Tag der Entscheidung: Ver.di bittet Schlecker-Gläubiger um mehr Zeit

Gewerkschafter stemmen sich gegen die drohende Zerschlagung von Schlecker. Kurz vor der entscheidenden Sitzung der Gläubiger bittet Ver.di-Verhandlungsführer Franke um mehr Zeit für die Investorensuche. Doch die Chancen dafür sind gering.

Geschlossene Schlecker-Filiale in Hamburg: Die Entscheidung steht bevor Zur Großansicht
dapd

Geschlossene Schlecker-Filiale in Hamburg: Die Entscheidung steht bevor

Ehingen/Berlin - Die Galgenfrist für Schlecker läuft ab. An diesem Freitag entscheiden ausgesuchte Gläubiger, wie es mit der Drogeriekette weitergeht. Nur wenn der Insolvenzverwalter ein ernstzunehmendes Angebot eines Interessenten präsentiert, hat Schlecker noch eine Chance. Ansonsten werde der Konzern zerschlagen, hatte Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz angekündigt.

Die Gewerkschaft Ver.di will die Gläubiger von ihrem Ultimatum abbringen. "Wir fänden es fatal, wenn alle Chancen auf eine Rettung dieser doch noch fast 15.000 Arbeitsplätze bei Schlecker am Zeitdruck scheitern würden", sagte Ver.di-Verhandlungsführer Bernhard Franke dem Bayerischen Rundfunk. "Deswegen wäre viel gewonnen, wenn die Gläubiger einen längeren zeitlichen Spielraum einräumen würden." Franke plädierte dafür, vorliegende Angebote intensiver zu prüfen und gegebenenfalls weiterzuverhandeln.

Als verbliebene Interessenten für Schlecker sind Karstadt-Eigner Nicolas Berggruen und der US-Finanzinvestor Cerberus im Gespräch. Doch welche Pläne die potentiellen Geldgeber haben, darüber ist nichts bekannt. Selbst Ver.di hat nach eigenen Angaben keine Hinweise. "Unser Problem (…) ist, dass wir keine Informationen darüber haben, wie genau der Plan, das Konzept von Herrn Berggruen für Schlecker aussieht", sagte Franke. "Wir kennen auch das Angebot nicht genau, also wie viel er dafür bietet und was er dann damit machen will."

Als größte Hürde für die Suche nach einem Investor gelten die Tausenden Kündigungsschutzklagen entlassener Mitarbeiter sowie der Streit über den Sanierungsbeitrag der Beschäftigten. Der Insolvenzverwalter forderte Einsparungen bei den Personalkosten von 15 Prozent, Ver.di bietet bis zu 10,5 Prozent.

Franke räumte ein, die Suche nach einem Investor für Schlecker sei sehr schwierig. Man habe es mit einem "sehr großen und sehr unübersichtlichen Konzern zu tun, der sehr schlimm heruntergewirtschaftet wurde". Schlecker mache weiter Verluste, für "notwendige Investitionen in die Läden, in die Sortimente, in die Preise" sei kein finanzieller Spielraum vorhanden.

Im Falle einer Zerschlagung ginge alles sehr schnell

Zuletzt machten Gerüchte die Runde, dass die wichtigsten Gläubiger keine Zukunft mehr für den Drogeriekonzern als Ganzes sehen und darum die Zerschlagung bevorsteht. Der Gläubigerausschusses kommt am Freitagvormittag in Berlin zusammen, um seine Entscheidung zu fällen. Für Schlecker arbeiten in Deutschland noch rund 14.300 Menschen.

Die Auslandstöchter in Tschechien und Frankreich wurden bereits verkauft, für andere laufen die Verhandlungen noch. Im Falle einer Zerschlagung würde wohl der Großteil der rund 3200 Filialen in Deutschland geschlossen. Der Ausverkauf in den Filialen würde voraussichtlich noch im Juni stattfinden, die verbliebenen Mitarbeiter würden wohl Ende Juni oder im Juli die Kündigung bekommen. Parallel würden die Auslandstöchter und Immobilien verkauft.

Mit den Einnahmen würden zunächst laufende Kosten gedeckt, etwa Gehälter, Warenbestellungen aus der Zeit der Insolvenz und die Tätigkeit der Insolvenzverwaltung. Der Rest käme in einen Topf, der unter den Gläubigern aufgeteilt würde.

