RWE-Chef im Interview "Wir werden die Kernenergie noch lange brauchen"

RWE-Chef Großmann verteidigt die Atomkraft, selbst wenn er dafür zum Buhmann der Nation wird. In Deutschland werde die Diskussion wie ein Glaubenskrieg geführt, kritisiert er im SPIEGEL-ONLINE-Interview - und macht seinem Ärger über die Technologieverdrossenheit Luft.

Kraftwerk Biblis: "Wir werden eine Lösung finden"
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Kraftwerk Biblis: "Wir werden eine Lösung finden"


SPIEGEL ONLINE: Herr Großmann, wir sind hier beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Eigentlich hatten wir Sie nicht erwartet. Der Ausstieg vom Atomausstieg geht in die heiße Phase - wir vermuteten Sie daher in Berlin in Dauersitzungen mit der Bundesregierung. Machen Sie keine Lobbyarbeit?

Großmann: RWE redet mit allen beteiligten Verhandlungspartnern. Aber das hindert mich persönlich doch nicht, nach Davos zu fahren. Und außerdem stehen in Sachen Kernenergie keine kurzfristigen Entscheidungen an.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also kein bisschen angespannt? Schließlich ist die Restlaufzeit des alten RWE-Kraftwerks Biblis A im Sommer zu Ende. Die Bundesregierung aber will erst im Herbst ihr Energiekonzept vorlegen.

Großmann: Wir werden für Biblis Lösungen finden.

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie die Restlaufzeiten eines seit Jahren stillgelegten Kraftwerks in Stade per Ausnahmeklausel auf Biblis übertragen können. Dafür müssen sie sich nur noch mit E.on-Chef Wulf Bernotat einigen, dem das Stader Werk gehört. Der ist ja auch in Davos - haben Sie schon mit ihm gesprochen?

Großmann: Es geht hier um Entscheidungen nach Recht und Gesetz und nicht um "Tricks" oder "Ausnahmeklauseln". Über Stade möchte ich nicht spekulieren. Muss die Diskussion um die Kernenergie immer wie ein Glaubenskrieg geführt werden?

SPIEGEL ONLINE: Die Angst vor der Atomkraft soll typisch deutsch sein?

Großmann: Mich fragen gerade hier in Davos Kollegen aus anderen Ländern, warum die Deutschen ihre sicheren Kernkraftwerke und damit volkswirtschaftliches Produktivkapital nach 32 Jahren stilllegen. In den Niederlanden gibt es ein Kernkraftwerk, das baugleich ist mit Biblis. Der Reaktor dort soll 60 Jahre laufen. Niemanden dort stört das.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland produzieren Stromkonzerne nach Berechnungen von Greenpeace rund 400 Tonnen Atommüll im Jahr. Und Skandale wie die Lecks im maroden Atommülllager Asse bauen nicht gerade Vertrauen auf. Verstehen Sie nicht, dass Menschen Angst bekommen, wenn Sie den mühsam erkämpften Atomausstieg rückgängig machen wollen?

Großmann: Für die Endlagerung gibt es technisch funktionierende Konzepte. Der Betrieb von Asse erfolgte nicht durch die Energieversorgungsunternehmen. Hier geht es jetzt darum, Lösungen zu finden. Da wollen wir mitarbeiten. Das ändert aber nichts daran, dass Deutschland ohnehin in der Pflicht ist, sein nationales Endlagerkonzept zügig in Angriff zu nehmen - und zwar unabhängig davon, wie man persönlich zur Kernenergie steht oder ob die Laufzeiten verlängert werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel würden die Stromkonzerne verdienen, wenn die Laufzeiten verlängert würden?

Großmann: Das kommt auf die Dauer an und auch auf die Strom- und CO2-Zertifikate-Preise. Über den Daumen gepeilt rechnen wir bei einem großen Meiler wie Biblis mit rund 350 Millionen Euro Betriebsergebnis. Die Regierung hat ja bereits deutlich gemacht, dass zusätzliche Erträge aus einer Laufzeitverlängerung teilweise abgeführt werden sollen. Dazu sind wir bereit. Von diesen Geldern könnte ein Teil zweckgebunden in die Entwicklung erneuerbarer Energien gesteckt werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel würden Sie denn hergeben?

Großmann: Das ist Gegenstand der Gespräche der Branche mit der Bundesregierung. Diesen Gesprächen kann und will ich nicht vorgreifen.

SPIEGEL ONLINE: Sie würden sich also auch finanziell an einer Lösung für Asse beteiligen, wie es jetzt oft verlangt wird? Und ihre Atomkraftwerke so sicher machen, dass auch ein Flugzeugattentat keinen GAU verursacht?

Großmann: Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag klargemacht, dass sie mit der Branche das Thema Asse lösen will. Diesen Gesprächen werden wir uns nicht verschließen. Zudem: Unsere Kernkraftwerke gehören zu den sichersten der Welt. Wir haben hier bereits Milliarden investiert als Branche. Und wir wollen diese hohen Sicherheitsstandards halten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ja zu einigem bereit - warum stecken Sie das ganze Geld nicht einfach in erneuerbare Energien?

