Ross-Schlachterei: "Mittags Pferdefleisch, abends zum Reiten"

Von Julian Kutzim

Pferdefleisch in Hamburg: Zum Mittagstisch in die Ross-Schlachterei Fotos
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Pferdefleisch in Rinderlasagne - der Lebensmittelskandal sorgt bei den Verbrauchern für Aufregung. Ross-Schlachter Uwe Poggensee bringt das neue, neugierige Kunden. Wer sein Geschäft in Hamburg-Eimsbüttel betritt, der will nur eines: Pferdefleisch.

Der würzige Geruch von geräuchertem Fleisch steigt aus der Theke auf und erfüllt die kalte Luft, leise Radiomusik vermischt sich mit dem Surren der Kühlung. Uwe Poggensee steht hinter der Theke seiner Ross-Schlachterei im Hamburger Viertel Eimsbüttel. Der 51-jährige hat die Ärmel seines weißen Kittels hochgekrempelt, über Brust und Bauch spannt sich eine Metzgerschürze. Was vor ihm in der Theke liegt und diesen intensiven Geruch verströmt, lässt sich auch in den Lasagnen finden, die in ganz Europa für einen Lebensmittelskandal gesorgt haben: Pferdefleisch.

Doch während Kaiser's Tengelmann, Real und Edeka die Lasagnen aus dem Sortiment genommen haben, wächst bei manchen Deutschen das Interesse an Pferdefleisch. "Für uns hat die ganze Aufregung eigentlich nur positive Auswirkungen", sagt Uwe Poggensee. "Wir hatten in den vergangenen Tagen einige Kunden, die erst dadurch neugierig geworden sind."

Uwe Poggensee ist mit Pferdefleisch aufgewachsen. Der 51-jährige half schon als kleiner Junge in dem Schlachtbetrieb seines Vaters, der sich seit fünf Generationen im Familienbesitz befindet. 1988 brach er mit der langjährigen Schlachtertradition, verließ den Betrieb und übernahm die Pferdemetzgerei in Hamburg-Eimsbüttel. Der damalige Besitzer suchte einen Nachfolger. "Wir mussten uns Gedanken darum machen, wo wir unser Fleisch absetzen können", sagt Poggensee. "Und so wurde ich mit 27 Jahren in die Selbständigkeit geschmissen."

Knapp 25 Jahre später ist die Ross-Schlachterei eine echte Größe in Hamburg-Eimsbüttel, bei Poggensee kaufen fast nur Stammkunden ein. Zum Mittagstisch mit Fohlengulasch oder Pferdebratwurst kehren Straßenwärter in orange-leuchtenden Signaljacken ebenso ein wie Rechtsanwälte mit Anzug und Krawatte. Die meisten Kunden sind Männer, unter ihnen ist auch Gunnar Kron: "Ich esse Pferdefleisch, seit ich laufen kann", sagt der 47-jährige Handwerker. Er schaut zwei- bis dreimal pro Woche bei der Poggensee vorbei, schätzt das Fleisch, weil es gesund ist und kräftig schmeckt. In der Tat erinnert der Geschmack ein wenig an Wild. Sogar bei Krons Firmentreffen gibt es Pferd. "Und abends gehe ich dann reiten."

Auch für Poggensee selbst schließen sich Liebe zu und Verzehr von Pferden nicht aus: "Ich habe immer eine gute Beziehung zu Pferden gehabt", sagt Uwe Poggensee. Zu Hause auf der Koppel hinter seinem Hof hat er Pferde stehen. Weil er keine Zeit zum Reiten hat, lässt er sie von einer Pferdewirtin betreuen. "Das Pferd ist einfach ein Begleiter des Menschen", sagt Poggensee. "Das muss man mit besonderem Respekt behandeln."