mmq/dpa/Reuters

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Ver.di kauft Schlecker!
berniu 01.06.2012
Das wär doch mal was! Da könnte die Gewerkschaft den anderen Unternehmen mal zeigen, was ne karke ist, wie mein eine Firma führt, Mitarbeiter anständig bezahlt, den Lohn regelmässig erhöht und die Arbeitszeit reduziert. Warum nicht? Das hätten die Schlecker Mitarbeiter wieder eine "Neue Heimat"...
2. Vorbildfunktion
bernie86 01.06.2012
Zitat von berniuDas wär doch mal was! Da könnte die Gewerkschaft den anderen Unternehmen mal zeigen, was ne karke ist, wie mein eine Firma führt, Mitarbeiter anständig bezahlt, den Lohn regelmässig erhöht und die Arbeitszeit reduziert. Warum nicht? Das hätten die Schlecker Mitarbeiter wieder eine "Neue Heimat"...
Keine schlechte Idee, insbesondere wo Ver.di doch dafür bekannt ist, das von anderen geforderte im eigenen Haus auch umzusetzen :) Ironie beiseite - dann würden auch die Gewerkschaften mal wieder auf den Teppich kommen und einsehen, dass nicht jede Tarifverhandlung ein neuer Klassenkampf um das Ansehen des kleinen Mannes ist, täte unserer Wirtschaft vielleicht mal ganz gut.
3. Sehr gut
Bezahler 01.06.2012
Zitat von berniuDas wär doch mal was! Da könnte die Gewerkschaft den anderen Unternehmen mal zeigen, was ne karke ist, wie mein eine Firma führt, Mitarbeiter anständig bezahlt, den Lohn regelmässig erhöht und die Arbeitszeit reduziert. Warum nicht? Das hätten die Schlecker Mitarbeiter wieder eine "Neue Heimat"...
Insbesondere die von Verdi bei Schlecker immer proklamierten und mittlwerweile weitgehend widerlegten,Zustände würden dann endlich Einzug bei Schlecker halten. Nirgends haben AN weniger Rechte als bei denen.
4.
noch_eine_meinung 01.06.2012
Zitat von berniuDas wär doch mal was! Da könnte die Gewerkschaft den anderen Unternehmen mal zeigen, was ne karke ist, wie mein eine Firma führt, Mitarbeiter anständig bezahlt, den Lohn regelmässig erhöht und die Arbeitszeit reduziert. Warum nicht? Das hätten die Schlecker Mitarbeiter wieder eine "Neue Heimat"...
Super Idee. Würde mich interessieren mit welcher Gewerkschaft Ver.di dann den Tarifvertrag aushandelt. Sie könnten ja wohl schlecht auf beiden Seiten des Tisches sitzen. Und ohne Gewerkschaft sind die Arbeitnehmer den blutsaugenden Managern ausgeliefert. Das geht ja nun gar nicht.
5. Jetzt ...
steso 01.06.2012
... mal ganz im Ernst: Wer braucht eigentlich Schlecker?
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Deutsche Drogerieketten
Die Drogeriebranche in Deutschland ist seit Jahren umkämpft. Die Pleite des jahrzehntelang unbestrittenen Marktführers Schlecker hat die Branche umgekrempelt. Die Konkurrenten dm und Rossmann sind auf dem Vormarsch.
Schlecker
Schlecker war viele Jahre die Nummer eins der Branche. Mit Geschäftszahlen hielt sich der Familienkonzern stets zurück. 2010 setzte die Kette aus Ehingen bei Ulm 6,55 Milliarden Euro um. Im Jahr danach brach der Umsatz auf unter fünf Milliarden Euro ein. 2011 machte Schlecker einen Verlust von 200 Millionen Euro.

Am 23. Januar 2012 meldete Schlecker Insolvenz an. Auch mehrere Tochtergesellschaften waren betroffen, am 26. Januar folgte die Tochter IhrPlatz. Ende März wurde das Insolvenzverfahren eröffnet

Vor der Pleite hatte Schlecker rund 25.000 Mitarbeiter in Deutschland. Weitere 17.000 waren im Ausland angestellt, etwa in Österreich, Spanien, Frankreich, Italien, Tschechien, Polen und Portugal. Im Zuge der Insolvenz wurden 10.000 Beschäftigte in Deutschland entlassen. Fast jede zweite Filiale wurde geschlossen. Mitte Mai 2012 gab es in Deutschland noch knapp 3200 Märkte.

dm
Die Karlsruher Kette ist inzwischen an die Drogeriemarkt-Spitze gerückt. dm gibt seinen Gewinn nicht bekannt; das in Familieneigentum befindliche Unternehmen gibt sich aber nach eigenen Angaben mit einem Prozent Rendite zufrieden - und steckt das Geld ansonsten in soziale Projekte.

Erlöst hat dm im Geschäftsjahr 2010/11 rund 6,17 Milliarden Euro; das war ein Plus von 9,3 Prozent Plus im Vergleich zum Vorjahr. Von rund 2600 Filialen liegen 1300 in Deutschland. Ihre Grundfläche ist grundsätzlich größer als die der Konkurrenz, insbesondere die der Schlecker-Läden. Von den rund 40.000 Beschäftigten arbeiten 26.300 in Deutschland.

Rossmann
Die inzwischen wohl zweitgrößte deutsche Drogeriekette hat 2011 erstmals in ihrer 40-jährigen Firmengeschichte die Fünf-Milliarden-Umsatzmarke geknackt.

Der Umsatz lag bei 5,12 Milliarden Euro, ein Plus von 10,5 Prozent. Unterm Strich blieben dem Unternehmen aus Burgwedel in Niedersachsen nach eigenen Angaben 100 Millionen Euro Gewinn. Für das Jahr 2012 wird ein Gesamtumsatz von 5,6 Milliarden Euro erwartet. Rossmann betreibt in sechs europäischen Ländern 2531 Märkte und beschäftigt rund 31.000 Mitarbeiter. Rossmann will 2012 in Deutschland 110 neue Verkaufsstellen eröffnen. Dabei sollen rund tausend neue Arbeitsplätze entstehen.