Prozessauftakt: Richter machen Schickedanz wenig Hoffnung auf Milliarden
Sie war eine der reichsten Frauen Deutschlands, dann kostete sie die Karstadt-Pleite ein Vermögen. Jetzt fordert Madeleine Schickedanz eine Milliarden-Entschädigung. Sie fühlt sich von ihren Finanzberatern betrogen. Doch die Richter scheinen beim Prozessauftakt nicht gewillt, dieser Sicht zu folgen.
Auf dem Weg zu zwei Milliarden Euro muss man vorbei an der Realität. Vor dem Arbeitsamt stehen fahle Gestalten und rauchen, nebenan schnorrt ein Obdachloser Zigaretten und das Landgericht Köln sieht aus, als habe ein größenwahnsinniger Architekt Mengenrabatt für Beton bekommen.
Madeleine Schickedanz, Tochter des Quelle-Gründers Gustav Schickedanz und Erbin eines Milliardenvermögens, erspart sich diesen Ausflug in die Wirklichkeit. Stattdessen entsendet die 69-Jährige ihre Anwälte in den Saal 112, in dem nun über eine der größten Schadensersatzklagen der deutschen Wirtschaftsgeschichte gestritten werden soll. Dort drängeln sich am Dienstagvormittag zwei Dutzend Top-Juristen, denn es lockt ein lukrativer Streit - und auch die Gegenseite lässt sich diesmal lieber vertreten.
Schickedanz, die zu den reichsten Frauen Deutschlands zählte, hat unter anderem ihre ehemalige Hausbank Sal. Oppenheim und ihren Berater Josef Esch auf rund 1,9 Milliarden Euro verklagt. Sie wirft ihren früheren Geschäftspartnern vor, sie falsch beraten und um erhebliche Teile ihres Vermögens gebracht zu haben. Die Quelle-Erbin hatte sich in großem Stil an KarstadtQuelle und dem daraus hervorgegangenen Arcandor-Konzern beteiligt und die Aktien teils mit Krediten finanziert. Arcandor aber schlitterte 2009 in die Pleite.
"Sie machte alles mit"
Allerdings wird am Dienstag ziemlich schnell deutlich, wie die 21. Zivilkammer zu der Klage (Az. 21 O164/12) steht. Er halte das Vorgehen für "schwerlich plausibel", sagt der Vorsitzende Richter Stefan Singbartl. Jemand mit "einem Background wie Frau Schickedanz" brauche doch keine Beratung, um zu verstehen, welches Risiko in Aktienkäufen auf Pump läge. "Sie machte alles mit", so Singbartl, es sei nicht zu erkennen, dass Schickedanz die Transaktionen nicht gewollt habe. Auch könne man "bei lebensnaher Betrachtung" davon ausgehen, dass ihr Ehemann Leo Herl, der im Arcandor-Aufsichtsrat saß, seine Frau über die Lage des Konzerns informiert habe.
Ihre Anwälte hingegen zeichnen vor Gericht das Bild einer Frau, die zwar über Milliarden verfügt habe, letztlich in finanziellen Fragen aber vollkommen unbedarft gewesen sei. Ihre Berater hätten Schickedanz regelrecht "vor sich her- und in den Ruin getrieben", so Anwalt Stefan Homann. "Frau Schickedanz hat gemacht, was man ihr vorgelegt hat." So hätten die Beklagten der Quelle-Erbin nie erklärt, was eine Arcandor-Pleite für ihr Vermögen bedeuten würde. Oppenheim und Esch hätten sie ausgenutzt, argumentiert die Schickedanz-Seite.
Die juristische Frage ist also: Wusste die Milliardärin, was sie tat? Die moralische Frage aber könnte lauten: Welches Verhältnis hat jemand zu Geld, der sich nie darum bemühen musste? Aufschluss darüber gibt unter anderem eine "Liquiditätsvorausschau" der Schickedanz-Vermögensverwaltung für das Jahr 2005, die sich nach SPIEGEL-Informationen in den Akten des Rechtsstreits findet. Das Dokument belegt, was die Quelle-Erbin zum täglichen Leben brauchte.
Kosten der Villa in Fürth-Dambach: 900.000 Euro
410.000 Euro sind dort für "Hauspersonal" veranschlagt. Die Kosten der Villa in Fürth-Dambach werden mit 900.000 Euro beziffert. Allein der "Gärtner" kostete 204.000 Euro, 180.000 waren für "Energie/Grundsteuer/Müll/Kanal/Wasser" fällig. Dagegen schien die "Villa Greta" in Spanien mit 500.000 Euro pro Jahr beinahe billig. Die Immobilien am Tegernsee und in St. Moritz kosteten gar nur 100.000 Euro jährlich. 2009 aber war es mit der Herrlichkeit vorbei. Schickedanz musste zwei Villen in St. Moritz verkaufen.
In der "Bild am Sonntag" barmte Schickedanz kurz nach dem Arcandor-Desaster sogar: "Wir leben von 600 Euro im Monat." Doch nach Informationen des SPIEGEL schätzen Experten das nicht für Kredite verpfändete Vermögen der Dame noch immer auf rund 400 Millionen Euro. Dazu zählen ihre Beteiligung an der Schweizer Hardturm AG oder die 850-Hektar-Hazienda "La Poza" in Chile.
Die Anwälte der Beklagten bestreiten, dass Sal. Oppenheim seine Klientin getäuscht oder unter Druck gesetzt habe. "Die Klage ist unbegründet, wir weisen die Vorwürfe zurück", so Rechtsanwalt Carsten van de Sande. Die früheren Geschäftspartner der Quelle-Erbin haben Gegenklagen eingereicht, deren Streitwert bei rund 470 Millionen Euro liegt. Beide Seiten bestätigen zudem, dass sie weiterhin miteinander im Gespräch sind, um die Möglichkeit einer außergerichtlichen Einigung auszuloten.
Auch der Vorsitzende lässt durchblicken, dass er eine Verständigung empfiehlt. Den Schickedanzschen Anwälten sagt er, sie verträten "eine Extremposition", wenn sie glaubten, ihre Mandantin müsse für gar nichts haften. Bei ihr läge die "volle Beweislast". Die Juristen haben nun bis zum 31. März 2013 Gelegenheit, ihre Vorwürfe zu ergänzen oder auf die der Gegenseite zu antworten. Am 4. Juni will die Kammer dann entscheiden, ob sie in dem Fall Zeugen hören oder einen Beschluss verkünden wird.
Sal. Oppenheim war mit dem desaströsen Arcandor-Geschäft selbst in eine existentielle Krise geraten und 2010 von der Deutschen Bank übernommen worden. Die Führung der ehemals größten europäischen Privatbank wurde vollständig ausgewechselt, ein Großteil der Belegschaft musste gehen. Die frühere Chefriege wird sich Anfang nächsten Jahres in einem Strafverfahren wegen besonders schwerer Untreue zu verantworten haben. Spätestens dann werden sich die Herrschaften auch zeigen müssen - und können der tristen Realität deutscher Gerichtsbauten nicht länger ausweichen.
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