Schlecker-Pleite Quittung für den Billig-Rambo

Anton Schlecker baute Deutschlands einst erfolgreichste Drogeriekette auf - doch statt Bewunderung schlug ihm Abneigung entgegen. Berichte über Mitarbeiterschikane und Dumping-Löhne ramponierten das Image. Der Niedergang der Firma zeigt: Die Billigmasche zieht nicht mehr.

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dapd

Hamburg - Gerüchte kursierten seit Wochen: Schlecker geht das Geld aus. Die Drogeriemarktkette schwieg. Doch am Freitag musste sie an die Öffentlichkeit gehen. Schlecker ist pleite und will Insolvenz anmelden. Unternehmensgründer Anton Schlecker erhält die Quittung für einen jahrzehntelangen Rambo-Führungsstil. Für seine beiden Kinder Lars und Meike Schlecker ist es bitter: Seit 14 Monaten feilten sie an einer neuen Strategie für die Drogeriemarktkette. Doch dann lief ihnen die Zeit davon.

Denn ihr Vater hatte ihnen ein Berg von Problemen hinterlassen: Der Großteil der noch bestehenden rund 7000 Filialen muss dringend modernisiert werden, viele Märkte an abgelegenen Standorten machen zu wenig Umsatz - und das Image von Schlecker ist ramponiert.

Das zeigen auch die Kommentare im Forum bei SPIEGEL ONLINE. "For you. Vor Ort. Vor bye", schreibt ein Leser. Von den Konkurrenten dagegen gibt es Mitleid statt Schadenfreude. "Die Insolvenz ist für die Schlecker-Mitarbeiter und für die Familie Schlecker eine Katastrophe", teilte Dirk Roßmann mit, der Gründer der gleichnamigen Drogeriekette. "Ich persönlich kenne Christa und Anton Schlecker seit über 35 Jahren und bedaure die aktuelle Entwicklung", schreibt der Unternehmer.

Roßmann bringt aber auch die Fehler von Schlecker schonungslos auf den Punkt: "Das Konzept, mit sehr niedrigen Durchschnittsumsätzen und vergleichsweise hohen Kosten hat sich überlebt", schreibt Roßmann. "Die Insolvenz war in der Branche voraussehbar."

Schlecker will die Führung auch in der Pleite behalten

Doch auch in der jetzigen Situation will die Familie Schlecker die Zügel nicht aus der Hand geben. Sie will ein sogenanntes Planinsolvenzverfahren beantragen und zugleich ein Sanierungskonzept vorlegen. Dadurch könnte Schlecker erhalten bleiben, wenn die Gläubiger Zugeständnisse machen, etwa die Vermieter der Filialen Mietsenkungen zustimmen. Und die Familie würde weiter bestimmen. "Folgen die Gläubiger dem Plan, bleibt die alte Geschäftsführung im Amt und der bestellte Insolvenzverwalter wird begleitend tätig", teilte die Drogeriemarktkette mit.

Gegenüber Geschäftspartnern soll Anton Schlecker geprahlt haben, sein Unternehmen sei komplett schuldenfrei. Dennoch gelang es ihm in den vergangenen Monaten nicht, Investoren zu überzeugen. Bereits seit 2005 schreibt die Drogeriemarktkette Verluste, heißt es in der Branche. Andere Quellen sprechen von 2008. Zunächst seien die Verluste durch Unternehmensrücklagen ausgeglichen worden, im vergangenen Jahr aber habe die Familie erstmals ihr Privatvermögen anzapfen müssen. Ein Vertrauter der Familie spricht von 50 Millionen Euro. Auch Hunderte Filialschließungen brachten keine Wende, erst 400 von rund 7000 Märkten sind modernisiert.

Der Geschäftsbetrieb laufe weiter, hieß es am Freitag. Die Zahlung der Gehälter sei im Rahmen des Insolvenzausfallgeldes gesichert, hieß es. Rund 30.000 Mitarbeiter hat Schlecker. In der Öffentlichkeit wurden sie lange Zeit eher als Sklaven denn als Angestellte wahrgenommen, denn Anton Schlecker hat den Ruf als rücksichtsloser Dinosaurier des Einzelhandels.

