Globaler Orgelhandel Alles Pfeifen hier

In Deutschland schließen Kirchen, in anderen Erdteilen dagegen wächst die Zahl der Christen rasant. Andreas Ladach macht aus diesen beiden Trends ein Geschäft: Er handelt mit ausgemusterten Orgeln - und verschifft sie bis nach China.

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Aus Wuppertal berichtet


Ende Mai hat die Cosco Hope am Hamburger Terminal Tollerort abgelegt, in einigen Wochen wird sie in China ankommen. An Bord passen 13.000 Standardcontainer, das ganze deutsche Exportwunder: Bier nach Reinheitsgebot, Autokarosserien, Tiefkühlfleisch, Flugzeugteile.

Einer der Container, 40 Fuß lang, befördert eine ungewöhnliche Fracht: eine gebrauchte Kirchenorgel, sorgfältig auseinandergebaut und verpackt - die Pfeifen, der Spieltisch, die Registerzüge.

Die Ladung stammt von Andreas Ladach. Der 46-Jährige, der wirkt, als ob er selten zur Ruhe käme, handelt mit gebrauchten Orgeln. "Nach Taiwan haben wir schon geliefert, nach Japan, letztes Jahr nach Mexiko und vor zwei Jahren nach Kolumbien", erzählt er. Sein Arbeitsplatz: eine entweihte Backsteinkirche in Wuppertal, Baujahr 1878.

21 Orgeln stehen dort zurzeit. Wenn Ladach einen Choral einübt, hat er die Wahl: Soll er auf der Walcker spielen, deutsche Romantik, Baujahr 1916, oder doch eher auf der Verschueren, Eichengehäuse, elf Register, Kaufpreis 39.000 Euro? Durch die bunten Fenster im Chorraum fällt das Licht auf eine wuchtige englische Orgel. In den Ecken türmen sich ausgebaute Pfeifen und die Tasten ausrangierter Manuale. Die Kirche dient Ladach als Lager und gleichzeitig als Reparaturwerkstatt.

Geschäfte mit der Gottlosigkeit

Das Geschäft laufe gut, sagt der Händler. 80 Orgeln verkaufe er im Jahr und erziele damit einen Umsatz von knapp einer Million Euro. Man kann sagen: Ladach macht Geschäfte mit der grassierenden Gottlosigkeit. 250 katholische Kirchen und Kapellen sind in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren verkauft oder abgerissen worden. Bei der evangelischen Kirche traf es 30 Kirchengebäude seit 2009. Für die Orgeln in diesen Gebäuden gibt es hierzulande oft keine Verwendung mehr. In seinem Onlineshop bietet Ladach über 120 Instrumente an. "Jedes dritte stammt aus einer Kirchenauflösung", sagt er.

Die Orgel im Container auf der Cosco Hope begann ihre Reise im westfälischen Neuenkirchen. Im dortigen Missionshaus finden keine Messen mehr statt, bald kommen die Abrissbagger. Die Steyler Missionare fanden jedoch, die Orgel sei zu schade zum Wegwerfen. Also meldeten sie sich bei Ladach, der einen Abnehmer fand - im chinesischen Zi Zhu Lin in der Provinz Sichuan.

In Asien und Lateinamerika ist die Nachfrage nach günstigen Orgeln groß. Dort steigt die Zahl der Christen stark an, allein in China angeblich um mehr als eine Million Menschen jährlich. Aber auch aus Italien, Polen, Frankreich und Spanien gehen viele Anfragen in der Wuppertaler Trinitatiskirche ein.

"Für 4900 Euro ist sie aber ein echtes Schnäppchen"

An diesem Nachmittag sind ein Pfarrer und drei Mitglieder des Orgelfördervereins aus Nieukerk am Niederrhein gekommen. Sie stehen unschlüssig vor einer Walcker-Orgel, Sechzigerjahre, schlichtes Holzgehäuse, sechs Register. Die Gemeinde sucht ein Übergangsinstrument, während das eigene umgebaut wird. Ladach stimmt "Lobe den Herren" an, zieht nacheinander die Register. Der Klang sei ja ganz schön, sagt einer aus der Gruppe, aber die Orgel doch etwas schwach auf der Brust. "Für 4.900 Euro ist sie aber ein echtes Schnäppchen", antwortet Ladach.

Er studierte einst Elektrotechnik. Zu seinem Beruf kam er durch Zufall. Auf Wallfahrten knüpfte er Kontakte zu polnischen Katholiken. Ende der Neunzigerjahre fragte ihn dann ein Kirchenarchitekt, ob er in Polen nicht einen Abnehmer für eine gebrauchte Orgel kenne. Ladach fand einen Käufer - und mit dem Orgelhandel eine Marktlücke.

Beim Abbau seines ersten Instruments nummerierte er jedes einzelne Teil, jede der über tausend Pfeifen, um bei der späteren Montage nichts zu verwechseln. "Das hat zum Glück auf Anhieb geklappt", erinnert sich Ladach. Auch viele Jahre später stellt sich in seinem Job keine Routine ein. Orgeln sind in der Regel Einzelstücke, kein Auftrag wie der andere. Sein bisher schwierigster Transport liegt nun schon 14 Jahre zurück, eine Kirchenorgel aus Lausanne. "Die haben wir mit zehn Leuten 14 Tage lang abgebaut", sagt er. Seine Mannschaft musste 5500 Pfeifen verpacken, die längste war zwölf Meter lang.

