RWE-Hauptversammlung: Aktionäre revoltieren gegen Atomboss Großmann
Eklat beim Energiekonzern RWE: Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen haben kommunale Aktionäre den Vorstandschef Jürgen Großmann kurz vor der Hauptversammlung massiv kritisiert. Grund ist das Festhalten des Top-Managers an der Atomkraft - ein Teil der Anteilseigner will aussteigen.
Manchmal, so scheint es, hat Jürgen Großmann beinahe visionäre Vorahnungen. Als der RWE-Chef seinen Aktionären im Februar eine Rekordbilanz präsentierte, war er es selbst, der die Euphorie ein wenig dämpfte. "Wenn man auf einem Gipfel steht, geht es in jeder Richtung nur bergab", sagte der 59-Jährige damals.
Kurz darauf kam es im japanischen Kernkraftwerk Fukushima zu einer der bislang schwersten Reaktorkatastrophen des Atomzeitalters. Und Großmann stürzte vom Gipfel seiner Macht.
Im Herbst 2010 hatte der Manager, den Kollegen bisweilen mit dem Namen "Dino" kosen, noch mit Hilfe einer umstrittenen Anzeigenkampagne maßgeblich dazu beigetragen, dass die Regierung die AKW-Laufzeiten großzügig verlängerte. Jetzt lautet der parteiübergreifende Konsens: "Raus aus der Atomkraft" - und Atom-Dino Großmann droht, in die Isolation zu rutschen. So klagt RWE als einziger der vier großen Energiekonzerne gegen das Atommoratorium der Bundesregierung. Großmann musste sich dafür von E.on-Chef Johannes Teyssen in einer internen Besprechung kritisieren lassen.
Und nun verliert der Manager auch im eigenen Konzern an Rückhalt. Mehrere Aufsichtsräte kritisierten den Vorstandsvorsitzenden für sein Festhalten an der Atomkraft. Wie verhärtet die Fronten sind, zeigte sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE am Tag vor der Hauptversammlung an diesem Mittwoch.
Großmann war überrascht vom Widerstand
Gegen 16 Uhr tagten am Dienstag zunächst die kommunalen Aktionäre von RWE. Mit ihren Regionalverbänden halten sie rund 25 Prozent der RWE-Aktien. Zusammen mit den Arbeitnehmervertretern können sie im Aufsichtsrat jede wichtige Entscheidung blockieren. Unter den etwa 40 anwesenden Gesellschaftern habe ein breiter Konsens für einen raschen Atomausstieg geherrscht, berichtet ein Sitzungsteilnehmer. Man habe vereinbart, sich bald erneut zu treffen, um Vorschläge zur Änderung der Konzernstrategie auszuarbeiten. Diese wolle man dem Vorstand vorlegen. Die Unterstützung der Gewerkschaft Ver.di, die für die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat sitzt, ist den Kommunen in diesem Punkt gewiss. Sie hat sich bereits 2007 auf ihrem Bundeskongress auf einen "schnellstmöglichen Atomausstieg" festgelegt.
Am Dienstagabend gegen 17 Uhr kam es dann einem Augenzeugen zufolge zur direkten Konfrontation zwischen kommunalen Aktionären und dem RWE-Vorstand. Um diese Zeit tagte der Beirat, in dem viele Bürgermeister und Landräte sitzen. Mehrere Aktionäre hätten Großmann auf dieser Sitzung deutlich gemacht, dass der Konzern eine neue Strategie brauche und man sein Festhalten an der Atomkraft problematisch finde. Der Protest sei parteiübergreifend gewesen. Nur ein einziger Landrat habe den aktuellen Konzernkurs verteidigt.
Großmann habe sich über den breiten Protest überrascht gezeigt - und betont, ein rascher Ausstieg aus der Atomkraft sei mit ihm nur schwer zu machen.
