Agrarboom in Russland Sanktionen? Super!

Russlands Einfuhrsperre für EU-Lebensmittel und die Rubelkrise kurbeln den Aufschwung der russischen Landwirtschaft an. Zum ersten Mal verdient das Land mit Agrarexporten mehr als mit Waffenverkäufen.

Farmer Dmitrij Klimow nahe Moskau
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Farmer Dmitrij Klimow nahe Moskau

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Sein zweites Leben hat den Moskauer Dmitrij Klimow raus aus der russischen Hauptstadt geführt. Klimow, Anfang 50, hat Internationale Beziehungen studiert. Er hat als Journalist und PR-Fachmann gearbeitet, aber jetzt steht er zwei Autostunden nördlich der Moskauer Stadtgrenze am Ende einer mit Schlaglöchern übersäten Staubpiste. Um ihn herum schnattern Gänse.

Klimow hat sein Geld in eine Farm gesteckt: ein paar Schuppen drängen sich um ein Holzhaus, daneben drei Gehege mit 2000 Vögeln: Hühner, Gänse und Perlhühner, deren Fleisch als Delikatesse gilt. Seit einem Jahr beliefert Klimow Edelrestaurants und betuchte Privatleute in Moskau mit Spezialitäten wie Foie gras und geräucherter Geflügelwurst.

Getreideernte in Sibirien
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Getreideernte in Sibirien

Der ehemalige Medienmann Klimow gehört zu einer wachsenden Schar russischer Neubauern. Seit Präsident Wladimir Putin im Zuge der Ukrainekrise Einfuhrverbote gegen Lebensmittel aus Europa verhängt hat, sind sie die Lieblinge der russischen Medien. Das Millionenblatt "Komsomolskaja Prawda" druckt das Tagebuch eines IT-Spezialisten, der sich nun als Milchbauer und Käsemacher versucht. "Russischer Parmesan" heißt seine Kolumne.

Das ist Moskaus Traum: Dass die Konfrontation mit dem Westen Russland stärker machen könnte, als es zuvor war.

Tatsächlich erlebt Russlands Landwirtschaft einen bemerkenswerten Boom. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 verödeten immer mehr Ackerflächen, fast ein Vierteljahrhundert ging das so. Oligarchen und Investoren mieden die marode Landwirtschaft. Die Rohstoffbranche versprach schneller größere Gewinne. Seit 1992 hat Russland so rund 35 Millionen Hektar Ackerfläche verloren. Das entspricht ziemlich genau der Fläche der Bundesrepublik Deutschland.

Seit 2014 ist dieser Trend gestoppt. Zuletzt stieg der Anteil der Landwirtschaft an der Wertschöpfung der russischen Wirtschaft sogar - entgegen dem internationalen Trend. Im vergangenen Jahr verdiente Russland zum ersten Mal mit Agrarausfuhren mehr als mit Rüstungsexporten.

Geht also das Kalkül von Russlands Präsident Wladimir Putin auf? Befeuert die Abschottung des russischen Marktes mit Einfuhrverboten die "Wiedergeburt der russischen Landwirtschaft", von der im Kreml die Rede ist?

Die Antwort ist: Jein.

Die Bauern profitieren davon, dass die europäische Konkurrenz vom russischen Markt verschwunden ist. Ob Problemsektoren wie die Milchproduktion aber langfristig wettbewerbsfähiger werden, ist noch offen. Die größten Erfolge feiert Russlands Landwirtschaft ohnehin ausgerechnet dort, wo seine Landwirte schon seit Langem nicht nur für die Heimat produzieren, sondern auch für den Weltmarkt.

1. Der Aufholprozess läuft bereits seit Jahren

Die treibende Kraft der Entwicklung sind nicht Kleinbauern wie Klimow, sondern Großinvestoren. Sie haben die Landwirtschaft vor Jahren für sich entdeckt. Oligarchen wie die Milliardäre Oleg Deripaska oder Roman Abramowitsch sind im großen Stil in den Getreideanbau eingestiegen. Andere Konzerne wie die Miratorg-Gruppe bauen seit geraumer Zeit in großem Stil große Rinderherden auf.

Die Getreideerträge steigen bereits seit dem Jahr 2000. 2015 hat Russland mehr Weizen produziert als die USA. Im laufenden Jahr soll die Ernte laut Prognosen des Landwirtschaftsministeriums mindestens 110 Millionen Tonnen betragen. Das wäre mehr als jemals zuvor.

