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RWE-Chef im Interview: "Wir werden die Kernenergie noch lange brauchen"

RWE-Chef Großmann verteidigt die Atomkraft, selbst wenn er dafür zum Buhmann der Nation wird. In Deutschland werde die Diskussion wie ein Glaubenskrieg geführt, kritisiert er im SPIEGEL-ONLINE-Interview - und macht seinem Ärger über die Technologieverdrossenheit Luft.

Kraftwerk Biblis: "Wir werden eine Lösung finden" Zur Großansicht
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Kraftwerk Biblis: "Wir werden eine Lösung finden"

SPIEGEL ONLINE: Herr Großmann, wir sind hier beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Eigentlich hatten wir Sie nicht erwartet. Der Ausstieg vom Atomausstieg geht in die heiße Phase - wir vermuteten Sie daher in Berlin in Dauersitzungen mit der Bundesregierung. Machen Sie keine Lobbyarbeit?

Großmann: RWE redet mit allen beteiligten Verhandlungspartnern. Aber das hindert mich persönlich doch nicht, nach Davos zu fahren. Und außerdem stehen in Sachen Kernenergie keine kurzfristigen Entscheidungen an.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also kein bisschen angespannt? Schließlich ist die Restlaufzeit des alten RWE-Kraftwerks Biblis A im Sommer zu Ende. Die Bundesregierung aber will erst im Herbst ihr Energiekonzept vorlegen.

Großmann: Wir werden für Biblis Lösungen finden.

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie die Restlaufzeiten eines seit Jahren stillgelegten Kraftwerks in Stade per Ausnahmeklausel auf Biblis übertragen können. Dafür müssen sie sich nur noch mit E.on-Chef Wulf Bernotat einigen, dem das Stader Werk gehört. Der ist ja auch in Davos - haben Sie schon mit ihm gesprochen?

Großmann: Es geht hier um Entscheidungen nach Recht und Gesetz und nicht um "Tricks" oder "Ausnahmeklauseln". Über Stade möchte ich nicht spekulieren. Muss die Diskussion um die Kernenergie immer wie ein Glaubenskrieg geführt werden?

SPIEGEL ONLINE: Die Angst vor der Atomkraft soll typisch deutsch sein?

Großmann: Mich fragen gerade hier in Davos Kollegen aus anderen Ländern, warum die Deutschen ihre sicheren Kernkraftwerke und damit volkswirtschaftliches Produktivkapital nach 32 Jahren stilllegen. In den Niederlanden gibt es ein Kernkraftwerk, das baugleich ist mit Biblis. Der Reaktor dort soll 60 Jahre laufen. Niemanden dort stört das.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland produzieren Stromkonzerne nach Berechnungen von Greenpeace rund 400 Tonnen Atommüll im Jahr. Und Skandale wie die Lecks im maroden Atommülllager Asse bauen nicht gerade Vertrauen auf. Verstehen Sie nicht, dass Menschen Angst bekommen, wenn Sie den mühsam erkämpften Atomausstieg rückgängig machen wollen?

Großmann: Für die Endlagerung gibt es technisch funktionierende Konzepte. Der Betrieb von Asse erfolgte nicht durch die Energieversorgungsunternehmen. Hier geht es jetzt darum, Lösungen zu finden. Da wollen wir mitarbeiten. Das ändert aber nichts daran, dass Deutschland ohnehin in der Pflicht ist, sein nationales Endlagerkonzept zügig in Angriff zu nehmen - und zwar unabhängig davon, wie man persönlich zur Kernenergie steht oder ob die Laufzeiten verlängert werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel würden die Stromkonzerne verdienen, wenn die Laufzeiten verlängert würden?

Großmann: Das kommt auf die Dauer an und auch auf die Strom- und CO2-Zertifikate-Preise. Über den Daumen gepeilt rechnen wir bei einem großen Meiler wie Biblis mit rund 350 Millionen Euro Betriebsergebnis. Die Regierung hat ja bereits deutlich gemacht, dass zusätzliche Erträge aus einer Laufzeitverlängerung teilweise abgeführt werden sollen. Dazu sind wir bereit. Von diesen Geldern könnte ein Teil zweckgebunden in die Entwicklung erneuerbarer Energien gesteckt werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel würden Sie denn hergeben?

Großmann: Das ist Gegenstand der Gespräche der Branche mit der Bundesregierung. Diesen Gesprächen kann und will ich nicht vorgreifen.

