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Drogeriegründerinnen: Schlecker-Frauen droht neue Pleite

Von , Stuttgart

Eine Reihe von ehemaligen Schlecker-Frauen haben sich mit eigenen Drogeriemärkten selbstständig gemacht. Doch ein Streit zwischen Berater und Gewerkschafterin gefährdet die Läden.

Früher Schlecker, heute hübsch: Die "Drehpunkt"-Läden Fotos
Andy Ridder

Ein älteres Ehepaar legt seine Waren auf den Tresen: Socken mit Komfortbund, Entkalker, Müllbeutel und Shampoo. 11,96 Euro zeigt die Kasse an. Wieder nur ein Mini-Einkauf.

Auch eineinhalb Jahre nach der Eröffnung macht der 186-Quadratmeter-Laden von Karin Meinerz und Bettina Meeh Verlust. Doch Schwierigkeiten schrecken die beiden Frauen nicht ab. Als die Drogeriekette Schlecker 2012 pleiteging, verloren sie ihren Job. Bereits kurze Zeit später arbeiteten beide mit Familie und Freunden daran, die Filiale in Erdmannhausen - 35 Kilometer nördlich von Stuttgart - in ihren eigenen Laden zu verwandeln. Am 17. November 2012 eröffnete der "Drehpunkt".

Für Buchhaltung oder putzen ist oft erst nach Feierabend Zeit. Sie machen höchstens zwei Wochen Urlaub im Jahr. Die Euphorie ist verflogen. Aber den Laden aufgeben, das kommt für sie nicht infrage. "Wir sind auf einem guten Weg. Wir brauchen aber zwei bis drei Jahre Zeit", sagt Meinerz.

Bettina Meeh und Karin Meinerz vom "Drehpunkt" Erdmannhausen Zur Großansicht
Andy Ridder

Bettina Meeh und Karin Meinerz vom "Drehpunkt" Erdmannhausen

Doch ausgerechnet ein Streit der Gründungshelfer gefährdet die "Drehpunkt"-Läden. Die Ver.di-Gewerkschaftssekretärin Christina Frank hatte die Idee zu den Nahversorgungsläden. Über Jahre hatte sie mit Schlecker-Betriebsräten für bessere Arbeitsbedingungen bei dem Drogeriekonzern gekämpft. Als der pleiteging, entwickelte Christina Frank Ideen für die Zukunft der Schlecker-Frauen. Einige wagten den Schritt in die Selbstständigkeit, acht "Drehpunkt"-Läden gibt es inzwischen in Baden-Württemberg, einen im Saarland.

Schnell musste es im Sommer 2012 gehen. Die früheren Schlecker-Läden sollten nicht lange leer stehen, damit die Kunden nicht abwandern. Mit den Vermietern musste über Mietnachlässe verhandelt werden, mit Banken über Darlehen, mit dem Lieferanten über Sortiment und Konditionen. Ver.di-Frau Frank engagierte den Unternehmensberater Wolfgang Gröll aus Bayern. Er hilft seit mehr als 20 Jahren bei der Gründung von Dorf- und Nachbarschaftsläden.

Es entstand die Idee der "Stützlis": Bürger konnten bei einem eigens gegründeten "Verein zur Förderung der Nahversorgung" Wertmünzen zu 50 oder 100 Euro kaufen und damit zinslose Darlehen für die Läden geben. Ab 2015 können die "Stützlis" als Warengutschein eingelöst werden.

Als Selbstständige verdient Karin Meinerz weniger als bei Schlecker Zur Großansicht
Andy Ridder

Als Selbstständige verdient Karin Meinerz weniger als bei Schlecker

Damals in der Aufbruchsstimmung sollte der "Drehpunkt" von Karin Meinerz und Bettina Meeh als Pilotladen starten. 5000 Euro kamen in Erdmannhausen durch "Stützlis" zusammen. Zu wenig für einen Neustart, die Verhandlungen mit der Bank zogen sich. Also half Gewerkschafterin Frank, mit privatem Geld und mit Geld des Fördervereins. Doch schon über die Höhe der Summe gibt es widersprüchliche Angaben. Der Wochenzeitung "Kontext" sagte Frank, der Laden habe vom Förderverein eine schnelle Geldspritze von 30.000 Euro bekommen. Sie habe dann privat noch 40.000 Euro in den Laden gesteckt: "Ich hab meine Einzimmerwohnung verkauft und die Altersversorgung meines Mannes aufgelöst", zitierte sie die Zeitung.

Der "Stuttgarter Zeitung" zufolge wurden im Herbst 2012 über den Förderverein 40.000 Euro als kurzfristiges Darlehen überwiesen. Weitere 35.000 Euro seien als stille Beteiligung gezahlt worden. Frank erklärte, Teile davon seien ihr privates Geld gewesen, dass sie dem Verein zur Verfügung gestellt habe.