Motor des Fortschritts sind riesige Agrarkonglomerate. Sie haben vor allem die besonders fruchtbaren Schwarzerdeböden in Südrussland unter sich aufgeteilt. Eine der größte Agroholdings heißt Prodimex und beackert 800.000 Hektar, umgerechnet entspräche das der dreifachen Fläche des Saarlands. Die Konzerne treiben die Mechanisierung und Digitalisierung der Landwirtschaft in Russland voran, die der globalen Entwicklung lange hinterherhinkte.

2. Die Rubelkrise

Durch die massive Abwertung der russischen Währung sind russische Waren wettbewerbsfähiger als früher. Weizen wird auf dem Weltmarkt in harten Dollar gehandelt, russische Bauern bezahlen ihre Mitarbeiter und den Treibstoff ihrer Traktoren aber in Rubel. Als international konkurrenzfähig gilt neben dem Getreideanbau vor allem die Geflügelproduktion.

3. Putins Einfuhrverbote

Russische Landwirte haben seit Herbst 2014 auf ihrem Heimatmarkt kaum noch Konkurrenz. Der Anteil von Käse aus dem Ausland ist innerhalb eines Jahres von 48 auf 23 Prozent gefallen, der von Schweinefleisch von 18 auf neun Prozent.

Bislang gelingt es einheimischen Herstellern aber nur bedingt, die wegfallenden Produkte aus der EU zu ersetzen. Die Einfuhren von Gemüse sind seit 2014 drastisch zurückgegangen, die russische Produktion hat aber nur leicht angezogen (von 14,7 Millionen Tonnen 2013 auf 16,1 Millionen Tonnen 2015).

Große Probleme bereitet Russland der Markt für Rohmilch. Zu Sowjetzeiten kamen große Mengen Milch aus Kasachstan. Das Land konzentrierte sich aber nach der Unabhängigkeit 1991 auf die Förderung von Erdöl und Uran. Die Milchproduktion in Russland stagniert seit Jahren.

Auch die Sanktionen haben daran bislang wenig geändert - obwohl der Liter Milch in Russland zum Teil mehr als doppelt so viel kostet wie in Deutschland. Der Kreml hat die Subventionen für Milchbauern auf 30 Milliarden Rubel im Jahr 2016 verdoppelt, umgerechnet sind das knapp 500 Millionen Euro.

Einige Firmen stocken ihre Kapazitäten zwar auf, so zum Beispiel das Unternehmen "Ekoniva" des Deutschen Stefan Dürr. "Auch wenn es eine ganze Reihe von Molkereiprojekten gibt, ein Investitionsboom ist das noch nicht", sagt Bernd Hones, Leiter des Moskau-Büros von Germany Trade and Invest (GTAI).

Die Entwicklung wird aber gebremst, weil niemand sicher sagen kann, wie lange die Sanktionen noch in Kraft bleiben.

Experten gehen davon aus, dass russische Milchproduzenten mindestens acht bis zehn Jahre brauchen, um international wettbewerbsfähig zu werden. Falls der Kreml die Einfuhrverbote vorher aufhebt, würde die Produktion unter dem Druck der ausländischen Konkurrenz - zum Beispiel aus Finnland - zusammenbrechen. Die Investoren würden dann auf ihren Verlusten sitzen bleiben.

Daneben machen Produktpanscher Russlands Milchbauern das Leben schwer. Sie strecken ihre Milch mit billigem Palmöl, Gips oder Stärke und drücken so die Preise.

Die Landwirtschaft leidet zudem unter den gleichen Strukturproblemen wie der Rest der russischen Wirtschaft. Die Eigentümerstrukturen sind intransparent. Bei zahlreichen Firmen ist unklar, wer sie tatsächlich kontrolliert. Im vergangenen Jahr stieg ein Geschäftsmann namens Pjotr Chodykin praktisch über Nacht zu einem der größten Getreidehändler Russlands auf. Von ihm war zuvor kaum mehr bekannt als sein Name.

Russische Milchproduktion
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Russische Milchproduktion

Gute Beziehungen in die Politik zahlen sich aus. Regelungen des russischen Gesetzgebers über die Förderung von Landmaschinen wirken, als seien sie dem Konzern Rosselmasch auf den Leib geschneidert, einem in Moskau besonders gut verdrahteten Hersteller von Erntemaschinen. Der Eigentümer des Unternehmens ist zugleich auch noch Vorsitzender seiner eigenen Partei.