SPIEGEL ONLINE: Sie würden sich also auch finanziell an einer Lösung für Asse beteiligen, wie es jetzt oft verlangt wird? Und ihre Atomkraftwerke so sicher machen, dass auch ein Flugzeugattentat keinen GAU verursacht?

Großmann: Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag klargemacht, dass sie mit der Branche das Thema Asse lösen will. Diesen Gesprächen werden wir uns nicht verschließen. Zudem: Unsere Kernkraftwerke gehören zu den sichersten der Welt. Wir haben hier bereits Milliarden investiert als Branche. Und wir wollen diese hohen Sicherheitsstandards halten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ja zu einigem bereit - warum stecken Sie das ganze Geld nicht einfach in erneuerbare Energien?

Großmann: Weil es nicht zuletzt um Versorgungssicherheit geht. Nehmen Sie diesen Januar: Es ist richtig Winter, und die Leute verbrauchen Unmengen Strom. Von den installierten 25.000 Megawatt Wind Erzeugungskapazität waren an manchen Tagen nur 500 Megawatt am Netz. Es blies wenig Wind, es gab kaum Sonne. Stellen Sie sich vor, 80 Prozent unserer Stromerzeugung hingen von erneuerbaren Energien ab: Da würde in Zeiten wie diesen nicht nur das Licht ausgehen. Das zeigt, dass wir die Atomkraft als Brückentechnologie brauchen, um die richtigen Worte der Bundesregierung zu benutzen. Wobei man noch darüber sprechen muss, wie weit es bis zum anderen Ufer ist...

SPIEGEL ONLINE: ...sprich: Um wie viele Jahre die Laufzeiten verlängert werden. Was schwebt Ihnen vor?

Großmann: Ich kann hier der Bundesregierung nichts vorgeben. Aber international sind 50 Jahre Laufzeit üblich, zum Teil sogar 60 Jahre. Bei uns in Deutschland sollen es nur 32 sein.

