Von Marc Pitzke, New York
Steven Simkin ist ein erfolgreicher Strippenzieher. Der Rechtsanwalt gilt als knallharter Spezialist für Immobilien- und Finanzrecht. Simkin ist langjähriger Partner der New Yorker Großkanzlei Paul, Weiss, Rifkind, Wharton & Garrison LLP, einer der mächtigsten Klagefabriken der USA.
Zu Simkins Klienten zählen viele prominente Spekulanten, Investoren und Baubonzen. Darunter: Großbanken wie Citigroup, diverse Hedgefonds, der Kennedy-Clan, das Sands-Casino in Las Vegas, das Nobelkaufhaus Saks und New Yorks Gastro-Ikone Ian Schrager, der zum Hotel-King mutierte Urvater des "Studio 54".
Für seine Mandanten klagt Simkin Millionengewinne ein, räumt Konkurrenten aus dem Weg, schnürt Deals, verschachtelt Hypothekenkredite. Bei einem Stundenlohn von bis zu tausend Dollar fällt auch für ihn selbst einiges ab. So ähnelt Simkins Anwesen nördlich von Manhattan eher einem rustikalen Schloss als einem gewöhnlichen Haus.
Die gleiche Unbarmherzigkeit, die Simkin zugunsten seiner Mandanten zeigt, zeigt er freilich auch in seinem Privatleben. Seine Ex-Frau Laura Blank, ebenfalls Anwältin, kann ein Lied davon singen.
Die Millionenscheidung von Simkin und Blank ist zurzeit das Gesprächsthema an der Wall Street und in der New Yorker Society. Denn im Mittelpunkt dieses VIP-Trennungsdramas steht ein Mann, der weit entfernt hinter Gittern schmort und den sie hier gerne vergessen wollen - Milliardenbetrüger Bernard Madoff.
Zwar ist die eigentliche Scheidung eine alte Geschichte. Doch dank Madoff wird sie jetzt noch mal ganz neu verhandelt - mit einer Extra-Prise Hass und Missgunst, die sogar abgebrühte Beobachter erschauern lässt. "Abscheulich" und "skandalös", findet das selbst Reuters-Finanzkolumnist Felix Salmon, den sonst nur viel größere Intrigen erregen. Es scheint, als räche sich Madoff noch einmal an seinen Opfern.
Voicemail-Nachricht mit bösen Folgen
Worum es geht: 2006 ließen sich Simkin und Blank scheiden - nach 33 Jahren Ehe, von denen sie bereits die letzten fünf getrennt verbracht hatten. Sie teilten ihr Vermögen 50:50: Er bekam die Villa in Scarsdale bei New York und drei Autos, sie das Penthouse in Manhattan und den Audi. Er zahlte ihr außerdem 6,6 Millionen Dollar aus den gemeinsamen Investmentkonten aus. Auf Alimente verzichtete Blank, auch da ihre zwei Söhne zu der Zeit längst volljährig waren.
Der penible Scheidungsvertrag war aufgesetzt wie eine geschäftliche Transaktion. Er enthielt sogar eine klassische "merger clause", eine Klausel, die alle bisherigen Ansprüche außer Kraft setzte, "mündlich wie schriftlich" - ein Pro-Forma-Paragraf, der sonst bei der Fusion oder Zerschlagung von Konzernen üblich ist.
Und so gingen sie ihre getrennten Wege. Blank kassierte eine siebenstellige Summe, Simkin steckte sein Geld weiter in Portfolios.
Das Dumme: 5,4 Millionen Dollar davon hatte Simkin bei Madoff angelegt, der damals noch als einer der renommiertesten Finanzjongleure galt. Als dessen Milliardenschwindel Ende 2008 aufflog, war Simkin abgezockt - während sich Blank in weiser Voraussicht ihren Teil des Madoff-Investments hatte auszahlen lassen.
Simkin versuchte es erst diskret: Er hinterließ eine Nachricht auf Blanks Voicemail mit der Bitte, den Scheidungsvertrag doch nachträglich noch mal zu revidieren. Sprich: Sie möge ihm 2,7 Millionen Dollar zurückzahlen - die Hälfte der verlorenen Madoff-Einlage. Blank weigerte sich natürlich. Woraufhin Simkin tat, was ein Anwalt nun mal tut: Er verklagte sie.
