Sammelfieber in Supermärkten Lidls Sharky-Papsy-Bunny-Desaster

Mit Sammelbildern und Plastikspielzeug gehen Deutschlands Supermarktketten auf Kleinkundenfang. Die Kinder fahren auf die Köder ab, ihre Eltern kaufen kräftig ein - und die Discounter freuen sich über Umsatzzuwächse. Nur bei Lidl geht der Schuss nach hinten los.

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Claus Hecking

"Gehen wir zu Lidl, biiiiitte", jammert Annamaria* und krallt sich am Bein der Mutter fest. Draußen schüttet sich der Hamburger Himmel aus, und normalerweise findet die Sechsjährige Supermärkte langweilig. Aber heute will sie unbedingt zu Lidl. Denn da locken die Stikeez.

Die Objekte von Annamarias Begierde heißen Gloo Gloo, Sharky, Papsy oder Bunny, sind drei Zentimeter klein und haben statt Füßen einen Saugnapf. Für jede 15 Euro Einkauf, so verspricht Lidl, gibt es an der Kasse eine dieser bunten Tierfiguren zum Sammeln und Ploppen: Häschen, Vögelchen oder Hündchen, chinesischer Plastikramsch par excellence. Und doch widmet der Discounter den Stikeez eigene Werbespots im TV, Radio und Web, pilgern Tausende Eltern ihretwegen zu Lidl. Denn an den deutschen Kitas und Grundschulen sind die Lidl-Stikeez gerade der letzte Schrei. So wie kürzlich das "Unser Deutschland"-Sammelbilderalbum von Penny. Oder die Asterix-Murmeln von Real.

Dreingaben für Kinder sind en vogue in deutschen Supermärkten. Ob Rewe, Edeka oder Combi/Famila - fast alle großen Ketten bis auf Aldi ködern die kleinen Kunden mit Stickern, Spielzeug und anderem Krimskrams zum Sammeln. "Die Familie mit Kindern ist im Lebensmittel-Einzelhandel die mit Abstand begehrteste Zielgruppe", sagt Andreas Bauer, Handelsexperte von Roland Berger. "Wenn es Handelsketten gelingt, Familien mit Kindern anzusprechen, noch dazu relativ günstig und ohne Rabatte in Form von Geld, dann ist das eine geniale Leistung." Der deutsche Supermarktkunde wechsele permanent zwischen den Händlern hin und her, sagt Bauer. "Wo er heute kauft, hängt also stark von solchen Marketing-Aktionen ab." Und wenn Angebot und Preise der Discounter austauschbar sind, wenn die gute alte Rabattmarke ausgedient hat, braucht man ein anderes Lockmittel.

Die Kleinen quengeln, die Großen kaufen

Den Hype gestartet hat Rewe mit einem Album à la Panini zur Fußball-WM 2010: eine Sammelkarte pro 10 Euro Einkauf. Das zog. Während der sechs Aktionswochen gingen 110 Millionen Karten über den Ladentisch; Insidern zufolge machten einige Filialen bis zu 25 Prozent mehr Umsatz. Rewe hat seither sechs Nachfolgealben herausgegeben: Tiere, Popsternchen, Disney-Figuren. Ab und an organisiert der Konzern Tauschbörsen, und die Konkurrenz kupfert die Masche nun ab - zum Missfallen der Verbraucherschützer.

"Die Konzerne instrumentalisieren die Sammelleidenschaft der Kinder, um die Eltern an sich zu binden", sagt Eckard Benner von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. "Hier wird gezielt die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ausgenutzt, um Umsätze künstlich nach oben zu pushen." Werbeexperten nennen das "Pester Power": Die Kleinen quengeln, die Großen kaufen. Hauptsache Frieden.

Bei Lidl allerdings herrscht gerade Krieg. "Ich habe hier gerade eine heulende Achtjährige, die von Lidl sehr enttäuscht ist!", heißt es auf dem Facebook-Portal des Discounters. Oder: "Mit dieser Art von Kundenbehandlung vergraulen Sie leider einen langjährigen Kunden und zerstören die Illusionen meiner Kinder." Seit Tagen beherrscht ein Shitstorm wütender Verbraucher die Seite. Denn Lidl gehen die Stikeez aus. In Dutzenden Filialen gibt es seit Wochen keine Figuren mehr - obwohl die Aktion noch bis kommenden Samstag gehen soll, obwohl der Discounter den Kunden Tausende Stikeez-Sammelboxen verkauft hat.