Atomkraftgegner stören Großmanns Rede
Diese Position machte er auch in seiner Rede auf der Hauptversammelung deutlich: "Die deutschen Kernkraftwerke erfüllen die geltenden Sicherheitsanforderungen. In jedem anderen Fall hätten sie bereits zuvor abgeschaltet werden müssen. Daran ändern die Ereignisse in Japan nichts", sagte der RWE-Chef. "Unsere Regierung hat nach dem Motto gehandelt: Erst abschalten, dann prüfen."
Mit der Klage des Konzerns gegen das Atom-Moratorium habe das Unternehmen seine Verpflichtung gegenüber den Aktionären erfüllt. "Das sind wir Ihnen, unseren Aktionären schuldig", sagte Großmann. "Die Klage ist weder eine Kampfansage an die Politik, noch wollen wir die Menschen brüskieren, die sich ernsthaft sorgen." Der RWE-Chef warnte, steigende Strompreisen könnten in Deutschland zur Schließung von Werken der energieintensiven Aluminiumindustrie führen.
Großmann musste seine Rede mehrfach unterbrechen, weil Atomkraftgegner dazwischenriefen. Eine Gruppe von Demonstranten verschaffte sich vor dem Podium mit Rufen wie "Abschalten" lautstark Gehör. Auch auf den Rängen kam es immer wieder zu Zwischenrufen und zu teilweise tumultartigen Szenen, bei denen Sicherheitskräfte Transparente herunterrissen. Die AKW-Gegner wurden unter dem Applaus von Aktionären aus dem Saal geführt.
Großmann droht der öffentliche Eklat
Bereits in den vergangenen Wochen hatten Aktionäre gegen den Pro-Atom-Kurs von RWE revoltiert. Das geht aus internen Dokumenten hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegen. So schickte Steffen Mues (CDU), der Bürgermeister der Stadt Siegen, am 15. April einen Brief an Großmann. In diesem heißt es: "Die Ereignisse in Japan belegen, dass es sich bei der Kernenergie um eine risikobehaftete Technologie handelt. In diesem Sinne appelliere ich an Sie, die Voraussetzungen für einen schnellstmöglichen Ausstieg aus der Kernenergie zu schaffen."
Reinhard Paß, Oberbürgermeister der Stadt Essen, legte seine Position zur RWE-Strategie in einem Brief an die Grünen-Fraktion des Stadtrats dar. Diese hatte den SPD-Politiker aufgefordert, die RWE-Klage gegen das Atommoratorium im Aufsichtsrat der RWE Power AG zu kritisieren. Die Klage halte er für falsch, schreibt Paß. Allerdings könne der Aufsichtsrat der RWE Power AG dagegen kaum etwas bewirken. Zuständig sei die Holding der RWE AG. Er werde seine Kritik aber gerne bei passender Gelegenheit artikulieren.
Bericht über geplante AKW-Beteiligung in den Niederlanden
Zum Groll der Atom-Gegner dürfte auch ein Bericht beitragen, wonach RWE sich an einem AKW-Bau in den Niederlanden beteiligen will. Laut "Westfälischer Rundschau" plant der Konzern nach einem Vorstandsbeschluss eine 20-Prozent-Beteiligung für einen Kraftwerksbau in Zeeland. Das niederländische Wirtschaftsministerium habe vergangene Woche den Weg bereits frei gemacht, hieß es.
Auch von der polnischen Regierung wird RWE offenbar umworben. Laut "Wirtschaftswoche" will der polnische Ministerpräsident Donald Tusk den Essener Energiekonzern für den Betrieb eines neuen Atomkraftwerks gewinnen. Tusk wolle RWE einladen, sich mit mindestens 20 Prozent am Hauptinvestor PGE (Polska Grupa Energetyczna) zu beteiligen, berichtete die Zeitung unter Berufung auf Kreise im Warschauer Wirtschaftsministerium. Vor allem "die konsequente Pro-Atom-Politik von Jürgen Grossmann" sei ein ermutigendes Zeichen für die Polen, das Atomkraftwerk zusammen mit RWE zu betreiben.
