Autisten bei SAP Super-Talente mit Überraschungseffekt

SAP sucht Autisten: Der Software-Konzern will bis 2020 Hunderte von ihnen als Spezialisten einstellen. Der Schritt könnte beispielhaft für andere Unternehmen sein, birgt aber auch Risiken.

Mitarbeiter des IT-Unternehmen Auticon: Autisten als Mitarbeiter gesucht
Auticon

Mitarbeiter des IT-Unternehmen Auticon: Autisten als Mitarbeiter gesucht

Von Martin Motzkau


Hamburg - Es sind keine gewöhnlichen Bewerbungsgespräche, die Christian Quincke führt. Wenn der 53-Jährige auf einen Jobanwärter trifft, muss er sensibel vorgehen, statt sein Gegenüber mit Fragen zu dessen Lebenslauf zu durchlöchern. Das liegt nicht etwa am Auswahlsystem - die Bewerber durchlaufen ein mehrstufiges Verfahren samt Vorstellungsgespräch und Tests -, das Besondere sind die Jobanwärter selbst. Sie alle sind Autisten.

Das Berliner IT-Unternehmen Auticon, für das Quincke als Jobcoach arbeitet, beschäftigt ausschließlich Menschen mit einer autistischen Störung. Sie arbeiten hauptsächlich als Softwaretester. Es sind Menschen, denen es schwer fällt, soziale und emotionale Signale richtig zu deuten und darauf zu reagieren. So beschreibt der Bundesverband Autismus Deutschland das Störungsbild. Quincke begleitet sie und fördert damit die Integration von Autisten in die Arbeitswelt.

Nun hat auch SAP diese Arbeitnehmergruppe in Deutschland für sich entdeckt und will bis 2020 Hunderte Autisten als Softwaretester, Programmierer und Spezialisten für Datenqualitätssicherung einstellen, wie das Unternehmen am Dienstag mitteilte. Damit ist SAP der erste namhafte Konzern in der Bundesrepublik, der den Jobmarkt für Autisten öffnet und die Aufmerksamkeit auf eine Arbeitnehmergruppe lenkt, die in der Öffentlichkeit bislang wenig Beachtung fand. Der Autismus-Verband begrüßte den Schritt und forderte gleichzeitig andere Konzerne dazu auf, dem Beispiel zu folgen.

Einzigartige Talente

Wie viele Autisten es in Deutschland gibt, ist sehr schwer zu sagen. Schätzungen zufolge sind es etwa ein Prozent der Bevölkerung, genau lässt sich das aber nicht beziffern. Oft haben sie es nicht leicht auf dem Arbeitsmarkt. Nach Angaben des Sozialwissenschaftlers Matthias Dalferth von der Hochschule Regensburg finden gerade einmal fünf bis sechs Prozent von ihnen einen Job.

Dabei macht es insbesondere für Unternehmen aus der IT-Branche Sinn, auf Autisten zu setzen. Sie haben oftmals ein besseres Gefühl für Details. Lange Zahlenkombinationen zu überprüfen ist beispielsweise für viele Autisten kein Problem. Für Unternehmen, die im Zeitalter der ständigen technologischen Veränderungen immer wieder neue Programme und Produkte entwickeln müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben, sind sie ein Glücksgriff.

Mit gezielter Förderung der einzigartigen Talente wolle SAP Menschen mit Autismus unterstützen, einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen, begründet das Unternehmen denn auch den jüngsten Entschluss. Gemeinsam mit dem dänischen Unternehmen Specialisterne, deren Ziel es ist, eine Million Autisten ins Arbeitsleben zu bringen, will SAP das Projekt in Deutschland starten. Die Ausbildung der autistischen Mitarbeiter sollen die Dänen übernehmen, IT-Hintergrund gilt dabei als wichtiges Einstellungskriterium.

Wann genau der erste autistische SAP-Mitarbeiter in Deutschland anfangen wird, ist noch offen. Bereits seit 2011 beschäftigt der Software-Konzern Autisten in seinem Entwicklungslabor in Indien, im vergangenen Jahr startete ein weiteres Pilotprojekt mit Specialisterne in Irland. Acht weitere Länder sollen folgen.

