Konzeptloser RWE-Chef Jammern als Strategie

RWE-Chef Terium muss einen historischen Verlust verkünden. Seine Strategie: laut lamentieren, in der Hoffnung, dass die Politik hilft. Eine unternehmerische Lösung für den kriselnden Energiekonzern hat er nicht. Aktionäre und Angestellte verlieren langsam die Geduld.

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RWE-Zentrale in Essen: Milliardenschwere Verluste
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RWE-Zentrale in Essen: Milliardenschwere Verluste


Düsseldorf/Hamburg - Die Charts mit dem fetten Aufdruck "RWE" haben etwas von Endzeitstimmung. Ungeschminkt haben Manager darauf vermerkt, wie es um den Energieriesen bestellt ist:

  • "Dramatisch gefallener Aktienkurs von 100 Euro im Jahr 2008 auf rund 26 Euro Ende 2013."
  • "Stark gestiegene Nettoverschuldung von 19 Milliarden Euro 2008 auf rund 31 Milliarden Euro im Jahr 2013."
  • "Schlechte Aussichten für das betriebliche Ergebnis."
  • "Signifikante Wertvernichtung der RWE-Kraftwerke" von "4,3 Milliarden Euro" im Jahr 2013.

Verwunderlich an der Präsentation aus dem Februar 2014: Sie ist ausdrücklich nicht für den internen Gebrauch. Mit den 23 Power-Point-Folien gehen RWE-Manager derzeit bei Verbänden und einflussreichen Politikern hausieren.

Ausgedacht haben sich das RWE-Chef Peter Terium und seine Berater. Terium glaubt, man müsse der Öffentlichkeit nur drastisch genug erklären, wie schlecht es RWE geht, um öffentliche Hilfe zu bekommen. Konkret will er über einen Kapazitätsmechanismus etwas hinzuverdienen. Er verlangt Geld dafür, dass er unrentable Kraftwerke auch künftig als Reserve vorhält - für Zeiten, in denen wenig Sonnen- und Windenergie im Netz ist.

Mehrere Milliarden Euro sollen Stromkunden oder Steuerzahler RWE über einen solchen Ausgleichsmechanismus zahlen, über den die Politik noch entscheiden muss. Das Geld hat Terium fest eingeplant, um seinen Konzern zu retten. Und so wird er am Dienstag auf der RWE-Bilanzpressekonferenz nicht nur einen historischen Verlust von 2,8 Milliarden Euro verkünden. Er wird kräftig lamentieren. Die Botschaft: Ohne externe Hilfe kann sein Konzern das "Tal der Tränen" nicht verlassen, in das er durch die Energiewende geraten ist.

Eine Strategie ist das nicht. Eher ein Eingeständnis für fehlende Konzepte.

Sparen - aber was dann?

Schlagzeilen macht Terium vor allem mit seinem Sparkurs. Er streicht Tausende Stellen, friert die Gehälter ein, halbiert die Dividende. Mit immer neuen Einschnitten versucht er, den Schuldenberg von rund 31 Milliarden Euro abzutragen, den ihm sein Vorgänger Jürgen Großmann durch teure Fehlinvestitionen hinterlassen hat. Die Frage ist nur: Was kommt danach?

Durchhalteparolen funktionieren nur, wenn man den Betroffenen eine Perspektive zeigt, wie es wieder besser wird. Doch das kann Terium nicht. Seit seinem Amtsantritt im Juli 2012 bleibt er die Antwort schuldig, mit welchem Geschäftsmodell RWE künftig sein Geld verdienen soll. Alles, was er zu bieten hat, sind unternehmerisches Klein-Klein und ein paar halbgare Ideen.

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Grafiken: RWEs Niedergang
Terium versucht es mit Projekten zur dezentralen Energieversorgung, zum Beispiel mit Blockheizkraftwerken, Solarspeichern und Smart-Home-Konzepten. Doch die Gewinne in diesem Bereich können die Verluste aus dem Kraftwerksgeschäft nicht einmal im Ansatz kompensieren. Und die Konkurrenz ist RWE in diesem Markt teils um Jahre voraus.

