Reaktionen auf das Schlecker-Aus: "Eine absolute Hiobsbotschaft"

Die geplante Zerschlagung von Schlecker trifft auf geteilte Meinungen. Opposition und Gewerkschafter fürchten eine "soziale Katastrophe" und geben der FDP die Schuld. Die Bundeskanzlerin verspricht dagegen, bei der Suche nach neuen Jobs sei für die Schlecker-Beschäftigten "sicher vieles möglich".

Schlecker-Beschäftigte in Berlin: Ruf nach staatlichen Hilfen Zur Großansicht
dapd

Schlecker-Beschäftigte in Berlin: Ruf nach staatlichen Hilfen

Hamburg - Anschlussverwendung - mit diesem Bürokratenwort umschrieb Bundeswirtschaftminister Philipp Rösler Ende März ungelenk die Aufgabe, neue Arbeitsplätze für rund 13.200 Schlecker-Beschäftigte zu finden. Nun steht endgültig fest, dass an der Jobsuche kein Weg vorbeiführt: Am Freitag stimmte der Gläubigerausschuss von Schlecker für die Zerschlagung der insolventen Drogeriemarktkette.

Vertreter von Opposition und Arbeitnehmern reagierten empört auf die Nachricht. Die Beschäftigten hätten die Abwicklung "mit Wut, Trauer, Entsetzen und Enttäuschung" aufgenommen, ließ die Schlecker-Gesamtbetriebsratsvorsitzende, Christel Hoffmann, erklären. "Das ist eine absolute Hiobsbotschaft und eine menschliche und soziale Katastrophe für die fast 15.000 Schlecker-Frauen und ihre Familien."

Ver.di-Chef Frank Bsirske kritisierte, dass sich Rösler gegen eine Transfergesellschaft für die Schlecker-Beschäftigten ausgesprochen hatte. Dies habe eine Flut an Kündigungsschutzklagen ausgelöst und die Suche nach Investoren massiv behindert. "Dieses Mal kann sich die Politik nicht vor ihrer Verantwortung drücken." Denkbar seien nun ein Sonderfonds oder andere staatliche Hilfen.

Scharfe Kritik kam auch vom Nils Schmid (SPD), der sich als Wirtschaftminister in der Schlecker-Heimat Baden-Württemberg erfolglos für die Transfergesellschaft eingesetzt hatte. "Schuld an der Pleite haben Anton Schlecker und sein schlechtes Management", sagte Schmid SPIEGEL ONLINE. "Aber dass die Rettung misslang, ist die Schuld von Phillip Rösler und seiner FDP." Nun zeige sich, dass eine Transfergesellschaft der richtige Weg gewesen wäre. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel machte Rösler über den Kurznachrichtendienst Twitter für die Zerschlagung verantwortlich.

Rösler wehrte sich gegen die Vorwürfe. "Grundsätzlich gilt in der sozialen Marktwirtschaft, dass es nicht Aufgabe des Staats ist, Unternehmen zu retten", sagte der FDP-Chef. Das wäre wettbewerbsverzerrend und würde an anderer Stelle viele Arbeitsplätze kosten. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle gab den Gewerkschaften im "Tagesspiegel" eine Mitschuld an der Pleite. Sie hätten "mit ihren wiederholten Aufrufen zum Käuferstreik bei Schlecker" dazu beigetragen, dass die Marktposition von Schlecker gegenüber den Mitbewerbern geschwächt worden sei.

"Alles versuchen, um Hilfe zu leisten"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, die Bundesregierung müsse die "Entscheidung zur Kenntnis nehmen, die die Gläubiger gefällt haben". Die Bundesregierung wolle sich über die Agentur für Arbeit um entlassene Mitarbeiter kümmern. Es gehe vor allem um die Menschen und "insbesondere ja auch Frauen, die darauf hoffen, wieder eine Arbeit zu bekommen", sagte Merkel. Da sei im Augenblick "sicher vieles möglich". Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) werde sich in Absprache mit der Arbeitsagentur kundig machen "und dann alles versuchen, um hier Hilfe zu leisten".

Auch der Handelsverband Deutschland äußerte sich optimistisch zu den Perspektiven für die Schlecker-Beschäftigten. Angesichts offener Stellen könnten etliche Beschäftigte schon bald einen neuen Job finden, sagte ein Sprecher, "besonders in Ballungsgebieten". Der Fall Schlecker werfe ein Schlaglicht auf den wachsenden Anpassungsdruck im Einzelhandel. Viele Lebensmittelhändler hätten sich mit ihrem Sortiment zur Konkurrenz für Drogerien aufgeschwungen und Schleckers Wettbewerber hätten erfolgreicher expandiert.

