Wirtschaftsbilanz des Kreml Aufstieg und Fall der Putinomics

Wladimir Putin steuert am Sonntag auf eine vierte Amtszeit als Präsident zu. Nach 18 Jahren an der Macht fällt seine Wirtschaftsbilanz ernüchternd aus: Auf Russlands einst rasende Aufholjagd folgte Stagnation.

DPA

Von


Wladimir Putin steht bei den Präsidentschaftswahlen in Russland am Sonntag vor einem ungefährdeten Sieg. Umfragen sehen ihn bei über 60 Prozent. Die Mehrheit der Russen kann sich ein Russland ohne Putin nicht vorstellen.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Ähnlich unumstritten wie in der eigenen Bevölkerung war Putin lange auch bei einer entscheidenden Zielgruppe im Ausland: Westliche Wirtschaftsvertreter lobten bei jeder Gelegenheit Putins Errungenschaften und Absichten, die tatsächlichen wie die vermeintlichen. Nach den Parlamentswahlen 2011 etwa hatten gut dokumentierte Wahlfälschungen in Moskau bis zu hunderttausend Menschen auf die Straße getrieben. Der damalige Geschäftsführer des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft hingegen glaubte, sogar "die ersten freien Wahlen in Russland gesehen" zu haben.

2013 dann - kurz nach dem drakonischen Urteil gegen Pussy Riot und zwei Wochen nach einer Razzia in einem russischen Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung - verkündete der damalige VW-Chef Martin Winterkorn in den "Tagesthemen", Putin sei ein "Mann, der in Russland die Demokratie einführen will".

Der Ton in der Wirtschaft ist inzwischen zurückhaltender. Die Entwicklung sei "ernüchternd" gewesen seit Putins Rückkehr in den Kreml 2012, sagt Wolgang Büchele, Vorsitzender des Ostausschusses. Die ambitionierten Wahlversprechen des Kreml seien "mit den Rezepten der Vergangenheit nicht zu schaffen", sondern nur "mit einem beherzten Kurswechsel". Putin hatte vor der Wahl unter anderem angekündigt, die Armut im Land zu halbieren. Sie war zuletzt sprunghaft gestiegen.

Putins Wirtschaftswunderland

Putin hatte sein Amt im Jahr 2000 mit der Agenda eines Wirtschaftsreformers angetreten. Es gehe um "die Prinzipien der Stärkung des Staates und der marktwirtschaftlichen Reformen". In den zehn Jahren nach Putins Amtsantritt wuchs Russlands Wirtschaftsleistung in absoluten Zahlen von 260 Milliarden Dollar auf 1,9 Billionen Dollar, eine Verachtfachung. Die Arbeitslosigkeit sank auf fünf Prozent, die Einkommen wuchsen dreimal schneller als die Produktivität. 1999 lebten noch sechs Prozent der Russen von weniger als zwei Dollar pro Tag, anderthalb Jahrzehnte später kaum noch jemand.

Das war die Zeit, in der sich Wirtschaftsvertreter aus dem Westen angewöhnten, von Russlands großem Potenzial zu schwärmen. Erfüllt wurden die Erwartungen selten. Ein Beispiel: der russische Automarkt. Er ist ein passabler Indikator für die Entwicklung des Wohlstands in der breiten Bevölkerung - und der Grund, warum alle großen deutschen Autobauer über die Jahre eigene Fabriken in Russland gebaut haben.

Im Jahr 2007 rechnete der Wirtschaftsprüfungskonzern PWC vor, Russland mit seinen 140 Millionen Einwohnern werde bald schon Deutschland als größten Automarkt Europas ablösen. 2008 sollte es soweit sein. Als das Ereignis ausblieb, war die Rede von 2011, später 2013, zuletzt 2016. Auch die Boston Consulting Group war noch vor Kurzem sicher, der russische Automarkt werde bis 2020 auf 4,4 Millionen Fahrzeuge anschwellen, getrieben von der boomenden Konjunktur.

Russlands BIP liegt heute auf dem Wert von 2008

Die Realität sieht anders aus. 2017 war der russische Automarkt mit 1,6 Millionen Neuzulassungen weiter entfernt vom Volumen des deutschen (3,45 Millionen) als im Jahr 2005. Da war Putin gerade einmal fünf Jahre im Amt.

