Suchmaschine Yandex Diese Russen halten Google und Uber in Schach

Seit 20 Jahren verteidigt sich die Suchmaschine Yandex gegen Giganten wie Google im russischen Netz, im Sommer kapitulierte die Taxi-App Uber vor den Moskauern. Wer steckt hinter der Firma?

Yandex-Gründer Arkadij Wolosch
REUTERS

Yandex-Gründer Arkadij Wolosch

Von Sofia Dreisbach, Moskau


Keine zehn Minuten vom Ufer des Moskwa-Flusses entfernt liegt der Hauptsitz der russischen Suchmaschine Yandex. Der Lärm der Zwölf-Millionen-Metropole Moskau brandet gegen verspiegelte Fenster. Drinnen herrscht Hipster-Atmosphäre. Die Wände sind in knalligen Farben gestrichen, Mitarbeiter kritzeln Ideen auf Whiteboards.

Manche Angestellte lassen die Schuhe am Eingang und laufen in Socken durch die Großraumbüros. Für Geschäftsführer Arkadi Wolosch gibt es zwar ein eigenes, abgetrenntes Büro, die Wände sind allerdings aus Glas.

Marketing-Mann Andrej Sebrant
Yandex press office

Marketing-Mann Andrej Sebrant

Wolosch und Ilja Segalowitsch - beide Mathematiker - haben die Suchmaschine "yandex.ru" im September 1994 vorgestellt, 20 Jahre ist das inzwischen her. Der Termin ist den Yandex-Leuten ziemlich wichtig - vor allem wegen Google. Die Russen sind "ein bisschen genervt" davon, dass Journalisten in Interviews regelmäßig unterstellen, Yandex sei eine Nachahmung von Google. Tatsächlich sei Yandex aber ein Jahr vor der amerikansichen Suchmaschine gegründet worden und "keine Kopie", betont Marketingdirektor Andrey Sebrant - noch bevor die Frage überhaupt aufkommt. Die nahezu parallele Entwicklung sei Zufall. An unterschiedlichen Orten hätten Erfinder eben gleichzeitig "darüber nachgedacht, was Menschen brauchen, und sind zur selben Antwort gekommen".

Yandex hat Uber zu Kooperation gezwungen

Google hat heute weltweit bei Suchanfragen einen Marktanteil von fast 92 Prozent. In Russland hingegen hat Yandex die Nase vorn und ist mit 53 Prozent vor den Amerikanern Martkführer.

Die Zahl der Mitarbeiter von Yandex ist auf 6000 gestiegen, in den vergangenen drei Monaten kletterte der Umsatz auf umgerechnet 374 Millionen Dollar, der Gewinn lag bei 59 Millionen Dollar.

Yandex-Zentrale in Moskau
Yandex press office

Yandex-Zentrale in Moskau

Yandex expandiert, auch in neue Geschäftsbereiche. Ähnlich wie Google betreiben die Russen E-Mail-Postfächer, ein Wörterbuch, ein Musik-Streaming-Portale und den Webshop Yandex Market. Millionen russischer Autofahrer verlassen sich auf den "Yandex Navigator", weil der eingebaute Staumelder so beliebt ist. Der Service wird alle dreißig Sekunden aktualisiert und greift dabei auf Daten von den Smartphones aller Yandex-App-Nutzer zurück.

Erst im Juli dieses Jahres hatte der Fahrdienst Uber, international ansonsten für sein forsches Auftreten bekannt, in Russland vor Yandex' Taxi-Service kapituliert. Statt weiter zu versuchen, Russland im Alleingang zu erobern, schlüpfte Uber unter das Dach einer Kooperation mit Yandex. Die Russen halten knapp 60 Prozent der Anteile am Joint Venture, das auch in Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Kasachstan und Weißrussland operiert. Uber ist mit 37 Prozent Juniorpartner.

Yandex größte Schwachstelle ist das Smartphone

Den zwanzigsten Jahrestag seiner Gründung könnte die Yandex-Mannschaft also eigentlich entspannt feiern - doch Google hat Yandex zuletzt ausgerechnet auf dem Kernmarkt Suchanfragen zugesetzt. Noch im Jahr 2012 lagen die Amerikaner mit ihrer Suchmaschine bei gerade einmal 20 Prozent Marktanteil, der Algorithmus hatte mit der russischen Sprache zu kämpfen. Doch der Siegeszug der Smartphones droht die Verhältnisse im russischen Markt zu kippen.

Das Smartphone ist Yandex' Schwachstelle: Nach Angaben des Statistikanbieters LiveInternet war Google zuletzt auf 70,6 Prozent aller Android-Geräte als Suchmaschine installiert, Yandex auf nur 28,5 Prozent.

Das seien "nicht sehr faire Methoden benutzt, Nutzer anzuwerben", sagt Marketingchef Sebrant. Der Vorwurf? Auf Smartphones mit Googles Android-Betriebssystem erschwerten den Zugang zu Yandex-Angeboten. Als Suchmaschine war auf den Geräten zudem Google vorinstalliert.

Yandex-Zentrale in Moskau
Yandex press office

Yandex-Zentrale in Moskau

Das Unternehmen hat deshalb Beschwerde beim russischen Kartellamt eingereicht. Im August 2016 verurteilte die Antimonopol-Behörde Google zu einer Strafe von rund sechs Millionen Euro. Wichtiger als die Strafsumme: Der US-Konzern musste einen Kompromiss anbieten. Zukünftig können die 55 Millionen Android-Nutzer in Russland zwischen verschiedenen Suchmaschinen wählen. Das macht sich auch in Zahlen bemerkbar, Yandex holt den Rückstand bei der mobilen Suche langsam auf.

Die russische Ausgabe des Magazins "Forbes" bewertet Yandex inzwischen mit einem Unternehmenswert von 7,6 Milliarden Dollar. Die Suchmaschine ist damit das wertvollste Unternehmen des Runet, dem russischsprachigen Internet.

Aufgrund der hervorgehobenen Stellung in Russland kommt allerdings immer häufiger auch die Frage nach dem Verhältnis zur Politik auf - nur nicht beim Unternehmen selbst. Der Pressedienst weist Journalisten schon bei der Vereinbarung von Terminen höflich aber bestimmt darauf hin, Yandex sei ein "Privatunternehmen". Mit dem Kreml habe das nichts zu tun.

Putin beim Firmenbesuch Ende September
AP

Putin beim Firmenbesuch Ende September

Das Thema ist brisant für die Firma. 2011 ging Yandex in New York an die Börse und sammelte 1,3 Milliarden Dollar ein. 2014 bezeichnete der russische Präsident Wladimir Putin das Internet dann allerdings abschätzig als "Projekt der CIA" - und unterstellte auch Yandex, in Verbindung zu ausländischen Geheimdiensten zu stehen. Der Aktienkurs rauschte umgehend 20 Prozent in den Keller.

Die erfolgreiche Abwehrschlacht des Unternehmens gegen die ausländische Konkurrenz scheint Putin inzwischen allerdings milder gestimmt zu haben. Am Donnerstag besuchte der Präsident die Firmenzentrale und gratulierte den Mitarbeitern zum Firmen-Jubiläum.

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