Verblüffender Boom Europas Wachstumsmeister ist...Rumänien!

Einst war Rumänien Europas Armenhaus, nun feiert das Land Wachstumsraten wie Indien oder China. Deutsche Konzerne investieren, Arbeitskräfte werden knapp - doch der Kurs der Regierung ist riskant.

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Wer als Besucher aus Westeuropa nach Bukarest kommt, erlebt so manche Überraschung. Abseits des alten Wahnsinnspalasts von Diktator Ceausescu vollzieht Rumäniens Hauptstadt eine bemerkenswerte Wandlung: Viele der malerischen Altbauten im hippen Viertel Lipscani sind inzwischen liebevoll restauriert, die zahlreichen Cafés und Bars meist gut gefüllt. Ihre Kundschaft? Die schnell wachsende neue Mittelklasse Rumäniens. Am Horizont recken sich filigrane Wolkenkratzer aus Glas und Stahl in den Himmel.

Eine Überraschung erlebten jüngst auch Wirtschaftsanalysten, die sich mit Rumänien beschäftigen. Als im November die Wachstumszahlen für das dritte Quartal der Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas veröffentlicht wurden, lagen für Rumänien alle Vorhersagen um satte drei Prozentpunkte daneben. Die rumänische Wirtschaft wuchs im Vergleich zum Vorjahr nicht wie allgemein erwartet um fünf Prozent - sondern um 8,6 Prozent.

Rumänien ist damit derzeit nicht nur Europas mit Abstand dynamischste Volkswirtschaft. Das Land hängt beim Wirtschaftswachstum selbst China und Indien ab. Liam Carson, Osteuropa-Experte des Londoner Analyse-Hauses Capital Economics, sagt sogar: "Rumänien ist womöglich die am schnellsten wachsende Ökonomie der Welt."

Wenig beachtet von der Öffentlichkeit im Westen wandelt sich das einstige Armenhaus Europas hin zu einer Wachstumslokomotive. Auch 2015 lag das Wirtschaftswachstum bereits bei 3,9 Prozent, 2016 waren es 4,8 Prozent.

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Deutsche Firmen in Rumänien: Big Business auf dem Balkan

Bukarest habe sich in den vergangenen Jahren rasant verändert, sagt Anja Quiring, Regionaldirektorin Südosteuropa beim Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft. Überall in der Stadt werden neue Bürohäuser gebaut. "Bukarest ist heute eine moderne europäische Metropole", sagt Quiring.

Die deutsche Wirtschaft spürt die Folgen des Booms, Deutschland ist Rumäniens wichtigster Handelspartner. Deutsche Ausfuhren nach Rumänien sind im vergangenen Jahr um elf Prozent gestiegen. Und: Das Land gewinnt an Bedeutung. Rumänien rangiert inzwischen auf der Liste der wichtigsten Exportmärkte deutscher Firmen vor Mexiko und Indien auf Rang 21 der wichtigsten Handelspartner der Bundesrepublik. Im Jahr 2000 hatte Rumänien noch auf Rang 36 gelegen.

7500 Firmen mit deutscher Kapitalbeteiligung operieren vor Ort, in den vergangenen Jahren haben sie nach Angaben der deutschen Auslandshandelskammer in dem Land mehr als 250.000 neue Jobs geschaffen.

Was sind die Gründe für den Aufschwung?

Die Entwicklung ist kein ausschließlich rumänisches Phänomen: Der Aufschwung hat die gesamte Region Mittel- und Osteuropa erfasst. Rumänien sticht zwar hervor, aber auch in Polen und Tschechien zog das Wachstum im dritten Quartal 2017 auf fünf Prozent an, Bulgarien (plus 3,9 Prozent), Ungarn (3,8 Prozent) und die Slowakei (3,4) wuchsen ebenfalls deutlich.

Ein Grund: Löhne und Gehälter in der Region sind im Vergleich zur Eurozone noch immer verhältnismäßig gering: In Rumänien liegt der Durchschnittsverdienst bei umgerechnet 450 Euro. Zugleich ist das Bildungsniveau vielerorts gut: Für viele Firmen eröffnet das die Möglichkeit, Rumänien in ihre globalen - oder zumindest europäischen - Fertigungsketten zu integrieren. Das schlägt sich auch in der Entwicklung unterschiedlicher Branchen nieder. Besonders stark wuchsen 2016 die Elektrotechnik (plus 13,7 Prozent), die Autoindustrie (9,3 Prozent) sowie die Petrochemie (8,1 Prozent).