Für den expandierenden Fleischproduzenten Miratorg wiederum "macht Premierminister Dmitrij Medwedew persönlich Lobbyarbeit", schreiben russische Medien. Die Firma Agrokomplex wiederum gehört der Tochter von Alexander Tkatschkjow. Er ist seit 2015 Minister für Landwirtschaft. Die Firma Agrokomplex hat es innerhalb des vergangenen Jahres geschafft, ihre Ländereien auf 450.000 Hektar zu verdoppeln.

Landlust auf Russisch

Neubauer Dmitrij Klimow mit seinen 2000 Gänsen, Hühnern und Perlhühnern kann davon nur träumen. Er hat sich bei einer Bank um einen Kredit bemüht, um seinen kleinen Hof zu erweitern. Kunden hätte er, aber die Zinsen für Darlehen liegen bei bis zu 20 Prozent. Er hat sein ganzes Erspartes in die Farm gesteckt: zehn Millionen Rubel für Gehege, Schlachterei und Räucherkammer, umgerechnet rund 140.000 Euro.

Farmer Klimow mit Helfern
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Farmer Klimow mit Helfern

Am Wochenende quälen wohlhabende Moskauer ihre Geländewagen über die Schlaglochpiste, die zu seinem Bauernhof führt. Sie kaufen Foie gras und geräucherte Geflügelwurst. Viele schnappen sich aber auch eine Schaufel und misten freiwillig Ställe aus oder legen saure Gurken ein. Die Großstädter genießen das Leben auf dem Bauernhof. Landlust auf Russisch.

Es ist nicht so, dass Neubauer Dmitrij Klimow unzufrieden wäre mit seiner Entscheidung, seinem zweiten Leben. Das nicht. Nur: Jemand anderem würde er nicht mehr dazu raten. "Das lohnt sich nur, wenn du schon Geld hast." Oder Beziehungen nach oben.



insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
Augustusrex 04.09.2016
1. Umso besser
Vielleicht schaffen sie es dann ja auch bald, sich selbst zu ernähren.
boguspomp 04.09.2016
2. Endlich mal eine gute Nachricht
aus Russland. Hoffen wir, das die russische Landwirtschaft nach evtl Aufhebung der Sanktionen nicht wieder zusammenbricht.
Baal 04.09.2016
3. Da bekommt der Spruch
"Schwerter zu Pflugscharen" endlich einen reellen Sinn. Weiter so Russland. Jetzt aber schnell an die Aufgabe: "Gurken statt Granaten"
Bueckstueck 04.09.2016
4. Unvollständiges Bild
Vergangene Woche habe ich eine Reportage auf ZDF gesehen, in der an einem Fallbeispiel gezeig wurde, wie Bauern unter dieser Entwicklung leiden weil grosse Agrarkonzerne mit Hilfe korrupter Politiker diesen Bauern die Ernte stehlen. Die Konzerne basteln sich gefälschte Kaufverträge mit ehemaligen aber längst verstorbenen Besitzern eines Stück Lands und klagen in manchen Fällen dreist die von den tatsächlich rechtmässigen Besitzern angepflanzte Ernte ein und/oder ernten sie einfach gleich ab - gedeckt von Schlägertrupps und eben korrupten Politikern die dafür sorgen, dass Gerichte die Gegenklagen verschleppen bis Tatsachen geschaffen sind (=Ernte weg) oder die gerufene Polizei nur zuschaut und allenfalls Gewalttätigen beendet (wenn Kameras dabei sind...) aber ansonsten nicht eingreift um das illegale Abernten zu verhindern. Das ist auch der Agrarboom auf russisch.
schaemsi 04.09.2016
5. Die Zahlen können irgendwie nicht stimmen.
Im Artikel heißt es seit 1992 seien "35 Millionen Hektar Ackerfläche" verloren. In der Nachfolgenden Grafik liest man einen Rückgang von etwa 35.000 Hektar herraus. Laut Statistischem Bundesamt waren 2013 in der Russischen Föderation 216 Mio Hektar Landwirtschaftliche Nutzfläche davon 124 Mio Hektar Ackerland und Dauerkulturen. Was stimmt nun?
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