Der gelernte Metzger war über Jahre hinweg Gewerkschaftsfeind Nummer eins. Sogar die damalige CDU-Sozialministerin Ursula von der Leyen äußerte sich 2010 erbost über Schleckers Methoden. Die Drogeriemarktkette gründete die hauseigene Zeitarbeitsfirma Meniar. Mitarbeiter kleinerer Läden sollten erst gefeuert werden und dann über Meniar zu Dumping-Löhnen wieder in neuen sogenannten "XL-Märkten" eingestellt werden. Erst nach der Intervention der Ministerin versprach Schlecker, er werde diese Praxis nicht fortführen.

Listen gegen missliebige Mitarbeiter

Darüber hinaus machte Schlecker mit Schikanen von Mitarbeitern Schlagzeilen. Der SPIEGEL berichtete über eine Art Abschussliste vom Oktober 2009. Der Personaldirektor ließ das 20 Seiten lange Papier unter dem Titel "Maßnahmenpaket Personal-Qualität" verfassen. Gesammelt wurden die Namen von Dutzenden missliebigen Mitarbeiterinnen im gesamten Bundesgebiet, darunter auch Betriebsräte.

1998 erließ das Amtsgericht Stuttgart gegen Anton Schlecker und seine Ehefrau Christa jeweils Bewährungsstrafen. Laut Gericht hatten sie bis 1995 gegen den allgemein verbindlichen Manteltarifvertrag verstoßen. Das Paar wurde zudem zur Zahlung von zwei Millionen D-Mark für gemeinnützige Zwecke verdonnert, Mitarbeiterinnen wurden entschädigt.

Erst 1996 billigte Schlecker bundesweit Betriebsräte. 2001 vereinbarte das Unternehmen mit Ver.di einen Anerkennungsvertrag. Im Juni 2010 schließlich einigte sich Schlecker mit der Gewerkschaft Ver.di auf neue Tarifverträge.

Es war nicht die einzige Neuerung. Im November 2010 kamen die Schlecker-Kinder Lars und Meike in die Unternehmensführung. Sie sollen die künftige Strategie erarbeiten und den dringend nötigen Imagewandel vorantreiben. Die Geschwister gaben Interviews mit der stets zentralen Botschaft: Schlecker erfindet sich neu. Die Läden sollten heller, übersichtlicher und sympathischer werden - und damit wohl auch der gesamte Konzern.

"Schlecker hat den Anschluss an die neue Zeit verpasst"

Doch Schlecker hängt den Konkurrenten weit hinterher. Rossmann und dm haben ihre Märkte seit Jahren auf Wohlfühl-Shopping getrimmt. dm-Gründer Götz Werner predigte faire Unternehmenskultur und Mitbestimmung von Beschäftigten, spendete für soziale Projekte. Werner wurde gerngesehener Talkshow-Gast, bekam das Bundesverdienstkreuz - und jagte Schlecker mit dm zunehmend Marktanteile ab.

"Schlecker hat den Anschluss an die neue Zeit verpasst", sagt der Handelsexperte Urs Müller von der European School of Management and Technology. "Das Unternehmen stand als Marktführer im Fokus der Kritik, hat aber zu wenig an den Arbeitsbedingungen geändert, um das schlechte Image loszuwerden." Und beim Erscheinungsbild der Läden habe sich die Drogeriekette an Lebensmittel-Discountern orientiert. Doch Aldi und Co. hätten es im Gegensatz zu Schlecker geschafft, trotz niedriger Preise ihre gesellschaftliche Akzeptanz zu behaupten - und bauten ihr Angebot an Drogeriewaren stetig aus.

