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Interview mit Amazon-Manager: Kindle-Chef erklärt die neuen Regeln des Buchhandels

Der Buchbranche gilt er als Gottseibeiuns: Russ Grandinetti verantwortet bei Amazon das Geschäft mit E-Books. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Manager, an welche neuen Regeln sich die Verlage gewöhnen müssen.

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E-Reader im Bücherregal: Nichts mehr mit Knappheit verwalten

Zur Person
  • SPIEGEL ONLINE
    Russ Grandinetti verantwortet als Senior Vice President bei Amazon die Kindle-Sparte, also vor allem das Geschäft mit elektronischen Büchern. Grandinetti arbeitet bereits seit 17 Jahren für den Internetkonzern in Seattle. Davor war er an der Wall Street tätig. Der Manager gilt als enger Vertrauter von Amazon-Gründer Jeff Bezos.
SPIEGEL ONLINE: Herr Grandinetti, bis 2009 waren Sie bei Amazon für das gesamte Geschäft mit gedruckten Büchern in Nordamerika verantwortlich. Dann übernahmen Sie das Geschäft mit E-Books, das damals winzig war. Hat sich das nicht wie eine Degradierung angefühlt?

Grandinetti: In anderen Unternehmen hätte es das vielleicht getan, aber nicht bei Amazon. Deine Bedeutung in diesem Unternehmen orientiert sich nicht daran, wie groß deine Abteilung ist, sondern wie groß das Problem ist, das du lösen sollst. Wir wollen auf diese Weise Menschen anziehen, die gerne innovativ sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr ist die Idee des Kindle - Hardware, Software und Inhalte aus einer Hand - eigentlich von Apple und dem iPod inspiriert worden?

Grandinetti: Das Beispiel der Musikbranche zeigt doch: Es macht keinen Sinn, Kunden gegen deren Willen von digitalen Angeboten fernzuhalten. Am Anfang hat die Musikbranche sogar Nutzer verklagt, die sich auf den frühen Filesharing-Plattformen tummelten. Dann kam Apple und hat mit der Verbindung aus iTunes und iPod gezeigt: Die meisten Kunden sind durchaus bereit, online für Musik zu bezahlen, wenn man ihnen ein vernünftiges Angebot macht. Als wir Kindle starteten, wollten wir den Kunden E-Books für 9,99 Dollar pro Stück anbieten. Vergleichen Sie das mal mit dem Zeitungsgeschäft, da zahlen die meisten Kunden online gar nichts. Oder mit Filmen. Da kann ich mir online für 3,99 Dollar einen Film ansehen, dessen Produktion 100 Millionen Dollar gekostet hat.

SPIEGEL ONLINE: 9,99 sind bitter wenig verglichen mit den rund 20 Dollar oder Euro, die ein normales Hardcoverbuch kostet.

Grandinetti: Aus meiner Erfahrung gehen viele Verlage die digitale Transformation mit folgender Frage an: Schaut, wie viel ein Hardcoverbuch einbringen würde, warum sollten wir das nicht auch für E-Books verlangen können? Bei Amazon denken wir anders. Wir sagen: Schaut auf die Preise von digitalen Gütern allgemein, auf Filme, Serien, Musik - und dann macht euren Preis, der reflektiert, dass ihr Kosten wie Druck, Logistik und Lagerung spart. Wir glauben, dass sich mit zehn Euro pro Buch ein sehr gesundes Geschäft aufbauen lässt. Aber wir wissen auch, dass die Buchbranche zurzeit die größte Veränderung ihrer Geschichte erlebt, eine Branche, die nicht an Veränderung gewöhnt ist.

SPIEGEL ONLINE: Wozu sind denn Verlage in Zukunft noch gut, wenn jeder Mensch jederzeit ein E-Book veröffentlichen und der gesamten Welt via Kindle Direct Publishing zugänglich machen kann?

