Russische Importverbote Milch, Fleisch, Gemüse - so hart treffen die Sanktionen

Kreml-Chef Putin schlägt zurück. Mit dem Importstopp für Milch, Fleisch, Obst und Gemüse trifft er den Westen. Doch vor allem Russland wird manche Ausfälle kaum kompensieren können. Eine Übersicht.

Putin in Moskauer Supermarkt (Juni 2009): "Bald wird es hier ziemlich leer sein"
REUTERS

Putin in Moskauer Supermarkt (Juni 2009): "Bald wird es hier ziemlich leer sein"

Von und , Moskau


Im Supermarkt "Siebter Kontinent" im Zentrum Moskaus herrscht an diesem Donnerstag reger Betrieb. Hier kaufen eher die Besserverdienenden ein, und deshalb gibt es Äpfel aus Italien, Kohl aus Spanien und Wein aus Frankreich. Unter dem Glas der Käsetheke kommen drei Viertel der Sorten aus Europa, aus Russland stammen nur einige einfache.

Als die Verkäuferin vom neuen Einfuhrverbot erfährt, blickt sie auf ihre Theke, kratzt sich am Kopf und kommt zu dem Schluss: "Das ist schlecht. Bald wird es hier ziemlich leer sein." Optimistischer ist man an der Fischtheke, wo nur der Lachs aus Norwegen stammt. "Dann legen wir halt unsere russischen Karpfen auf den Tisch", sagt die Verkäuferin trotzig.

Der Einfallsreichtum der Einzelhändler wird nicht nur in Moskau, sondern in ganz Russland gefragt sein. Am Donnerstag verkündete Regierungschef Dmitrij Medwedew ein "komplettes Embargo" für Lebensmittel aus der EU, den USA, Australien, Kanada und Norwegen. Betroffen sind Fleisch, Milch, Obst und Gemüse. Gelten sollen die Einfuhrverbote zunächst für ein Jahr. Mit Ersatzlieferanten wird bereits verhandelt.

Fleischangebot bis November lückenhaft

In Russland selbst wird das wohl am stärksten die Mittel- und Oberschicht zu spüren bekommen. Ein großer Teil der Russen konnte sich den französischen Import-Camembert für zehn Euro oder den Prosciutto aus Italien für 50 Euro pro Kilo ohnehin kaum leisten.

Doch immerhin deckte die EU zuletzt mehr als ein Drittel der russischen Importe an Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Produkten im Wert von umgerechnet 32 Milliarden Euro. Mit der Reaktion auf die umfassenden Wirtschaftssanktionen des Westens trifft Russland die EU also durchaus.

Insgesamt erlöste die EU-Agrarwirtschaft im vergangenen Jahr fast zwölf Milliarden Euro durch die Ausfuhren nach Russland, auf Deutschland entfielen dabei 1,6 Milliarden Euro, allen voran Fleisch und Milch.

Verglichen mit dem gesamten Volumen des Handels mit Russland ist das freilich immer noch ein geringer Teil. Im vergangenen Jahr führte die EU Güter im Wert von 119,5 Milliarden Euro und Deutschland für 36,1 Milliarden Euro aus - vor allem Maschinen, Autos, chemische Erzeugnisse und Elektrotechnik.

Welche Lebensmittel dürfen nicht mehr nach Russland exportiert werden? Wie stark sind deutsche und europäische Produzenten betroffen? Eine Übersicht:


Schweinefleisch

Schwarzwälder Schinken
DPA

Schwarzwälder Schinken

Insgesamt exportierte Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge im vergangenen Jahr Fleisch und Fleischwaren im Wert von 346,3 Millionen Euro nach Russland. Eine Aufschlüsselung nach Schweine-, Rind- und Geflügelfleisch oder Wurstwaren machen die Statistiker nicht. Zudem gingen Fleischabfälle für 144 Millionen Euro nach Russland.

Aus der gesamten Europäischen Union wurde 2013 Schweinefleisch im Wert von rund einer Milliarde Euro nach Russland geliefert.

Russland importiert laut dem russischen Fleischhändlerverband rund 25 Prozent seines Verbrauchs an Schweinefleisch, das Moskauer Wirtschaftsministerium bezifferte den Anteil sogar auf 35 Prozent. Davon kamen im vergangenen Jahr 60 Prozent aus der EU - das entsprach einem Anteil von etwa 15 bis 20 Prozent des gesamten russischen Verbrauchs.

