Start-up-Boom Wie Russland mit IT-Geschäften Milliarden verdient

Im Schatten von Konzernkolossen wie Gazprom hat sich in Russland eine quirlige IT-Branche entwickelt: Start-ups feiern auf dem Weltmarkt Erfolge und verdienen Milliarden - doch ihr Aufstieg ist bedroht.

Lieferboten von Online-Diensten in Moskau
AFP

Lieferboten von Online-Diensten in Moskau

Aus Moskau berichtet


"Russland ist wie Nigeria mit Schnee."

Google-Mitbegründer Sergej Brin hat das einmal gesagt, mit Blick auf die wirtschaftliche Rückständigkeit und Abhängigkeit Russlands von Rohstoffexporten und korrupten Seilschaften. Das ist ein Satz, der so hart ist, dass er oft zitiert wird, wenn es um Russlands Wirtschaft geht. In russischen Internetforen ist daraus das Spottwort Schneegeria geworden, ein griffiger Ausdruck für die Rückständigkeit des Landes in vielen Bereichen.

Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Im Schatten von staatlichen Giganten wie Gazprom und Rosneft hat sich in Russland eine florierende IT-Branche entwickelt. Ihr Aufstieg ist der vielleicht bemerkenswerteste Erfolg der russischen Ökonomie seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Zwar machen in Russland auch Waffenhersteller und Landwirtschaft gute Geschäfte, sie werden aber durch Subventionen vom Staat unterstützt.

Die IT-Branche hingegen wächst trotz erheblichen Gegenwinds aus der Politik. Berechnungen der Beratungsgesellschaft Russoft zufolge hat der Sektor den Wert seiner Exporte seit 2002 ungefähr um den Faktor 25 gesteigert, von 345 Millionen Dollar auf 8,5 Milliarden Dollar im Jahr 2017.

Keine Chance für Google, Facebook und Co.

Das ist kein Zufall: Das Fundament für den IT-Boom wurde bereits gelegt, als zwischen Kaliningrad und Wladiwostok noch kaum jemand wusste, was ein Computer ist: zu Sowjetzeiten. Die kommunistische Führung trieb systematisch die Förderung mathematischer Talente voran. Viele russische Schulen legen bis heute einen hohen Stellenwert auf das Fach Mathematik und legen damit die Grundlage für die Ausbildung erfolgreicher Programmierer. Für viele junge Russen ist das ein attraktiver Beruf: Ein guter IT-Programmierer verdient in Moskau im Schnitt 250.000 Rubel, umgerechnet 3500 Euro, das ist etwa das Dreifache des Moskauer Durchschnittseinkommens.

Davon haben schon Russlands Internetkonzerne profitiert, denen es gelungen ist, US-Konkurrenten wie Google oder Facebook weitgehend in Schach zu halten: Im Runet - wie der russischsprachige Teil des Internets genannt wird - sind Moskauer Firmen wie

  • die Suchmaschine Yandex,

  • die Mail.ru-Holding und

  • das soziale Netzwerk VK.com klar Marktführer.

Das ist auch deshalb beachtlich, weil es keinem anderen europäischen Land gelungen ist, IT-Konzerne aufzubauen, die mit der Konkurrenz aus den USA mithalten können. Unter den 25 weltweit am meisten frequentierten Webseiten stammen laut SimilarWeb 19 aus den USA, zwei aus China - aber vier aus Russland.

Die Daten zeigen jedoch auch eine Schwäche: VK.com und andere sind in ihren Bereichen zwar in Russland Marktführer, international halten sich ihre Erfolge allerdings in sehr engen Grenzen. Zwischen 85 und 90 Prozent ihrer Nutzer stammen aus Russland oder den angrenzenden Nachbarländern. Lediglich Yandex hat versucht, im Ausland Fuß zu fassen. 2012 eröffnete die Suchmaschine ein Büro in Istanbul. Trotzdem dümpelt der Marktanteil in der Türkei bei vier Prozent.