Ein Beispiel ist Sibiu, das siebenbürgische Hermannstadt: Das französische Unternehmen Faurecia fertigt hier Sitzbezüge. Aber Sibiu ist mehr als nur eine verlängerte Werkbank: Der deutsche Autozulieferer Continental beschäftigt in Sibiu nicht nur rund 3000 Arbeiter, der Konzern hat auch einen Teil seiner Forschungs- und Entwicklungsabteilung dort angesiedelt. Demnächst will das Unternehmen die Zahl der Ingenieure dort auf 2000 verdoppeln. Landesweit beschäftigt Continental 18.000 Menschen.

"Rumänien hat zudem gut ausgebildete Fachkräfte im Bereich IT und Kommunikationstechnologie", sagt Quiring. Die Deutsche Bank hat deshalb in Bukarest ein globales IT-Hub aufgebaut, der Softwarekonzern SAP bedient Kunden in Europa, Afrika und dem Mittleren Osten aus dem rumänischen Timisoara. "Das Wachstum in diesem Bereich war in den vergangenen fünf Jahre extrem stark", sagt Alexandru Nicolae, Rumänienspezialist bei JP Morgan.

Wie nachhaltig ist der Boom?

Für Rumänen hat die Entwicklung erfreuliche Folgen: Die Arbeitslosigkeit sinkt, laut einer Untersuchung des Personaldienstleisters Manpower übersteigt die Nachfrage nach Arbeitskräften in sechs von acht rumänischen Regionen das Angebot.

Das lässt auch die Gehälter steigen. Im Schnitt wachsen die Löhne pro Jahr um rund zehn Prozent. In Boombranchen wie dem Fahrzeugbau bekamen Beschäftigte zuletzt sogar knapp 28 Prozent mehr Geld, im Finanzwesen 25 Prozent. In der IT-Branche können Rumänen inzwischen teilweise so viel verdienen, dass vor Jahren ausgewanderte Spezialisten nun in das Land zurückkehren, heißt es in einem Bericht von "Germany Trade and Invest (GTAI)", der Nachfolgegesellschaft der früheren Bundesagentur für Außenwirtschaft.

Rumäniens Wirtschaftswunder steht dennoch auf wackeligem Grund: Zivilgesellschaft und Wirtschaftswelt beobachten gleichermaßen mit Sorge, dass die Regierung in Bukarest die Kompetenzen der Antikorruptionsbehörde (DNA) beschneiden will. "Der Druck der Regierung könnte ausländische Investoren verschrecken", warnt Rumänien-Analyst Alexandru Nicolae.

Um die Bevölkerung milde zu stimmen, verteilt die Führung in Bukarest Wohltaten und Konjunkturprogramme - und heizt den ohnehin bereits starken Boom zusätzlich an. Die Mehrwertsteuer wurde gesenkt, die Sonderverbrauchsteuer auf Benzin komplett gestrichen. Im Februar wurde der gesetzliche Mindestlohn auf umgerechnet 320 Euro erhöht, bis 2022 soll er noch einmal fast verdoppelt werden.

Die Ratingagentur Moody's hat Rumänien deshalb zuletzt einen Mangel an Strukturreformen vorgeworfen und den Ausblick gesenkt, trotz der exzellenten Wachstumszahlen. Diese seien in der letzten Zeit "weitgehend durch die expansive Fiskalpolitik getrieben", warnt Moody's. Die öffentlichen Finanzen hätten "einen Wendepunkt überschritten und werden sich weiter verschlechtern".

Mit anderen Worten: Rumänien macht immer mehr Schulden - und riskiert die Eröffnung eines EU-Defizitverfahrens. Das Land begehe den gleichen Fehler wie Griechenland, glaubt Cristian Paun von der Universität Bukarest: "Wir erhöhen die Schulden selbst im Boom", so der Ökonom. Wenn dann aber eine Krise komme, "werden wir zwangsläufig ungeschützt sein".

Zusammengefasst: Die rumänische Wirtschaft wächst schneller als alle anderen EU-Länder, im dritten Quartal sogar um 8,6 Prozent. Die Gründe für den Boom: Rumänien entwickelt sich für viele westliche Firmen zum Sprungbrett nach Südost-Europa, das Land verfügt über sehr gut ausgebildete Fachkräfte. Für deutsche Autozulieferer wie Bosch ist der Standort längst ein Teil ihrer grenzüberschreitenden Fertigungsketten, die Deutsche Bank hat ein global agierendes IT-Zentrum aufgebaut. Allerdings: Die Regierung heizt den Boom mit immer weiteren Wohltaten weiter an - und riskiert damit einen Crash und die Eröffnung eines EU-Defizitverfahrens.



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