Ryanair Gute Zahlen auf Kosten der Piloten

Europas größter Billigflieger Ryanair hat ein sehr erfolgreiches Geschäftsjahr hinter sich. Nach Recherchen von WDR, NDR und "SZ" bezahlen jedoch vor allem die Piloten für den Erfolg einen hohen Preis.

Ryanair-Flugzeug: Bald nach New York, Boston, Chicago und Miami
DPA

Ryanair-Flugzeug: Bald nach New York, Boston, Chicago und Miami


Im abgelaufenen Geschäftsjahr steigerte Europas größter Billigflieger Ryanair seinen Gewinn um fast zwei Drittel auf den Rekordwert von 867 Millionen Euro. Damit übertraf das Unternehmen mit seiner am Dienstag vorgelegten Bilanz auch seine eigenen, mehrfach angehobenen Prognosen. Im laufenden Geschäftsjahr bis Ende März 2016 soll es noch weiter nach oben gehen. Dabei hilft das billige Kerosin. Allerdings rechnet Ryanair-Chef Michael O'Leary mit einem verschärften Preiskampf bei den Flugtickets und will künftig verstärkt große Flughäfen ansteuern.

Die Ryanair-Aktie Chart zeigen sprang am Morgen auf ihren bisherigen Rekordstand von 11,60 Euro. Zuletzt lag sie noch mit 3,91 Prozent im Plus bei 11,305 Euro. Damit ist der Billigflieger mehr als 15 Milliarden Euro wert, das entspricht dem Zweieinhalbfachen der Lufthansa. Experten hatten einen Gewinn in dieser Größenordnung bereits erwartet. Analyst Stephen Furlong vom Analysehaus Davy sprach zudem von einer robusten Prognose für das laufende Jahr.

Zum deutlich verbesserten Geschäftsverlauf trugen der boomende Ticketverkauf, deutlich besser gefüllte Flieger und der gesunkene Spritpreis bei. Für die kommenden Monate erwartet die Ryanair-Spitze starken Wettbewerbsdruck. Dennoch will das Unternehmen die Zahl seiner Fluggäste im laufenden Geschäftsjahr um weitere zehn Prozent steigern.

Schlechte Arbeitsbedingungen

Dass Ryanair im Preiskampf mit den Konkurrenten bestehen kann, hängt nach Recherchen von WDR, NDR und "SZ" zum Teil auch mit zumindest zweifelhaften Vertragskonstruktionen zusammen, auf die sich Piloten einlassen. Einer Studie der Universität Gent zufolge seien viele von ihnen nicht direkt bei der Billigfluglinie festangestellt, sondern als selbständige Unternehmer unterwegs. Die Piloten seien formal Geschäftsführer ihrer eigenen Firmen und arbeiteten selbstständig für die Airline.

Die Billig-Fluggesellschaft spare durch diese Konstruktion enorme Kosten. Die Piloten müssten sich selbst für den Fall der Berufsunfähigkeit absichern, und hätten keinen Anspruch auf eine Betriebsrente. Sie trügen zudem ein hohes Risiko, was das monatliche Gehalt angeht, denn Ryanair garantiere ihnen keine Mindestflugstunden. "Man wird nur bezahlt, wenn man fliegt. Man bekommt einen Dienstplan vorgegeben, und wenn man es aus irgendeinem Grund nicht schafft, einen Dienst wahrzunehmen, wenn man zum Beispiel krank ist, dann bekommt man diese Stunden auch nicht bezahlt", zitiert der Rechercheverbund einen Insider.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Ryanair-Partner

Die Staatsanwaltschaft Koblenz interessiert sich nun für die Praxis eines britischen Personaldienstleisters, der mit Ryanair zusammenarbeitet. Es werde wegen des Verdachts des Steuer- und Sozialversicherungsbetrugs gegen das britische Unternehmen und einzelne Piloten ermittelt, sagte Oberstaatsanwalt Hans Peter Gandner. Geschäftsräume des Dienstleisters in Großbritannien seien durchsucht worden.

Der Personaldienstleister soll Piloten unter Vertrag genommen und an den irischen Billigflieger ausgeliehen haben. In Deutschland stationierte Piloten sollen Steuern und Abgaben aber nicht - wie nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft von einer EU-Verordnung vorgeschrieben - hierzulande, also am Einsatzort, abgerechnet haben.

Von den Ermittlungen, die schon Jahre liefen, seien zwischen 50 und 100 Piloten betroffen. Es bestehe der Verdacht der Scheinselbstständigkeit, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Ryanair weiß nach eigenen Angaben bislang nichts von den Durchsuchungen. Es werde von allen Partnern erwartet, Verpflichtungen bei Sozialversicherung und Steuern vollständig zu erfüllen, teilte ein Sprecher mit. Die Fluggesellschaft beschäftige Piloten direkt und über Vertragspartner. So werde bei vielen anderen Airlines auch verfahren. Bei Ryanair seien etwa zwei Drittel der Piloten direkt angestellt, ein Drittel über Personaldienstleister.

mik/mmq/dpa-AFX/dpa

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