Junge Firmen haben den Weltmarkt im Blick

Inzwischen wächst allerdings die Zahl russischer Start-ups, die in ihrem Heimatmarkt vor allem ein Sprungbrett sehen für den Eintritt auf dem Weltmarkt. Ein Beispiel ist die Firma "Dodo Pizza" aus Moskau, die ein komplexes IT-System für den Betrieb von Pizza-Franchise-Restaurants entwickelt hat - und noch 2019 den Start in Deutschland plant.

Parallelen dazu weist auch die Firma Skyeng auf: Das Unternehmen ist dabei, mit Hilfe digitaler Vernetzung einen anderen, ebenfalls eher traditionell geprägten Markt zu verändern: die Vermittlung von Fremdsprachen.

Start-up Skyeng Moskau
Skyeng

Start-up Skyeng Moskau

Skyeng betreibt eine Webplattform, die junge, gut ausgebildete Englischlehrer aus der russischen Provinz mit Nachhilfeschülern zusammenschließt. Der Unterricht findet per Skype-Videochat statt: Der Lehrer stellt Aufgaben, der Schüler tippt die Antworten in die Tastatur oder beantwortet sie mündlich.

Im Hintergrund arbeitet eine Software. Sie wertet automatisch aus, welche Fehler der Schüler häufig macht und gibt dem Lehrer automatisiert Hinweise und Lernmaterial an die Hand. Das Unternehmen hat auch eine App entwickelt, die es Schülern ermöglicht, bei Streamingdiensten wie Netflix Chart zeigen oder in Artikeln im Internet noch unbekannte englische Worte zu markieren.

Skyeng-Investor Larjanowsky
Skyeng

Skyeng-Investor Larjanowsky

Die Begriffe werden dann automatisch in persönliche Vokabellisten aufgenommen und dem Lehrer geschickt. Unternehmensziel sei es, aus Englischunterricht "ein Standardprodukt mit klar nachvollziehbarer Qualität zu machen", sagt Alexander Larjanowsky von Skyeng. Bevor er sich mit 300.000 Dollar aus seinem Privatvermögen an dem Start-up beteiligt hat, war er Manager bei der Suchmaschine Yandex und zuständig für das internationale Geschäft. Seit der letzten Finanzierungsrunde schätzen Investoren den Wert von Skyeng auf 100 Millionen Dollar.

Weltweit erfolgreich ist auch die Moskauer IT-Sicherheitsfirma Group-IB. Sie wurde von einem Studenten namens Ilja Satschkow gegründet. Seine inzwischen mehr als 280 Mitarbeiter sitzen in Moskau hinter schweren Stahltüren, agieren aber weltweit: Microsoft Chart zeigen, American Tobacco und DHL gehören zu den Kunden von Group-IB.

Auch Europol hat 2015 eine Kooperation mit Satschkows Unternehmen geschlossen, trotz des Ausbruchs des Kriegs in der Ukraine. Mit Interpol besteht ebenfalls eine Kooperation. Das US-Magazin "Forbes" hat Satschkow 2016 in seine Liste der 30 Toptalente im IT-Business weltweit aufgenommen.

Moskauer IT-Unternehmer Ilja Satschkow von Group IB
Group IB

Moskauer IT-Unternehmer Ilja Satschkow von Group IB

Es sei kein Zufall, dass gerade in Russland oft junge Unternehmer erfolgreiche Start-ups aufbauen, sagt Dodo-Pizza-Gründer Fjodor Owtschinnikow. Das Land habe einige Vorzüge "die vielleicht zunächst merkwürdig anmuten und nicht direkt auf der Hand liegen". Bei Gesprächen mit Geschäftspartnern aus dem Westen falle ihm oft ein Unterschied auf: Junge Russen seien eher dazu bereit, Risiken einzugehen - auch, weil sie weniger zu verlieren hätten als im Westen. In Europa dagegen "sorgen sich alle zuerst, ob sie auch genug Erfahrung haben für den nächsten Schritt, und alle denken ständig an den möglichen Bankrott. Unsere Leute probieren mehr aus".