Allerdings gilt für Schweinefleisch aus der EU ohnehin bereits seit Februar dieses Jahres ein Importstopp - offiziell, um die Bürger vor Schweinepest zu schützen. Seitdem bezog Russland Schweinefleisch vor allem aus Kanada - das nun auch von den Sanktionen betroffen ist - und Brasilien.


Rindfleisch

Rinderhälften in Schlachthof in Bad Bramstedt
DPA

Rinderhälften in Schlachthof in Bad Bramstedt

Aus der gesamten Europäischen Union wurde 2013 Rindfleisch im Wert von etwa 110 Millionen Euro nach Russland geliefert - die deutschen Statistiker bieten keine Einzelauflistung.

Russland importiert laut dem russischen Fleischhändlerverband 30 bis 35 Prozent seines Verbrauches an Rindfleisch, das Moskauer Wirtschaftsministerium bezifferte den Anteil sogar auf 60 Prozent.

Davon kamen im vergangenen Jahr allerdings 90 Prozent aus Südamerika und Weißrussland. Die Russen werden die Sanktionen hier also wenig zu spüren bekommen.


Geflügel

Frische Hähnchen an einem Marktstand in Osterode am Harz
DPA

Frische Hähnchen an einem Marktstand in Osterode am Harz

Aus der gesamten Europäischen Union wurde 2013 Geflügel im Wert von etwa 72 Millionen Euro nach Russland geliefert. Zudem exportierte die EU Schweine- und Geflügelfett für 286 Millionen Euro - die deutschen Statistiker bieten keine Einzelauflistung.

Russland importiert laut dem russischen Fleischhändlerverband nur rund zehn Prozent seines Verbrauchs an Geflügel - die wichtigste Fleischsorte des Landes. Die Russen werden die Sanktionen hier also wenig zu spüren bekommen. Der Großteil der Einfuhren kam im vergangenen Jahr mit ungefähr 75 Prozent aus den USA.


Fisch

Fischstand auf Markt in Sankt Petersburg
REUTERS

Fischstand auf Markt in Sankt Petersburg

Insgesamt exportierte Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge im vergangenen Jahr Fisch und Fischerzeugnisse im Wert von knapp zehn Millionen Euro nach Russland.

Aus der gesamten Europäischen Union wurde 2013 Fisch und Fischkonserven im Wert von etwa 210 Millionen Euro nach Russland geliefert.


Milch und Butter

Abfüllung bei den Milchwerken Thüringen
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Abfüllung bei den Milchwerken Thüringen

Insgesamt exportierte Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge im vergangenen Jahr Milch und Milchprodukte wie Sahne oder Buttermilch sowie Butter im Wert von knapp 24 Millionen Euro nach Russland.

Aus der gesamten Europäischen Union wurden diese Produkte 2013 im Wert von etwa 350 Millionen Euro nach Russland geliefert.

Russland ist allerdings kaum vom Import abhängig: Laut der russischen Einzelhandelsvereinigung stammen in dieser Kategorie 90 bis 95 Prozent aus russischer Produktion.


Käse

Käsetheke in Sankt Petersburg
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Käsetheke in Sankt Petersburg

Insgesamt exportierte Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge im vergangenen Jahr Käse im Wert von 141 Millionen Euro nach Russland.

Aus der gesamten Europäischen Union wurde 2013 Käse im Wert von etwa 960 Millionen Euro nach Russland geliefert.

In Russland wird das besonders für die Mittel- und Oberklasse zu spüren sein. Denn hier betreffen die Sanktionen insbesondere das höherklassige Segment, etwa Käsesorten aus Europa. Die heimischen Hersteller produzieren meist einfache Sorten, Emmentaler ähnlich.


Obst

Apfelernte in Rheinland-Pfalz
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Apfelernte in Rheinland-Pfalz

Insgesamt exportierte Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge im vergangenen Jahr Obst und Obstkonserven im Wert von knapp 40 Millionen Euro nach Russland - zudem nicht näher spezifizierte "Nahrungsmittel pflanzlichen Ursprungs" für 234 Millionen Euro.