Großmann: Weil es nicht zuletzt um Versorgungssicherheit geht. Nehmen Sie diesen Januar: Es ist richtig Winter, und die Leute verbrauchen Unmengen Strom. Von den installierten 25.000 Megawatt Wind Erzeugungskapazität waren an manchen Tagen nur 500 Megawatt am Netz. Es blies wenig Wind, es gab kaum Sonne. Stellen Sie sich vor, 80 Prozent unserer Stromerzeugung hingen von erneuerbaren Energien ab: Da würde in Zeiten wie diesen nicht nur das Licht ausgehen. Das zeigt, dass wir die Atomkraft als Brückentechnologie brauchen, um die richtigen Worte der Bundesregierung zu benutzen. Wobei man noch darüber sprechen muss, wie weit es bis zum anderen Ufer ist...

SPIEGEL ONLINE: ...sprich: Um wie viele Jahre die Laufzeiten verlängert werden. Was schwebt Ihnen vor?

Großmann: Ich kann hier der Bundesregierung nichts vorgeben. Aber international sind 50 Jahre Laufzeit üblich, zum Teil sogar 60 Jahre. Bei uns in Deutschland sollen es nur 32 sein.



Forum - Übertriebene Atom-Angst in Deutschland?
insgesamt 481 Beiträge
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Seite 1
Jordan Sokoł 28.01.2010
1.
Zitat von sysopRWE-Chef Großmann verteidigt die Atomkraft, selbst wenn er dafür zum Buhmann der Nation wird. In Deutschland werde die Diskussion wie ein Glaubenskrieg geführt. Ist die deutsche Angst vor der Atomkraft übertrieben?
Es darf nicht ein einziges Mal ein Störfall in der Größen- ordnung von Harrisburg oder Tschnernobyl auftreten. Allen Bürgern und erst recht den Atommanagern ist klar, daß Deutschland dann mit einem Schlag alle seine Nachkriegs- errungenschaften abschreiben kann. Bei den in der Vergangenheit aufgetretenen Unzuverlässig- keiten samt der damit einhergehenden Vertuschungsanstren- gungen sehe ich keinen Vertrauensvorschuß hinsichtlich der beabsichtigten Laufzeitverlängerungen. - Unsere lieben Abgeordneten sollten in diesem Fall darauf bestehen, bei der anstehenden Abstimmung im Parlament den Fraktionszwang aufzuheben um ihrer inneren Stimme folgen zu können. Ge- lingt dies nicht, dann muß schon das Festhalten am Frak- tionszwang als rigorose Klientelpolitik bewertet werden, von der ein erhebliches Gefährdungspotential für unser Staatswesen ausgeht.
Chromlatte 28.01.2010
2.
Ich denke in erster Hinsicht verteidigt der RWE Lakai sein eigenes Bankkonto - sonst nichts.
lateral 28.01.2010
3.
Zitat von sysopRWE-Chef Großmann verteidigt die Atomkraft, selbst wenn er dafür zum Buhmann der Nation wird. In Deutschland werde die Diskussion wie ein Glaubenskrieg geführt. Ist die deutsche Angst vor der Atomkraft übertrieben?
Ein weiteres Beispiel für manipulative suggestive Fragestellung. Muss das denn sein?
sitiwati 28.01.2010
4. wobei wir
Zitat von lateralEin weiteres Beispiel für manipulative suggestive Fragestellung. Muss das denn sein?
Deutschen laufend manipuliert sind, merkwürdig, wenn ein 8Jähriger auf dei Frage, wovor er am meisetn Angst hat, antwortet: vor der Atombombe habe ich am meisten Angst!
LouisWu 28.01.2010
5.
Zitat von sysopRWE-Chef Großmann verteidigt die Atomkraft, selbst wenn er dafür zum Buhmann der Nation wird. In Deutschland werde die Diskussion wie ein Glaubenskrieg geführt. Ist die deutsche Angst vor der Atomkraft übertrieben?
"Deutsche Angst"® ist weltweit führend bei der Antizipation von virtuellen Gefahren. Sie funktioniert völlig ohne Statistik, es genügt lediglich eine starke Phantasie um die Ablehnung dieser oder jener Technik zu begründen, sei es jetzt Gentechnik oder Atomkraftwerke, oder die Versuche am LHC in der Schweiz. Alles, was der Mensch erdenkt, wird vom Deutschen erst mal auf apokalyptisches Potenzial abgeklopft. Besteht da auch nur eine Wahrscheinlichkeit, die minimal größer als Null ist, dann lehnt man sie vorsichtshalber erst mal vehement ab. (Das der Verbrennungsmotor in D erfunden wurde, kann ich eigentlich kaum glauben. Das Ding funktioniert mit Benzin!) Lesenswert: "Die Statistiklüge" "Ganz besonders dramatisch ist das in unserer Einschätzung von Schadstoffen und Pestiziden in der Nahrung. Wussten Sie, dass 99,99 Prozent davon natürlichen Ursprungs sind? Aber das interessiert die Medien nicht, und es interessiert auch die Verbraucher nicht. Beide schreien nur Alarm, wenn Menschen als Verursacher einer Gefahr identifiziert werden können, denn die Medien brauchen Sündenböcke. Und die Natur ist nun mal ein ganz schlechter Sündenbock. Daher werden natürliche Gefahren im Gegensatz zu künstlichen extrem unterschätzt." http://www.welt.de/vermischtes/article4090473/Beim-Lotto-koennen-kluge-Spieler-mehr-herausholen.html
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