Unternehmen fehlt Erfahrung mit Autisten

Das Vorhaben von SAP ist also eine langfristige Investition, auch wenn die praktische Umsetzung Schwierigkeiten birgt. Angestellte, für die der Umgang mit Autisten neu ist, müssen sich auf unerwartete Reaktionen ihrer neuen Kollegen einstellen, berichtet Auticon-Coach Quincke. Soziale Kompetenz, Geduld und Verständnis dafür, dass Autisten ihre Umgebung anders wahrnehmen, seien gefragt. Auch SAP wird das erst lernen müssen. Den meisten Unternehmen fehlt einfach die Erfahrung mit autistischen Mitarbeitern.

Doch Quincke kann da Abhilfe schaffen. "Man muss ein enormes Fingerspitzengefühl für Personen und Situationen entwickeln", sagt er. Besonders der erste Kontakt sei sehr wichtig, um einen realistischen Eindruck voneinander zu bekommen. Quincke hält trotz der Schwierigkeiten viel von seinen besonderen Mitarbeitern. "Das oft große Potential dieser Menschen rechtfertigt, sich gelegentlich auch mit leicht entstehenden Missverständnissen auseinanderzusetzen", sagt er. Sein Arbeitgeber sieht das offenbar ähnlich. Auticon will künftig weitere Standorte etwa in Hamburg und Frankfurt am Main eröffnen - und noch mehr Mitarbeiter mit einer autistischen Störung einstellen.

Mit Material von dpa



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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
elwu 21.05.2013
1. Damit bekommt
die für Autisten oft verwendete politisch korrekte Bezeichnung 'anders befähigt' endlich Sinn.
amorphus 21.05.2013
2.
Zitat von sysopDPASAP sucht Autisten: Der Software-Konzern will bis 2020 Hunderte von ihnen als Spezialisten einstellen. Der Schritt könnte beispielhaft für andere Unternehmen sein, birgt aber auch Risiken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/sap-stellt-autisten-ein-a-901090.html
Natürlich sind es auch nicht zu übersehende, kommerzielle Gründe für SAP in diese Menschen zu investieren. Aber sind Autisten mit ihren sehr speziellen und ausgebildeten Fähigkeiten nicht auch eine Ressource deren sich die Menschheit bedienen darf um die Probleme der Jetzt-Zeit zu lösen? Wenn SAP die Unterstützung, das Geld und die Leute hat um dieses Projekt zu realisieren, dann ist das gut so. Da sich in diesem Fall Menschen mit dem aufstellen rationaler und irrationaler Zahlenkombinationen beschäftigen und sie dies mit den gleichen Möglichkeiten tun wie alle Menschen, könnte helfen sie zu verstehen.
Holledauer 21.05.2013
3. Ich finde diesen Plan hervorragend!
Eines meiner Lieblingsbücher ist "Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier", geschrieben von Frau Temple Grandin, einer Autistin und eine vielbeschäftigte Beraterin US-amerikanischer Tierzüchter, und zwar in unbedingt positivem Sinne. Frau Grandin sieht Dinge, welche Tieren Schrecken einjagen und welche "normale" Menschen keinerlei Beachtung schenken. Vielleicht haben Autisten gerade in der Softwarebranche die beruflichen Chancen, die ihnen anderswo verwehrt bleiben.
artusdanielhoerfeld 21.05.2013
4. Ich hoffe...
...dass diese Angestelltengruppe zu firmenüblichen Tarifen entlohnt werden, oder soll mit dieser vordergründig löblichen Maßnahme etwa an den Gehältern gespart werden?
meyeoliv 21.05.2013
5. Gibt Hoffnung
Da wir selbst ein Kind haben mit atypischem Autismus, gibt uns dieser Artikel und die angestrebte Umsetzung Hoffnung für,unseren Sohn. Hoffnung auf Anerkennung, auf einen Job und ein selbstbestimmtes Leben! Danke SAP!
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