Die Pferde, die Poggensee verarbeitet, kommen ausschließlich von Privatbesitzern aus der Region und werden im Betrieb des Bruders geschlachtet. Fünf bis sechs Pferde kann er in guten Wochen kaufen und verarbeiten, manchmal bekommt er aber auch überhaupt kein Tier. "Das liegt daran, dass es bei Pferden keine Massenhaltung gibt", sagt Poggensee. In der Regel sind es alte oder verletzte Pferde, die für den Reitsport nicht mehr genutzt werden können. "Für die Tiere ist es oft auch eine Erlösung, wenn sie geschlachtet werden", sagt Poggensee. "Viele Besitzer begleiten ihre Tiere noch bis zum letzten Moment, da fließen natürlich häufig Tränen."

Die Ross-Schlachterei in Hamburg-Eimsbüttel ist eine der letzten ihrer Art, in Deutschland gibt es nur noch rund 70 weitere. Im Schnitt versorgen Poggensee und seine Frau um die 150 Kunden am Tag. "Vor zehn Jahren waren es mal 300", sagt Uwe Poggensee. Der Trend für Pferdefleisch geht auf und ab, beliebt ist es meist nur in Krisenzeiten: So wurde beispielsweise nach dem Ersten und auch nach dem Zweiten Weltkrieg viel Pferdefleisch gegessen, weil es günstig war und es vergleichsweise mehr Arbeitspferde gab als heute. "Und zu Zeiten von BSE hat es auch richtig geboomt", sagt Uwe Poggensee. "Da haben wir in einer Stunde verkauft, was sonst über den ganzen Tag wegging." Schließlich ging dem Metzger sogar das Pferdefleisch aus.

Wer weiß, vielleicht bringt ja diesmal der Lasagne-Skandal einen neuen Aufschwung für Pferdefleischmetzger.

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Ernährung: Delikatesse Pferdefleisch

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insgesamt 83 Beiträge
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1. Nicht zu gebrauchen also essen.
divina_commedia 15.02.2013
Tja, wenn man das jetzt rationalerweise auf den Menschen münzen würde wäre der #Aufschrei groß. Könnte aber das Welthungerproblem lösen.
2. optional
flo4win 15.02.2013
Mit seinem verletzten Pferd zum Schlachter gehn, krass. Klar irgendwoher müssen die die Tiere ja herbekommen, aber zu seinem Pferd hat man ja ne engere Bindung als zum Weiderind. So jemand lässt seinen Hund bestimmt auch einschläfern nur weil er zu alt ist...
3. optional
steelseries 15.02.2013
Pferde als Nahrungsmittel - schön und gut. Aber wenn ich hier lese, dass alte Reitpferde geschlachtet werden, muss ich mich doch fragen, ob hier nicht Medikamenterückstände für den Menschen schädlich sein können. Reitpferde, die nicht per se zum Verzehr gedacht sind, bekommen doch sicherlich ganz andere Medikamente und Medikamentdosen, als Tiere, die für den Verzehr bestimmt sind. Ich denke da z.B. auch an Antibiotika.
4. Unbegründete Panik
donadoni 15.02.2013
Vorab: Ich bin Vergetarier und lebe nach dem Motto "Meinetwegen muss kein Tier sterben". Ich bin mit dieser Einstellung immer gut durch das Leben gekommen und scheine bisher gesund zu sein. Ich verstehe aber nicht, warum Pferdefleisch gesundheitsschädlicher als Fleisch vom Rind oder von Schweinen sein soll, nur weil es in der hiesigen Klutur nicht so verbreitet ist. Es ist wieder einmal die übliche Panikmache. Pferde gehören aber genauso wenig geschlachtet wie Rinder oder andere Tiere. Der Mensch erdreistet sich, über den Wert einer anderen Kreatur zu stellen und meint, es verspeisen zu können. Von den Qualen von und zum Schlachthof will ich gar nicht schreiben.
5.
outsider-realist 15.02.2013
Zitat von donadoniVorab: Ich bin Vergetarier und lebe nach dem Motto "Meinetwegen muss kein Tier sterben". Ich bin mit dieser Einstellung immer gut durch das Leben gekommen und scheine bisher gesund zu sein. Ich verstehe aber nicht, warum Pferdefleisch .....
Vorsicht...sie laufen Gefahr als Missionar und Gutmensch gebrandmarkt zu werden :-)
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