Rohstoffrallye: Darum schießt der Ölpreis in die Höhe

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Dieser Höhenflug weckt Erinnerungen an die Zeiten wilder Spekulation: Mehr als 80 Dollar kostete ein Barrel Rohöl der US-Sorte WTI an diesem Dienstag. Sind wieder Zocker am Werk, wie lange wird der Preisanstieg dauern? SPIEGEL ONLINE hat bei Analysten und Volkswirten nachgefragt.

Öl-Kontrakt-Händler an der Wall Street: Preisbildung am Casinotisch Zur Großansicht
dpa

Öl-Kontrakt-Händler an der Wall Street: Preisbildung am Casinotisch

Berlin - Die Gemengelage könnte widersprüchlicher nicht sein: Auf der einen Seite stehen in vielen Betrieben noch immer Maschinen still. Die finanziellen Reserven, um die unterbeschäftigten Mitarbeiter zu bezahlen, schwinden. Auf der anderen Seite erklimmen die Preise an den Finanzmärkten immer neue Jahreshöchststände. Ganz gleich, ob es um Aktien geht, um Gold und Edelmetalle - oder um Öl.

Am Dienstag markierten die Öl-Notierungen an den wichtigen Rohstoffbörsen in New York und London wieder eine neue Jahreshöchstmarke - US-Rohöl kostete zeitweise mehr als 80 Dollar, die Nordseesorte Brent liegt mit etwa 78 Dollar nur knapp darunter. Zu Jahresbeginn hatten die Ölpreise noch unter 50 Dollar gelegen. Da drängt sich die Frage auf, was passiert, wenn die Konjunktur erst richtig anzieht.

Vermutlich wenig, schätzen Experten. Klaus-Jürgen Gern, der am Institut für Weltwirtschaft die Rohstoffmärkte analysiert, erklärt: "Die konjunkturelle Belebung gibt dem Ölpreis derzeit Auftrieb." Die sogenannten Fundamentaldaten sprächen aber gegen eine Fortdauer der Hausse. Denn noch seien die Raffinerien nur schwach ausgelastet und die Lager gefüllt.

Hinzu komme, dass auch die maximalen Förderkapazitäten derzeit nicht ausgeschöpft würden. Es bleibe also noch einiger Spielraum, bis die Wirtschaftsbelebung sich effektiv auf die Preise auswirke. So sei die Ölproduktion in diesem Jahr um 1,9 Millionen Barrel pro Tag gesunken. Statt 86 Millionen Barrel am Tag wie zu den Boomzeiten 2007 werden nun nur noch 83 Millionen verbraucht.

"Der Preis sollte eher bei 55 Dollar liegen"

Marktbeobachter in den Research-Abteilungen halten denn auch den Absturz der Preise für programmiert. "Trotz der soliden Gewinne ist Öl überkauft und könnte daher schon in den nächsten Tagen fallen", erklärte Edward Meir, Analyst bei MF Global.

"Wir sehen wenig Unterstützung für die Rallye, die jetzt schon acht Tage alt ist", ergänzt sein Kollege von JCB Energy, David Wech. Angesichts der Überkapazitäten der Opec und der hohen Lagerbestände weltweit werde bald eine Korrektur erfolgen. Für einen Preis von über 75 Dollar gebe es wenige fundamentale Gründe. "Betrachtet man nur Angebot und Nachfrage, ist der Preis eindeutig zu hoch und sollte eher bei 55 Dollar liegen. In einem idealen Markt müsste das Überangebot zu sinkenden Preisen führen", bestätigt Steffen Bukold vom Beratungsunternehmen Energy Comment.

Wenn aber die weltweite Nachfrage geringer ist als das Angebot - wie ist dann der rasante Preisanstieg der vergangenen Monate zu erklären? Treiben wieder Spekulanten ihr Unwesen, die ihre Wetten abschließen und dann den richtigen Zeitpunkt für den Absprung suchen?

Tatsächlich sind es die sogenannten Futures, also die Kontrakte, die in der Zukunft wirksam werden, die derzeit den Preis bestimmen. "Viele Unternehmen sichern sich mit ihrer Hilfe gegen Preissteigerung in der Zukunft ab", erklärt Claudia Kemfert, Energieexpertin an Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) in Berlin. "Ich würde sie aber nicht als Spekulanten bezeichnen."

Erst mittelfristig drohen spürbare Engpässe

Auch IfW-Mann Gern glaubt nicht an die Preisbildung am Casinotisch. "Derzeit ist eben viel Geld im Markt, und Rohstoffe gelten als sichere Anlage", erklärt er. Ein weiterer Grund für den Preisanstieg sei der Dollar. In den vergangenen Wochen hatte die amerikanische Währung insbesondere zum Euro spürbar an Wert verloren. In der Regel schichten Investoren dann Vermögen aus dem Dollar in Öl um, um den Wertverlust zu stoppen.

