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Schlecker in Nöten: "Wäre toll, wenn auch Ware da wäre"

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Schlecker braucht Geld - und öffnet sich überraschend für Investoren. Nach Informationen des manager magazins sucht die angeschlagene Drogeriekette einen externen Retter. Tatsächlich ist eine Modernisierung dringend nötig: Viele Läden sind unrentabel, Kunden lästern im Netz über leerstehende Regale.

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Schlecker-Markt: Der Konzern verordnet sich einen schwierigen Umbau

Hamburg - Die Mission soll möglichst diskret erfolgen. Denn sie zeigt, unter welchem Druck Schlecker steht. Die angeschlagene Drogeriemarktkette hat sich nach Informationen des manager magazins prominente Hilfe für die Suche nach Investoren geholt: Der ehemalige Edeka-Chef Alfons Frenk nimmt im Auftrag der Firma Kontakt zu potentiellen Geldgebern auf.

Der Manager sondiert derzeit mehrere Beteiligungsmodelle, etwa einen gemeinsamen Einstieg mehrerer Investoren. Mit diesem Schritt hofft Schlecker, seine Finanznot zu lindern.

Für Schlecker ist das ein Tabubruch. Firmenpatriarch Anton Schlecker legte stets Wert darauf, dass keine Interna nach außen gelangten. Potentiellen Investoren Einblick in Schwierigkeiten und Pläne zu gewähren kommt einer Revolution gleich. 2010 kamen die Schlecker-Kinder Lars und Meike an die Unternehmensspitze. Bereitwilliger als der Vater geben sie Interviews. Auf Facebook dürfen Kunden kritische Fragen und Kommentare veröffentlichen. Die neue Offenheit hat offenbar zwei Gründe: das schlechte Image bei den Kunden - und Finanzprobleme.

Doch wie ernst die Probleme des 1975 gegründeten Familienunternehmens sind, lässt sich schwer einschätzen - so weit geht die Transparenz dann doch nicht. Die in der Regel gut informierte "Lebensmittelzeitung" berichtete, Schlecker stecke bereits seit 2008 in der Verlustzone. 2011 fielen demnach Verluste im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich an. Das Eigenkapital dürfte inzwischen deutlich geschrumpft sein. Umsatzzahlen gibt es nur aus dem Jahr 2010: Damals waren es rund 6,55 Milliarden Euro.

Die Firma selbst gibt sich nach außen gelassen. Es habe bereits in der Vergangenheit Gespräche mit potentiellen Partnern und Banken gegeben, sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. "Das wird es auch weiterhin geben." Ein Verkauf von Unternehmensteilen sei derzeit nicht geplant.

Der neue Slogan bringt Schlecker unter Druck

Doch massenhafte Filialschließungen zeigen, dass die Lage ernst ist. Schon in den vergangenen Monaten hatte das Unternehmen mit Sitz in Ehingen bei Ulm bundesweit 600 Filialen dichtgemacht und zugleich einige neue eröffnet. Bis Ende März sollen rund 600 weitere unrentable Läden wegfallen. Noch setzen Gewerkschafter darauf, dass zumindest einige Standorte gerettet werden können und die Zahl etwas geringer ausfällt.

Zur genauen Zahl der Schlecker-Märkte schweigt das Unternehmen. Rund 7000 dürften es derzeit sein. Selbst nach den Schließungen werde Schlecker immer noch mehr Märkte haben, als die Wettbewerber Rossmann und dm zusammen, versichert der Sprecher. Dennoch ist es für Schlecker eine Gratwanderung, Strukturen zu straffen und trotzdem keine Kunden zu verprellen.

Die Stammkunden haben sich daran gewöhnt, dass die Drogeriemarktkette auch in kleineren Orten auf dem Land präsent ist. "Es wird von dort keinen Rückzug geben", heißt es bei Schlecker. Schließlich lautet der neue Slogan "For you. Vor Ort.". Aber kann Schlecker sich das leisten? Branchenkennern zufolge kommen Problem-Filialen auf einen Monatsumsatz von gerade mal 30.000 Euro. Angesichts von Miet- und Personalkosten dürfte die Rendite da gering ausfallen.