"Was ist denn mit dieser Orgel dort?", fragt einer der Männer aus Nieukerk in der Trinitatiskirche. Ladach winkt ab: zu leise für einen Kirchraum: "Das obere Manual klingt, als ob da ein Frosch zerquetscht wird."

Der Pfarrer verspricht zum Abschied, er werde sich bald melden. "Fünf Tage kann ich die Walcker reservieren", sagt Ladach. Am Stichtag hat er immer noch keine Rückmeldung. Dafür aber einen neuen Interessenten aus Italien. "Wenn die Nieukerker sich bis heute Abend nicht melden, kriegt die Orgel morgen der Italiener", sagt er.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Stega 06.06.2015
1. Aua Aua
wenn man bedenkt, daß Deutschland einmal im Orgelbau und überhaupt in der Entwicklung dieses Instruments Maßstäbe gesetzt hat. Aber wenn hierzulande niemandem mehr einleuchtet, daß man für so ein Instrument Geld zum Erhalt ausgeben muß, dann kann sich das Handwerk nicht mehr halten. Und der zweite bedenkliche Aspekt ist, daß die Abnehmer in fernen Landen erst einmal nicht aus eigener Kraft lernen müssen, Orgeln zu bauen. Sie können erst einmal unsere "billigen" Orgeln runterwirtschaften. Daraus entsteht nichts.
stephanhunger 06.06.2015
2. Gott hat es gegeben! Gott hat es genommen
Das war schon immer so. Deutschland war zwar lange führend im Orgelbau, aber diese Entwicklung ist nicht vom Himmel gefallen. Wo sind denn die Gebrüder Silbermann in die Lehre gegangen? Beklagen sich heute die Franzosen über diese frühe Form der Industriespionage? Wir müssen uns daran gewöhnen, daß dann bald Spitzenorgeln aus China, Japan, Korea kommen! Ich freue mich auf deren Produkte!
guido.schumacher 06.06.2015
3.
Zu bedenken ist allerdings Auch Fogendes: es scheint mir immer noch besser dass gebrauchte Orgeln anderswo einer sinnvollen und angepassten Verwendung zugeführt werden als die Ins,trumente zu verschrotten. Außerdem gehen meist nur mittelmäßige bis schlechte Instrumente weg und es bleibt die Hoffnung dass die Kenntnis der Orgel zum Beispiel in China wächst und die Anforderungen an die Qualität steigen. Dies würde in einigen Jahren einen wachsenden Markt für qualitativ hochwertige Instrumente bedeuten und also potentiell Aufträge für europäische Orgelbauunternehmen. Die Situation war in der Nachkriegszeit vergleichbar wenn auch aus anderen Gründen: zuerst gab es zahlreiche "billige" Nachkriegsorgeln die progressiv durch bessere Instrumente ersetzt wurden.
spontifex 06.06.2015
4. Wie das Nichts entsteht
Zitat von Stegawenn man bedenkt, daß Deutschland einmal im Orgelbau und überhaupt in der Entwicklung dieses Instruments Maßstäbe gesetzt hat. Aber wenn hierzulande niemandem mehr einleuchtet, daß man für so ein Instrument Geld zum Erhalt ausgeben muß, dann kann sich das Handwerk nicht mehr halten. Und der zweite bedenkliche Aspekt ist, daß die Abnehmer in fernen Landen erst einmal nicht aus eigener Kraft lernen müssen, Orgeln zu bauen. Sie können erst einmal unsere "billigen" Orgeln runterwirtschaften. Daraus entsteht nichts.
Ach, der Orgelbau und der Instrumentenbau überhaupt. Im Prinzip gilt für die ganze sakrale, liturgische und rituelle Baukunst und Minne, eigentlich für das ganze UNESCO - Kulturerbe, ob es nun zur Ehre Gottes, zur Ehre irgendwelcher Herrscher oder zur Verehrung angebeteter Frauen geschaffen wurde, doch das Gleiche, wie für den IS und Palmyra. (http://www.spiegel.de/forum/politik/kulturerbe-syrien-rueckt-auf-antike-oasenstadt-palmyra-vor-thread-290718-1.html#postbit_28899256) Und den Verdacht - kein Generalverdacht (http://www.spiegel.de/forum/politik/merkel-und-obama-beim-g7-gipfel-interessiert-mich-spionage-erst-mal-brotzeit-thread-303157-1.html#postbit_29953526) -, dass sich Spiegel online von mir zur Auswahl seiner Themen anregen lässt, werde ich irgendwie auch nicht los.
cantate 06.06.2015
5. verschiedene Gründe
Orgeln aus deutschen Kirchen werden nicht nur verkauft, weil hier Kirchen schließen, sondern auch weil immer wieder Orgeln aus der Nachkriegszeit, wo in Deutschland der Orgelbau nicht gerade seinen Höhepunkt hatte, ausgemustert und und durch neue Instrumente ersetzt werden. Da kann eine in Zahlung gegebene Orgel die Kassenlage etwas aufbessern.
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