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Forum - Übertriebene Atom-Angst in Deutschland?
insgesamt 481 Beiträge
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1.
Jordan Sokoł 28.01.2010
Zitat von sysopRWE-Chef Großmann verteidigt die Atomkraft, selbst wenn er dafür zum Buhmann der Nation wird. In Deutschland werde die Diskussion wie ein Glaubenskrieg geführt. Ist die deutsche Angst vor der Atomkraft übertrieben?
Es darf nicht ein einziges Mal ein Störfall in der Größen- ordnung von Harrisburg oder Tschnernobyl auftreten. Allen Bürgern und erst recht den Atommanagern ist klar, daß Deutschland dann mit einem Schlag alle seine Nachkriegs- errungenschaften abschreiben kann. Bei den in der Vergangenheit aufgetretenen Unzuverlässig- keiten samt der damit einhergehenden Vertuschungsanstren- gungen sehe ich keinen Vertrauensvorschuß hinsichtlich der beabsichtigten Laufzeitverlängerungen. - Unsere lieben Abgeordneten sollten in diesem Fall darauf bestehen, bei der anstehenden Abstimmung im Parlament den Fraktionszwang aufzuheben um ihrer inneren Stimme folgen zu können. Ge- lingt dies nicht, dann muß schon das Festhalten am Frak- tionszwang als rigorose Klientelpolitik bewertet werden, von der ein erhebliches Gefährdungspotential für unser Staatswesen ausgeht.
2.
Chromlatte 28.01.2010
Ich denke in erster Hinsicht verteidigt der RWE Lakai sein eigenes Bankkonto - sonst nichts.
3.
lateral 28.01.2010
Zitat von sysopRWE-Chef Großmann verteidigt die Atomkraft, selbst wenn er dafür zum Buhmann der Nation wird. In Deutschland werde die Diskussion wie ein Glaubenskrieg geführt. Ist die deutsche Angst vor der Atomkraft übertrieben?
Ein weiteres Beispiel für manipulative suggestive Fragestellung. Muss das denn sein?
4. wobei wir
sitiwati 28.01.2010
Zitat von lateralEin weiteres Beispiel für manipulative suggestive Fragestellung. Muss das denn sein?
Deutschen laufend manipuliert sind, merkwürdig, wenn ein 8Jähriger auf dei Frage, wovor er am meisetn Angst hat, antwortet: vor der Atombombe habe ich am meisten Angst!
5.
LouisWu 28.01.2010
Zitat von sysopRWE-Chef Großmann verteidigt die Atomkraft, selbst wenn er dafür zum Buhmann der Nation wird. In Deutschland werde die Diskussion wie ein Glaubenskrieg geführt. Ist die deutsche Angst vor der Atomkraft übertrieben?
"Deutsche Angst"® ist weltweit führend bei der Antizipation von virtuellen Gefahren. Sie funktioniert völlig ohne Statistik, es genügt lediglich eine starke Phantasie um die Ablehnung dieser oder jener Technik zu begründen, sei es jetzt Gentechnik oder Atomkraftwerke, oder die Versuche am LHC in der Schweiz. Alles, was der Mensch erdenkt, wird vom Deutschen erst mal auf apokalyptisches Potenzial abgeklopft. Besteht da auch nur eine Wahrscheinlichkeit, die minimal größer als Null ist, dann lehnt man sie vorsichtshalber erst mal vehement ab. (Das der Verbrennungsmotor in D erfunden wurde, kann ich eigentlich kaum glauben. Das Ding funktioniert mit Benzin!) Lesenswert: "Die Statistiklüge" "Ganz besonders dramatisch ist das in unserer Einschätzung von Schadstoffen und Pestiziden in der Nahrung. Wussten Sie, dass 99,99 Prozent davon natürlichen Ursprungs sind? Aber das interessiert die Medien nicht, und es interessiert auch die Verbraucher nicht. Beide schreien nur Alarm, wenn Menschen als Verursacher einer Gefahr identifiziert werden können, denn die Medien brauchen Sündenböcke. Und die Natur ist nun mal ein ganz schlechter Sündenbock. Daher werden natürliche Gefahren im Gegensatz zu künstlichen extrem unterschätzt." http://www.welt.de/vermischtes/article4090473/Beim-Lotto-koennen-kluge-Spieler-mehr-herausholen.html
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Zur Person
Jürgen Großmann, Jahrgang 1952, leitet RWE seit Oktober 2007. Der für seine klare Sprache bekannte Manager stammt aus Mülheim an der Ruhr und war vor seinem Wechsel in die Energiebranche in der Stahlindustrie tätig. Der 2,05 Meter große Dr. Ing. wurde vor allem als Sanierer der maroden Georgsmarienhütte bekannt, die er 1993 für den symbolischen Preis von zwei Mark vor dem Aus rettete. Großmann ist verheiratet und hat drei Kinder. Er ist begeisterter Skifahrer, Regatten-Segler sowie Gesellschafter des Zwei-Sterne-Restaurants "La Vie" in Osnabrück.

