Konzernumbau bei RWE Die Guten ins Töpfchen

RWE hat die Energiewende gründlich verschlafen, jetzt macht der Konzern einen radikalen Schnitt: Vorstandschef Terium will die zukunftsfähigen Geschäftsfelder in einer Tochtergesellschaft bündeln - und diese an die Börse bringen.

RWE-Chef Terium: Neue Strategie soll den Konzern retten
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RWE-Chef Terium: Neue Strategie soll den Konzern retten

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Endlich. Endlich bewegt sich etwas beim Kohlekonzern RWE, dürften Aktionäre gedacht haben. Als am Dienstagmittag Aufspaltungsgerüchte die Runde machten, schnellte der Aktienkurs des zweitgrößten deutschen Energieversorgers um bis zu zwölf Prozent in die Höhe. RWE-Vorstandschef Peter Terium musste seine Pläne in einer eilig angesetzten Telefonkonferenz erläutern, auch wenn der Aufsichtsrat noch gar nicht zugestimmt hat.

Terium sprach von einer kleinen Revolution, die RWE jetzt vorhabe, räumte aber auch große Versäumnisse ein. Der Konzern habe zu viel Geld in den Ausbau der konventionellen Kraftwerke gesteckt - auch wegen interner Widerstände. "Es gab zu wenig Veränderungsbereitschaft, und das ausgerechnet in der Energiewende. Vielerorts wurde bei uns lieber der Kopf in den Sand gesteckt", sagte Terium.

Aufgespalten werde RWE zwar ausdrücklich nicht, aber die Geschäftsfelder erneuerbare Energien, Netze und Vertrieb sollen in einer neuen Tochtergesellschaft gebündelt werden - die anschließend an die Börse gehen soll. So will sich der Konzern einen weiteren Zugang zum Kapitalmarkt verschaffen, die hohen Schulden abbauen und die Abhängigkeit von Gas- und Kohlekraftwerken verringern.

Wie sieht die neue Gesellschaft aus?

Die alte RWE AG wird eine neue Gesellschaft gründen, an der sie 100 Prozent hält. Das neue Unternehmen (einen Namen gibt es noch nicht) wird drei Standbeine haben:

  • den Geschäftsbereich erneuerbare Energien mit einem Portfolio von gut 3,5 Gigawatt Leistung, vor allem in der Windenergie
  • den Bereich Stromnetze mit einem insgesamt 550.000 Kilometer langen Verteilnetz
  • den Vertrieb mit gut 23 Millionen Kunden in zwölf europäischen Ländern

Nach RWE-Schätzungen wird die neue Gesellschaft zunächst einen Umsatz von mehr als 40 Milliarden Euro erzielen - rund 40.000 der knapp 60.000 Mitarbeiter des alten RWE-Konzerns sollen dort beschäftigt sein.

Was wird aus der alten RWE?

Die alte RWE soll sich vor allem auf das konventionelle Kraftwerksgeschäft konzentrieren, also auf die Kohle- und Atomkraftwerke. Die Aussichten für diese Gesellschaft sind eher trüb - das räumt RWE selbst in einer Präsentation für Analysten ein. Eine Folie zeigt, wie das konventionelle Kraftwerksgeschäft durch die sinkenden Großhandelspreise immer weniger Geld abwirft. Es bestehe das "Risiko eines weiteren Strompreisverfalls", heißt es.

Gewinnträchtiger erscheint hingegen der Handel mit Energie und Rohstoffen, der ebenfalls bei der alten RWE bleibt - und ausgebaut werden soll: Man wolle "in neue Märkte und Rohstoffe" expandieren, versprach RWE bei der Präsentation seiner Pläne noch recht unkonkret.

Wann soll die neue Tochter gegründet werden?

Schon 2016 soll die neue Gesellschaft gegründet werden, im besten Fall soll schon Ende kommenden Jahres der Börsengang folgen. Zehn Prozent der neuen RWE sollen im Zuge einer Kapitalerhöhung an die Börse gebracht werden. Es ist der Versuch, neue Investoren für den klammen Konzern zu finden.

Ist schon sicher, dass es so weit kommt?

Nein, aber sehr wahrscheinlich. Der Aufsichtsrat will am 11. Dezember über eine Aufteilung des Konzerns beraten. Ob er die Aufspaltung letztlich genehmigt, ist noch unklar. So hätten zum Beispiel die Kommunen, die als RWE-Aktionäre ein Mitspracherecht haben, noch Vorbehalte, sagte ein Insider SPIEGEL ONLINE. Allerdings betonte Terium, dass die Pläne mit dem Aufsichtsrat abgesprochen seien.

Stiehlt sich RWE aus der Verantwortung für die Atom-Altlasten?

Terium hat das nachdrücklich verneint: "Wir werden uns der Verantwortung für Kohle und Atomkraft nicht entziehen", sagte der Vorstandschef, sowie: "Keine Haftungsmasse wird entzogen, kein Euro verlässt den Konzern."

