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Umweltverschmutzung durch K+S: Die dunkle Seite des Börsenstars

Aus Heringen berichtet Ariane Stürmer

Der Dax-Konzern K+S versalzt mit seinen Bergwerken Flüsse, Böden und Grundwasser - mitten in Deutschland. Das alles auf der Grundlage von Grenzwerten, die zum Teil noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammen. Doch jetzt will die EU einschreiten.

Umweltschutz: Düngemittelhersteller versalzt Flüsse Fotos
DPA

Die Erde kann nicht mehr. Unablässig quillt Wasser aus dem Boden, das doch eigentlich von den mächtigen Gesteinsschichten in hunderten Metern Tiefe gehalten werden sollte. Rund eine Milliarde Kubikmeter hochkonzentrierte Salzlauge lagert unter Deutschlands Mitte. An 18 Stellen drängt das Wasser inzwischen an die Oberfläche. So auch auf einer Wiese in der Nähe des Kaliwerks Heringen an der Grenze von Thüringen und Hessen. Der Boden ist weich und nass, an einigen Stellen schimmern Pfützen in der Sonne. Für die Landwirtschaft ist die Wiese unbrauchbar geworden. Salzpflanzen, die sonst nur in Meeresnähe wachsen, haben sich breitgemacht.

Verantwortlich ist ein deutscher Börsenliebling: das Dax-Unternehmen K+S und seine Vorgänger. K+S baut im Werra-Tal Kalisalz ab, um daraus Dünger zu gewinnen. Nur bis zu 30 Prozent des zutage geförderten Rohsalzes können zum Endprodukt Dünger verarbeitet werden. Der Rest besteht größtenteils aus Natriumchlorid - besser bekannt als Kochsalz.

Rentabel lassen sich solche Salzmengen nicht verkaufen, sagt K+S. Also entsorgt der Konzern seine Salzabfälle. Jährlich fallen elf Millionen Kubikmeter flüssige Rückstände und bis zu 13 Millionen Tonnen feste Salzabfälle an. Sie werden teils in die Werra entsorgt, teils Hunderte Meter unter die Erde gepumpt, teils auf riesige Halden geschüttet. "Die Werra ist der am stärksten belastete Fluss in ganz Mitteleuropa", sagt Ulrich Braukmann, Professor für Gewässerökologie an der Universität Kassel. Der Salz-Müllberg "Monte Kali" ragt im hessischen Heringen 200 Meter in den Himmel. Regnet es, muss auch das Sickerwasser dieser Abraumhalde in die Werra entsorgt werden.

Naturschützern, Bürgerinitiativen, Kommunen, Parteien aus Hessen und Thüringen, Umweltämter, der niedersächsische Landtag: Sie alle fordern den Konzern mittlerweile auf, die Menge des Laugenabfalls zu reduzieren. Doch verbindliche rechtliche Grenzen setzen bislang nur regionale Behörden wie das Regierungspräsidium Kassel. Das ist hin- und hergerissen zwischen Naturschutz, Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen. In Deutschland beschäftigt K+S rund 10.000 Menschen, davon 4.400 im strukturschwachen Osthessen. Zahlreiche Zulieferbetriebe garantieren weitere Tausende Arbeitsplätze.

Doch jetzt bekommt es K+S mit einem ernstzunehmenden Gegner zu tun. Die EU-Kommission hat wegen der Salzabwässer ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland eingeleitet. Das Verfahren besteht aus mehreren Stufen, an deren Ende eine Klage der Kommission gegen Deutschland möglich ist. Denn die Bundesrepublik ist nach EU-Recht verpflichtet, für saubere Flüsse zu sorgen. Das hat sie im Fall Werra offenbar verpasst. Während nämlich die europäische Wasserrahmenrichtlinie festlegt, dass die Gewässer bis 2015 in einem ökologisch und chemisch "guten Zustand" sein müssen, darf K+S noch immer so viel Salzabwässer in die Werra kippen, bis der Grenzwert von 2.500 Milligramm Chlorid pro Liter erreicht ist. Trinkwasser darf maximal ein Zehntel dieser Salzmenge enthalten.

In der Werra gilt der Salz-Grenzwert von 1942

Besonders kurios: Der Grenzwert für die Werra gilt seit 1942. Damals, mitten im Zweiten Weltkrieg, hatte man ihn eigens für die Belange der Kriegsproduktion erhöht. Davor lag er bei 1.781 Milligramm. K+S hat bereits vor längerem angekündigt, die Chloridbelastung bis 2015 auf 1.700 Milligramm pro Liter zu verringern.