Grandinetti: In der Vergangenheit haben Verlage Knappheit verwaltet. Sie haben aus der Fülle der Manuskripte diejenigen ausgewählt, die gedruckt werden und Platz finden im begrenzten Regalraum der Buchhandlungen. Diese Funktion fällt online weg. In Zukunft werden Verlage vor allem dem Autor einen Mehrwert bieten müssen. Sie müssen ihm helfen, sein Manuskript besser zu machen und aus der Masse der anderen Autoren herauszustechen.

SPIEGEL ONLINE: Aber diesen Job erledigen die Lektorate und Marketingabteilungen der Verlage doch schon immer. Was ist daran neu?

Grandinetti: Lassen Sie es mich mit den Anfängen der Blogs vergleichen: Anfangs haben viele Leitmedien Blogs als Zweite-Klasse- bzw. Laien-Journalismus gesehen, der nicht wirklich Aufmerksamkeit verdient. Heute lesen Menschen Artikel aus Spiegel Online oder aus der "New York Times" parallel zu den Meinungen guter Blogger. Dieselbe Demokratisierung und Grenzüberschreitung passiert gerade in der Buchbranche. Jeder kann einer globalen Leserschaft seine Geschichten erzählen. Die Welt ist damit viel lauter geworden, und dieser Realität müssen sich die Verlage stellen. Ihre Aufgabe ist es, Wege zu finden, ihr Angebot hörbar zu machen. Die größte Gefahr, der Verlage ausgesetzt sind, ist die Aufmerksamkeit der Leser zu verlieren - an Online-Games, Filme oder Twitter.

SPIEGEL ONLINE: Mittlerweile ist Amazon selbst unter die Verlage gegangen, mit digitalen, aber auch mit gedruckten Büchern. Was bieten Sie denn Ihren Autoren, was andere Verlage nicht bieten?

Grandinetti: Unserer Erfahrung nach wünschen sich Autoren vor allem drei Dinge: Sie wollen ihre Geschichte gut erzählen, wollen mit dem Schreiben ihren Lebensunterhalt verdienen und das größtmögliche Publikum erreichen. Dabei helfen wir, indem wir ein Buch in jeder Form veröffentlichen: gedruckt, digital und zusätzlich auch als Hörbuch. Unsere Vision ist es, dass Leser einmal ein Buch kaufen und dann zwischen allen drei Formen hin und her springen können: Auf dem Sofa lesen sie in der gedruckten Form, unterwegs auf dem Smartphone und beim Joggen lassen sie sich die Hörbuchfassung vorlesen. Diese Möglichkeit bieten bislang nur sehr wenige Verlage.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat Amazon Publishing bis heute keinen wirklich großen Autorennamen in seinem Programm?

Grandinetti: Die ganz großen Namen fahren im konventionellen Verlagsystem noch am besten. Ein Großteil dessen, was Verlage tun, dreht sich um diese Top-Autoren. Es sind unter anderen auch international unbekannte Autoren, die wir mit Amazon Publishing einem globalen Publikum bekannt machen können. Nehmen Sie Oliver Pötzsch mit seinem historischen Roman "Die Henkerstochter". Wir haben sein Buch in der englischen Fassung herausgebracht - und es hat sich seitdem über eine Millionen Mal verkauft.