Der Konzern
Die RWE AG ist mit einem Umsatz von rund 49 Milliarden Euro nach E.on der zweitgrößte Energieanbieter Deutschlands. Der Konzern hat 66.800 Mitarbeiter. Weil fast zwei Drittel der Kraftwerkskapazität auf Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke fallen, ist RWE der größte CO2-Emittent unter den deutschen Erzeugern.
Atom-Comeback
Was die Energieriesen am Atom-Comeback verdienen könnten.
Extra-Einnahmen der Stromkonzerne
Atom-Comeback: Extra-Einnahmen der Stromkonzerne in Milliarden Euro
bei einem Strompreis von
50 €/MWh
bei einem Strompreis von
80 €/MWh
bei einem Strompreis von
120 €/MWh
bei einer Laufzeit von
40 Jahren
27 61 106
bei einer Laufzeit von
60 Jahren
83 193 339
Quelle: Wolfgang Paffenberger
Extra-Profite, Laufzeit 40 Jahre
Atom-Comeback: Extra-Profite in Mrd. Euro bei Laufzeit von 40 Jahren*
brutto Steuern ** netto
E.on 23 5,9 16,6
RWE 19 4,9 13,7
EnBW *** 13 3,5 9,7
Vattenfall 6 1,6 4,5
Übrige 0,7 0,2 0,5
gesamt 61 16,1 44,9
* bei einem Strompreis von 80 €/MWh
** Körperschaftsteuer, Gewerbesteuer, Solidaritätszuschlag (=26 Prozent)
*** inklusive Anteil der Deutschen Bahn
Quelle: Wolfgang Pfaffenberger
Extra-Profite, Laufzeit 60 Jahre
Atom-Comeback: Extra-Profite in Mrd. Euro bei Laufzeit von 60 Jahren*
brutto Steuern ** netto
E.on 76 19,9 55,8
RWE 55 14,6 40,9
EnBW *** 39 10,2 28,5
Vattenfall 21 5,5 15,3
Übrige 2 0,6 1,7
gesamt 193 50,8 142,2
* bei einem Strompreis von 80 €/MWh
** Körperschaftsteuer, Gewerbesteuer, Solidaritätszuschlag (=26 Prozent)
*** inklusive Anteil der Deutschen Bahn
Quelle: Wolfgang Pfaffenberger
Extra-Profit der Konzerne bei einer Laufzeit von 40 Jahren
Extra-Profit der Konzerne in Mio. Euro bei Laufzeit von 40 Jahren *
brutto Steuern ** netto
2010 1477 389 1088
2011 2305 607 1698
2012 2637 694 1942
2013 2637 694 1942
2014 3112 819 2292
2015 2677 705 1972
2016 4105 1081 3024
2017 4088 1076 3012
2018 4271 1124 3147
2019 3770 993 2778
2020 4928 1297 3631
2021 4928 1297 3631
2022 4453 1172 3281
2023 4453 1172 3281
2024 3984 1049 2935
2025 2000 527 1474
2026 2000 527 1474
2027 1490 392 1098
2028 1490 392 1098
* bei einem Strompreis von 80 €/MWh
** Körperschaftsteuer, Gewerbesteuer, Solidaritätszuschlag (=26 Prozent)
Quelle: Wolfgang Pfaffenberger
Extra-Profit der Konzerne bei einer Laufzeit von 60 Jahren
Extra-Profit der Konzerne in Mio. Euro bei Laufzeit von 60 Jahren *
brutto Steuern ** netto
2010 1477 389 1088
2011 2305 607 1698
2012 2637 694 1942
2013 2637 694 1942
2014 3112 819 2292
2015 2677 705 1972
2016 4105 1081 3024
2017 4810 1266 3544
2018 5308 1397 3911
2019 5289 1392 3897
2020 6767 1781 4985
2021 6767 1781 4985
2022 6749 1777 4973
2023 6749 1777 4973
2024 6732 1772 4960
2025 6658 1753 4906
2026 6658 1753 4906
2027 6640 1748 4892
2028 6640 1748 4892
2029 6584 1733 4851
2030 6584 1733 4851
2031 6584 1733 4851
2032 6584 1733 4851
2033 6584 1733 4851
2034 6584 1733 4851
2035 6584 1733 4851
2036 6584 1733 4851
2037 5863 1543 4319
2038 5548 1460 4087
2039 5065 1333 3732
2040 4746 1249 3497
2041 4746 1249 3497
2042 4288 1129 3159
2043 4288 1129 3159
2044 3836 1010 2826
2045 1926 507 1419
2046 1926 507 1419
2047 1434 378 1057
2048 1434 378 1057
* bei einem Strompreis von 80 €/MWh
** Körperschaftsteuer, Gewerbesteuer, Solidaritätszuschlag (=26 Prozent)
Quelle: Wolfgang Pfaffenberger

Atomkraftwerke in Deutschland
Zahlen
In Deutschland sind formal derzeit noch 17 Atomkraftwerke in Betrieb. Tatsächlich am Netz sind aber deutlich weniger: Brunsbüttel ist nach mehreren schweren Pannen seit weit mehr als einem Jahr abgeschaltet. Krümmel wurde nach einem Brand im Juni 2007 erst im Juni 2009 wieder hochgefahren. Der älteste Meiler, Biblis A, ist seit Ende Februar nicht mehr am Netz und wird derzeit gewartet. Der benachbarte Block Biblis B ist seit Januar 2009 wegen Revisionsarbeiten abgeschaltet. Das AKW Stade ging Ende 2003 außer Betrieb und wurde 2005 stillgelegt. Obrigheim ging Mitte 2005 außer Betrieb.
Geografische Verteilung
Die meisten Atomkraftwerke gibt es in Bayern. Dort stehen fünf AKW: Isar 1 und 2, Gundremmingen B und C, sowie Grafenrheinfeld. In Baden-Württemberg gibt es vier Atomkraftwerke: Neckarwestheim 1 und 2, sowie Philippsburg 1 und 2. Je drei Anlagen stehen in Schleswig-Holstein (Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel) und in Niedersachsen (Unterweser, Grohnde, Emsland). In Hessen stehen Biblis A und Biblis B.
Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.


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