SAP-Chef Apotheker: Abgang eines Ungeliebten

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Der Blitzrücktritt von SAP-Chef Léo Apotheker war ein kalkulierter Rauswurf: Der Manager passte nicht zur Kultur des Software-Konzerns - und brachte Kunden und Mitarbeiter gleichermaßen gegen sich auf.

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SAP-Ex-Chef Apotheker: "Wie ein reinigendes Gewitter"

Hamburg - Die Anzüge sitzen stets perfekt, die randlose Designerbrille ist mehr Modeaccessoire als Sehhilfe. Schon äußerlich hebt sich Léo Apotheker deutlich von den Computer-Nerds seiner Branche ab. Viele von denen tragen gerne Rucksäcke über dem nicht so perfekt sitzenden Jackett und schmücken ihre Gesichter mit möglichst dick umrandeten Hornbrillen.

Der plötzliche Rücktritt des SAP-Chefs hat auch mit diesen optischen Kontrasten zu tun. Es gibt eine Kluft zwischen ihm, dem Sanierer und Volkswirt, und seiner Branche; zwischen Apotheker, dem polyglotten Wein- und Kunstliebhaber, und der technikversessenen IT-Wirtschaft. Es ist ein Kulturkonflikt, den Apotheker nie ganz überwinden konnte - und der ihn nun unter anderem den Chefposten gekostet hat. Am Sonntag trat der 56-Jährige nach einer inoffiziellen Besprechung mit dem Aufsichtsrat zurück.

Offiziell nennt der Konzern keine Gründe für den Rücktritt. Man habe sich "einvernehmlich" geeinigt, heißt es in einer dürren Erklärung zur Personalie. Eine extra wegen des Rücktritts einberaumte Pressekonferenz war kaum ergiebiger. "Ich möchte mich nur zur Zukunft des Konzerns äußern, nicht zur Vergangenheit", sagte Hasso Plattner, SAP-Gründer und -Aufsichtsratschef, am Montagnachmittag vor Journalisten.

Tatsächlich war die Personalentscheidung nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen alles andere als einvernehmlich. "Herr Apotheker hat es nicht hinreichend geschafft, das Vertrauen von Kunden und Mitarbeitern zu gewinnen", ist aus dem SAP-Aufsichtsrat zu hören. Das sei der Hauptgrund dafür gewesen, seinen Vertrag, der im Dezember ausläuft, nicht zu verlängern. Der Aufsichtsrat hatte sich am Samstag dazu entschlossen. Am Sonntag sei Apotheker die Entscheidung mitgeteilt worden. Der Manager habe den Beschluss als Misstrauensbeweis gewertet und seinen sofortigen Rücktritt erklärt.

Rücktritt nach nur neun Monaten

Dass Apotheker im Konzern umstritten war, galt in der Branche als offenes Geheimnis. Spätestens seit dem Auftritt von Aufsichtsratschef Plattner in der Talkshow Maybrit Illner musste der Manager um seinen Job fürchten. "Ein Technologieunternehmen muss auf Wachstumskurs sein, sonst ist es auf Abstiegskurs", sagte der für seine gelegentlichen Gemütsausbrüche bekannte SAP-Urvater. Die Kritik am eigenen Konzern richtete sich direkt gegen dessen Lenker Apotheker.

Branchenkenner sind daher auch nicht verwundert, dass der Konzernchef gehen musste - nur, dass er so schnell ging. Er war gerade neun Monate im Amt. "Es gab schon länger Gegrummel im Untergrund", sagt Rüdiger Spies, Analyst beim IT-Marktforscher IDC und seit 25 Jahren Beobachter der Branche. Der rasche Führungswechsel habe ihn dennoch verblüfft.

Aus dem Aufsichtsrat ist zu hören, der Blitz-Rücktritt sei auch den Vertragsbedingungen geschuldet: Apotheker gehörte seit 2002 dem Vorstand an. Im April 2008 stieg er neben Henning Kagermann zum gleichberechtigten Vorstandssprecher auf, seit Mai 2009 führte er den Konzern allein, behielt aber seinen alten Vorstandsvertrag, der im Dezember ausgelaufen wäre. Entsprechend habe sich der Aufsichtsrat bereits jetzt mit der Personalie befassen müssen, heißt es im Gremium.

"Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt"

Trotzdem: Dass Apotheker schon vor Vertragsende abtritt, dürfte manchen bei SAP erleichtert aufatmen lassen. Apotheker hat Politikwissenschaft und Volkswirtschaft studiert und war damit der erste SAP-Manager überhaupt, der ohne technische Ausbildung in den Konzernvorstand aufrückte. Ein Makel, den er trotz seines rasanten Aufstiegs nie ganz losgeworden ist.

"Apothekers Aufgabe war es, den Vorstandsvorsitzenden von BMW und anderen Großkonzernen hochkomplexe Software-Lösungen zu verkaufen", sagt IDC-Analyst Spies. "Diese Aufgabe kann nur einer leisten, dem die Kunden abnehmen, dass er das, was er verkauft, technologisch en detail versteht. Das war bei Apotheker nicht der Fall: Er hat das Unternehmen rein kommerziell geführt - und damit seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt."

Andere werfen Apotheker mangelndes Taktgefühl vor. Im Sommer 2008 versuchte der Manager etwa, die Wartungsgebühren für Geschäftssoftware schlagartig zu erhöhen - von 17 auf 22 Prozent. SAP kündigte 50 bis 60 Prozent der Kunden in Deutschland und Österreich die Wartungsverträge. Knapp 100 Mittelständler organisierten Widerstand in Internetforen, Fachmedien wurden darauf aufmerksam, und plötzlich sah sich der Software-Riese einer breiten Protestbewegung gegenüber.

Der Konzern beugte sich der Revolte, im Dezember zog er seine Gebührenerhöhung zurück - doch der Imageschaden blieb. "Die willkürliche Erhöhung der Gebühren wurde als Vertrauensbruch gesehen", sagt Yvonne Genovese, Analystin beim IT-Marktforscher Gartner.

Demotivierte Mitarbeiter

Bei den eigenen Mitarbeitern machte sich Apotheker ähnlich unbeliebt. Er verordnete dem Konzern ein hartes Sanierungsprogramm. Zum ersten Mal in der Konzerngeschichte fielen innerhalb eines Jahres 4000 Stellen weg. Die Belegschaft demotivierte das offenkundig: Ihre Identifikation mit dem Konzern sank einer internen Umfrage zufolge auf einen Rekordtiefwert. Finanzchef Werner Brandt nannte das Ergebnis "katastrophal".

Diese innere Unzufriedenheit scheint auch Plattner beunruhigt zu haben. "Wir sind ein Unternehmen, das Gewinn machen muss. Das werden wir aber nur tun, wenn wir auch ein glückliches Unternehmen sind und auch unsere Kunden glücklich sind", sagte der Aufsichtsratschef am Montag in der Telefonkonferenz. "Ich werde alles dafür tun, dass SAP wieder eine glückliche Firma wird."

Auf die Nachfrage, ob denn SAP unter Apotheker ein unglückliches Unternehmen gewesen sei, ging Plattner nicht näher ein.

"Apotheker war wie ein reinigendes Gewitter"

Experten nehmen den EX-SAP-Chef in diesem Punkt dagegen in Schutz. Apotheker habe notwendige Kosteneinsparungen durchgesetzt, sagt IDC-Analyst Spies. Er habe die Marge nach oben getrieben und den Konzern fit für die kommenden Jahre gemacht.

"Apotheker war wie ein reinigendes Gewitter", sagt Spies. Jetzt allerdings sind andere Qualitäten gefragt. Der weltgrößte Anbieter von Business-Software muss in neue Geschäftsfelder vorstoßen. Im Stammgeschäft sind große Wachstumssprünge nicht mehr zu erwarten. SAP setzt daher auf Online-Software für den Mittelstand, neue Speicherverfahren und umweltschonende Technologien.

Doch der Innovationsmotor stockt, der Start der neuen Produkte wurde immer wieder verschoben, SAP droht technologisch den Anschluss zu verlieren. "Es gab im Konzern erhebliche Zweifel, dass Apotheker der richtige Mann ist, um den Konzern strategisch neu zu ordnen", sagt Spies. Auch deshalb habe der Manager gehen müssen.

