S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Warum 17 mal 1 nicht 17 ist

Eine Kolumne von Wolfgang Münchau

Für sich genommen sind die meisten Euro-Länder erfolgreiche Volkswirtschaften - im Gegensatz zum gesamten Euro-Raum. Jetzt sollen die Erfolgsrezepte der einzelnen Staaten auf das große Ganze angewendet werden. Das wird die Gemeinschaftswährung aber nicht retten.

Zu Beginn des neuen Jahres möchte ich mal nicht über die tiefen oder naheliegenden Ursachen der Krise sprechen oder eine Prognose abgeben. Stattdessen möchte ich einen Schritt zurücktreten und folgende Frage beantworten: Die meisten Euro-Länder sind relativ erfolgreich gemanagte Volkswirtschaften. Warum gelingt es uns dann nicht, den Euro-Raum insgesamt ebenso erfolgreich zu führen?

Als kurze Antwort auf diese Frage kann man sagen, das Ganze ist hier nicht die Summe seiner Teile. Die Antwort stimmt, verharmlost aber, wie krass die Diskrepanz zwischen der Summe der Teile und dem Ganzen tatsächlich ist.

Für die lange Antwort benötige ich den Rest dieser Kolumne. Ausgangspunkt ist folgende Frage: Worin unterscheiden sich Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft, vom Unterschied des beobachteten Objekts einmal abgesehen? Ein Unternehmen kann sich in einer Krise ohne Rücksicht auf Verluste ein Sparprogramm auferlegen.

Man kann die Hälfte der Belegschaft auf die Straße setzen, die Löhne senken, die Preise erhöhen. Da nicht alle Unternehmen und alle Konsumenten im Land und im Rest der Welt zur gleichen Zeit genau dasselbe machen, funktionieren diese Radikalprogramme zumeist. Wie Chemiefabriken in früheren Zeiten ihren Giftmüll in einen Fluss ableiten konnten, so können Unternehmen auf Krisen reagieren, indem sie ihre Probleme externalisieren.

Mit dem Dollar kann die US-Notenbank eine ganz andere Geldpolitik machen

Ein kleines Land managt sich im Grunde ähnlich wie ein Betrieb. Es kann ebenfalls externalisieren. Wenn ein Land wie Island in Schwierigkeiten gerät und der Internationale Währungsfond einmarschiert, dann passiert nicht anderes. Man verpasst dem Land ein gnadenloses Sparprogramm und lässt den Wechselkurs gleichzeitig in die Tiefe fallen. Das Land erwirtschaftet einen Handelsüberschuss und stabilisiert damit seine Finanzen.

Das ist das Krisenmodell für eine kleine, offene Volkswirtschaft. Offen bedeutet, dass das Land sehr stark von Exporten und Importen abhängig ist, so wie Island eben. Nach der Krise gab es eine Rosskur, und jetzt geht es wieder langsam bergauf.

Im Gegensatz dazu gibt es die große geschlossene Volkswirtschaft. Das klassische Beispiel ist die USA: Exporte und Importe machen nur einen relativ kleinen Teil der Wirtschaft aus. Wenn sich die USA ein massives Sparprogramm auferlegt, dann lässt sich das nicht so leicht externalisieren. Ein abwertender Wechselkurs hat dort nicht denselben Effekt wie etwa in Island.

Im Gegenzug dafür verfügen die USA über andere Möglichkeiten der Krisenbewältigung. Mit dem Dollar als Welt-Reservewährung kann die Notenbank eine ganz andere Geldpolitik machen. Da die Nachfrage nach Dollar-Papieren stabil ist, kann man die Zinsen auf Null senken und in großen Zügen Staatsanleihen aufkaufen, ohne dass die Märkte auch nur mit den Augen zwinkern. Der entscheidende Unterschied ist, dass geschlossene Volkswirtschaften ihre Krisen selbst lösen müssen. Sie können nicht externalisieren. Sie haben dafür aber auch Instrumente, mit denen sie das können.

Wir sind auf Kosten anderer wettbewerbsfähiger geworden

Anders Europa: Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union sind allesamt kleine, offene Volkswirtschaften. Die meisten größer als Island, aber vom Charakter und politischem Management her sehr ähnlich. Finnland, Schweden und Dänemark haben in den vergangenen Jahrzehnten ihre Finanzkrisen mit ähnlich externalisierender Brutalität gelöst wie Island.

Auch Deutschland fällt trotz seiner Größe in die Kategorie einer kleinen offenen Volkswirtschaft. Die Exporte machen fast die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes aus. Und jedes Mal geht es Deutschland gut, wenn es in einem System fester Wechselkurse "real" abwerten kann. Das bedeutet, dass man durch moderate Lohnpolitik seine internationale Wettbewerbsfähigkeit erhöht. Wir haben jedes Mal unsere Krisen externalisiert. Wir sind auf Kosten anderer wettbewerbsfähiger geworden.

Ohne die schmarotzende Externalisierung würde unser gesamtes Konzept einer Ordnungspolitik zusammenbrechen, dem Politiker aller Parteien huldigen. Es ist ein Begriff, für den es im Englischen und Französischen nicht einmal eine Übersetzung gibt. Als ordnungspolitische Prinzipienreiter im Jahre 1974 die Herstatt-Bank in den Konkurs verabschiedeten, da wackelte kurzfristig das globale Finanzsystem. Man dachte nicht an die gesamtwirtschaftlichen Konsequenzen. Ordnungspolitik kann nur in kleinen Volkswirtschaften existieren, die externalisieren können. Das deutsche Modell funktioniert nur deswegen so gut, weil andere es nicht haben.

