei BNP Paribas, diese Woche im Bloomberg-TV nannte:

- Den vor dem Hintergrund steigender US-Zinsen stärker werdenden US-Dollar, der Gold für Käufer aus dem Nicht-Dollar-Raum teurer macht.

- Die ebenfalls vor dem Hintergrund steigender US-Zinsen zunehmenden Opportunitätskosten für das Halten von Gold.

- Die vergleichsweise moderate Inflation, die eine Absicherung in diese Richtung kaum erforderlich macht.

- Einen schlicht und ergreifend mangelnden Appetit auf Gold bei großen Investoren mit Markteinfluss.

Zahlen vom ETF-Markt, über die Bloomberg ebenfalls in dieser Woche berichtete, unterstreichen Tchilinguirians letzten Punkt. Demnach zogen Investoren zuletzt acht Wochen in Folge Gelder aus Gold-Indexfonds ab. Es sei die längste Zeitstrecke mit Mittelabflüssen für die Fonds seit Anfang 2014, so der Nachrichtendienst.

Zudem verweisen Fachleute auf das längerfristige Gesamtbild, das ebenfalls nicht für einen in nächster Zeit nachhaltig steigenden Goldpreis Chart zeigen spreche. Seit seinem Rekordhoch im Jahr 2011 befindet sich der Preis auf Talfahrt. Dieser langfristige Abwärtstrend sei zwar 2016 zunächst gestoppt worden, so Analyst Martin Utschneider von der Privatbank Donner & Reuschel. Aber lediglich um in einen holprigen Seitwärtskurs zu wechseln.

Seit Anfang April dieses Jahres, so Utschneider, gebe es beim Goldpreis jedoch wieder einen kurzfristigen Abwärtstrend. Entscheidend sei nun die Marke von 1200 Dollar je Feinunze, oder aus charttechnischer Sicht genau genommen die Marke von 1191 Dollar. Rutscht der Preis unter diesen Wert, so der Fachmann, dann könne es noch deutlich weiter abwärts gehen. Dann schwenke Gold womöglich wieder in jenen übergeordneten Abwärtstrend ein, der bereits 2011 begann.

Zur Orientierung: In dieser Woche sank der Goldpreis wieder mal ab. Am Donnerstag notierte die Feinunze bei weniger als 1220 Dollar und damit auf dem tiefsten Stand seit einem Jahr.

Utschneiders Fazit steht daher fest: "Gold hat 2011 seinen Nimbus als 'sicherer Hafen' verloren. Das Edelmetall ist derzeit definitiv kein Kauf. Es ist zu einem rein spekulativen Investment geworden."

Eine klar begründete Auffassung, der viele Investmentspezialisten zustimmen dürften. Zahlreiche Gold-Fans dagegen sehen das offenbar ganz anders. Sie kaufen weiterhin Goldmünzen und -barren - und zwar angesichts des fallenden Kurses mit offensichtlich wachsender Begeisterung.

Das geht aus den Statements hervor, die manager magazin online in diesen Tagen auf Anfrage von verschiedenen Handelshäusern erhielt. "Der Goldpreis markiert ein neues Jahrestief und die Käufer sind zurück", schreibt beispielsweise Daniel Marburger von CoinInvest in einer Mail. "Entgegen des schwachen Monatsanfangs herrscht jetzt regelrechte Goldgräber-Stimmung." Mit einem Umsatzplus von 50 Prozent gegenüber der Vorwoche sei der Trend deutlich, so Marburger. Der günstige Einstiegspreis locke Käufer, die "geduldig auf einen Rücksetzer des Goldpreises gewartet haben".

Goldpreis profitiert kaum noch von politischen Unsicherheiten

Ähnlich sieht es offenbar bei Pro Aurum in München aus. "Die schlechte Gold-Nachfrage, die wir in den ersten fünf Monaten des Jahres gesehen haben, hat sich deutlich erholt", so Sprecher Benjamin Summa. "Neun von zehn Kunden sind wieder auf der Käuferseite. Unsere Umsätze liegen aktuell durchschnittlich 25 Prozent höher als im ersten Quartal des Jahres."

Die Degussa Goldhandel GmbH aus Frankfurt hatte bereits Ende Juni darüber informiert, dass der Kursrückgang beim Gold die Nachfrage steigen lasse. Der Absatz, so Degussa seinerzeit, lege gegenüber dem Mai um 35 Prozent und gegenüber dem noch schwächeren April sogar um 55 Prozent zu.

Daran hat sich bis heute nichts geändert - im Gegenteil: Im Juli, so Geschäftsführer Wolfgang Wrzesniok-Roßbach, verzeichne das Geschäft mit Münzen und Barren nochmals ein Plus von weiteren 30 Prozent. Der Grund dafür liege eindeutig in den Preisrückgängen, so Wrzesniok-Roßbach. Die Kunden seien sehr preis-sensitiv.


Warum also kaufen die Leute in so großem Maße Gold, obwohl wenig dafür spricht, dass sich der Preis in nächster Zeit nachhaltig erholen wird? Die verschiedenen geopolitischen Spannungsfelder werden häufig als Argument vorgebracht, insbesondere der Handelskonflikt zwischen den USA und dem Rest der Welt. Zahlreiche Gold-Käufer sehen in dem Edelmetall offenbar nach vor eine Zuflucht für Zeiten, in denen es auf den Finanzmärkten ruppig zugeht.

Dieses Argument war in den vergangenen Jahren allerdings häufig zu hören - meist erwies sich die Hoffnung als trügerisch. Der Goldpreis, so die jüngere Erfahrung, profitiert kaum noch, wenn irgendwo in der Weltpolitik die Unsicherheiten hochkochen.

Es gibt daher vermutlich vor allem einen Grund, aus dem Menschen jetzt Goldmünzen und -barren kaufen: Sie mögen das Edelmetall einfach, und sie glauben daran. So einfach ist es vermutlich: Die Psychologie spielt in der Geldanlage stets eine große Rolle. Und das trifft auf kaum ein anderes Investment so sehr zu, wie auf Gold.

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