Voraussichtlicher Streik deutscher Mitarbeiter Ryanair will keine Flugzeuge aus Deutschland abziehen

Ryanair-Piloten könnten bald auch in Deutschland streiken. Dennoch plant die Fluggesellschaft hierzulande keinen Stellenabbau wie in Irland, so der Marketingchef. Ryanair treffe immer die "wirtschaftliche Entscheidung".

Ryanair-Fluggast in Madrid
REUTERS

Ryanair-Fluggast in Madrid


Im Fall von Mitarbeiterstreiks in Deutschland will Ryanair keine Flugzeuge aus dem deutschen Markt in andere Länder verlegen. Das hat Marketingchef Kenny Jacobs mitgeteilt. "Wir wollen das Wachstum in Deutschland fortsetzen, wir wollen weiterhin neue Jobs schaffen und sicher keine Jobs streichen", sagte der Manager. Er forderte die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) auf, Streiks früher anzukündigen, um die Folgen für Passagiere zu mindern.

In ihrem Heimatland hatte Ryanair nach drei Streiktagen der dortigen Gewerkschaft angekündigt, sechs Maschinen, also 20 Prozent der Flotte samt 300 Arbeitsplätzen nach Polen zu verlegen. Die deutsche Situation unterscheide sich grundsätzlich von der irischen, sagte Jacobs, selbst Vorstandsmitglied des größten Billigfliegers Europas.

Er verteidigte den Schritt als kommerziell notwendig. Die Streiks der Iren hätten den dortigen Markt zerstört. "Ryanair wird immer die wirtschaftliche Entscheidung treffen, Flugzeuge von einem sich schwach entwickelnden Markt in einen sich stark entwickelnden Markt zu verlegen."

Das irische Unternehmen wird seit Wochen von verschiedenen Gewerkschaften in unterschiedlichen Märkten bestreikt. Es geht um höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen bei Europas größtem Billigflieger. Einen Insiderbericht einer Ryanair-Mitarbeiterin zu den Bedingungen bei der Billigfluggesellschaft finden Sie hier.

Mehrere Hundert Flüge mit zusammen mehr als 100.000 betroffenen Passagieren wurden bereits abgesagt. Zuletzt legten die Piloten in Irland sowie die Flugbegleiter in Spanien, Portugal, Belgien und Italien die Arbeit nieder.

Deutsche Piloten haben für Arbeitskampf gestimmt

Das Unternehmen will die von der deutschen Gewerkschaft VC für den kommenden Montag (6. August) gesetzte Frist offenbar verstreichen lassen. Man arbeite an einem neuen Vorschlag für einen Tarifvertrag, welcher der Gewerkschaft bis spätestens Mittwoch (8. August) zugehen werde, sagte Jacobs. Schon am Dienstag könne man wieder verhandeln. "Wir sehen gute Fortschritte in den Gesprächen mit der VC. Wir werden zu einem Tarifabschluss kommen", sagte er.

Die VC hat nach einer erfolgreichen Urabstimmung angekündigt, nationale Maßnahmen in dem europaweit geführten Arbeitskampf bekannt geben zu wollen. Die Piloten in Belgien und Schweden haben bereits Streiks für Freitag kommender Woche angekündigt (10. August). "Es sieht so aus, als ob sie (die VC) streiken wollten. Wir hoffen, dass das noch vermieden werden kann", sagte Jacobs.

Die unweigerliche Folge seien Flugabsagen. Für die Auswirkungen auf die Passagiere komme es sehr darauf an, wie viel Vorlauf die Gewerkschaft gebe. Jacobs forderte die VC auf, einen Streik deutlich früher anzukündigen. "Eine 24 Stunden-Vorwarnung für einen Streik im August ist extrem störend für die Kunden im wichtigsten Urlaubsmonat."

Wirtschaftliche Schäden bei Ryanair bisher gering

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der bisherigen Streiks seien noch gering, sagte Jacobs. Die Airline erstatte Tickets und buche betroffene Fluggäste auf andere Flüge um, deren Sitze sonst noch teuer hätten verkauft werden können.

Auch gebe es wegen der Unsicherheiten bei einigen Konsumenten Vorbehalte, Ryanair zu buchen. Entschädigungen zusätzlich zu den Ticketerstattungen und Umbuchungen lehnt das Unternehmen aber weiterhin ab, weil es die Streiks nicht verhindern könne. "Dieser Streik ist nicht in unserem Verantwortungsbereich. Wenn er das wäre, gebe es keinen Streik."

Video: Kampf der Billigflieger

Europas größter Billigflieger fliegt in Deutschland 19 Flughäfen an, von denen zehn als Heimatstandorte für einzelne Jets dienen. Das sind unter anderem Frankfurt, Berlin-Schönefeld, Hahn und Weeze. Die etwa 400 in Deutschland stationierten Piloten machen rund ein Zehntel der gesamten Pilotenschaft aus. Ein erster Warnstreik der VC hatte kurz vor Weihnachten 2017 nicht zu Flugausfällen geführt.

dpa/ans



insgesamt 2 Beiträge
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bluebill 01.08.2018
1. Wirtschaftlich?
Leider ist das, was Firmenlenker in solchen Fällen als "wirtschaftlich" verkaufen, das genaue Gegenteil. - In einem Land wollen die Angestellten eines Dienstleisters besser bezahlt werden. Das Unternehmen sperrt sich, es kommt zu Streiks. Aus Trotz verkleinert das Unternehmen den Betrieb und entlässt einen Teil der Angestellten. Daraufhin werden die verfügbaren Dienstleistungen aber noch schlechter, und noch mehr Kunden wandern ab. Woraufhin das Unternehmen wiederum versucht, am Personal zu sparen, schlecht zahlt und die Personaldecke zu dünn hält. Und so weiter. - Wirklich wirtschaftlich wäre eine faire Einigung, so dass die Mitarbeiter zufrieden sind und der Betrieb weitergeht.
at.engel 01.08.2018
2.
"Ryanair wird immer die wirtschaftliche Entscheidung treffen..." Das ist so sogar mal ehrlich. Im Allgemeinen versucht es Ryanair schlicht mit wirtschaflticher Erpressung: Wenn man gesetzlich gegen sie vorgeht - einfach, weil sie schlicht das Arbeitsrecht nicht respektieren - schließen sie halt die Basis. Das funktioniert ganz gut, da sie ja oft auf kleineren Flughäfen ihre Basis haben. In Marseille haben sie 2011 einfach dicht gemacht... um dann aber im Sommer ihre Maschinen nachts über abzustellen. 2014 sind sie dann verurteilt worden, wollen jetzt aber vielleicht sogar wieder eine Basis aufmachen: Geschäft ist Geschäft. In einem Flughafen wie Hamburg erscheint ihnen das mit der Erpressung wahrscheinlich selbst sogar lächerlich, weshalb sie es erst gar nicht erst versuchen. Außerdem hat sich die Lage seit 2011 natürlich verändert - da verliert man heute schon verdammt schnell Marktanteile. Und wie das mit dem Flugverkehr von GB aus wird, weiß wahrscheinlich auch keiner... "Dieser Streik ist nicht in unserem Verantwortungsbereich. Wenn er das wäre, gebe es keinen Streik." Und auch das ist ziemlich ehrlich: Wenn es nach Ryanair ginge, gäbe es so etwas wie Arbeitsrecht erst gar nicht!
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