Das Interview führte Christian Rickens

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1.
benmartin70 16.07.2015
Zitat: Das Beispiel der Musikbranche zeigt doch: Es macht keinen Sinn, Kunden gegen deren Willen von digitalen Angeboten fernzuhalten. Endlich einer der es kapiert hat und auch sagt! Zitat: Wir sagen: Schaut auf die Preise von digitalen Gütern allgemein, auf Filme, Serien, Musik - und dann macht euren Preis, der reflektiert, dass ihr Kosten wie Druck, Logistik und Lagerung spart. Wir glauben, dass sich mit zehn Euro pro Buch ein sehr gesundes Geschäft aufbauen lässt. Auch hier: besser kann man es nicht sagen.
2. Das ist die Freiheit, die sie meinen
wolfgang_b. 16.07.2015
Die Vertragsfreiheit hat schon Microsoft, Apple und Google groß gemacht und die Konkurrenz verdrängt. Es war nicht die Freiheit der Wirtschaft, die Monopolstellungen bekämpft.
3. Seit Amazons Kindle bin ich wieder zur Leseratte geworden!
Holledauer 16.07.2015
Nur noch in Ausnahmefällen kaufe ich Bücher, die auf Papier gedruckt sind. Das elektronische Buch hat, wie auch die „elektronische Musik“ in Form verschiedener Musikspeichervarianten, für mich viele Vorteile: 1. Ein Buch aus Papier ist für mich beinahe etwas Unantastbares. Ich mag es nicht, wenn Unterstreichungen oder Bemerkungen in den Text gebracht werden, und wenn diese von mir stammen. Beim elektronischen Buch: Kein Problem. 2. Suchfunktionen: Zumindest bei Kindle, aber sicher auch in anderen Formaten, kann man eine schnell funktionierende Stichwortsuche durchführen. Da ich überwiegend Sachbücher lese, ist diese Funktion für mich sehr wichtig. 3. Platzbedarf: In einem Brieftaschen-großem Gerät hat man eine Bibliothek bei sich. Genial finde ich die Idee Amazons, via „Whispernet“ Bücher zu kaufen oder von der Cloud zu holen. 4. Leseproben: Man kann sich in Ruhe ansehen, ob einem die Thematik oder/und der Schreibstil des Autors gefallen. In welcher Buchhandlung hat man die Zeit dafür? Für den Normalfall und unterwegs lese ich über mein schwarz-weiß Kindle. Bücher mit farbigen Graphiken oder Bildern lieber mit dem iPad (Ein wenig Obst muss schon sein!) Es wäre schön, wenn Amazon noch einen Weg eröffnen würde, die erworbenen Bücher auch zu „vererben“. Dass dieses sehr problematisch ist, leuchtet ein, da Raubkopierern damit Tür und Tot geöffnet werden. Da sich jedoch die Bücher auf bis zu 4 Lesegeräten wiedergeben lassen, ist dieses Problem nicht ganz so brennend. Auch wenn sich dies alles wie ein von Amazon gesponserte Bemerkung liest: Sie ist nicht gesponsort. Wenn andere Anbieter Ähnliches hätten, wären auch diese bei mir willkommen.
4. .
andneu 16.07.2015
"Kindle-Chef erklärt die neuen Regeln des Buchhandels" Ist der Kindle-Chef so was wie der offizielle Chef oder Vorsitzende des deutschen Buchandels, so dass er offiziell Regeln "erklären" kann? So langsam scheint mir Amazon komplett größenwahnsinnig zu werden, und die Medien machen das Spielchen auch noch völlig kritiklos und unreflektiert mit.
5. Aber recht hat er!
Tastendruecker 16.07.2015
Zitat von andneu"Kindle-Chef erklärt die neuen Regeln des Buchhandels" Ist der Kindle-Chef so was wie der offizielle Chef oder Vorsitzende des deutschen Buchandels, so dass er offiziell Regeln "erklären" kann? So langsam scheint mir Amazon komplett größenwahnsinnig zu werden, und die Medien machen das Spielchen auch noch völlig kritiklos und unreflektiert mit.
Natürlich ist er nicht der "grosse Vorsitzende". Aber er hat einfach recht. Entweder die Verlage verändern sich oder sie werden untergehen bzw. in kleinen Nischen weiter exsistieren wie heute die Anbieter von Schallplatten. Wenn die Verlage meinen sie müssten den Preiss von eBook an der Hardcoverausgabe orientieren werden sie keine eBooks verkaufen. Wenn sie meinen sie müssten den Leser vorschreiben wie er _sein_ Buch zu nutzen hat, werden sie keine eBooks verkaufen. Andere werden mit an den Kunden angepasste Angebote auf den Markt kommen. Eben neue Player wie Amazon denn diese müssen ihre Pfründe nicht verteidigen. Mal sehen wie viele Buchhandlungen in der heutigen Form es in 10 Jahren noch geben wird. Ich tippe da auf sehr wenige.
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