Schlecker in der Insolvenz: Die Familien-Pleite

Von , Ehingen

Der Patriarch ist pleite, das Firmenimage ramponiert - nun schiebt Anton Schlecker seine Kinder in die Verantwortung. Tochter Meike und Sohn Lars sollen die Drogeriemarktkette retten. Den Bruch mit dem Vater wagen sie jedoch nicht.

Fast 40 Minuten hat sie sich zurückgehalten. Mit starrer Miene hat Meike Schlecker das Blitzen der Kameras über sich ergehen lassen. Rechts neben ihr sitzt der Finanzvorstand, links der Insolvenzverwalter. Ihre vorbereitete Erklärung hat die zierliche blonde Frau von einem Zettel abgelesen. Dann überlässt sie wieder den beiden Männern das Wort. Bis zu dieser einen Frage - da erwacht doch noch der Widerspruchsgeist in Meike Schlecker.

Warum die Familie es eigentlich nicht geschafft habe, die Insolvenz abzuwenden, will ein Journalist wissen. Die Modernisierung der Drogeriemarktkette sei doch schon angelaufen. Da lehnt sich Meike Schlecker auf ihrem Stuhl nach vorn. "Hinterher ist man immer schlauer, was die Geschwindigkeit angeht", sagt sie. "Aber unser Konzept 'Fit for future' ist richtig." Dann sinkt sie wieder in den Stuhl zurück.

Die Jüngste in der Familie Schlecker hat die undankbarste Aufgabe bekommen. Die 38-jährige Tochter von Patriarch Anton Schlecker muss der Öffentlichkeit erklären, warum die Drogeriekette insolvent ist und wie die Firma nun gerettet werden soll. Bruder Lars informierte parallel in einer Betriebsversammlung die Belegschaft der Schlecker-Zentrale.

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Insolvenz der Drogeriekette: Das Drama der Schleckers
Bisher hat der Clan Journalisten gemieden - Meike Schleckers Auftritt in der Konzernzentrale im schwäbischen Ehingen ist die erste Pressekonferenz der Firma seit 1990. Notdürftig haben die PR-Berater einen Raum präpariert. Die Tischreihe, hinter der Meike Schlecker sitzt, ist mit einer verknitterten weißen Leinentischdecke abgedeckt. Davor lehnt ein Schild mit dem neuen, viel verspotteten Schlecker-Logo "For you. Vor Ort".

"Ich glaube, Sie haben das nicht verstanden. Es ist nichts mehr da"

Die Tochter muss verkünden, was der Vater selbst nicht sagen möchte: Anton Schlecker ist pleite, er hat Privatinsolvenz angemeldet. "Ich will mich nicht beschweren, und wir werden auch zurechtkommen. Aber es ist kein signifikantes Vermögen mehr da", sagt Meike Schlecker. "Das Vermögen meines Vaters war stets das Unternehmen."

Der Drogeriekönig und Selfmade-Mann Anton Schlecker pleite? Eine Journalistin kann das nicht fassen. Warum der Vater denn nicht mit Geld aus seinem Privatvermögen das Unternehmen gestützt habe, fragt sie. Meike Schlecker schnellt auf ihrem Stuhl nach vorn. "Ich glaube, Sie haben das nicht verstanden. Es ist nichts mehr da", presst sie genervt hervor. "Mein Vater hat alles in das Unternehmen eingebracht. Sonst säße ich jetzt nicht hier."

Die Kinder sollen Schleckers Lebenswerk retten. Doch der Vater ist noch allgegenwärtig. Mitten in die schwäbische Hochalb hat er eine Konzernzentrale gebaut, die an einen sozialistischen Prunkpalast erinnert. Die Fensterscheiben sind verspiegelt, vor dem Haupteingang schießt ein metallverkleideter Pfeiler empor. "Schleckerland" steht auf einem großen Werbebanner - so hat der Drogeriekönig das Areal getauft.

Verwinkelte Gänge führen durch die Konzernzentrale. In einer Glasvitrine haben Mitarbeiter Produkte aufgereiht: Shampoo, Duschgel, Cremes und Kondome. In der Eingangshalle der Zentrale hängen Porträts von Anton Schlecker und seiner Frau Christa - im schlecht kopierten Andy-Warhol-Stil.

Von den Kindern Meike und Lars ist kein Bild zu sehen. Dabei wurden sie seit Monaten als die neuen Gesichter des Unternehmens präsentiert. Aber bald sollen sie wirklich das Sagen haben, kündigt Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz an. Das habe Anton Schlecker ihm versichert.

Das eigentliche Sagen hat nun der Insolvenzverwalter

Für seine Kinder scheint der Patriarch noch immer das Maß aller Dinge. "Es war mein Vater, der das Unternehmen gegründet hat, der es groß gemacht hat und die Arbeitsplätze geschaffen hat", sagt Meike Schlecker. Und die Negativ-Schlagzeilen über Billiglöhne und Mitarbeiterschikane? Schlecker habe sich doch geändert, sagt die Firmenerbin. "Uns wundert es, dass wir immer noch so ein schlechtes Image haben."

Das eigentliche Sagen bei Schlecker hat nun Insolvenzverwalter Geiwitz. Am Montagmorgen hat das Gericht die sogenannte "starke" Insolvenzverwaltung angeordnet. Das bedeutet, ohne Geiwitz' Zustimmung kann das Management nichts mehr entscheiden. Der Insolvenzverwalter scheint bereits voll im Schlecker-Reich angekommen. "Zur Konkurrenz fährt man, zu Schlecker geht man. Wir sind die Nahversorger", preist er die Drogeriekette an.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Marke Schlecker spurlos von der Landkarte verschwindet", sagt der Insolvenzverwalter. Zusammen mit der Familie will er am Zukunftskonzept für die Drogeriekette arbeiten. Die großen Lieferanten schicken wieder Ware. Weil die Arbeitsagentur den Mitarbeitern drei Monate lang Insolvenzausfallgeld zahlt, bekommt die Firma wieder etwas Spielraum. 150 Millionen Euro spart sie dadurch.

