Von Sven Böll
Hamburg - Es ist ein Milliarden-Dollar-Spiel, dessen Akteure unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist zum einen der Investor: kein Geringerer als die Inkarnation der Finanzhybris, die US-Großbank Goldman Sachs
, 1869 gegründet, mit mehr als zwölf Milliarden Dollar Gewinn pro Jahr, über 30.000 Mitarbeitern, allein 2010 an Firmenübernahmen im Wert von mehr als 500 Milliarden Dollar beteiligt - und angeführt von einem piekfeinen Herrn in Nadelstreifen namens Lloyd Blankfein, der nach eigenem Bekunden Gottes Werk verrichtet.
Auf der anderen Seite Facebook, das Objekt der Begierde, nicht einmal sieben Jahre alt, nur in der virtuellen Welt aktiv, mit vielleicht 200 Millionen Dollar Gewinn im Jahr 2009, 1700 Mitarbeitern - und einem schüchternen Adiletten-Jüngling namens Mark Zuckerberg an der Spitze, der offen zugibt, bei der Gründung seiner Firma vom Geschäftemachen keine Ahnung gehabt zu haben.
Um eben dieses Unternehmchen
reißen sich die wohlhabenden Anleger. Und eben jener altehrwürdige Finanzkonzern Goldman Sachs vermittelt das Geschäft, zahlt zusätzlich für eine eigene Beteiligung von lächerlichen 0,8 Prozent am Internet-Start-up sagenhafte 450 Millionen Dollar, taxiert Facebook damit indirekt auf
insgesamt 50 Milliarden Dollar. Noch vor wenigen Monaten war die Firma nicht einmal die Hälfte wert. Nun wird ihr Preis höher geschätzt als der von 19 der 30 Dax-Konzerne und als der von etablierten Techgrößen wie Nokia
, Ebay
und Yahoo
.
Investoren kaufen Zukunftshoffnungen
Aber ist das noch Irgendetwas mit Betriebswirtschaft oder bereits ökonomischer Irrsinn? So angemessen die Frage ist, die Antwort ist nicht gerade eindeutig. Das hat vor allem damit zu tun, dass es bei der Bewertung von Firmen zwar immer auch um die Rechnerei mit harten Fakten geht, aber eben nur auch. Eine Rolle spielt zusätzlich der Faktor Phantasie. Und Glaube kann stets mehr bewirken als Zahlen.
Die grundsätzliche Frage, die sich ein Investor wie Goldman Sachs vor einem Milliardendeal stellt, ist im Kern die gleiche, die den potentiellen Käufer einer vermieteten Eigentumswohnung umtreibt: Was bleibt am Ende hängen? Je mehr Geld eine Anlage verspricht, desto größer ist die Zahlungsbereitschaft. Klingt banaler, als es ist.
Nüchterne Investoren gucken sich an, welchen Gewinn ein Unternehmen nach Abzug von wirklich allen Kosten abwirft. Meistens sind diese Käufer bereit, das Sechs- bis Achtfache dieses echten Jahresertrages zu bezahlen. Facebook, das 2009 rund 200 Millionen Dollar Gewinn gemacht haben dürfte, wäre demnach statt 50 nur 1,2 bis 1,6 Milliarden Dollar wert. Goldman Sachs hätte für seine 450 Millionen Dollar rund 30 Prozent der Firma bekommen müssen - und nicht 0,8 Prozent.
Diese grobe Rechnung berücksichtigt allerdings nicht, dass Investoren in den seltensten Fällen die oft langweilige Gegenwart kaufen, sondern viel lieber die schönen Hoffnungen. Sie bezahlen für eine Firma also nicht das Sechs- bis Achtfache des aktuellen Jahresertrags, sondern schätzen, welche Gewinne in den kommenden Jahren möglich sind.
Könnte so kommen, muss aber nicht
Und nun wird es interessant - denn es kommt Phantasie ins Spiel. Damit die Kalkulation nicht nach hochbezahltem Glaskugelgucken aussieht, erstellen Analysten meistens einen aufwendigen Businessplan. Darin treffen sie detaillierte Annahmen über die Entwicklung der Firma - also im Falle von Facebook etwa, wie stark die Anzahl der Nutzer in den kommenden Jahren zunehmen dürfte und wie viel Geld sich mit einzelnen Werbeformen verdienen lassen könnte.
Diese Methode hat allerdings drei Haken:
Goldman Sachs verdient prächtig
Es gibt bei Facebook durchaus Gründe, einen optimistischen Businessplan zu errechnen: Die Firma hat über 500 Millionen aktive Nutzer - umgerechnet auf die rund zwei Milliarden Menschen mit Internetzugang also einen globalen Marktanteil von sehr beachtlichen 25 Prozent.
Außerdem ist Facebook in den USA bereits die meistbesuchte Seite - und damit vor Google. Und das soziale Netzwerk verfügt über ein deutlich größeres Potential, seine Nutzer zu Geld zu machen, als Google. Schließlich kennt das soziale Netzwerk seine User sehr genau, während die Suchmaschine ihnen vor allem einen Eingabeschlitz auf ihrer Startseite bietet.
Weil Google selbst bei einer Facebook-Bewertung in Höhe von 50 Milliarden Dollar noch fast das Vierfache der Zuckerberg-Firma wert ist, glaubt Lars Hinrichs, Gründer des Business-Netzwerks Xing: "Bei der Bewertung von Facebook ist noch Luft nach oben."
Unabhängig davon, ob Hinrichs recht behält und wie detailliert Goldman Sachs seinen Facebook-Businessplan gerechnet hat: Die Bank hat mit dem Facebook-Einstieg nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein strategisches Investment getätigt. Neben ihrem 0,8-Prozent Anteil für 450 Millionen Dollar hat das Finanzinstitut auch einen bis zu 1,5 Milliarden Dollar umfassenden Fonds aufgelegt, über den sich wohlhabende Kunden am sozialen Netzwerk beteiligen können. Dafür kassiert die Bank saftige Gebühren.
Gleichzeitig setzt Goldman Sachs darauf, dass sich Facebook bald mit Expertise der Investmentbanker Geld am Aktienmarkt besorgen wird. Börsengänge sind traditionell ein einträgliches Geschäft. Hinzu kommt: Die Bank eröffnet sich den Zugang zur Vermögensverwaltung des Multi-Milliardärs Mark Zuckerberg und Hunderten Facebook-Mitarbeitern, die dank attraktiver Aktienoptionen Millionäre sind.
Goldman Sachs dürfte an dem Deal auf jeden Fall verdienen. Ob die Kunden der Bank es auch tun, ist offen. Und Facebook profitiert ebenfalls. Der Firma kann es nur recht sein, wenn sie immer höher bewertet wird. Dann gibt es beim Börsengang mehr Geld. Mt dem kann das noch junge Unternehmen in seine Zukunft investieren - und seinen Preis weiter steigern.
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