Bisher gab es trotz Filialschließungen keine betriebsbedingten Kündigungen. Bis Mitte 2012 ist für rund 30.000 Mitarbeiter tariflich eine Beschäftigungssicherung vereinbart. Mitarbeiter geschlossener Filialen werden auf andere Märkte verteilt oder als Springer eingesetzt, befristete Verträge werden nicht verlängert.

Schlecker schließt Waffenstillstand mit Gewerkschaftern

Jahrelang waren sich Schlecker und die Gewerkschaft Ver.di spinnefeind. Schlagzeilen über Schikane von Mitarbeitern ramponierten Schleckers Image. Nun setzt das Unternehmen auf Zusammenarbeit. Schlecker will über einen Sanierungstarifvertrag verhandeln. Die Beschäftigten sollen also Opfer bringen. Im Gegenzug darf ein Wirtschaftsprüfer derzeit für Ver.di in die Bücher schauen, um sich einen Überblick über die Lage im Konzern zu verschaffen. Ergebnisse soll es in den kommenden Wochen geben.

Zwischen Ver.di und Schlecker herrscht eine Art Waffenstillstand. Keiner mag schlecht über den anderen reden, man ist aufeinander angewiesen. "Uns geht es um die Zukunft von Arbeitsplätzen", sagte eine Ver.di-Sprecherin.

Doch Zukunft hat Schlecker nur, wenn das Unternehmen Kunden gewinnt. Vor allem der Konkurrent dm hat seine Läden auf Wohlfühlstimmung getrimmt. Kunden, die nur schnell Klopapier kaufen wollten, gehen mit Duftkerzen und neuen Beauty-Produkten aus dem Laden. Die Schlecker-Läden dagegen gelten als unübersichtliche Buden, in denen Rentner im Neonlicht durch die engen Gänge streifen.

Das haben auch die Schlecker-Kinder erkannt. Für sie ist es eine schwierige Gratwanderung. Sie sollen das Erbe des Vaters retten, ohne den Drogeriekönig vor den Kopf zu stoßen. Zudem mischt der Patriarch hinter den Kulissen noch ordentlich mit.

"Schlecker hängt schon Jahre hinterher"

Zumindest hat Schlecker eine Modernisierungskampagne gestartet. Läden sollen heller und größer werden, Farbleitsysteme sollen die Produktpalette übersichtlicher machen. Das Sortiment soll sich der Kundschaft in der Umgebung anpassen. Wo viele Kinder sind, gibt es eine größere Windelauswahl. In den modernisierten Filialen habe der Umsatz zwischen acht und 30 Prozent angezogen, heißt es bei Schlecker.

Doch der Umbau geht nur langsam voran. Lediglich 360 Läden sind bisher umgestaltet worden. In diesem Jahr sollen 700 bis 1000 folgen. Sämtliche Filialen innerhalb eines Jahres umzukrempeln, sei logistisch fast nicht möglich, sagt Jens Lönneker. Er ist Geschäftsführer von Rheingold Salon und berät Firmen bei Strategie und Marketing. Schlecker müsse aber in der Werbung mehr in die Offensive gehen, sagt Lönneker. Das Unternehmen habe sogar einen Trumpf: Die beiden jungen Chefs Lars und Meike könnten den Wandel verkörpern. "Sie präsentieren sich in dieser Rolle viel zu wenig in der Öffentlichkeit", sagt Lönneker.

Doch Schlecker hat knapp kalkuliert. 230 Millionen Euro wurden für die Neuausrichtung eingeplant. Das sind etwa 30.000 Euro pro Laden. "Entweder das Unternehmen konzentriert sich nur auf wenige Läden oder es muss am Ende deutlich mehr in die Hand nehmen", sagt Lönneker.

Er sieht die Drogeriekette vor einer Mammutaufgabe: "Ein Imagewandel dauert Jahre - und Schlecker hängt schon Jahre hinterher."

Hämische Kommentare bei Facebook

Und dann machen ausgerechnet in der Modernisierungsphase auch noch Berichte die Runde, Schlecker stecke so sehr in der Klemme, dass in Filialen einige Regale leer blieben. Grund für die Mangelwirtschaft ist laut der Firma der interne Umbau. Die Logistik sei umgekrempelt worden, heißt es. Zudem habe man den Einkauf reduziert und stattdessen Waren aus geschlossenen Märkten umverteilt. Auch der Verhandlungspoker mit den Lieferanten Beiersdorf und Henkel habe zu Engpässen geführt. Trotz geringerer Bestellungen soll Schlecker weiter besonders günstige Konditionen verlangt haben. Erst als die Markenartikler ihre Lieferungen stoppten, soll die Drogeriemarktkette nachgegeben haben.