Die Jagd auf den Netz-Rebellen

Der Boom hat jedoch auch Schattenseiten. Russlands Politik hat in den vergangenen Jahren begonnen, das Internet stärker an die Leine zu legen. Der Kreml wendet inzwischen ähnliche Kontrollmethoden auf IT-Konzerne an, wie bei anderen strategisch wichtigen Bereichen. Die Mail.ru-Gruppe etwa wird einem dem Kreml nahestehenden Oligarchen zugerechnet, dem Gas- und Metallmagnaten Alischer Usmanow und seiner USM-Holding. Bei Yandex hat sich die von Ex-Wirtschaftsminister German Gref geführte Staatsbank Sberbank eine sogenannte "goldene Aktie" gesichert. Sie berechtigt, den Verkauf von mehr als 25 Prozent der Firma zu blockieren.

Bei VK.com wiederum wurde der störrische Gründer erst aus der Firma und dann außer Landes gedrängt. Seit September ist ein gewisser Boris Dobrodejew Chef von VK.com. Das Zustandekommen dieser Personalie erinnert ein wenig an die Art und Weise, wie Seilschaften sonst bei russischen Staatskonglomeraten Posten vergeben: Dobrodejew ist Spross eines einflussreichen Nomenklatura-Klans. Sein Vater ist Chef der staatlichen TV-Holding WGRTK.

Das Klima wird rauer, das hat Folgen für die Branche und das ganze Land. Russlands IT-Firmen sind betroffen von einem in den vergangenen Jahren einsetzenden Brain Drain. Diese neue Abwanderungswelle ist zwar in absoluten Zahlen nicht zu vergleichen mit den Migrationswellen der Neunzigerjahren. Damals verließen Millionen Russen das Land. 2016 waren es nach Angaben von Rosstat hingegen nur etwa 60.000.

Eine neue Auswanderungswelle

Beunruhigend ist der hohe Anteil gut ausgebildeter Fachkräfte unter den Auswanderern. Nach Berechnungen der russischen Präsidialakademie lag der Anteil von Emigranten mit Universitätsabschluss - je nach Zielland - bei bis zu 70 Prozent. Immerhin ein Viertel der Befragten gab in einer Umfrage an, Russland wegen des politischen Klimas den Rücken zu kehren.

Für den IT-Standort Russland ist das Problem akut, weil junge Programmierer und Start-up-Unternehmer besonders mobil sind. Viele Firmen können ihren Service ohne Probleme aus einem anderen Land anbieten. Branchenmedien wie die in der IT-Szene beliebte Webseite VC.ru sind voll mit Erfahrungsberichten von Auswanderern. Artikel tragen Überschriften wie: "Was man über das Internet-Business in Thailand wissen muss." "Einige Nuancen des Arbeitens in Brasilien", steht über einem anderen.

Von Moskau nach Deutschland: Würden Sie von diesen Russen Pizza kaufen?

Auch die Geopolitik schüttelt die Start-ups mitunter durch. Das weltweite Filialnetz von Dodo Pizza zeugt davon. Es ist ein ziemlich eigenartig anmutendes Gebilde. Die Firma hat zunächst planmäßig die russische Provinz erschlossen und hat gerade erst mit der Eroberung des schwierigen Moskauer Hauptstadtmarkts begonnen. Hinzu kommen einige Länder in Russlands Nachbarschaft - und dann dieser einsame Punkt an der britischen Küste und die drei nahe des Mississippi, inmitten der Landmasse der USA.

Dodo Pizza bei Memphis
Dodo Pizza

Dodo Pizza bei Memphis

Fjodor Owtschinnikow hat sie in einer Phase großer Unsicherheit gegründet: 2014 trat Russland den Krieg in der Ostukraine los, dann brachen Ölpreis und Rubelkurs ein, die Russen verloren im Schnitt ein Drittel ihrer Kaufkraft und in den USA wurden Stimmen laut, Russlands Banken vom internationalen Zahlungsverkehr SWIFT abzuklemmen. "Ich habe gedacht: Wenn das so weiter geht, habe ich morgen kein Geld mehr für meine Leute", erinnert sich Owtschinnikow. Deshalb hat er den Markteintritt in den USA vorgezogen. Er nennt das bislang winzige US-Netz "unsere Kolonie auf dem Mars, in der wir zur Not das Leben fortsetzen könnten".