PGE will den in den neunziger Jahren gestoppten Bau eines Atomkraftwerks in Zarnowiec bei Danzig mit modernster Technik zu Ende bringen. Bauen soll das Kraftwerk der französische Areva-Konzern. RWE soll dem Bericht zufolge als erfahrener Atomkraftwerksbetreiber in ein polnisch-deutsches Betreiberkonsortium einsteigen.
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- Mittwoch, 20.04.2011 – 09:19 Uhr
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| Leistung älterer deutscher Kernkraftwerke | |||
| Kraftwerk | Betriebs- start |
Defekte | Netto- leistung in MW |
| Brunsbüttel | 1977 | 80 | 771 |
| Isar 1 | 1979 | 44 | 878 |
| Neckarwestheim 1 | 1976 | 47 | 785 |
| Philippsburg 1 | 1980 | 39 | 890 |
| Biblis A | 1974 | 66 | 1167 |
| Biblis B | 1976 | 78 | 1240 |
| Unterweser | 1978 | 49 | 1345 |
| Gesamt | 7076 | ||
| Quelle: Bundesumweltministerium, Bundesamt für Strahlenschutz, IAEA - Power Reactor Information System, Informationskreis KernEnergie | |||
| Durchschnittliche Jahresstromproduktion und Gesamtumsatz Altreaktoren | ||
| Kraftwerk | Leistung in MW | Produktion in TWh |
| Biblis A | 1167 | 8,1 |
| Neckarwestheim 1 | 785 | 5,4 |
| Biblis B | 1240 | 8,6 |
| Brunsbüttel | 771 | 0,0 (nicht am Netz) |
| Isar 1 | 878 | 6,1 |
| Unterweser | 1345 | 9,3 |
| Philippsburg 1 | 890 | 6,1 |
| Gesamt | 7076 | 43,6 |
| Jahresumsatz gesamt in Mio. € | 2310 | |
Quelle: Energiekonzerne, Bundesumweltministerium, Bundesamt für Strahlenschutz; Berechnungen: Wolfgang Pfaffenberger. Ausgegangen wird von einer Jahresproduktion von 6900 Volllaststunden und dem Grundlastpreis vom 15.3.11 (53 Millionen Euro pro Terawattstunde).
|
||
| Reststrommengen der Altmeiler | ||
| Kraftwerk | Reststrom 1. Januar 2011 | Reststrom aktuell* |
| Biblis A | 4305 | 3332 |
| Biblis B (in Revision) | 4961 | 7490 |
| Neckarwestheim I | 188 | 0 |
| Brunsbüttel (nicht am Netz) | 10999 | 10999 |
| Isar 1 | 3585 | 2276 |
| Unterweser | 13572 | 11344 |
| Philippsburg 1 | 9869 | 8518 |
| Gesamt | 43959 | |
| Umsatzpotential in Mio. € | 2329 | |
Quellen: Bundesamt für Strahlenschutz, VGB. * Eigene Berechnungen (Reststrom 1. Januar 2011 minus [Jahreswert 2010 geteilt durch 12 mal 2,5 Monate]). Die Tabelle gibt die Reststrommengen ohne die im vergangenen Jahr beschlossene Laufzeitverlängerung wieder. |
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- Energiestudie: Greenpeace wirft Stromriesen Blockade vor (19.04.2011)
- Interne Berechnungen: RWE profitiert von Biblis-Ausstieg (16.04.2011)
- Atomausstieg: Länder entdecken die Kohle neu (15.04.2011)
- Energiegipfel: Aussteigertreffen im Bundesökoamt (15.04.2011)
- Atomdebatte bei Illner: Wir sind das Volt (15.04.2011)
- Energiepolitik: Wie die Regierung die Atomlücke schließen will (10.04.2011)
- Kampfansage an Merkel: Atomkonzerne stoppen Zahlungen für Ökofonds (09.04.2011)
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