Entlassene Flugbegleiter Ryanair-Roulette

Sabrina Rodriguez war knapp sechs Monate Flugbegleiterin bei Ryanair, dann wurde ihr zum Ende der Probezeit gekündigt, offiziell wegen neun Krankheitstagen. Eine Geschichte über den Umgang mit Mitarbeitern - und was sich ändern soll.

Ryanair-Flugzeuge in Weeze
REUTERS

Ryanair-Flugzeuge in Weeze

Von Florian Gontek


Als Sabrina Rodriguez zum Gespräch in die Ryanair-Firmenzentrale nach Dublin einbestellt wird, da ahnt sie bereits, was jetzt kommen könnte. "Ich habe ja zweimal gestreikt", sagt die 30-Jährige. Reicht das, um bei Ryanair in Ungnade zu fallen?

Knapp sechs Monate hatte Rodriguez bei der irischen Billigairline als Flugbegleiterin für Kurzstreckenflüge gearbeitet. Nun wurde sie noch vor Ablauf ihrer sechsmonatigen Probezeit entlassen, per E-Mail - offiziell wegen neun Krankheitstagen. Rodriguez war beliebt bei ihren Kollegen und arbeitete gerne mit ihnen zusammen. Selbst ihr Supervisor meldete sich bei ihr, als er von ihrer Kündigung erfuhr - erkundigte sich, was los sei, bedauerte, dass sie nun weg ist.

Glaubt man Rodriguez, ist so ein Bedauern bei Ryanair selten. Zu dem Gespräch am 13. November begleiten sie auch vier weitere Ryanair-Mitarbeiter. Zwei, die - wie Rodriguez - ebenfalls von Ryanair vorgeladen wurden sowie zwei langjährige Kollegen, die als Zeugen im Gespräch dabei sein sollten.

Ryanair-Beschäftigten zusätzliches Gehör verleihen

Auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe, 43, sitzt an jenem Novemberdienstag mit im Flieger nach Dublin. Auch sie möchte am Gespräch in der Ryanair-Firmenzentrale teilnehmen. Unter anderem, um den Personalchef der Airline, Eddie Wilson, zu sprechen. Beide führten in den Wochen zuvor Briefkontakt über die an diesem Tag einbestellten Mitarbeiter.

Nicht in ihrem Amt als stellvertretende finanzpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Bundestag steigt Kiziltepe an diesem Tag mit ins Flugzeug - sie ist als Patin in die irische Hauptstadt gereist. Als eine von etwa drei Dutzend zivilgesellschaftlichen Unterstützerinnen und Unterstützern, die sich seit Beginn der Tarifverhandlungen zwischen Ryanair und der Gewerkschaft Ver.di im August für die Interessen der hierzulande rund 1000 in Kabinenbeschäftigten, an zwölf Standorten einsetzen. Sie wollen den Rufen des Kabinenpersonals nach besseren Arbeitsbedingungen und einem deutschen Arbeitsrecht zusätzlich Gehör verleihen.

Der Streitpunkt: Nach Ver.di-Angaben besitzt das Kabinenpersonal bislang ausnahmslos individuelle Arbeitsverträge - mit Rechtswahl auf das in vielen Bereichen schwächere irische Arbeitsrecht. Es sieht für das Personal unter anderem nachteilige Reglungen bei Mutter- und Kündigungsschutz vor, ermöglicht der Airline in einigen Fällen Entgeltabzüge im Krankheitsfall und gibt Ryanair Möglichkeiten, Kabinenpersonal kurzfristig an jedwede seiner europäischen Basen zu versetzen.

Etwa 700 der Ryanair-Beschäftigten in Deutschland sind zudem über die Leiharbeitsfirmen "Crewlink" und "Workforce" bei der Fluggesellschaft beschäftigt. Sie entsenden ausschließlich an Ryanair - befristet auf maximal zwei Jahre. Teile des Kabinenpersonals hatten zuletzt im September in mehreren europäischen Ländern ihre Arbeit niedergelegt, auch in Deutschland,. Der Streik hatte hierzulande vor allem den Berliner Flughafen Schönefeld getroffen. 52 von 92 Starts und Landungen mussten gestrichen werden.

Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe
imago/IPON

Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe

"Wir haben das Thema auf die politische Agenda gesetzt, das ist ein Erfolg", sagt Kiziltepe. Mit Ryanair-Personalchef Wilson hätte sie dennoch einiges zu besprechen gehabt. Doch Wilson war nicht vor Ort in Dublin und Kiziltepe beim Gespräch von Rodriguez nicht zugelassen - offiziell wegen eines fehlenden Ausweisdokumentes. Das, was dann hinter der für Kiziltepe geschlossenen Tür stattfand und was sie in den vergangenen Monaten erlebte, bezeichnet die Politikerin als "puren Raubtierkapitalismus".

Rodriguez beschreibt das Gespräch, das sie nicht mit Wilson, sondern mit Vertretern der Leiharbeitsfirma führte, nüchterner. Sie sei direkt mit ihren neun krankheitsbedingten Fehltagen konfrontiert worden, die sie in ihren knapp sechs Monate bei Ryanair angesammelt hatte - zu viel für die Airline, die sie auch über konkrete Krankheitsgründe ausfragte. Ihre Krankmeldungen jedoch habe Ryanair ihr an diesem Tag nicht vorlegen können.