Die Gerichte sind ratlos
Dazu lässt sich Simkin von seinen eigenen Kollegen vertreten - pro bono, als sei er mittellos. Simkin sei durch den Madoff-Skandal "schwer beschädigt", schreiben die in der Klage, und leide "schwerste Not". Eine gewagte Behauptung - zumal die Kanzleipartner im Jahr rund drei Millionen Dollar verdienen und Simkins die Scarsdale-Villa voriges Jahr für 5,7 Millionen Dollar verkauft und dafür dann besagtes Privatschlösschen erstanden hat.
Simkin pocht auf einen gemeinsamen Vertragsirrtum - eine übliche Methode, um geschäftliche Transaktionen anzufechten. Die Kaplan-Jurafibel illustriert das mit einem fiktiven Fall: Star-Cellist Yo-Yo Ma kauft dem Jazz-Saxofonisten Branford Marsalis eine Stradivari ab, merkt dann aber, dass es gar keine echte Stradivari ist. Beide hatten sich ehrlich geirrt. Fazit: "Der Vertrag ist nichtig."
In diesem Fall ist es keine Violine, sondern der Anteil der Madoff-Einlagen, den Simkin an Blank ausgezahlt hatte. "In Wahrheit", heißt es in der Klage, "gab es so ein Konto gar nicht, da Madoff ein Schneeballsystem betrieb." Sprich: Simkin - der Mann, der die Reichtümer anderer vervielfacht - sei nicht reich, sondern bettelarm.
So eine Haarspalterei aufs Eherecht anzuwenden, ist ebenso kühn wie neu. Was sich allein daran zeigt, dass die Gerichte keine Ahnung haben, wie sie mit dem Zank des Anwaltspaars umgehen sollen - sehr zur Freude der New Yorker Klatschspalten.
"Man möchte meinen", echauffiert sich der Ex-Staatsanwalt David Lat, Gründer des Jurablogs "Above the Law", "dass es sich jemand mit so vielen Millionen leisten könnte, der Frau, mit der er mehr als 30 Jahre verheiratet war, der Mutter seiner zwei Kinder, ein kleines Extra zu hinterlassen." Hillary Reinsberg von der Website Mogulite, die sich dem Treiben von, nun ja, Mogulen widmet, schiebt den Schwarzen Peter dem Mann im Knast zu: "Typisch Madoff, eine schlechte Situation noch schlechter zu machen."
Droht eine neue Klagewelle?
Die erste Instanz wies Simkins Klage ab. Ein Berufungsgericht hob diese Entscheidung aber wieder auf - mit den Stimmen von drei der vier männlichen Richter. Die einzige Frau, Richterin Karla Moskowitz, wandte sich scharf dagegen, "eine sorgfältig verhandelte Scheidung, bei der der Ehemann profitierte, wieder zunichtezumachen". Simkin und Blank haben noch bis Montag Zeit, sich zu äußern, dann geht die Klage in die nächste Instanz.
Ein Urteil zugunsten Simkins würde nicht nur das US-Scheidungsrecht ins Chaos stürzen. "Die Entscheidung könnte die Schleusen öffnen für alle, die Abmachungen anfechten wollen, wenn sie ihnen nicht mehr schmecken", sagte der Scheidungsanwalt Peter Bienstock der "New York Times". Vor allem im Fall Madoff könnte das eine neue Prozesswelle bedeuten: Madoff-Treuhänder Irving Picard hat bisher mehr als tausend Klagen zur Rückführung von rund 90 Milliarden Dollar angestoßen. Wer weiß, wie viele kaputte Ehen hinter diesen Klagen stecken.
Schon gibt es in Massachusetts eine ähnliche Klage zur "Korrektur" einer Scheidung; auch hier hatten sich die ehemaligen Eheleute mit Madoff verspekuliert.
Ob Bernard Madoff überhaupt von dieser jüngsten Folge seines Betrugs weiß, ist unbekannt. Er sitzt in North Carolina eine 150-jährige Haftstrafe ab. Seine Schuld gibt er zu, aber moralisch fühlt er sich im Recht: "Ich bin", beharrte er im Februar in einem Interview mit dem "New York Magazine", "ein guter Mensch."
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde Yo-Yo Ma als Star-Geiger bezeichnet. Tatsächlich spielt er aber Cello. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.
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