Es geht insgesamt also um etwa 70.000 Euro. Inzwischen will Frank sich nicht mehr zu den Zahlungen äußern.

Fest steht: Der Laden konnte nach Eingang des Geldes Waren kaufen und an den Start gehen. Doch zugleich war damit der Grundstein für den existenzbedrohenden Streit gelegt.

Bettina Meeh macht höchstens noch zwei Wochen Urlaub im Jahr Zur Großansicht
Andy Ridder

Bettina Meeh macht höchstens noch zwei Wochen Urlaub im Jahr

Es ist vor allem ein Konflikt zwischen Christina Frank und Berater Gröll. Interne E-Mails zeigen, dass über strategische Fragen, Abrechnungen und die Finanzplanung gestritten wird. Gründungshelferin Frank zog sich im Mai 2013 aus dem Projekt der "Drehpunkt"-Läden zurück. Die Betreiberinnen des Ladens in Erdmannhausen bekamen eine Aufforderung, 70.000 Euro zurückzuzahlen. Doch es gebe keine schriftlichen Verträge zu den Zahlungen, sagt Unternehmensberater Gröll. Strittig sei zudem, welcher Anteil aus Privatvermögen stammt und was über den Förderverein kam.

Christina Frank habe einen Teil des Geldes als stille Beteiligung erbracht, sagt Gröll. Er dürfe und könne diesen Teil des Geldes erst auszahlen, wenn der Laden keine Verluste mehr mache, sagt er.

Für die Gründerinnen könnte es ein bitteres Déjà-vu werden: Schon bei Schlecker wurden sie Opfer einer schlechten Finanzplanung. Nun könnte sie erneut eine schludrige Organisation in Finanznöte bringen.

Die Auseinandersetzung betrifft nicht mehr nur den Laden in Erdmannhausen. Auch andere "Drehpunkt"-Läden fürchten um ihr Bestehen. Denn Gründungshelferin Frank hat - als Vorsitzende des Vereins - beantragt, den gesamten Förderverein aufzulösen. Wer dort "Stützlis" einbezahlt hat, wird sein Geld in diesem Fall umgehend bei den Läden zurückfordern, fürchten "Drehpunkt"-Betreiberinnen. Für die Läden wäre das existenzbedrohend, sagt Berater Gröll. Er fürchtet zudem, dass die Läden auch für Stützlis aufkommen müssen, die ihnen selbst gar nicht zugute kamen.

Mit alter Schlecker-Werbung Kunden überzeugen

Insgesamt neun "Drehpunkt"-Läden gibt es. Für sieben Läden ist Gröll zum wichtigsten Ansprechpartner geworden, zwei Läden arbeiten nicht mit ihm zusammen. Karin Meinerz und Bettina Meeh werden von Gröll beraten. Ihre Sorgen lassen sich die beiden "Drehpunkt"-Betreiberinnen vor den Kunden nicht anmerken. Sie fürchten um den Ruf ihres Ladens und wollen ihn unbedingt erhalten. Die Gründerinnen müssen die Leute dazu bringen, mehr Geld im Laden zu lassen. Auf der Suche nach neuen Produkten klappern sie Messen ab. Dort haben sie bunte Flechtkörbe entdeckt. 16 Euro kostet das Stück. "Die sind aus Kunststoff und lassen sich auswaschen. Unser Verkaufsschlager", sagt Meeh. Wenn die Kunden dann noch ein paar Drogerieartikel dazu nehmen, klettert der Umsatz schon über 20 Euro.

Erika Kleiner, Karin Beck und Andrea Straub vom Drehpunkt Stetten Zur Großansicht
Andy Ridder

Erika Kleiner, Karin Beck und Andrea Straub vom Drehpunkt Stetten

Manchmal kommen Kunden und jammern, früher bei Schlecker sei es günstiger gewesen. Dann zieht Karin Meinerz einen der letzten Schlecker-Prospekte hervor. Sie deutet auf eine Klopapierwerbung. "Damals kostete dieses Klopapier 1,77 Euro, heute verkaufen wir das für 1,49 Euro", sagt sie. Man müsse die Kunden immer wieder überzeugen. In Mini-Schritten gehe es aufwärts mit dem Umsatz.

Auch Karin Beck kann sich ein Leben ohne "Drehpunkt" nicht vorstellen. "Der 'Drehpunkt' ist unser Kind", sagt sie. Hundert Kilometer südlich von Stuttgart, in Stetten am kalten Markt, hat sie im Juni 2013 zusammen mit Andrea Straub und Erika Kleiner ebenfalls in der ehemaligen Schlecker-Filiale ihren eigenen Drogeriemarkt eröffnet. Die Frauen arbeiten 50 bis 60 Stunden in der Woche, bezahlen sich aber nur den Lohn für 30 Stunden aus. "Mehr trägt der Laden nicht", sagt Andrea Straub. Etwa ein Drittel weniger als bei Schlecker verdiene sie jetzt. "Aber Spaß macht's."

