Führungswechsel bei der Deutschen Bank Weiter so statt Neuanfang

Die Deutsche Bank tauscht ihre Chefs aus. Doch ein Neuanfang ist das noch längst nicht. Im Hintergrund zieht weiter Aufsichtsratschef Achleitner die Fäden - obwohl er Mitschuld an der Misere trägt. Und auch sonst wird sich wohl wenig ändern.

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Deutsche-Bank-Chefs Fitschen (l.) und Jain: Rastlos, Ratlos, Job los.
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Deutsche-Bank-Chefs Fitschen (l.) und Jain: Rastlos, Ratlos, Job los.


Anshu Jain ist weg. Endlich. Viel zu lange hat die Deutsche Bank an jenem Mann festgehalten, der für das alte System stand: für das schnelle Handelsgeschäft, das der Bank bis zur Finanzkrise Milliarden-Gewinne eingebracht hatte - und seitdem Milliarden-Strafen. Mag sein, dass Jain aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Dass er die Bank als Chef auf einen besseren Weg bringen wollte. Doch zu einem Neuanfang gehört zuallererst die Aufarbeitung der Vergangenheit. Und dafür fehlte Jain schlicht die Glaubwürdigkeit.

Wird nun also alles gut bei der Deutschen Bank? Das ist leider eher unwahrscheinlich. Denn es liegt weit mehr im Argen, als sich mit einem Chefwechsel beheben ließe.

Für Jains Nachfolger John Cryan spricht, dass er deutlich weniger belastet in den Job geht. Ihm hängen keine Skandale an. Und im Aufsichtsrat der Deutschen Bank sitzt er erst seit 2013. Gerade kurz genug, um nicht mit den Misserfolgen der Führungsspitze in Verbindung gebracht zu werden.

Das war es aber auch schon mit dem Neuanfang bei der Deutschen Bank. Jain wird gegen Cryan getauscht - britischer Zahlenmann gegen britischen Zahlenmann. Und Co-Chef Jürgen Fitschen tritt als Frankfurter Anstandswauwau schon 2016 ab statt erst 2017.

Das wahre Machtzentrum bleibt dagegen erhalten. Und das heißt Paul Achleitner. Der Aufsichtsratschef und ehemalige Investmentbanker hat den Kurs der Bank in den vergangenen drei Jahren wohl stärker geprägt als die beiden Vorstandschefs Fitschen und Jain. Er war derjenige, der den beiden eine neue Strategie verordnete. Und der noch an Jain festhielt, als dessen Image längst mehr als angekratzt war.

Auch der verkorkste Führungswechsel geht auf Achleitners Konto. Man muss sich das mal vorstellen: Da präsentieren Jain und Fitschen nach monatelangen Diskussion über die Zukunft der Bank Ende April eine neue Strategie für die kommenden fünf Jahre - und kündigen keine sechs Wochen später ihren Rücktritt an. Dazwischen liegen noch der Abgang des wohl besten Nachfolgekandidaten Rainer Neske sowie eine turbulente Hauptversammlung, deren Peinlichkeiten man Jain und Fitschen besser erspart hätte.

Bis jetzt hat das alles nicht an Achleitners Image gekratzt. Die Misserfolge der Bank werden ihm trotz seiner aktiven Rolle kaum angerechnet.

Doch das könnte sich bald ändern. Achleitner hat mit Cryan einen Mann an die Spitze geholt, den er selbst ausgesucht hat. Cryan soll die Strategie umsetzen, die die scheidenden Chefs gerade noch als die ihre verkündet haben. Spätestens jetzt ist es Achleitners Strategie. Den geplanten Verkauf der Postbank wird es demnach wohl ebenso geben wie die harten Einschnitte im Privatkundengeschäft. Da ist Ärger mit den Arbeitnehmervertretern programmiert.

Doch das ist nicht alles: Die Investoren wollen endlich weniger Skandale sehen und wieder mehr Rendite (siehe Grafik). Und die deutsche Öffentlichkeit will eine Bank, für deren Namen sich niemand schämen muss. Sollte das noch einmal schiefgehen, wird auch Achleitner nicht mehr davonkommen.

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Jeannette Corbeau
Stefan Kaiser studierte Politikwissenschaft und Volkswirtschaftlehre in Marburg, Prag und Berlin. Er ist Reporter im Wirtschaftsressort von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Stefan_Kaiser@spiegel.de

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Affenhirn 08.06.2015
1. Abgang ist verständlich
Wenn man all die tollen Sachen nicht mehr machen darf, weil die Öffentlichkeit sie nun kennen gelernt hat und den Bankern immer wieder kräftig dafür auf die Finger klopft, dann ist es verständlich, dass die Jungs keine Lust mehr haben. Ohne einen Abgang des Herrn Achleitner und weiterer Verantwortlicher. Und Rückbesinnung auf alte Traditionen einer Bank wird das Image der ehemaligen Deutschen Vorzeigebank aber nicht wieder hergestellt werden können.
roby 08.06.2015
2.
Ein wirklicher Wandel würde nur eingeläutet, wenn der Neue sich sofort und klar gegen Nahrungsmittelspekulationen und gegen jegliche Unterstützung von Waffenverkaufsgeschäften aussprechen würde. Aber da ist von einem alten UBSler gar nichts zu erwarten.
podsches 08.06.2015
3. Neuanfang
Wie soll ein Neuanfang funktionieren, wenn der Auf-sichtsrat bleibt. Der ist doch genauso verantwortlich für die Misere wie der Vorstand. Mein am Zusammenbrechendes Haus wird j< auch nicht wieder bewohnbar, wenn ich eine neue Eingangstüre einbaue. Generell wird es Zeit, diese arroganten Bankschnösel wieder auf den Boden der Realität zu holen.
dee_jott 08.06.2015
4. Das...
...war wohl ein ziemlich schlechtes Weihnachtsgeschäft '12 und '13.
Outlaw 08.06.2015
5. zu einem grundlegenden Wandel gehört mehr...
In der Tat ist die Rolle des Aufsichtsratsvorsitzenden Achleitner mehr als kritisch zu sehen. Daß der neuen Strategie die Überzeugungskraft fehlte, zeichnete sich frühzeitig ab. Ebenso stand der bisherige Co CEO Jain nicht ansatzweise für den notwendigen Kulturwandel, kam es in seinem unmittelbaren Verantwortungsbereich zu einer Vielzahl von Skandalen, die der Bank nicht nur enorme Summen kosteten, sondern vor allem ihr Image nachhaltig beschädigten. Achleitners Aussage vor der Hauptversammlung, wonach niemand unersetzbar sei, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als der Versuch, eine nicht überzeugende Strategie durch die Andeutung personeller Handlungsoptionen den Aktionären als großen Wurf zu präsentieren. Es war durchaus vorhersehbar, daß dann auf der Hauptversammlung weder die neue Strategie noch die beiden Co CEOs zu überzeugen vermochten. Daher braucht die Deutsche Bank auch an der Spitze des Aufsichtsrates eine neue glaubwürdige Persönlichkeit, die es dem Institut ermöglicht, verlorenes Terrain Schritt für Schritt zurückzugewinnen. Es wird ein langer und mühsamer Weg.
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