Die Einnahmen aus Öl- und Gasverkäufen schieben die russische Konjunktur nicht mehr an. Schon 2013 - das Barrel Öl kostete noch 110 Dollar, Sanktionen waren nicht in Sicht - sank das Wachstum auf 1,3 Prozent. Als der Ölpreis dann 2014 auf 40 Dollar fiel, rutschte das Land in die längste Rezession seit den frühen Neunzigerjahren.

Der von manchen Beobachtern im Westen erwartete Zusammenbruch der wirtschaftlichen Ordnung blieb damals aus. Und: Einige Branchen haben in den vergangenen Jahren beachtliche Erfolge errungen. Russische IT-Firmen etwa zählen zu den innovativsten weltweit. Das Land hat auch im vergangenen Jahr die USA als größter Weizenexporteur abgelöst. Zum ersten Mal hat Russland mehr mit Agrarexporten verdient, als mit Waffenverkäufen (mehr über den Landwirtschaftsboom erfahren Sie hier: "Sanktionen? Super!").

Trotzdem wuchs die Wirtschaft 2017 gerade einmal 1,8 Prozent. Die Prognosen für 2018 und 2019 liegen bei 1,5 bis 2 Prozent. Für Russland, das eigentlich Augenhöhe mit den entwickelten Industrieländern sucht, ist das ein spärlicher Wert. In Dollar gerechnet lag die Wirtschaftskraft Russlands im vergangenen Jahr niedriger als im Jahr 2008 (siehe Grafiken).

Russlands Wirtschaft scheint regelmäßig an eine gläserne Decke zu stoßen - trotz ihres unbestritten großen Potenzials. Der Grund ist die Stärkung der Rolle des Staates in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Um die Macht der Oligarchen und Räuberkapitalisten zu brechen, hat der Kreml immer mehr Wirtschaftsbereiche in Staatshand konzentriert. Damit wollte Putin die Probleme der Neunzigerjahre lösen.

Doch die Strategie, die zu Beginn seiner Präsidentschaft durchaus nachvollziehbar war, ist inzwischen selbst zum größten Problem geworden. Bis zu 70 Prozent der gesamten russischen Wirtschaftskraft entfallen heute auf schwerfällige, staatlich kontrollierte Strukturen. Um Russlands Wachstum zu entfesseln, müsse sich der Kreml "aus der Mehrheit seiner Industriebeteiligungen zurückziehen und mehr Wettbewerb zulassen", fordert der Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft.

Wahrscheinlich ist das nicht. Der seit Putins Amtsantritt im Jahr 2000 stetige Rückgang der Zahl der Armen im Land hat sich umgekehrt, seit 2014 steigt ihre Zahl wieder. Für das Ansehen des Präsidenten im Amt hat das bislang kaum spürbare Folgen. Putins Russland ließ nach dem Ölpreisverfall den Rubel gegen Euro und Dollar dramatisch abwerten. Das half der Wirtschaft, die Krise zu überstehen: Importe aus dem Ausland wurden teurer, russische Produzenten konkurrenzfähiger. Russlands Industrieproduktion wächst deshalb. Die Zeche zahlten allerdings die Bürger: Die Preise stiegen, die Kaufkraft von Einkommen und Renten ist stark gesunken.

Putins Rückhalt in der Bevölkerung ist dennoch ungebrochen. Zuletzt gaben 81 Prozent der Bevölkerung an, zufrieden zu sein dem Staatsoberhaupt.

Seit der Annexion der Krim im Jahr 2014 messen die meisten Russen Putin nicht mehr wie früher am Fortschritt der Wirtschaft - sondern zuerst an den tatsächlichen und vermeintlichen Erfolgen der russischen Außenpolitik. Der Druck, die Wirtschaftspolitik zu ändern, ist auch deshalb gering.

Mehr zum Thema: "Russlands Finanzen sind in exzellenter Verfassung"



insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Badischer Revoluzzer 17.03.2018
1. Putin ist mit Sicherheit ein Oligarch.
Ein Herrscher für Rußland in Rußland. Die Demokratie hat in Rußland bisher wenig Tradition, weshalb es irgendwie auch logisch ist, daß diese Staatsform in diesem Riesenland mit so vielen Völkern, Kulturen und Religionen nicht einfach per Federstrich eingeführt werden kann. Daß er seine Gegner auf die unschöne Art "beseitigen" läßt, ist ebenso jahrhunderte alte russische Tradition. Er macht das, was für sein Land gut und richtig ist. Das gefällt nicht allen. Und wenn es dem ehemaligen Erzfeind RU gut geht, gefällt das den Amerikanern natürlich nicht. Die Probleme die Putin jetzt zusätzlich bekommen hat, sind also zum großen Teil in den USA begründet, die ja auch seit einigen Jahren wirtschaftliche Probleme haben. Hausgemachte, übrigens. Wir Europäer dürfen uns nicht alleine auf unsere Freunde überm großen Teich verlassen, denn die haben ihre eigenen ganz handfesten wirtschaftlichen Interessen. Wir müssen uns neutral und offen nach allen Seiten aufstellen. So werden wir in der Mitte zum bestimmenden Glied im Spiel der beiden Mächte.
mickey66 17.03.2018
2.
Tja, Putin und seine engsten Vertrauten haben nur ein Ziel: Ihre eigenen Taschen zu füllen. Russland ist eines der reichsten Länder der Welt, gemessen an den schier unermesslichen Bodenschätzen. Ich habe auf vielen beruflichen und privaten Reisen die meisten Russen als superfreundliche Menschen kennengelernt, die hart arbeiten und wenig jammern (zumindest viel weniger als die Deutschen). Aber leider sind die Russen sehr anfällig für die Propaganda ihrer Regierung. In Russland kann man wirklich Tatsachen verdrehen, wenn man nur of genug betont, dass es nicht so ist. Irgendwann wird Russland und werden die Russen aufwachen, und dann werden sie leider feststellen, wie viel Putin und seine engste Gefolgschaft wirklich dem Staat und dem Volk geraubt haben. Ein Violinist, der ein privates Vermögen von über 2 Mrd. Dollar auf einem ausländischen Konto hat - mhm, das geht nur in Russland, und das geht nur, wenn er einer der besten Freunde Putins ist.
transsib_reisen 17.03.2018
3. russische Appparatschicks: das Grauen.
Bei aller Sympathie für Russland - leider ist es so, dass das Land und seine unsagbare Elefantenbürokratie auf UdSSR-Niveau zurückgefallen sind: Alle Ausländer sind Menschen II. Klasse, egal ob man jetzt das Doppelte oder Vierfache eines russischen Angestellten verdient als Expat. Kredit- karte nach 10 Jahren stabilen Einkommens bei derselben Bank? NJET. Gibt es nur für Russen! Polizeiliche Anmeldung in St. Petersburg, um endlich GmbH anmelden zu können? NJET. 30 Leute warten beim einzigen offenen Schalter dort, 1 einzige Person wurde abgefertigt, nach 3 Stunden. Alle anderen können wiederkommen. Wir waren jetzt 4 X dort, keine Chance, die Papiere abzugeben. Es ist wieder wie 1975 in diesem Lande.
keine Zensur nötig 17.03.2018
4. Gut gemacht - Herr Bidder,
statt der Hebelschen Hetzartikel mal was Sachliches mit Fakten und Zahlen. Sowas lob ich mir. Ansonsten - jedes Volk wählt sich die Regierung, die es verdient. Im Falle Russlands - wenn die Russen Putin haben wollen, dann sollen sie mit ihm glücklich werden. So vom Westen ganz unbemerkt - in seiner letzten Rede kamen in 2 Stunden zuerst soziale und wirtschaftliche Probleme und Aufgaben für Russland und dann die netten Überraschungen, die die Kalten Krieger des Westens in Alpträume stürzten. Das war ein Novum - damit haben die Russen dem Westen gezeigt, wo er jetzt mal nachholen darf und dass die Sanktionen eher sinnfrei waren. Um wieviel schöner wäre es, wenn die Deutschen entgegen us-Forderungen mit den Russen an einem Strang ziehen würden - dem Albtraum in Übersee, so man George Friedmann bei Stratfor glauben darf. Putin ist KEIN Demokrat in unserem Sinne - wie auch viele Andere. Sein Fehler - er hat den Ausverkauf seines Landes an uns gestoppt und verhindert und betreibt eine Russia First Politik.
paula_f 17.03.2018
5. das kann gar nicht so sein der Kremel rüstet auf
die Wirtschaftsleistung ändert sich gerade - Öl und Gas wird in Massen nach China exportiert - sogar die Türkei kauft Waffen Öl und Gas. Die Russische Armee wird weiter aufgerüstet neue Waffen führen auch zu mehr Waffenexporten in alle Welt. Russland finanziert zwei Kriegseinsätze und durch Embargos wird mehr selbst produziert, Russland stellt sich gegen Clyphosat und Bayer. Dieser Artikel befasst sich mit der Vergangenheit - wie bei einer GmbH Bilanz mit zwei Jahre alten Zahlen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.