"Es muss Spaß machen, sonst kannst du das vergessen", sagt Andrea Straub Zur Großansicht
Andy Ridder

"Es muss Spaß machen, sonst kannst du das vergessen", sagt Andrea Straub

Anders als bei Schlecker können die Frauen nun selbst entscheiden, welche Produkte sie verkaufen und wie die Ware präsentiert wird. Und die drei Gründerinnen verstehen sich gut. "Wir lachen immer noch viel", sagt Beck. "Unsere Kunden sagen: 'Bei euch ist es immer lustig'."

Doch mit Optimismus, Shampoo, Deo und Cremes lässt sich zu wenig Umsatz machen. Zehn bis 20 Kunden mehr pro Tag müssten kommen. Die Frauen müssen sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen. Denn eine Woche vor Eröffnung des Ladens nahm der Discounter Netto im selben Ort Drogerieartikel ins Sortiment. "Da können wir nicht mithalten", sagt Straub. Doch die größte Sorge der Frauen ist, dass der "Drehpunkt" am Streit mit Gründungshelferin Christina Frank zugrunde geht.

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1. Ich würde mal behaupten, daß die größte Gefahr für die Gründer ...
naklar? 23.09.2014
... von den Finanzämtern, von den Handelskammern und natürlich von den Immobilienbesitzern ausgeht. Schade, daß man dieser Tage so wenig von dem Zustand der Selbständigen in Deutschland lesen kann. Ich sage nur: Umsonst wurde die FDP nicht aus den Parlamenten gekickt. Gerade viele Gründer und Kleinselbständige hatten auf bessere Marktbedingungen gehofft.
2. Ver.di-Gewerkschaftssekretärin Christina Frank
SirEdno ツ 23.09.2014
Na das ist ja mal was, eine Gewerkschafterin merkt mal wie es Unternehmern geht. Unternehmer gehen immer ein Risiko mit ihren Unternehmungen ein und verzichten zum Wohl des Unternehmens auf vieles, das Arbeitnehmer als "normal" ansehen, wie Urlaub oder ein festes Gehalt. Zahlt sich die Unternehmung dann endlich mal aus möchten Unternehmer gerne investieren um zu expandieren und im Besten Fall Arbeitsplätze zu schaffen. Dann kommen aber sofort die Gewerkschaften aus den Löchern gekrochen und fordern mehr dies oder mehr das oder weniger das. Jeder "vernünftige" Unternehmer passt auch von sich aus den Lohn an wenn es geht und versucht auch Kapital zu sichern um zum Beispiel schlechteren Zeiten zu überbrücken ohne jemanden entlassen zu müssen. Oder eben Expansion und Neueinstellungen. Nur das geht halt nur wenn auch Kapital erwirtschaftet wird das für so etwas genutzt werden kann und gerade das ist halt besonders zu Beginn immer schwierig!
3.
Nepheron 23.09.2014
Insbesondere für die alten Menschen in der Provinz sind diese Läden Gold wert, sozusagen als Ersatz für die "Tante Emma Läden" um soziale Kontakte aufrecht zu erhalten, und sei es um den neuesten Dorftratsch zu erfahren. Nur kaufen müssen die Leute dann auch was... Die Läden sind optisch sehr freundlich und einladend gestaltet. Der Katzen-Briefkasten hat mich zum Schmunzeln gebracht, insbesondere in Verbindung mit der Erwähnung, dass sich das auf der Schwäbischen Alb wohl recht gut verkauft. Naja. Geschmäcker sind verschieden. Ich wünsche den Frauen auf jeden Fall alles Gute und viel Erfolg.
4.
Crom 23.09.2014
Tolle Gewerkschaften, wenn sie den Streit auf den Rücken der Schlecker-Frauen und -Männer austrägt.
5.
atze707 23.09.2014
Da kann man mal sehen, was passiert, wenn sich Gewerkschaftssekretäre/innen als Unternehmer versuchen wollen, bzw. anderen einreden, daß es so einfach sei, Untermnehmer zu spielen. Es tut mir jetzt schon leid, wenn all diese "Schlecker-Frauen" demnächst nicht nur arbeitslos sind, sondern auch noch einen Schuldenberg aufgehäuft haben. Auch aus anderen Erlebnissen dürfte sehr wohl bekannt sein, daß Gewerkschaftler keine Ahnung von der Wirtschaft und dem echten Leben haben.
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