Trennung von Audi-Chef Stadler Drei verlorene Jahre

Der VW-Konzern hat sich vom langjährigen Audi-Chef Stadler getrennt. Das war unvermeidlich, kommt aber viel zu spät.

Rupert Stadler
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Jahrelang war Rupert Stadler ein gefeierter Autoboss, ein Ehrengast bei Promi-Treffen in Kitzbühel oder im VIP-Bereich des FC Bayern München. Seit drei Monaten sitzt er nun in der Justizvollzugsanstalt Augsburg in U-Haft. Die Besuchszeiten sind stark begrenzt, ebenso der Zugang zum Internet.

Einen solchen Absturz hat bislang kaum ein Spitzenmanager erlebt. Doch der VW-Konzern reagierte mit demonstrativer Gelassenheit. Erst am Montag, rund ein Vierteljahr nach Stadlers Verhaftung, haben die Aufsichtsräte von VW und Audi seine Abberufung beschlossen.

Man muss sich fragen, was die Aufseher geritten hat, so lange an ihm festzuhalten. VW hätte sich schon längst von Stadler trennen müssen. Nicht erst heute, nicht vor drei Monaten, sondern schon vor drei Jahren.

Seit die Dieselaffäre am 18. September 2015 aufgeflogen ist, hat der Volkswagen-Konzern Stadler gewähren lassen. Er hat zugesehen, wie der Audi-Chef dabei versagte, den Dieselskandal bei der Premiumtochter aufzuklären.

Sein anfängliches Bekenntnis, Audi sei nicht in die Dieselaffäre verwickelt, musste er rasch wieder einkassieren. Ständig tauchten neue Verdachtsfälle auf, ständig musste Audi weitere Modelle zurückrufen, die unzulässige Abschalteinrichtungen enthielten. Der VW-Konzern nahm es auch stillschweigend hin, dass Stadler - so absurd es heute klingen mag - Ende vergangenen Jahres das Ende der Dieselaffäre ausrief.

Arbeitnehmervertreter drängten darauf, Stadler auszutauschen

Zu dieser Zeit war längst bekannt, dass Audi nicht nur in den Abgasskandal verwickelt, sondern dessen Keimzelle war. Zwar waren es VW-Ingenieure, die den Abgasbetrug zum Massenphänomen werden ließen und die Abschalteinrichtung in Millionen von Fahrzeugen verbauten. Doch "das Originalkonzept" dafür "borgten" sie sich von Audi. So jedenfalls steht es in der Darstellung des US-Justizministeriums ("Statement of Facts"), die auch vom VW-Konzern als korrekt anerkannt wird.

Allein die Arbeitnehmervertreter im Audi-Aufsichtsrat hatten früh darauf gedrängt, Stadler auszutauschen. Die Logik der Gewerkschafter: Entweder hat Stadler von dem Betrug nichts mitbekommen. Dann wäre er der falsche Chef. Oder er hat davon gewusst - dann wäre er erst recht der Falsche.

Die Arbeitnehmer hatten zwar die besseren Argumente, aber nicht genügend Macht. Denn die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch hielten bis zuletzt vehement an Stadler fest. Das Ergebnis der Auseinandersetzung zwischen Kapital- und Arbeitnehmerseite war ein fauler Kompromiss: Vier von sieben Audi-Vorständen wurden 2017 ausgetauscht, Stadler hingegen blieb. Er besitze "alle Voraussetzungen", um Audi "in eine erfolgreiche Zukunft zu lenken", verkündete Aufsichtsrat Wolfgang Porsche.

Audi braucht einen Neuanfang

Der Audi-Chef selbst beteuerte, er habe sich nichts vorzuwerfen. Der Konzern wiederum berief sich auf die Unschuldsvermutung. Dabei geht es schon lange nicht mehr um die Frage, ob Stadler gegen Gesetze verstoßen hat oder nicht. Das werden Gerichte klären müssen. Es geht um die Zukunft von Audi - und seine rund 80.000 Mitarbeiter.

Während Audi jahrelang mit sich selbst beschäftigt war, hat sich die Autowelt in dramatischer Geschwindigkeit weitergedreht. Im Dreikampf der Premiumhersteller ist Audi hinter Mercedes und BMW zurückgefallen. Gleichzeitig drängen neue Herausforderer aus Kalifornien und China auf den Markt.

Der Autohersteller braucht dringend einen Neuanfang, moralisch und technologisch. Nur eine unverbrauchte, unbelastete Führungskraft von außen kann das Unternehmen durch diese schwierige Zeit zu führen.

Der künftige Chef muss das aufholen, was Stadler in den vergangenen drei Jahren versäumt hat: Er muss eine verunsicherte Mannschaft motivieren, verärgerte Kunden zurückgewinnen - und der Marke das zurückgeben, was sie gemäß ihrem Slogan früher ausgezeichnet hat: "Vorsprung durch Technik".



insgesamt 40 Beiträge
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kuddemuddel 02.10.2018
1.
Früher: Vorsprung durch Technik Heute: Vorsprung durch Betrug Das Schlimme ist ja, dass der Konzern selbst in keinster Weise an einer Aufklärung des Skandals interessiert ist.
albatross507 02.10.2018
2. Aufsichtsrat
Der Artikel beruht auf dem Glauben, der Aufsichtsrat sei vom Abgasskandal völlig überrascht worden. Kann man auch aus anderer Perspektive sehen.
Klarstellung 02.10.2018
3. Trauerspiel
Was sich VW da leistet ist beispiellos und ein Armutszeugnis für den Industriestandort Deutschland. Wer den Kunden vorsätzlich betrügt und blöderweise auch noch auffliegt, hat nicht zu lavieren sondern für alle Schäden gerade zu stehen. VW baut gute, tolle Autos, hat eine motivierte Mannschaft an Bord und moderne Fabriken, eigentlich alles um richtig, richtig erfolgreich zu sein, aber leider ist das Top-Management diesem Qualitätsanspruch nicht gewachsen. Schade und es bewahrheitet sich immer wieder, der Fisch stinkt bekanntlich vom Kopf her.
Harry_S 02.10.2018
4. Guter Kommentar
Ich bin nach 10 Jahren Audi zu Mercedes gewechselt, es ist unerträglich wie der VW Konzern mit Ausnahme von Porsche mit diesem Betrug am Kunden umgeht.
asap_B 02.10.2018
5. das ist der Dank von VW .....
Für mich zählt hier nur, dass Stadler im Sinne von VW und Audi gehandelt hat ...damit dieses Unternehmen kostengünstig die Abgaswerte erreicht. Stadler sitzt auch nur für seinen Arbeitgeber in Untersuchungshaft .... das nennt man dann Loyalität. Diese Loyalität hat VW nicht lange aufgebracht ....
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