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09. April 2012, 17:41 Uhr

Russische Nuklearoffensive im Film

Stromromanze vom Atom-Iwan

Von , Moskau

Leben und lieben im Kraftwerk - als gäbe es nichts Selbstverständlicheres: Die russische Kino-Romanze "Atom-Iwan" wirkt wie ein Werbestreifen für die nuklearen Pläne Russlands. Die Regierung in Moskau träumt von einer atomaren Wiedergeburt, in der auch Deutschland eine große Rolle spielt.

Besucher russischer Kinos können sich in diesen Tagen ein Bild von den Dramen machen, die sich im Schatten russischer Atommeiler abspielen. Da macht die Provinzschönheit und Nuklearwissenschaftlerin Tanja Schluss mit Iwan, einem verträumten Techniker, der mit Pokemon-Aufkleber auf dem Schutzhelm durch das Kraftwerksgebäude stolpert. Da ist der Mike-Krüger-Verschnitt Arkadij, der mit der trotteligen AKW-Belegschaft ein Theaterstück zum Kraftwerksjubiläum einübt, die Proben aber vor allem nutzt, um Tanja schöne Augen zu machen. Tanja räkelt sich am Kühlwasserteich in der Sonne. Doch Tanja ist schwanger. Vom kindischen Iwan.

Der Film "Atom-Iwan", seit Anfang April in den russischen Kinos, ist eine Art Promotion-Streifen für Russlands breit angelegte Nuklearoffensive. Ein Jahr nach der Reaktor-Katastrophe im japanischen Fukushima soll der von Russlands Atomkonzern Rosatom bezahlte Blockbuster demonstrieren, dass es sich auch im Umfeld eines Kernkraftwerks vortrefflich leben, leiden und lieben lässt. Russland treibt unbeirrt Pläne einer "nuklearen Wiedergeburt" (Premierminister Wladimir Putin) voran. Allein im Inland sollen bis 2030 rund 30 neue Reaktorblöcke entstehen, der Kernkraftanteil an der Energiebilanz von 18 auf 25 Prozent steigen.

Auch im Ausland will Rosatom expandieren - und aus Deutschlands Ausstieg aus der Kernenergie Kapital schlagen. Die deutschen Energiekonzerne RWE und E.on hatten Ende März kaum ihren Rückzug von dem britischen AKW-Projekt Horizon erklärt, da meldete die Londoner "Times" auch schon, die Russen seien bereit, das 17-Milliarden-Dollar-Vorhaben zu vollenden.

Russland hofft nach dem deutschen Atomausstiegsbeschluss auf Exporterfolg

Wie Russland in den kommenden Jahren Europas Energiemarkt mit Atomkraft von Osten her aufrollen will, zeigt sich in Kaliningrad. Dort legt der Rosatom-Konzern gerade die Fundamente für zwei neue Meiler nahe der Grenze zur EU. "Den Strom werden wir dann nach Europa verkaufen", sagt der Direktor des neuen Meilers, Jewgenij Wlassenko: "auch nach Deutschland."

Wlassenko und seine Mitarbeiter ziehen seit drei Jahrzehnten Atomkraftwerke hoch. Für Deutschlands Ausstieg haben sie nur ein Kopfschütteln übrig. "Phantastische Meiler haben die früher gebaut, elegant und solide", sagt Bauleiter Wjatscheslaw Machonin. Er kennt die deutsche Technik. Machonin hat zuvor den Reaktor im iranischen Buschehr fertiggestellt, mit dessen Bau einst Siemens begonnen hatte. "Wir haben uns da einiges bei den Deutschen abgeschaut", sagt Machonin.

Rosatom rechnet nach dem Atomausstieg mit einem Stromdefizit auf dem deutschen Markt und bietet an, Energie aus eigenen Meilern zu liefern. Für den Transport würden die Russen gern eine Stromleitung entlang der Nordstream-Pipeline legen, die russisches Gas durch die Ostsee nach Deutschland transportiert.

Russlands Führung verfolgt mit Rosatom strategische Ziele. Der 300.000-Mitarbeiter-Konzern ist mehr als nur ein Unternehmen, Gesetze bestimmen seine Ziele und Aufgaben. Rosatom ist ein verlängerter Arm des Kreml. Wladimir Putin hat ihn aus dem ehemaligen Ministerium für Atomenergie geformt. Nun soll ihm Rosatom bei der Modernisierung der rückständigen Wirtschaft des Landes helfen, die seit langem Exporterfolge nur noch bei Waffen- und Raumfahrttechnik verzeichnet.

Im Inland sollen neue Meiler alte Verbrennungskraftwerke ersetzen. Der Kreml will Öl, Kohle und das strategisch wichtige Exportgut Gas lieber teuer im Ausland verkaufen, als es daheim zu verbrennen. Und Russlands atomare Ambitionen kennen keine Grenzen. In Vietnam errichten russische Ingenieure seit Dezember den ersten Reaktorblock des südostasiatischen Landes, zwölf weitere sollen bis 2030 folgen. Iran hat nach Buschehr bereits Interesse an fünf weiteren Anlagen bekundet. In Venezuela, Armenien, Polen und der Türkei treibt Moskau Planungen für neue Anlagen voran. Bei der Ausschreibung für den Ausbau des tschechischen Kraftwerks Temelin konkurriert Rosatom mit dem US-Konzern Westinghaus und Frankreichs Areva . Die Anlage liegt 50 Kilometer von der bayerischen Grenze entfernt.

Ergebnisse des Meiler-Stresstests nach Fukushima bleiben geheim

In der Bevölkerung stoßen die Atompläne auf wenig Widerstand. 26 Jahre nach der Havarie im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl verblassen die Schatten der Katastrophe in Russland. Selbst unter dem Eindruck des Fukushima-Unglücks forderten 2011 gerade einmal 13 Prozent der Russen einen Ausstieg aus der Atomkraft. 2010 waren es laut Umfrage des angesehenen Lewada-Instituts nur vier Prozent. Russland ist überzeugt, die Lektionen von Tschernobyl gelernt und die zivile Kernkraft, auf Russisch "das friedliche Atom", gezähmt zu haben.

Im Film sagt Iwans Mutter, "besser als die Stadt der Atomwissenschaftler ist nur noch Venedig. Venedig hat Kanäle". Risiken und Zweifel werden verdrängt. Die detaillierten Ergebnisse des vom Kreml nach Fukushima angeordneten Stresstests für die AKW werden bis heute geheim gehalten. Ein Regierungsbericht, der bei alten Meilern "Senkungen und Schlagseiten der Reaktorgebäude" aufzählte, die "zu ihrer Zerstörung führen können", fand kaum Beachtung. Und noch immer verfügt Russland über kein Endlager für atomare Abfälle. Die Marschrichtung für Russlands Atomindustrie aber hat Premierminister Putin persönlich vorgegeben, als er im Dezember den neuen Reaktor in Twer einweihte, 160 Kilometer vor Moskau. Rosatom müsse das ambitionierte Programm erfüllen, diktierte Putin dem Chef des Staatskonzerns: "Koste es, was es wolle."

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