Finanzkonzern VTB Russische Bank buhlt um deutsche Sparer

Deutsche Kunden haben der Moskauer VTB Bank Milliarden anvertraut. Nun erhöht das zweitgrößte russische Staatsinstitut drastisch die Zinsen. Sollen die Sparer eine mögliche Kapitalflucht kompensieren?

VTB Bank in St. Petersburg: Nur eine Stufe über Ramschniveau
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VTB Bank in St. Petersburg: Nur eine Stufe über Ramschniveau

Von manager-magazin.de-Mitarbeiter Heinz-Roger Dohms


Nichts gegen Gerhard Schröder - aber gegen den Beitrag, den die Moskauer VTB Bank dieser Tage zum deutsch-russischen Verhältnis leistet, verblasst selbst die St. Petersburger Geburtstagsfeier des Altkanzlers. Bis zu 2,5 Prozent Zinsen bietet das Kreml-Institut deutschen Kleinsparern momentan fürs Festgeld (bei fünf Jahren Anlagedauer). Das bedeutet die unangefochtene Spitzenposition in den einschlägigen Internetrankings.

Der Anlass für das Zinshoch? "Die VTB Direktbank feiert Geburtstag", schreibt der Frankfurter Ableger der zweitgrößten russischen Staatsbank auf seiner Homepage. Seit drei Jahren ist das Institut am deutschen Markt.

Nun ist gegen eine zünftige Geburtstagsfeier nichts einzuwenden. Die Generosität, mit der die Bank Deutschlands Sparer in der jetzigen Gemengelage umgarnt, macht aber dennoch stutzig. "Russlands Banken bringen vor dem Hintergrund drohender Sanktionen ihr Geld in die Heimat", schrieb vor ein paar Tagen die englische Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Daten der russischen Zentralbank. Binnen eines Monats hätten die Institute ihre Positionen von 100 Milliarden Dollar auf 79 Milliarden Dollar zurückgefahren. Ganz vorn in der Statistik: die VTB.

Erinnerungen an die Kaupthing-Bank

Fließt das Geld der deutschen Sparer nach Moskau? Sollen die Einlagen einer möglichen Kapitalflucht vorbeugen? Erst vergangene Woche berichtete der Internationale Währungsfonds, dass der russischen Wirtschaft in diesem Jahr der Kapitalabfluss von rund 100 Milliarden Dollar drohe.

Ausländische Banken, die den deutschen Sparer in schwierigen Zeiten als Refinanzierungsquelle entdecken, sind kein neues Phänomen. Als es Kaupthing im März 2008 nach Deutschland verschlug, begannen professionelle Investoren gerade, ihr Geld aus Island abzuziehen. Die hiesigen Sparer halfen dem Institut, noch ein paar Monate liquide zu bleiben - und waren schließlich die Dummen.

Trotzdem hielt der Kaupthing-Schock nur kurz. Zum Zeitpunkt der Pleite im September 2008 hatten deutsche Privatkunden gerade mal 11,3 Milliarden Euro bei Kaupthing und den übrigen "Zweigstellen ausländischer Banken" investiert. Heute dürfte es rund das Sechsfache sein, wie Bundesbank-Zahlen nahelegen. Die VTB Direkt gehört dabei zu den größeren ausländischen Geldeinsammlern in Deutschland.

Organisatorisch unterstehen die Frankfurter der VTB Bank Austria. Aus deren Geschäftsbericht geht hervor, dass die sogenannten Primäreinlagen 2012 rund 40 Prozent der Bilanzsumme ausmachten - Tendenz steigend. Da die VTB Austria nur hierzulande, nicht aber in Österreich selbst auf Sparerfang geht, dürften die 40 Prozent quasi gleichbedeutend sein mit den in Deutschland eingeworbenen Einlagen.

Das wären dann rund 2,5 Milliarden Euro, rund fünfmal so viel, wie im Herbst 2008 bei der Kaupthing-Bank lagen. Die VTB will sich dazu nicht äußern, ebenso wenig wie zu der Frage, wie sich die Summe zuletzt entwickelt hat. Der Geschäftsbericht für 2013 werde derzeit erarbeitet, heißt es lediglich.

Welches Spiel die VTB treibt, ist schwer zu sagen. Bei dem Gerede von der Geburtstagsaktion dürfte es sich um eine Marketing-Mär handeln. Im Geschäft um Tages- und Festgeldkunden wird knapp kalkuliert, mithilfe der Zinsschraube lassen sich Zu- und Abflüsse ziemlich exakt steuern.

Drei mögliche Gründe für die aggressive Zinserhöhung

Mal eben aus Nettigkeit die Konditionen um einen halben Prozentpunkt anzuheben - das kann sich kein Wettbewerber leisten. Stattdessen gibt es mehr oder minder drei plausible Erklärungen für den aggressiven Zinsschritt.