Das gilt auch für den moralischen Imperativ des Sparens. Wer daran glaubt, versteht nicht, dass in der Weltwirtschaft insgesamt die Summe der Ersparnisse und Investitionen gleich null sind - genauso wie die Summe aller Exporte und Importe. Wer das Sparen um seiner selbst willen gutheißt, hat von Tuten und Blasen keine Ahnung - oder er externalisiert eben. Es ist schon irgendwie ironisch, einen moralischen Imperativ ableiten zu wollen, der logisch nur dann funktioniert, wenn kein anderer sich genauso verhält.

Was hat das nun alles mit dem Euro zu tun? Der Euro-Raum besteht aus 17 mehr oder minder kleinen offenen Volkswirtschaften, ist selbst aber eine große geschlossene, ähnlich wie die USA. Er wird aber nicht als eine große geschlossene Volkswirtschaft geführt, sondern als eine Summe kleiner offener. Die Europäische Zentralbank basiert auf dem ordnungspolitischen Konstrukt der Bundesbank, nicht der Federal Reserve. Die 17 Staats- und Regierungschefs, die ab jetzt jeden Monat in Brüssel zusammenkommen und eine so genannte Wirtschaftsregierung für den Euro-Raum planen, stecken allesamt in der Tradition und Gedankenwelt kleiner offener Volkswirtschaften. Sie sind besessen von deren Themen wie Wettbewerbsfähigkeit oder Schuldengrenzen.

Wenn jetzt alle Staaten sparen, hat das verheerende Konsequenzen

Es ist somit auch kein Wunder, dass die wichtigste Entscheidung des Europäischen Rates bislang darin bestand, sich auf einen harten Stabilitätspakt zu einigen. Man versucht wieder zu externalisieren.

Diesmal aber wird es nicht klappen - weil jetzt alle dasselbe machen. Der ganze Trick der Externalisierung bestand schließlich darin, dass man der Einzige war, der ihn nutzte. Wenn jetzt alle Staaten sparen, dann hat das in einer geschlossenen Volkswirtschaft für den Privatsektor verheerende Konsequenzen. In einer geschlossenen Volkswirtschaft muss der nämlich alles auffangen - entweder durch höhere Investitionen oder geringere Gewinne.

Somit mündet die lange Antwort der eingangs gestellten Frage in folgende Feststellung: Es ist uns nicht gelungen, den Sprung von 17 kleinen offenen Volkswirtschaften zu einer großen geschlossenen zu meistern. Ich hätte nie im Leben gedacht, dass das der eigentliche Grund ist, aus dem der Euro zum Scheitern verurteilt ist.

In der Betriebswirtschaft ist 17 mal 1 gleich 17. In der Schaffung einer großen geschlossen Volkswirtschaft ist 17 mal 1 gleich 1. Die Politik versucht jetzt, auf Biegen und Brechen die hehren Prinzipien von 17 alten, kleinen, offenen Volkswirtschaften auf den jungen Euro-Raum anzuwenden. Diese Politik wird scheitern.

Danach stellt sich die wirkliche Schicksalsfrage: Machen wir weiter Kleinstaaterei oder eine politische Union? Ich fürchte, die Kleinstaatler werden diesmal gewinnen.

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1.
firlefranz2 04.01.2012
Zitat von sysopFür sich genommen sind die meisten Euro-Länder erfolgreiche Volkswirtschaften - im Gegensatz*zum gesamten Euro-Raum. Jetzt sollen die Erfolgsrezepte der einzelnen Staaten auf das große Ganze angewendet werden. Das wird die Gemeinschaftswährung aber nicht retten. S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Warum 17 mal 1 nicht 17 ist - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,807074,00.html)
Warum gibt man Propaganda-Münchau hier immer noch ein Forum? Der Mann vertritt in erster Linie die Interessen seines Arbeitgebers, der englischen Financial Times und damit der Londoner City. Seit Monaten versucht man dort alles, um den Euro weiter zu beschädigen und die Krise möglichst weiter zu verschärfen.
2. .
cekay 04.01.2012
Dann gibt es endlich Deutsches Beamtentum für ganz Europa. Gut dass ich schon lange die Segel gestrichen habe - so wie die Schweizer und demnächst auch die Engländer.
3. .
cekay 04.01.2012
Zitat von firlefranz2Warum gibt man Propaganda-Münchau hier immer noch ein Forum? Der Mann vertritt in erster Linie die Interessen seines Arbeitgebers, der englischen Financial Times und damit der Londoner City. Seit Monaten versucht man dort alles, um den Euro weiter zu beschädigen und die Krise möglichst weiter zu verschärfen.
Ehrlich? Kein Unternehmer der seine Firma nicht an die Wand fahren will wird irgendetwas "ohne Rücksicht auf Verluste" durchführen! Der ganze Text ist typische Beamtenpropaganda.
4. Sie meinen also,
fm1304 04.01.2012
wenn die EZB es genau wie die FED macht, und schön fleißig Geld generiert, sind unsere Probleme gelöst? Ich glaube das nicht!
5. unverstaendlich
klartext2011 04.01.2012
Zitat von cekayEhrlich? Kein Unternehmer der seine Firma nicht an die Wand fahren will wird irgendetwas "ohne Rücksicht auf Verluste" durchführen! Der ganze Text ist typische Beamtenpropaganda.
Dass der Spiegel so einen Bloedsinn eines Nestbeschmutzers abdruckt erstaunt mich doch sehr
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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