Aus der gesamten Europäischen Union wurde 2013 Obst im Wert von etwa 1,145 Milliarden Euro sowie verarbeitete Obstprodukte wie Säfte und Konserven im Wert von rund 490 Millionen Euro nach Russland geliefert.


Gemüse

Kartoffelernte in Hessen
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Kartoffelernte in Hessen

Insgesamt exportierte Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge im vergangenen Jahr Gemüse im Wert von knapp 70 Millionen Euro nach Russland.

Aus der gesamten Europäischen Union wurde 2013 Gemüse im Wert von rund 700 Millionen Euro nach Russland geliefert.


EU-Außenhandel mit Russland

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mail-sms 07.08.2014
1. Ist Russland nicht ein führender Himbeerexporteur?
Was tut Putin da? Weiss er denn nicht, dass Russland ebenso Lebensmittel nach Westen exportiert? Der Westen hat ja bisher nur Sanktiönchen verteilt, was Putin aber tut greift direkt den Bürger an. Die EU wird das ja verkraften, aber was wenn die EU ebenfalls Lebensmittelexporte aus Russland verbietet? Dann steuert Putins Land direkt in den Staatsbankrott. Ich bin mal gespannt ob das Volk diesen Zwerg aus dem Kreml jagt oder ob die alle bereits schon durch Putins Poropaganda zombiert sind und jeden blödsinn mitmachen, wie zu sowjetzeiten. Wie auch immer, der Westen wird wieder gewinnen. Schade, dass Putin aus der Geschichte nichts gelernt hat.
terotex 07.08.2014
2. Was für ein schönes Bild: Putin als Ladendetektiv!
Sicher kommt in den russischen Propagandablättern unter dieses Bild ein aufschlußreicher Text à la "der geliebte Führer macht sich ein eigenes Bild um sein Volk von schlechtem Essen zu bewahren!" Der ergraute Esel im Hintergrund könnte auch so ein schönes Plattenteller-Offiziershütchen tragen wie der Rest vom Duma-Altersheim....
michelspd 07.08.2014
3. Russland kauft woanders
Russland hat schon angekündigt die Lebensmittel halt künftig in anderen Staaten, wie Brasilien usw. einzukaufen. Milliardenverluste für die deutsche Wirtschaft. Wofür? Für eine größenwahnsinnige Politik, die auch vor Unterstützung von Nazis in der Ukraine nicht zurückschreckt. ach ja die Ukraine kostet Milliarden oder werden es Billionen? Danke Bundesregierung
notty 07.08.2014
4.
Zitat von sysopREUTERSKreml-Chef Putin schlägt zurück. Mit dem Importstopp für Milch, Fleisch, Obst und Gemüse trifft er den Westen. Doch vor allem Russland wird manche Ausfälle kaum kompensieren können. Eine Übersicht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/russland-so-hart-trifft-der-import-stopp-fuer-milch-gemuese-fleisch-a-984977.html
Ich glaube, dass der Wunsch der Vater des Gedankens ist, dass Russland jetzt 'am Stock geht', wenn es die Nahrungsmittel aus dem Westen nicht mehr bekommt. Russland wird sich umorienteren und vor allen Dingen aus Suedamerika Ersatz beschaffen....und dies vielleicht langfristig. Alle Laender, die von den USA und der EU duepiert wurden, werden die Luecken fuellen. Sicherlich arbeitet Putin auch daran, die Europaeer von ihrer ach so furchtbaren Abhaengigkeit von Oel und Gas zu befreien. Der Deal mit China war nur der Anfang. Anstatt sich schadenfroh die Haende zu reiben, sollte sich Europa Gedanken machen, wie sie mit ihrem grossen Nachbarn friedlich leben koennen. Vom grossen Bruder ist nichts Positives zu erwarten....
markmach 07.08.2014
5. Putin
lässt sich von unseren deppen nicht einschüchtern. Jetzt wird unsere Wirtschaft leiden und das werden wir vermutlich nicht mehr einholen. Sobald der Import von Produkten aus China, Südamerika und Indien läuft gibt es für uns keine Leichtigkeit wieder in den Markt rein zu kommen. Das gilt für Lebensmittel, Autos, Maschinen etc. Vielen Dank Merkel für die Wirtschaftshilfe an die genannten Länder und der Schwächung unserer Wirtschaft.
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