Rückkehr zur Doppelspitze

Jetzt soll Europas größter Softwarehersteller wieder von einer Doppelspitze geführt werden. Die Vorstände für Vertrieb und Produktentwicklung, Bill McDermott und Jim Hagemann Snabe, werden gleichberechtigte Vorstandssprecher. Zusätzlich wurde laut SAP Vishal Sikka, Chief Technology Officer, zum Vorstandsmitglied bestellt.

Plattner lobte die Doppelspitze in der Telefonkonferenz. Sie hätte sich nicht nur bei SAP bewährt. Auch Microsoft habe seine beste Zeit gehabt, "als sich Bill Gates und Steve Ballmer die Macht teilten."

Im Aufsichtsrat wird die neue Doppelspitze ebenfalls als gute Entscheidung angesehen. "Jim Hagemann hat eine hohe soziale Kompetenz", heißt es in dem Gremium. Das werde dem Konzern gut tun. Die Doppelspitze habe zudem auch strategisch große Vorteile. Dem Konzern stünden nun nicht nur ein Vertriebs- und ein Technikexperte vor, sondern gleichzeitig auch ein Amerikaner und ein Europäer. Zusätzlich rücke mit Vishal Sikka ein Asiate in den Vorstand auf. Diese Kombination werde den Konzern international auf eine starke Basis stellen.

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insgesamt 60 Beiträge
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1.
berlin_rotrot 08.02.2010
die sapler können doch forh sein dass in ihrem weltweiten it konzern das headquater noch in walldorf sitzt. in der globalen it welt lässt sich alles leicht outsourcen und die abap (sap programmier sprache)entwickler in der slowakei und indien sind nicht weniger talentiert aber arbeiten billiger.
2. SAP als Uebernahmekandidat?
gschober 08.02.2010
Food for thought... Etwas was im Spiegel-Artikel nicht angesprochen wird, ist ob SAP als eigenstaendiges Unternehmen ueberhaupt noch ueberlebenfaehig ist. http://www.businessweek.com/news/2010-02-08/sap-ceo-apotheker-unexpectedly-leaves-co-ceos-named-correct-.html In diesem Beitrag in der amerikanischen Business Week wird offen darueber spekuliert, dass SAP nicht mehr viele Optionen besitzt.
3. To be continued...
rotverschiebung 08.02.2010
Léo Apotheker hat unstreitbar Qualitäten, ansonsten wäre er nicht über 20 Jahre im Unternehmen gewesen und das durchaus erfolgreich. Die Frage ist eher, ob er am Ende an der richtigen Stelle war. Und das war er definitiv nicht. Dafür hat er leider zu oft den falschen Ton getroffen. Was nahezu untergeht: Ein anderes Vorstandsmitglied ist ebenfalls ausgeschieden. Jetzt kann man mutmaßen, warum. Die Nachhaltigkeit der neuen Doppelspitze kann aus meiner Sicht in Frage gestellt werden. Was das Unternehmen dringend bräuchte, wäre ein hochkarätiger Manager von außerhalb. Es muss kein Techie sein aber jemand, der sowohl auf Augenhöhe mit den Entscheidern der ganz großen Kunden ist als auch den Respekt des Mittelstandes genießt. Es gibt derzeit eine recht gute Option auf dem Markt...
4. Nichts Neues...
rotverschiebung 08.02.2010
Zitat von gschoberFood for thought... Etwas was im Spiegel-Artikel nicht angesprochen wird, ist ob SAP als eigenstaendiges Unternehmen ueberhaupt noch ueberlebenfaehig ist. http://www.businessweek.com/news/2010-02-08/sap-ceo-apotheker-unexpectedly-leaves-co-ceos-named-correct-.html In diesem Beitrag in der amerikanischen Business Week wird offen darueber spekuliert, dass SAP nicht mehr viele Optionen besitzt.
Diese Spekulationen gibt es seit soooo vielen Jahren. Selbst wenn SAP nicht viele Optionen besitzt (wofür?), es gibt noch weniger Optionen für einen potenziellen Käufer...
5. Ein toller Hecht
Durchschnittsbürgerin 08.02.2010
Komisch, der Herr ist doch ein unglaublich toller Hecht. Siehe (Werbe-)Video: http://www.sap-tv.com/der-tag-an-dem-leo-apotheker-co-ceo-wurde/2954
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