An den Reflex sicherheitsbewusster Anleger mag Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank, nicht so recht glauben. Er verweist auf den schwunghaften Handel an der New Yorker Rohstoffbörse Nymex, an der täglich Ölkontrakte auf die Sorte WTI im Wert von umgerechnet 600 Millionen Barrel Rohöl ausgehandelt würden. Die reale Produktion betrage aber lediglich 300.000 Barrel am Tag. Jedes Fass werde also an der Börse rein rechnerisch fast 2000-mal umgesetzt.

Diese "Überhitzung" ist auch DIW-Expertin Kemfert nicht entgangen - nur hält sie sie für eine eher natürliche Reaktion der Märkte auf ein Problem, das die Öl-Multis zu verantworten hätten. Zwar seien in den vergangenen Monaten einige neue Vorkommen entdeckt worden. Doch insgesamt reichten die Ölfelder, die zudem erst noch erschlossen werden müssten, gerade aus, um den Weltbedarf für die kommenden zehn Jahre zu decken. "Mittelfristig werden wir mit spürbaren Engpässen zu rechnen haben", prophezeit die Expertin.

Wann erreicht die Ölförderung ihr Maximum?

Erst jüngst hatte auch das britische UK Energy Research Centre (UKERC) in einem neuen Report den möglichen Zeitpunkt des sogenannten Peak Oil für das Jahr 2020 vorausgesagt, in jedem Fall mit großer Wahrscheinlichkeit vor dem Jahr 2030. Der Peak Oil markiert das Maximum der konventionellen Ölförderung - also die Förderung ohne Ölsande und -schiefer.

Die Erfahrung lehrt allerdings, dass sich solche Langfrist-Prognosen nur kurzfristig auf die aktuelle Preisentwicklung auswirken. Überwiegen werden dagegen in den kommenden Wochen zunächst die Faktoren, die den Preis drücken.

Vor allem auf der Konjunkturseite sehen die Analysten der Commerzbank hier die Wahrscheinlichkeit sinkender Kurse. "Kommt es hier zu Enttäuschungen, dürfte sich der Ölpreis korrigieren", sagte Commerzbank-Experte Eugen Weinberg. Trotz der hoffnungsvollen Signale der vergangenen Monate werden Ökonomen nicht müde, vor zumindest vorübergehenden Rückschlägen in der Wirtschaftsentwicklung zu warnen. "Dies wird sich negativ auf die ohnehin schwache Ölnachfrage auswirken, was die Ölpreise unter Druck setzten dürfte."

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Forum - Steigender Ölpreis - ist die Krise bald vorbei?
insgesamt 140 Beiträge
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1.
Klo 20.10.2009
Zitat von sysopDer Ölpreis schwingt sich schon wieder von Rekordhoch zu Rekordhoch - und beflügelt damit Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Weltwirtschaftskrise. Doch inwieweit kann man dieser Entwicklung trauen?
Wieso sollte die Krise vorbei sein, wenn der Ölpreis steigt? Wenn Energie teurer wird, dann fängt die Krise erst an.
2.
Hartmut Dresia 20.10.2009
Zitat von sysopDer Ölpreis schwingt sich schon wieder von Rekordhoch zu Rekordhoch - und beflügelt damit Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Weltwirtschaftskrise. Doch inwieweit kann man dieser Entwicklung trauen?
Man wird die Krise nicht wegbeten können und es besteht die Gefahr, dass die neue Koalition zusätzliche Neuverschuldung für Präsente nutzt, statt nachfragewirksame Maßnahmen zu ergreifen. Die Rechnung wird dann auf dem Arbeitsmarkt präsentiert: Dem Arbeitsmarkt steht das Wasser bis zum Hals (http://www.plantor.de/2009/dem-arbeitsmarkt-steht-das-wasser-bis-zum-hals/)
3.
ukw 20.10.2009
Dollarnotierte Öl Orgasmen beflügeln wild onanierende Börsen - so muss die Schlagzeile lauten. Sex sells °;) Meine Erwartungen sinken
4.
meslier 20.10.2009
Zitat von sysopDer Ölpreis schwingt sich schon wieder von Rekordhoch zu Rekordhoch - und beflügelt damit Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Weltwirtschaftskrise. Doch inwieweit kann man dieser Entwicklung trauen?
Der steigende Ölpreis zeigt mir nur, dass die Notenbanken die Märkte fast im Geld ersaufen lassen, meine Ex-Kollegen wieder satt an der Börse verdienen.
5. Verstehe ich nicht
newright 20.10.2009
Auf der einen Seite sinkt der Dollar im Wert, auf der anderen Seite steigt der Ölpreis in Dollar. Das soll jetzt eine Hoffnung auf Aufschwung sein? Ist es nicht eher so, das der Dollar an Wert verliert und damit sein Gegenwert in Öl steigt?
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