Das Chaos verunsichert die Kunden. "Bei uns sieht der Warenbestand bei Schlecker nach Insolvenz aus!", schreibt ein Kunde auf der Facebook-Seite des Unternehmens. In dem sozialen Netzwerk wirbt Schlecker, man habe über 500 Baby- und Kinderartikel im Preis gesenkt. "Das ist toll. Noch toller wäre es, wenn auch Ware da wäre", schreibt eine Kundin.

Bei Schlecker gibt man sich trotz aller Rückschläge optimistisch. "Bei vielen herrscht noch das alte Bild von Schlecker vor", sagt der Sprecher. "Das braucht einfach Zeit, bis der Wandel ankommt."

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insgesamt 89 Beiträge
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1. Mein Gott, was für Versager,
dasistdiezukunft 18.01.2012
die haben es nicht mal geschafft, bei maximalster Ausbeutung ihrer Mitarbeiter in den Schwarzen Zahlen zu bleiben.
2. Ja Anton, das kommt davon,
geistigmoralischewende 18.01.2012
Zitat von sysopSchlecker braucht Geld - und öffnet sich überraschend für Investoren. Nach Informationen des manager magazins sucht die angeschlagene Drogeriekette einen externen Retter. Tatsächlich ist eine Modernisierung dringend nötig: Viele Läden sind unrentabel, Kunden lästern im Netz über leerstehende Regale. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,809875,00.html
wenn die Gier zu groß und die Geschäftsmoral zu gering ist. Guck dir den Dirk Rossmann oder den Götz W. Werner an, von den beiden kannst Du sehr viel lernen!
3. Wer mit seinem Kapital
herr_kowalski 18.01.2012
Zitat von sysopSchlecker braucht Geld - und öffnet sich überraschend für Investoren. Nach Informationen des manager magazins sucht die angeschlagene Drogeriekette einen externen Retter. Tatsächlich ist eine Modernisierung dringend nötig: Viele Läden sind unrentabel, Kunden lästern im Netz über leerstehende Regale. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,809875,00.html
( Mitarbeiter ) so umspringt wie Schlecker das jahrzehntlang getan hat verdient weder Mitleid noch Verständnis. Auch einem Herrn Anton Schlecker wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Vor allem dann nicht, wenn man die Wurzeln austrocknen liess.
4. ...
peterregen 18.01.2012
Zitat von sysopSchlecker braucht Geld - und öffnet sich überraschend für Investoren. Nach Informationen des manager magazins sucht die angeschlagene Drogeriekette einen externen Retter. Tatsächlich ist eine Modernisierung dringend nötig: Viele Läden sind unrentabel, Kunden lästern im Netz über leerstehende Regale. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,809875,00.html
Für mich gilt Schlecker immer noch als Ausbeuterfirma. Daher kaufe ich dort nicht ein. Falls dieses Bild nicht mehr aktuell ist, dann soll man mir das beweisen und schon gibt es wieder einen potenziellen Kunden mehr.
5. Wer würde dem hinterhertrauern?
Stuhlbeinsäger 18.01.2012
Und wenn Schlecker pleite macht? Na und? Ein Menschenverachter, der nach Belieben feuert und zu schlechteren Bedingungen wieder einstellt, der teurer ist als die Mitbewerber und Kunden mit seinem falschen Billigimage veräppelt, der Verkäuferinnen mit Stasimethoden bespitzelt und überwacht, keine Telefonanschlüsse zulässt und seinen Mitarbeitern sogar den Überfallnotruf verweigert, selbige in heißen Sommern in unklimatisierten Butzen rösten lässt, das braucht niemand. Keine Sorge, Herr Schlecker, auch nach Ihrer Pleite werden DM, Rossmann, Ihr Platz & Co. die Bevölkerung in ausreichendem Maße mit Shampoo und Seife versorgen. Ihre Mitarbeiter werden durch den Wechsel zu Mitbewerbern ganz neuen Arbeitsparadiese kennenlernen und anschließend wissen, wie sie auf ihre bisherige Karriere zurückblicken. Nein, diesem Unternehmen werde ich keine Träne nachweinen.
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