Damit betont der RWE-Chef einen großen Unterschied zu der Abspaltung, die Konkurrent E.on Ende Januar 2016 umsetzen will: Während im Fall E.on am Ende zwei völlig eigenständige Gesellschaften stehen sollen, verspricht Terium, RWE werde auch auf lange Sicht die Mehrheit an der neuen Gesellschaft behalten.

Nach derzeitigem Stand des geplanten Nachhaftungsgesetzes würde die Tochterfirma zwar nicht für die Verpflichtungen der Mutter geradestehen müssen, also auch nicht für die Kosten des Atomausstiegs. Terium bestätigte das: "Neue Aktionäre haften nicht für Atomlasten."

Doch gerade das könnte für eine bessere Absicherung des Atomrückbaus sorgen - so zumindest die Argumentation Teriums: Weil die neue Gesellschaft nicht selbst für die Atomaltlasten haften muss, wird sie für Investoren attraktiv. Dadurch wird sie an der Börse wesentlich höher bewertet, als es die in ihr gebündelten Geschäftsbereiche jetzt sind. Der kräftige Kursgewinn der RWE-Aktie an diesem Dienstag ist ein Vorgeschmack darauf.

Die alte RWE behält einen 90-Prozent-Anteil an dieser wertvollen Gesellschaft. Sie kann also Aktien der neuen Gesellschaft verkaufen, wenn sie Geld braucht - etwa für den Rückbau der Atomkraftwerke und die Endlagerung des Atommülls. Das versetze RWE "noch besser in die Lage, bei Bedarf unsere Rückstellungen zu bedienen", sagte Terium. Im schlimmsten Fall, so der RWE-Chef, bliebe die Haftungssumme für die Altlasten also gleich hoch, ansonsten steige die Summe.

Allerdings setzt dieses Kalkül voraus, dass die neue RWE tatsächlich erfolgreich wirtschaften wird.

fdi/nck/ssu

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
tempus fugit 01.12.2015
1. Gleiches Muster...
...wie bei E.ON! bad-EVU (Atom- und Kohlehinterlassenschaften in 100Mia. Höhe!) sollen dem Staat ans Bein gebunden werden und fangt das Monopolspielchen eerneut an - die Fundamente werden doch schon vorbereitet: http://www.spiegel.de/forum/wirtschaft/erneuerbare-energien-gesetz-regierung-will-feste-oekostromfoerderung-fast-komplett-abs-thread-386079-1.html Ach so - thread ja schon wieder dicht. Betreibt SPON jetzt schon Meinungsmache für die EVU?!... Um das hier ging's vor 3 Monaten... Auch bei SPON: @ Forum: Wirtschaft Kosten des Ausstiegs: Gabriel will Outsourcing-Trick der Atomkonzerne stoppen DPA Energiekonzerne lagern ihr Atomgeschäft in Tochterfirmen aus - und könnten sich so der Milliardenhaftung für den AKW-Rückbau entledigen. Wirtschaftsminister Gabriel will dieses Schlupfloch nun stopfen. @ Aber was interessiert Politiker ihr Geschwätz von 'gestern'?!!!
roughneckgermany 01.12.2015
2.
Das funktioniert wie? Die alte RWE gewährt der neuen einen Kredit für die Kraftwerke und holt sich über die Beteiligung das Geld zurück? Dann muss die neue RWE aber schnell, viel und lange Geld verdienen! Man hat übrigens nicht die Wende verschlafen sondern einfach nicht gewollt sonst wäre man 2011 schon gut aufgestellt gewesen. Stattdessen hat man auf einen weiteren Sieg von Schwarz-Gelb und somit Fortführung der AKW bis zum St. Nimmerleinstag gesetzt.
eckawol 01.12.2015
3. Alter Anzug > Neuer Anzug
Frage ist dann auch, wieviel Knöpfe für die vielen öffentlich-rechtlichen Aktionäre bleiben, die die jährlichen Dividenausschüttungen in ihre jährlichen Haushalte einplanen.
Byrne 01.12.2015
4. Kein Wunder
Das bisherige Geschäftsmodell, welches sich hauptsächlich auf die Energieerzeugung aus fossilen Trägern gründet, funktioniert mittlerweile nicht mehr als Geschäft. Jeder Kaufmann gliedert solch ein Geschäft erstmal aus oder verkauft es gleich oder schickt es in die Insolvenz. Letzteres wird allerdings nicht geschehen, weil der Kraftwerkspark zum Großteil nach wie vor gebraucht wird. Also wird der Saat resp. der Steuerzahler über kurz oder lang diesen Geschäftsteil übernehmen müssen. Wer sonst?
V for Vendetta 01.12.2015
5. Der Steuerzahler freut sich ...
... wenn dann die "alte RWE" Pleite geht und er den Rückbau der Atommeiler finanzieren darf.
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