Scheidender "Atom-Dino": RWE-Chef Großmann hält Energiewende für machbar
Ein bisschen Versöhnung zum Abschied: Auf seiner letzten Hauptversammlung als RWE-Chef hat Jürgen Großmann die Energiewende als realistisches Vorhaben bezeichnet. Gegen den Atomausstieg der Regierung keilte er dennoch in gewohnter Weise.
Essen - Wie kein anderer deutscher Manager steht Jürgen Großmann für den Widerstand der Wirtschaft gegen den Atomausstieg. Auch nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima versuchte der RWE-Chef noch, Verbündete gegen die Regierungspläne zu mobilisieren. Nun aber steht Großmann vor seinem Abschied und zeigt sich etwas versöhnlicher. Die Energiewende sei prinzipiell machbar, sagte er auf der RWE-Hauptversammlung in Essen. "Im Jahr 2050 kann die deutsche Stromversorgung klimaneutral sein."
Trotz dieses Zugeständnisses keilte Großmann aber wegen des Atomausstiegs in gewohnter Weise gegen die Bundesregierung. "Wir akzeptieren das Primat der Politik, aber wir halten die Beschlüsse der Bundesregierung rund um die Kernenergie nicht für rechtens", sagte der 60-Jährige. Deswegen habe RWE im Februar eine Verfassungsbeschwerde gegen die Novelle des Atomgesetzes eingereicht.
Großmann warnte außerdem, die Energiewende sei kein Selbstläufer. "Es stehen Veränderungen an, die nicht immer wirtschaftlich sinnvoll erscheinen." So seien im vergangenen Jahr auf einen Schlag 40 Prozent der Kernkraftwerkskapazität vom Netz genommen worden. Die Energieversorgung operiere seitdem an der Belastungsgrenze.
RWE will laut Großmann bis 2014 insgesamt 16 Milliarden Euro investieren, insbesondere, um den Kraftwerkspark auszubauen. Seit 2008 seien schon 23 Milliarden Euro verbaut worden. Dazu gehören aber auch Kohlemeiler. In den Ausbau erneuerbarer Energien sollen bei der Tochter RWE Innogy bis 2014 insgesamt vier Milliarden Euro fließen, unter anderem in Windenergie und Stromerzeugung aus Biomasse. Darüber hinaus steckt RWE Milliarden in Offshore-Windparks in Großbritannien.
Umweltschützer protestieren gegen RWE-Kohlekraftwerke
Großmann zog eine positive Bilanz seiner viereinhalb Jahre an der Spitze. "RWE ist flexibler, breiter, intelligenter aufgestellt", sagte er. "Wir sind unverzichtbarer Treiber der Umgestalter der Energiewirtschaft geworden, gerade in den letzten Jahren." Auch von Aktionärsschützern gab es Lob. "Sie werden uns in Erinnerung bleiben, weil sie oft und gerne eine Meinung haben", sagte Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Lieber eine Meinung zu viel als einmal zu viel geduckt."
Umweltschützer, bei denen Großmann als "Atom-Dino" verschrien ist, verlangten hingegen vor der Versammlung von RWE lautstark die Abkehr von Kohlekraftwerken, die RWE behalten will und auch weiter baut. Als mehrere Aktivisten versuchten, im Sicherheitsbereich den Zugang zur Veranstaltungshalle zu blockieren, griff die Polizei ein und nahm rund zehn Personen vorübergehend fest. Nach Angaben der Protestler wurde ein Beteiligter leicht verletzt.
Großmanns Amtszeit glich einer Berg- und Talfahrt. Nachdem die Energiekonzerne unter seiner Führung zunächst die Verlängerung der Atomlaufzeiten durchsetzten, folgte 2011 die Kehrtwende: RWE
musste nach der Atomkatastrophe von Fukushima sein AKW Biblis stilllegen, die Gewinne brachen weg. Der Aktienkurs sank in Großmanns Amtszeit um gut 50 Prozent. Der RWE-Chef gibt im Juli seinen Posten an den Niederländer Peter Terium ab.
dab/dpa/Reuters
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