"Schmerzgrenze erreicht"

Perspektivloses Sparen und die Hoffnung, dass die Regierung RWEs alte Geschäftsmodelle schützt: Vielen Aktionären, Mitarbeitern und Bürgern ist das zu wenig. Und so verliert der Konzern in Deutschland an Rückhalt. Inzwischen wenden sich sogar manche ab, die ihm seit Jahrzehnten traditionell die Treue gehalten haben.

Da sind die notorisch klammen Kommunen in Nordrhein-Westfalen, von denen viele seit Jahrzehnten Großaktionäre des Konzerns sind. Durch den Niedergang von RWE erleiden sie nun heftige Verluste. Bestes Beispiel: die Stadt Essen.

  • Die sinkende Dividende reißt Löcher in den Haushalt. Kämmerer Lars Martin Klieve muss allein 2014 auf 18,7 Millionen Euro verzichten. Im Vergleich zu 2008 sind fast 80 Prozent seiner Einnahmen aus der RWE-Dividende verdampft.
  • Auch der fallende Kurs der RWE-Aktie bereitet der Stadt Probleme. "Wir werden vermutlich bald mehr als eine halbe Milliarde Euro Aktienwert berichtigen müssen", sagt Klieve. "Das Eigenkapital der Stadt, derzeit gut 800 Millionen Euro, wäre dann fast aufgezehrt."
  • Obendrein zahlt RWE an seinem Hauptstandort Essen immer weniger Gewerbesteuer. 2009 lagen die Einnahmen der Stadt bei 443 Millionen Euro, 2013 waren es noch 270 Millionen Euro. "Das liegt nicht nur an RWE", sagt Klieve. "Doch hat das Unternehmen als einer der größten Steuerzahler am Standort einen empfindlichen Anteil daran."

Bald könnte es noch schlimmer kommen. Gerade hat sich Terium von den kommunalen Aktionären die Option zusichern lassen, notfalls neue Aktien auszugeben. Er würde so an frisches Geld kommen, den Wert der bestehenden Papiere aber weiter drücken. Manch Aktionär sieht da allerdings die Schmerzgrenze erreicht. "Terium sollte den Langmut der Kommunen nicht zu sehr auf die Probe stellen", sagt Kämmerer Klieve aus Essen.

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Noch deutlicher wird Manfred Busch, Kämmerer in Bochum. Für ihn wäre die Ausgabe neuer Aktien "ein weiterer Grund, dass immer mehr Kommunen ihr Interesse an RWE verlieren". Aus alter Verbundenheit hält man ohnehin nicht an den Aktien des Konzerns fest. "Am liebsten hätten wir sie schon alle verkauft", heißt es in der Schatzkammer einer anderen Kommune. "Nur wäre das Wahnsinn beim derzeitigen Aktienkurs."

Gewerkschaften erbost, Bürger skeptisch

Auch bei den Angestellten sinkt die Unterstützung für Teriums Kurs. 6750 Stellen will der Manager bis 2016 streichen. Die Stimmung sei entsprechend mies, erzählen Mitarbeiter, und die Gewerkschaften sind erbost. "Das Verhältnis von Sparmodus und Wachstumsstrategie stimmt nicht", sagt Michael Vassiliadis, der Vorsitzende der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). "Konzernchef Terium beklagt fast nur die schwierigen politischen Rahmenbedingungen. Dabei wäre die beste Beschäftigungssicherung ein neues, funktionierendes Geschäftsmodell." Kein Wunder, dass Angestellte da ihre Motivation verlieren.

In der Bevölkerung zwischen Köln und Aachen verliert RWE ebenfalls an Rückhalt. Jahrzehnte haben die Menschen dort mit dem Braunkohleabbau, den Eingriffen in die Natur und der Umsiedlung ganzer Dörfer gelebt. Immerhin ging es um die Sicherung der Stromversorgung in Deutschland. Zudem war RWE einer der größten Arbeitgeber und Steuerzahler der Region.