Und doch laufen weiter im Radio die Werbespots, preisen überlebensgroße Plakate am Supermarkt-Eingang Kittie, Froggy und Co. an, findet sich auf der Stikeez-Internetseite kein einziger Hinweis, dass die Dreingaben vergriffen sind. Das erfahren die Kunden in der Regel erst beim Bezahlen: Wenn ihnen die Kassierer beibringen, dass die Stikeez alle sind.

"Lidl hat sich offenbar total verplant"

Die Lidl-Facebook-Seite ist zur Klagemauer geworden. In Hunderten Postings werfen wütende Eltern dem Discounter unternehmerisches Versagen, Bauernfängerei oder gar Betrug vor. Von "Riesensauerei" ist die Rede. Extra der Stikeez wegen, so schreiben einige, hätten sie für 90 oder gar 150 Euro bei Lidl eingekauft. Andere fordern nun das Geld für ihre halbvollen Sammelboxen zurück. Und vom Discounter kommt auf Facebook die immer gleiche Antwort: "Wir bedauern, dass es aufgrund der großen Nachfrage keine Stikeez-Figuren mehr gibt. Eine Nachlieferung wird es leider nicht mehr geben." Die Lidl-Pressestelle bedauerte in einer Stellungnahme gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass die Stikeez "trotz großzügiger Mengenplanung in einigen Filialen leider nicht mehr in ausreichender Anzahl vorhanden" sind.

Besonders sauer ist die Kundschaft über den Schwarzmarkt, der sich im Internet auftut. Auf Ebay etwa hat ein einziger Verkäufer vergangene Woche mehr als 3600 Stikeez an den Mann gebracht - zum Stückpreis von 2,19 Euro plus Versandkosten. Kaum vorstellbar, dass es sich um Giveaways für Einkäufe über 54.000 Euro handelt. "Vielleicht sollte man wirklich mal bei Ebay recherchieren, wie viele Anbieter Mitarbeiter Ihres Unternehmens sind", schreibt ein Kunde auf Facebook.

"Lidl hat sich offenbar total verplant", sagt Christian Lamping, Gründer von Stick It Now, einem Spezialhändler für Sammelbilder und -figuren aller Art, der täglich rund 200 Bestellungen für Supermarkt-Giveaways erhält. Lamping selbst kann das Chaos nur recht sein. Treibt es doch den Preis seiner Stikeez, die er angeblich über Ebay eingekauft hat, rapide hoch: "Ich habe mit 1,50 Euro pro Stück angefangen, jetzt sind es schon vier Euro. Und die Leute reißen sich noch immer drum." An diesem Morgen hat Lamping eine frische Hunderter-Lieferung verkauft. Nun überlegt er, auf sechs Euro zu gehen.

Annamaria hat in ihrer Filiale noch ein Figürchen ergattert. Aber dass andere Kinder keine mehr kriegen, das findet sie ungerecht: "Am besten", sagt sie, "hätte Lidl gar nicht damit angefangen."


*Name geändert



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insgesamt 257 Beiträge
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Seite 1
Epaminaidos 28.05.2013
1. Gott steh mir bei...
...wenn meine Tochter auch in das passende Alter kommt. Da werden dann zwei Dickschädel aufeinander treffen: Sie will die Dinger dringend haben und der Papa lehnt die Beeinflussung durch so einen Quatsch grundsätzlich ab. Ich bin gespannt, wie das ausgeht.
Prinz Valium 28.05.2013
2. Wie das ausgeht?
Papa verliert.
spon-1226871014635 28.05.2013
3. optional
Arme Gesellschaft...
EvilGenius 28.05.2013
4. Schuld?
Das Problem sind doch hier weniger die Discounter sondern mehr die Eltern, die ihre Kinder nicht im Griff haben.
Karl_Lauer 28.05.2013
5. Bitte sprechen Sie jetzt
Nah, ich hab mal an einer Aral-Tanke gearbeitet während so eine bescheuerte "Treueaktion" lief. AUf jeden Fall hat es mein Weltbild nicht gerade positiv verstärkt aus der ersten Reihe mitzubekommen wie idiotisch sich viele Leute aufführen nur um ein paar gottverdammte Sammelsticker zu kriegen. "Wie die ham' Sie nicht mehr? Gut, dann fahr ich zur nächsten Aral und frag da". ?????? Oh je.
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