dab/dpa/dapd/Reuters

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1.
eisfach 01.06.2012
Zitat von sysopEs gehe vor allem um die Menschen und "insbesondere ja auch Frauen, die darauf hoffen, wieder eine Arbeit zu bekommen", sagte Merkel. Da sei im Augenblick "sicher vieles möglich". Schlecker-Aus sorgt für Kritik bei Opposition und Gewerkschaften - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,836548,00.html)
Klar ist "vieles möglich". Möglich ist - daß man einen gleichwertigen Job findet - daß man einen schlechter bezahlten Job findet - daß man erst nach längerer Zeit einen Job findet - daß man in Hartz IV abrutscht ...wie recht die Frau Kanzlerin doch mal wieder hat. Bei den nächsten Bundestagswahlen ist auch vieles möglich. Da geht noch einiges, vielleicht sogar die Kanzlerin.
2. Kann denn in diesem Land
hythlodaeus 01.06.2012
kein Unternehmen, das nicht mehr gebraucht wird, in Ruhe pleitegehen? Was soll dieser Aktionismus mit Auffanggesellschaft etc.? Die schlecht entlohnten Angestellten sollten froh sein, dem Ausbeutersystem den Rücken kehren zu können. Zur Zeit ist der Arbeitsmarkt offen wie nie.
3. Es ist mir unverständlich...
lukapp 01.06.2012
... dass jetzt die Politik schuld an allem ist. Die "Wir-sind- dagegen"-Partei hat doch zum Boykott von Schlecker aufgerufen. Seid doch stolz und heult jetzt nicht rum, vor allem nicht mit dem Zeigefinger auf andere zielend.
4. Das Ende von Schlecker nur für die Beschäftigten schlimm,
Dr.W.Drews 01.06.2012
keinesfalls aber für die deutsche Wirtschaft. Denn Schlecker ist keine Exportfirma. Die Umsätze von Schlecker gehen sicher zu 100% an andere Händler. Also kein Problem!
5.
carlo02 01.06.2012
Die werden sozial abgesichert (H4) entlassen. Niemand muß hungern oder sich um seine Wohnung sorgen (soweit angemessen). Ich denke, die werden auch schnell ne neue Arbeit finden, die vielleicht sogar besser als bei Schlecker bezahlt ist.
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Deutsche Drogerieketten
Die Drogeriebranche in Deutschland ist seit Jahren umkämpft. Die Pleite des jahrzehntelang unbestrittenen Marktführers Schlecker hat die Branche umgekrempelt. Die Konkurrenten dm und Rossmann sind auf dem Vormarsch.
Schlecker
Schlecker war viele Jahre die Nummer eins der Branche. Mit Geschäftszahlen hielt sich der Familienkonzern stets zurück. 2010 setzte die Kette aus Ehingen bei Ulm 6,55 Milliarden Euro um. Im Jahr danach brach der Umsatz auf unter fünf Milliarden Euro ein. 2011 machte Schlecker einen Verlust von 200 Millionen Euro.

Am 23. Januar 2012 meldete Schlecker Insolvenz an. Auch mehrere Tochtergesellschaften waren betroffen, am 26. Januar folgte die Tochter IhrPlatz. Ende März wurde das Insolvenzverfahren eröffnet

Vor der Pleite hatte Schlecker rund 25.000 Mitarbeiter in Deutschland. Weitere 17.000 waren im Ausland angestellt, etwa in Österreich, Spanien, Frankreich, Italien, Tschechien, Polen und Portugal. Im Zuge der Insolvenz wurden 10.000 Beschäftigte in Deutschland entlassen. Fast jede zweite Filiale wurde geschlossen. Mitte Mai 2012 gab es in Deutschland noch knapp 3200 Märkte.

dm
Die Karlsruher Kette ist inzwischen an die Drogeriemarkt-Spitze gerückt. dm gibt seinen Gewinn nicht bekannt; das in Familieneigentum befindliche Unternehmen gibt sich aber nach eigenen Angaben mit einem Prozent Rendite zufrieden - und steckt das Geld ansonsten in soziale Projekte.

Erlöst hat dm im Geschäftsjahr 2010/11 rund 6,17 Milliarden Euro; das war ein Plus von 9,3 Prozent Plus im Vergleich zum Vorjahr. Von rund 2600 Filialen liegen 1300 in Deutschland. Ihre Grundfläche ist grundsätzlich größer als die der Konkurrenz, insbesondere die der Schlecker-Läden. Von den rund 40.000 Beschäftigten arbeiten 26.300 in Deutschland.

Rossmann
Die inzwischen wohl zweitgrößte deutsche Drogeriekette hat 2011 erstmals in ihrer 40-jährigen Firmengeschichte die Fünf-Milliarden-Umsatzmarke geknackt.

Der Umsatz lag bei 5,12 Milliarden Euro, ein Plus von 10,5 Prozent. Unterm Strich blieben dem Unternehmen aus Burgwedel in Niedersachsen nach eigenen Angaben 100 Millionen Euro Gewinn. Für das Jahr 2012 wird ein Gesamtumsatz von 5,6 Milliarden Euro erwartet. Rossmann betreibt in sechs europäischen Ländern 2531 Märkte und beschäftigt rund 31.000 Mitarbeiter. Rossmann will 2012 in Deutschland 110 neue Verkaufsstellen eröffnen. Dabei sollen rund tausend neue Arbeitsplätze entstehen.