Sofern K+S dieses Ziel erreicht, kann man dem Unternehmen also dazu gratulieren, im Jahr 2015 den Grenzwert von vor 1942 einzuhalten.

Von einem gesunden Gewässer ist die Werra damit aber noch weit entfernt. Und auch wenn die EU-Kommission jetzt tätig wird, so ist sie doch nicht ganz unschuldig an dem Dilemma: Denn die Wasserrahmenrichtlinie schreibt zwar vor, dass alle europäischen Gewässer bis 2015 in "gutem Zustand" sein müssen. Wenn das allerdings nicht gelingt, gibt es Aufschub bis 2027. Und selbst dann müssen die Gewässer nicht auf ganzer Länge Quellqualität haben. Die EU erlaubt dann nämlich die Festlegung "geringerer Umweltziele". Lauter potentielle Schlupflöcher für K+S.

Die Aktionäre haben mit K+S prächtig verdient

Für das Unternehmen würde ein niedrigerer Grenzwert bedeuten, dass es auch weniger Abwässer in die Werra einleiten kann. Weil aber auch die Kapazitäten des Bodens weitgehend erschöpft sind, bliebe K+S nur, generell weniger Kaliabfall zu produzieren. Das ist je nach Zusammensetzung des Rohsalzes mit verschiedenen technischen Verfahren durchaus möglich - doch die Anlagen zur Aufbereitung des Abfalls würden wohl einige hundert Millionen Euro kosten. Viel Geld, das letztlich die Rendite der Aktionäre schmälert. Die wiederum haben in den vergangenen Jahren mit K+S prächtig verdient. 2011 schnellte der Umsatz des Gesamtkonzerns auf 5,2 Milliarden Euro (plus elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr), das Ergebnis nach Steuern stieg auf 674 Millionen Euro (2010: 454 Millionen). Die K+S-Aktie stieg seit 2002 um mehr als 600 Prozent.

Der Konzern stellt sich trotz salzverkrusteter Wasser-Weste gern als Saubermann dar, dem am Gleichgewicht von Ökologie und Ökonomie gelegen ist. K+S verweist auf sein 360-Millionen-Maßnahmenpaket zum Gewässerschutz, mit dem bis 2015 mehrere moderne Aufbereitungsverfahren an den Werra-Standorten eingeführt werden sollen, um die Menge der Salzabwässer zu reduzieren. Doch "es ist nicht so, dass K+S die 360 Millionen in die Hand nimmt, nur um in den Naturschutz zu investieren", sagt Dieter Kämmerer vom Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie. "Die meisten Anlagen sind nicht mehr auf dem Stand der Technik. Sie müssen ohnehin modernisiert werden." Zudem verteilen sich die Ausgaben über mehrere Jahre.

Während K+S taktiert, kämpft ein Gebiet von Deutschlands Mitte bis an die Nordsee gegen die salzige Last. Brückenpfeiler, Wehre und Schleusen entlang der Werra bröckeln unter der dauernden Salzbelastung. Die thüringische Gemeinde Gerstungen ist vors Kasseler Verwaltungsgericht gezogen, weil sie die Versalzung ihrer Trinkwasserbrunnen befürchtet. Und weil die Werra in die Weser mündet, spürt selbst das 300 Kilometer entfernte Bremen noch die Folgen des Kaliabbaus: Hans-Peter Weigel von der Bremer Umweltbehörde erinnert sich noch an die Zeit, als aus der Weser Trinkwasser gewonnen wurde. Doch seit den siebziger Jahren muss die Stadt auf Brunnen im Umland zurückgreifen. Bis zu 300 Milligramm Chloridsalz pro Liter, größtenteils aus der Werra, machen die Weserflut bis heute für die Aufbereitung zum Trinkwasser ungenießbar.

In unmittelbarer Nähe der Werra-Standorte bedroht das Salz sogar das Grundwasser. Das Problem sind vor allem die im Boden versenkten Abwässer. Dieter Kämmerer vom hessischen Umweltamt, der das für die Genehmigungen zuständige Regierungspräsidium Kassel aus fachlicher Sicht berät, würde K+S die Erlaubnis zur Versenkung der Abwässer am liebsten so schnell wie möglich überall entziehen. Denn Kämmerer ist überzeugt, dass das von den Kaliwerken in den Untergrund gepumpte Abwasser allmählich wieder nach oben steigt und sich dort mit dem Grundwasser vermischt.