Der Schlecker-Clan setzt seine Hoffnung auf die Modernisierung der Filialen. Zwischen zehn und 30 Prozent mehr Umsatz werde in umgestalteten Märkten gemacht, sagt Meike Schlecker. "Die gesamte Familie steht hinter dem Zukunftskonzept." Es sei "bitter", dass die Firma "so kurz vor dem Ziel" gestoppt worden sei.

Nun will der Insolvenzverwalter zusammen mit der Familie Tempo machen. Unprofitable Läden sollen verschwinden, Filialen modernisiert werden. Und auch für einen Investor sei man offen, sagt Insolvenzverwalter Geiwitz. "Was ich ablehne, sind Resteaufkäufer." Meike Schlecker nickt zustimmend.

Doch kann die Sanierung gelingen? Er stehe der Planinsolvenz zur Fortführung der Firma offen gegenüber, sagt Geiwitz. Aber am Ende müssten die Gläubiger entscheiden.

Und wie viele der 32.000 von der Insolvenz betroffenen Mitarbeiter müssen um ihre Jobs bangen? Allein 24.000 von ihnen sind direkt beim Kaufmann Anton Schlecker angestellt. Für solche Fragen sei es zu früh, sagt Geiwitz. In zwei bis drei Wochen wisse er mehr.

"Wir wollen so viele Arbeitsplätze wie möglich erhalten", beteuert Meike Schlecker. "Die Situation ist schwierig. Aber wir versuchen, einen kühlen Kopf zu behalten." Fast trotzig schiebt die Firmenerbin hinterher. "Wir denken nicht daran, das Unternehmen zu verkaufen."

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insgesamt 58 Beiträge
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1. Respekt!
adam68161 30.01.2012
Zitat von sysopDer Patriarch ist pleite, das Firmen-Image ramponiert - nun schiebt Anton Schlecker seine Kinder in die Verantwortung. Tochter Meike und Sohn Lars sollen die Drogeriemarktkette retten. Den Bruch mit dem Vater wagen sie jedoch nicht. Schlecker in der Insolvenz: Die Meike-Pleite - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,812296,00.html)
vor der Tochter! Ein "Bruch" mit dem Vater muss doch nicht sein? Es wäre schade - und nicht gerade wettbewerbsfördernd - wenn das Unternehmen den Konkurrenten zum Fraß vorgeworfen würde.
2. Privatinsolvenz ?!
lomert 30.01.2012
Anton Schlecker im Privatinsolvenzverfahren ?! Das heißt dann also das demnächst für sein Pflegeheimplatz die Stadt in der gemeldet ist für die Kosten aufkommen darf, denn etwaige Vermögenswerte im Ausland und hier sind schon mindestens zehn Jahre auf Familienangehörige überschrieben worden. Naja, vielleicht werden die Kinder mit ihren Geschäftsführergehältern ein wenig zu den Pflegekosten beisteuern können. Sagt mal bin ich der Einzigste der sich ein ganz klein wenig von solchen Märchengeschichten veräppelt vorkommt ? Das gibt es überhaupt nicht, ein Milliardär wird in der Welt in der wir leben niemals mehr arm werden können. Das mag bei einem mehrfachen Millionär noch angehen, aber niemals bei einem zweifachen Euro-Milliardär.
3. Privatinsolvenz
wolfi55 30.01.2012
Ich glaube mancher hat das noch immer nicht verstanden. Schlecker ist keine juristische Person, der Anton Schlecker hat sich für 20€ einen Gewerbeschein geholt und dann einen Eintrag im Handelsregister für Personengesellschaften gemacht. Wenn man da Geld überwiesen hat, dann war der Kontoinhaber Anton Schlecker und nicht etwa eine GmbH.
4. das ich nicht lache
poly123 30.01.2012
Zitat von sysopDer Patriarch ist pleite, das Firmen-Image ramponiert - nun schiebt Anton Schlecker seine Kinder in die Verantwortung. Tochter Meike und Sohn Lars sollen die Drogeriemarktkette retten. Den Bruch mit dem Vater wagen sie jedoch nicht. Schlecker in der Insolvenz: Die Familien-Pleite - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,812296,00.html)
demnächst wird noch ein rettungsfond zur unterstützung der belegschaft eingerichtet - zu lasten (wieder einmal) der steuerzahler. für wie dumm meinen eigentlich manche, dass man die gesellschaft verkaufen kann? morgen ist sicher bill gates pleite und china führt die demokratie nach schweizer vorbild ein ^^
5.
ein schelm ... 30.01.2012
Zitat von sysopUnd die Negativ-Schlagzeilen über Billiglöhne und Mitarbeiterschikane? Schlecker habe sich doch geändert, sagt die Firmenerbin. "Uns wundert es, dass wir immer noch so ein schlechtes Image haben." Schlecker in der Insolvenz: Die Familien-Pleite - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,812296,00.html)
Soso, wundert Sie das also. Verwundert mich jetzt nicht weiter, als Kind fällt es einem naturgemäss schwerer die Eltern objektiv zu bewerten. Solange derjenige, welcher sich seinen Mitarbeitern geradezu verantwortungslos verhalten hat, weiter am Steuer sitzt erscheint das gerede von geändert eben als blosses Lippenbekenntnis. Ein kompletter Neuanfang, ohen die Familie Schlecker am Ruder, erschient mir die einzige Möglichkeit das Image nachhaltig zu verbessern.
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