Doch seit zunehmend klar wird, dass die klimaschädliche Braunkohle gar nicht mehr gebraucht wird und dass sich die riesigen Schaufelradbagger immer weiter in die Landschaft fressen während schadstoffärmere Gaskraftwerke stillstehen, geht das Verständnis der Bevölkerung und Politik massiv zurück. Vor wenigen Monaten erst verlangte der Stadtrat von Erkelenz einen Stopp der Umsiedlungen.

"Strategie entwickeln, die übers Jammern hinausgeht"

RWE wies das umgehend zurück. Dabei ist intern längst klar, dass die Verstromung von Braunkohle in vielen der Uraltmeiler, die RWE rund um den Tagebau betreibt, tatsächlich unrentabel wird. Zahlreiche Blöcke stammen noch aus den sechziger Jahren, stoßen riesige Mengen klimaschädliches CO2 aus und verfügen über lächerliche Wirkungsgrade.

Schon in den nächsten zwei bis drei Jahren dürfte ein Großteil von ihnen aus sicherheitstechnischen und betriebswirtschaftlichen Gründen eingestellt werden - und dann reicht der bestehende Tagebau aus. Die von RWE geplante Erweiterung wäre dann wirklich überflüssig.

Und so wendet sich die Stimmung gegen RWE. Und der Grund dafür ist mitnichten nur die Energiepolitik der Regierung. Aktionären und Angestellten, Bürgern und Politikern fehlt vor allem eine klare unternehmerische Linie. IG-BCE-Chef Vassiliadis drückt es besonders drastisch aus. "Terium", sagt er, "muss endlich eine Strategie entwickeln, die übers Jammern hinausgeht."

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Seite 1
mustafa20 03.03.2014
1.
Zitat von sysopDPARWE-Chef Terium muss einen historischen Verlust verkünden. Seine Strategie: laut lamentieren, in der Hoffnung, dass die Politik hilft. Eine unternehmerische Lösung für den kriselnden Energiekonzern hat er nicht. Aktionäre und Angestellte verlieren langsam die Geduld. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/rwe-verliert-rueckhalt-bei-aktionaeren-angestellten-buergern-a-956548.html
Klar versucht er die Politik ins Boot zu holen - aber es steht ausser Zweifel, dass die Planwirtschaft der Politik es war, die diese katastrophale Situation verursacht hat.
soulbrother 03.03.2014
2.
Zitat von sysopDPARWE-Chef Terium muss einen historischen Verlust verkünden. Seine Strategie: laut lamentieren, in der Hoffnung, dass die Politik hilft. Eine unternehmerische Lösung für den kriselnden Energiekonzern hat er nicht. Aktionäre und Angestellte verlieren langsam die Geduld. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/rwe-verliert-rueckhalt-bei-aktionaeren-angestellten-buergern-a-956548.html
Bei steigendem Anteil Erneuerbarer Energien liegt es in der Natur der Sache, dass der konventionelle Kraftwerkspark nach und nach überflüssig wird und mittelfristig nur noch hocheffiztiente und schnell regelbare Kraftwerke benötigt werden. Wer weiterhin unbeirrt in veraltete Technik investiert, dem ist kaum zu helfen.
makuzei 03.03.2014
3. Befürworter der EE versagen alle
Terium-ein entschiedener Befürworter der EE- das war Löscher auch-versagt- der CEO von Bosch ebenfalls-gefeuert- Wer durch Zustimmung zum EEG seine amngelnde Intelligenz signalisiert hat,wird nie ein guter Manager.
eltviller 03.03.2014
4. Dinosaurier
So endet es meistens wenn die öffentliche Hand über angemahnte und längst verplante Beteiligungsdividenden die notwendigen Investitionen in die Zukunft blockiert und dazukommend ein schwaches und wenig visionäres Management nicht in der Lage ist ein Zukunftskonzept zu entwickeln und den shareholdern zu verkaufen um notwendige Mittel und Mehrheiten zu generieren. Ein Dino wird sterben und sein verbliebenes Filet verkauft.
angestellter159 03.03.2014
5. Strategie
Ein Stromerzeuger erzeugt Strom. Und wenn er das nicht mehr soll, wird es halt eng. Noch eine Frage: woher kommt eigentlich das Gas für die Gaskraftwerke? Russland ?????
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