Eine Pipeline bis an die Nordsee ist K+S zu teuer

Der Umweltbeamte erwartet von dem Unternehmen, dass es sich an die Empfehlung eines Runden Tisches hält, die 2010 verabschiedet wurde: Demnach wäre die beste Lösung der Bau einer Pipeline bis an die ohnehin salzige Nordsee, durch die sämtliche Abwässer entsorgt würden. Mindestens 500 Millionen Euro würde der Bau kosten. Kämmerer sagt: "Ein Unternehmen, das jährlich 300 oder 400 Millionen Euro investiert, um Konkurrenten aufzukaufen, müsste auch in der Lage sein, in den Umweltschutz zu investieren".

Der K+S-Nachhaltigkeitsbeauftragte Martin Eichholtz verweist hingegen darauf, dass jedes Kaliwerk für sich wirtschaftlich arbeiten und Investitionen selbst tragen müsse. Eine solch große Investition wie die Pipeline könnte den Standort an der Werra in die roten Zahlen reißen. K+S lehne den Vorschlag des Runden Tisches ab, bis 2020 eine Nordsee-Pipeline zu bauen, da das Unternehmen in diesem Zeitraum die mit Hessen, Thüringen und dem Runden Tisch erarbeiteten Prüfkriterien nicht erfüllt sieht. Dennoch bereitet der Konzern derzeit den Antrag für die Genehmigung der Nordsee-Pipeline vor. Offenbar will man vorsorgen, falls sich die Behörden doch noch zu strengeren Auflagen durchringen.

Die aufsteigenden Abwässer haben an einigen Stellen bereits Lebensräume geschaffen, wie sie sonst nur an Meeresküsten zu finden sind. Eine menschengemachte ökologische Sensation. Nach Angaben der "Bürgerinitiative für ein lebenswertes Werratal" haben die Behörden im Wartburgkreis betroffene Gebiete mittlerweile als schützenswerte Salzbiotope ausgewiesen.

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insgesamt 71 Beiträge
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1. Ich habe kein Problem damit.
gustavsche 27.07.2012
Dann ist die Werra halt ein Salzwasserfluss und die Weser zumindest brackig. Man muss sich doch nicht immer darauf versteifen, dass "alles bleibt, so wie es ist."
2. optional
Xangod 27.07.2012
Was hier nicht erwähnt wird, daß es zu DDR-Zeiten viel schlimmer war, weil in der DDR absolut hemmungslos Salz eingeleitet wurde. Der Fluß fließt ja von Ost nach West. Die heutige Belastung von Werra und Weser ist dagegen lächerlich.
3. Umweltverschmutzung durch K & S
4micat 27.07.2012
Ich bin Gegner des irrwitzigen Salzabbaus. Allerdings hat Herr Kämmerer in der Schule im Fach Chemie/Physik nicht aufgepasst (oder war erkrankt): Salzsole ist deutlich schwerer als Süßwasser. MfG 4micat
4. gewinnbringend?
blickpol 27.07.2012
Das Kochsalz kann nicht Gewinn bringend verkauft werden, daher entsorgt man es lieber im Fluss und im Grundwasser. Na tolle Einstellung. Wenn es doch schon gefördert ist, dann kann es auch verkauft werden, von mir aus lose im Eimerchen wie zu Omas Zeiten, aber dann ist es immer noch nicht im Wasser. Wenn ich allerdings bedenke, wie viel Leute einfach Salz auf den Bürgersteig kippen, damit ja kein Grünzeug mehr gen Himmel blickt, frage ich mich tatsächlich, ob es Sinn macht, sich über die Konzerne aufzuregen, wo es Otto Normalbürger keinen Deut besser macht. Unsere Erde wird uns die Nachlässigkeiten danken. Erklärt es den Kindern.
5.
Th.Tiger 27.07.2012
Zitat von sysopDPADer Dax-Konzern K+S versalzt mit seinen Bergwerken Flüsse, Böden und Grundwasser - mitten in Deutschland. Das alles auf der Grundlage von Grenzwerten, die zum Teil noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammen. Doch jetzt will die EU einschreiten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,845290,00.html
Wenn K+S es noch schafft, durch periodische Schwankungen der Abwassermenge eine Tide zu erzeugen, haben wir ein Wattenmeer in der Mitte Deutschlands. Da braucht es das an der Nordsee nicht mehr, da kann man dort Erdöl fördern oder wenigstens durchleiten. Eine klassische "win-win"-Situation! Ich hoffe, die zuständigen Behörden des Wartburgkreises haben sich diesbezüglich mit K+S bereits abgestimmt.
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