Gut für Rodriguez, dass sie ihre Unterlagen dabei hatte. Für sie steht fest, dass ihre neun Krankheitstage nicht der wirkliche Grund für die Kündigung sein konnten. "Es gibt Kollegen, die haben deutlich mehr Krankheitstage, haben unentschuldigt bei der Arbeit gefehlt, anders als ich nicht gestreikt - und sind noch immer angestellt", sagt sie. Ryanair wollte sich - schriftlich konfrontiert mit dem konkreten Sachverhalt und den Vorwürfen der Parteien - nicht äußern und verweist auf seine Leiharbeitsfirma "Crewlink". Doch die ließ eine schriftliche Anfrage unbeantwortet.

Für die Bundestagsabgeordnete Kiziltepe ist das, was sie mit Rodriguez und anderen Ryanair-Mitarbeitern erlebe, "nur schwer zu fassen" - allein, wenn sie erlebe, in welchen juristischen Grau- und Dunkelzonen sich die Airline bewege. Doch es gibt gleich mehrere Punkte, die Kiziltepe Hoffnung machen.

Hoffnung auf den Tarifvertrag

Zum einen die angestrebte Änderung des Paragraphen 117, Absatz 2 des Betriebsverfassungsgesetzes: Dieser sagt aus, dass Luftfahrtunternehmen ihren im Flugbetrieb beschäftigten Mitarbeitern keine Vertretung durch einen Betriebsrat ermöglichen müssen. "Der rechtliche Rahmen für einen wirksamen Arbeitnehmerschutz fehlt so derzeit", sagt Kiziltepe. Bereits in der kommenden Woche soll der Paragraph im Bundestag diskutiert werden.

Ein weiterer Punkt, den Kiziltepe anspricht, sind die weit fortgeschrittenen Verhandlungen zwischen Ver.di und Ryanair über eines Tarifvertrag. Vergangene Woche stimmten 80 Prozent der Ryanair-Belegschaft für einen Tarifvertrag. Nach SPIEGEL-Informationen sieht der Vertragsentwurf, der für alle Beschäftigten gelten soll, derzeit neben einer Mindeststundengarantie von 600 Stunden pro Jahr auch eine deutliche Erhöhung des Grundgehalts für die Mitarbeiter vor, das um 600 Euro monatlich steigen soll. Auch ihr Entgelt soll erhöht werden.

Ein Beispiel: Erhielt eine Flugbegleiterin bislang exemplarisch ein Grundgehalt von 825 Euro, wird dies künftig auf rund 1420 Euro steigen. Mit den zusätzlichen Entgelterhöhungen käme sie so auf ein Grundgehalt von 1650 Euro. Auf dieses Gehalt kommen noch Zulagen- und Flugstundenvergütungen hinzu, sodass am Ende 2300 Euro zur Buche stünden. "Wir sind bezüglich des Tarifvertrages in den Endverhandlungen", bestätigt auch Kiziltepe.

Sabrina Rodriguez hilft das nun nichts mehr. Nicht nur sie, auch die zwei weiteren Kollegen, die mit ihr in Dublin vorgeladen waren, wurden von Ryanair mittlerweile gekündigt oder kamen der Kündigung zuvor. "Ich bin froh, dass ich damit jetzt Ruhe habe", sagt Rodriguez. Sorge, dass sie keinen Job finden könnte, hat sie nicht: "Ich bin eine intelligente Frau, spreche vier Sprachen und stehe seit 13 Jahren im Berufsleben."

Vielleicht gehe sie zurück nach Spanien oder zu einer anderen Fluggesellschaft, sagt sie. Und ihren ehemaligen Kollegen? "Den wünsche ich wirklich nur das Beste - die tun mir nämlich wirklich leid."

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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
patsm 25.11.2018
1.
9 Krankenheitstage und in der Probezeit gestreikt. Völlig verständlich, dass sie entlassen wurde. Das hätte jedes betriebswirtschaftlich denkende Unternehmen so gemacht. Mich würde interessieren in welcher Welt diese Angestellte lebt?
uncle_cadillac 25.11.2018
2. Kann so nicht stimmen
Eine Kündigung innerhalb der Probezeit erfolgt grundsätzlich ohne Angabe von Gründen. Deshalb erscheint mir der Beitrag etwas unglaublich, wenn schon so offensichtliche Merkwürdigkeiten auftauchen.
laermgegner 25.11.2018
3. Jeder muß von seiner Arbeit leben können, da gibt es keine Abstriche
aber es schwillt der Kamm, wenn man so sorgenvolle SPD - Leute hier zittert. Diese SPD- Leute haben es aber nicht nötig, mal nach einem anderen Problem zu schauen. Wie geht es den Anwohner von Flughäfen, wo wegen o.g. Fluglinie u.a. zum ständigen Brechen der Nachtflugverbotes bei Null Schallschutz es gibt.
Stäffelesrutscher 25.11.2018
4.
Ein Gespräch in der Ryanair-Zentrale - und dann nicht mir Ryanair, sondern mit der »Leiharbeitsfirma«? Das allein müsste doch schon Grund genug für den Staat sein, die Lizenz dieser Firma zu überprüfen.
genugistgenug 25.11.2018
5. Begründung in Probezeit = Eigentor
In der Probezeit kann man ohne Angabe von Gründen kündigen - die Angabe kann sogar schädlich sein und die Kündigung aufheben. Oder gilt das in Irland nicht? Wurde man deswegen nach Dublin zitiert? Wobei sich die Frage stellt, wo ihr Einstellungsort war. Also alles mal auseinanderklabüsern und evtl. in Deutschland gegen die Kündigung klagen.
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