Ein ähnlicher Schritt steht auch der Moskauer IT-Sicherheitsfirma Group-IB bevor. Im Oktober hat das Start-up angekündigt, 30 Millionen Dollar in den Aufbau eines neuen globalen Hauptquartiers zu investieren, mit Sitz in Singapur. 90 neue Stellen sollen dort entstehen - 15 Mitarbeiter ziehen von Moskau nach Südostasien. Firmengründer Satschkow sieht sein Unternehmen ohnehin längst nicht mehr als typisch russisch an.

"Eine exzellente Firma," sagt er," agiert unabhängig von dem Ort, an dem sie gerade ansässig ist."

Aus rechtlichen Gründen wurde dieser Artikel nachträglich bearbeitet.



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
dieter.zuckermann 02.03.2019
1.
Die Krise von 2014 würde ich nicht überbewerten. Kaum einer hat es als Krise erkannt. Es ist nichts gravierendes passiert. Öl-Preis ist eingebrochen. Dadurch gab es ein einziges Jahr kurzen kleinen BIP-Rückgang. Aber kaum einer ist davon ausgegangen, dass die Öl-Preise dauerhaft unter 30 Dollar liegen werden. Die Stimmung war gar nicht mal so schlecht. SWIFT ist mittlerweile nicht nötig um international Zahlungen zu tätigen. Das wäre zu jetzigen Zeitpunkt eh kein Problem für Russland mehr. Damals wäre man auf so einen Schritt unvorbereitet. Aber auch das wäre nur eine kurze Krise die man bewältigt hätte. Außerdem hat niemand ernsthaft geglaubt, dass Russland aus SWIFT isoliert werden kann. Darüber wurde gesprochen, dass dies in der Theorie möglich ist. Und man deswegen sich unabhängig von SWIFT machen muss. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies Eintritt wurde aber zu jedem Zeitpunkt praktisch bei Null angesetzt. Jetzt spricht man natürlich weniger darüber als damals, weil es Russland jetzt egal ist, ob man an SWIFT angeschlossen ist.
Ashurnasirapli 02.03.2019
2.
Natürlich kann man in Russland Unternehmen gründen. Aber wie der Fall Bill Bowder und Hermitage Capital zeigen, die Frage ist, ob sie dir morgen noch gehört, wenn die Eigentümer den falschen Leuten im russischen Staat in Quere kommen. Die Steuerfahndung hat eine Razzia in der Niederlassung durchgeführt, die Originaldokumente zur Gründung mitgenommen, die wurden gefälscht, vor Gericht eingereicht und die Echtheit bestätigt. Enteignung auf die russische Methode.
sven2016 02.03.2019
3. International liegt das Problem nicht an
der russischen Pizza, sondern an der Bewertung russischer Software- und Systementwicklungen. Bei der Pizzeria weiß der Kunde nicht, wem die Kette gehört, bei der Software kann er nicht oder nur unter Vorbehalt feststellen, ob unerwünschte Funktionen enthalten sind und vielleicht nur „schlafen“. Das dürfte den Kundenkreis beschränken. Egal ob sie in Thailand oder Brasilien logieren. Die genannten Großunternehmen werden mit Sicherheit zumindest in USA Probleme bekommen.
honey_d 02.03.2019
4. Was soll eigentlich der Titel suggerieren?
Beim ersten Lesen des Titels denkt man, dass sich hier Putin was unter den Nagel reißt (und das muss natürlich illegitim sein, schließlich hat es ja mit Putin zu tun) ... und beim Text darf der geneigte Leser dann erfahren, dass es in Russland einfach eine quirlige Startup-Szene gibt! Nichts mit illegitim.
h3micuda 02.03.2019
5. Firma vergessen
Schade, dass eine Firma nicht erwähnt wird, auf die der Artikel in jeder Hinsicht perfekt passt: Telegram
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