  • Die erste Erklärung liefert die VTB Direkt selbst: Drei Jahre nach der Gründung liefen die ersten dreijährigen Festgelder aus - mit lukrativen Anschlussangeboten sollen die Kunden bei der Stange gehalten werden.
  • Die zweite mögliche Erklärung: Der Ukraine-Konflikt hat viele VTB-Sparer verunsichert, weshalb nun neue angelockt werden sollen. Dies verneint die Bank.
  • Und die dritte Erklärung, siehe oben: Angesichts der sich zuspitzenden Krise frisst sich die VTB langfristige Einlagen an. Rational wäre das: Internationale Investoren sehen russische Unternehmen zurzeit äußerst kritisch. Die Rating-Agentur S&P hat die Bewertung der VTB erst vergangene Woche auf BBB- gesenkt, das ist nur noch eine Stufe über "Ramsch". Der Bonitätsausblick: negativ.

Auf Anfrage, was mit den Einlagen der deutschen Sparer geschehe, antwortet das Institut: "Die VTB Bank (Austria) AG ist ein global agierendes Unternehmen. Der Schwerpunkt der Tätigkeiten richtet sich auf Geschäfte zwischen West- und Osteuropa. Da insbesondere Kredite an in Osteuropa ansässige Unternehmen vorwiegend in US-Dollar denominiert sind, dienen die ausschließlich in Euro getätigten Einlagen der Kunden der Direktbank zum überwiegenden Großteil der Refinanzierung des westeuropäischen Kreditportfolios."

Den "überwiegenden Großteil" beziffern will die VTB nicht.

Eine rechtliche Handhabe gegen den Abfluss von Geldern gebe es nicht, heißt es in Aufseherkreisen. Dass die Finanzaufsicht in solchen Fällen trotzdem Machtinstrumente besitzt, weiß man von der deutschen Finanzaufsicht BaFin: Die erinnerte während der Euro-Krise die Vorstände mehrerer Auslandstöchter schriftlich "an ihre besondere persönliche Verantwortung".

Die Botschaft: Gehorcht uns, sonst gibt es Ärger, etwa lästige Sonderprüfungen. Tatsächlich, so ist zu hören, steht die VTB Austria momentan in Wien unter besonderer Beobachtung. Kein Wunder: Die Entschädigung deutscher Sparer wäre im Fall der Fälle nämlich laut EU-Richtlinie Sache der österreichischen Regierung.

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brunellot 06.05.2014
1. 2,5% Zinsen sind ein Witz!
Wer sein Geld für 2,5% Zinsen in Russland anlegt ist selber Schuld. Russlandfans dürfen das zwar gerne machen, aber bitte nicht hinterher jammern wenn alles futsch ist. Wer ohne Zögern die Krim annektiert kann auch mal kurz eine Bank verstaatlichen und die Einlagen einkassieren.
spon-facebook-10000085822 06.05.2014
2. Lacher des Tages!
"Bis zu 2,5 Prozent Zinsen bietet das Kreml-Institut deutschen Kleinsparern momentan fürs Festgeld (bei fünf Jahren Anlagedauer). Das bedeutet die unangefochtene Spitzenposition in den einschlägigen Internetrankings." Kokolores! Außerhalb des Euroraums werden ganze andere Zinsen für Festgeldanlagen über 5 Jahre bezahlt. Z.B. in Südafrika über 6 Prozent ab Einlagen über 100.000 Rand = ca. 6.500 €.
TiloS 06.05.2014
3. Eine Spende bitte
Wer zu so einem Ramschladen noch Geld überweist, ist selber Schuld. Aber vielleicht sollten ja die Putin-Befürworter hier im Forum ihr Geld dort anlegen, sprich Putin spenden.
Mvk 06.05.2014
4. optional
Mit diesem Zinssatz kann man immerhin die Inflation ausgleichen, da bleibt nur noch die Frage ob das Geld dort sicherer ist als bei einer europäischen Bank. Die nächste Enteignung für Bankenrettungen kommt bestimmt..
u.loose 06.05.2014
5. Wohin der Autor lenken will, ist klar
Zitat von sysopREUTERSDeutsche Kunden haben der Moskauer VTB Bank Milliarden anvertraut. Nun erhöht das zweitgrößte russische Staatsinstitut drastisch die Zinsen. Sollen die Sparer eine mögliche Kapitalflucht kompensieren? http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/russland-vtb-bank-erhoeht-zinsen-fuer-deutsche-sparer-a-967807.html
allerdings ist der Vergleich mit Kaupting irreführend - denn die Bank hatte keinerlei Einlagesicherung. Die VTB unterliegt österreichischem Recht und da besteht eine Einlagensicherung bis 100.000 Euro. Unabhängig davon - fünf Jahre sind mir ohnehin ein zu langer Horizont....
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