Schlecker bat zuletzt seine Beschäftigten um Opfer und suchte den Schulterschluss mit der Gewerkschaft. Das Unternehmen wollte über einen Sanierungstarifvertrag verhandeln, dafür gewährte es Wirtschaftsprüfern von Ver.di Einblick in die Bücher. Doch die Nachricht von der Insolvenz habe die Mitarbeiter völlig überrascht, erklärte Ver.di. Viele Beschäftigte hätten davon durch die Medien erfahren. Schlecker verschickte nach eigenen Angaben zeitgleich mit der Pressemitteilung ein Fax in alle Filialen und sendete E-Mails an die Mitarbeiter in der Zentrale.

Zuletzt war die Familie Schlecker offenbar so in Not, dass sie Experten auf die Suche nach Investoren schickte. Einfluss von außen zuzulassen muss ein harter Schritt für den Drogeriekönig Anton Schlecker sein. Er und seine Frau Christa gelten als eingeschworenes Team. 1975 startete Schlecker mit einer Filiale, 1984 waren es schon tausend.

Auch Schicksalsschläge brachten der Familie keine Sympathien ein

Seit die beiden Kinder des Paares 1988 entführt und freigekauft wurden, lebte die Familie völlig zurückgezogen in ihrer Heimat Baden-Württemberg. Doch nicht einmal solche Schicksalsschläge brachten Schlecker besondere Sympathiepunkte. Vielmehr machten noch Berichte die Runde, er habe das Lösegeld für seine Kinder von 18 Millionen D-Mark auf 9,6 Millionen heruntergehandelt.

Noch im vergangenen Jahr wurde das Vermögen der Familie vom manager magazin auf 1,95 Milliarden Euro taxiert. Das Geld steht angesichts der Pleite auf dem Spiel. Denn die Firma Anton Schlecker hat die Rechtsform des eingetragenen Kaufmanns. Der Patriarch haftet mit seinem Vermögen für alle Verbindlichkeiten.

Bitter für Schlecker: Die Konkurrenz zeigt nicht einmal Interesse an den Überbleibseln seines Imperiums. "Ein Großteil der Schlecker-Läden ist für Wettbewerber gar nicht zu gebrauchen", sagt einer, der namentlich nicht genannt werden will. Seine Begründung: Die Filialen seien mit 150 bis 250 Quadratmetern "viel zu klein". Unter 450 Quadratmetern würde aber kein Wettbewerber mehr neue Filialen eröffnen.

Die Schlecker-Mitarbeiter hoffen nun, dass der Drogeriekönig sie nicht im Stich lässt. "Anton Schlecker trägt als Eigentümer persönlich die Verantwortung für seine Beschäftigten", mahnte Ver.di. "Besonders in einem solchen Falle gilt: Eigentum verpflichtet."



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Seite 1
tksuper 20.01.2012
1. Kein wirklicher Verlust.
Auch hier, wie immer und überall. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
kornfehlt 20.01.2012
2. Verdi ist zu sagen,
dass Hr. Schlecker nur eine wirkliche Verpflichtung zur Zeit hat. Die heisst Vermögen retten, so gut es geht. Sonst nichts. Für die Angestellten ist doch Verdi zuständig. Die wissen doch immer alles sowieso besser!!
Asirdahan 20.01.2012
3. ohne
Da kann ein Arbeitgeber schikanieren und treiben, was er will, er ist der große Zampano, und die Belegschaft kann sehen, wo sie bleibt. Das ist bei Pleiten immer so. Es ist das System. Die Entscheider ganz oben haben die Verantwortung für Tausende von Existenzen, aber ob sie diese Verantwortung wahrnehmen oder nicht, liegt in ihrem eigenen Ermessen. Ich habe keine Lösung für dieses Problem, ich weiß nur eins: in eine moderne, demokratische Gesellschaft gehört so ein System nicht.
MaxGrabowski 20.01.2012
4. Na dit zeigt doch ....
Zitat von sysopAnton Schlecker baute Deutschlands einst erfolgreichste Drogeriekette auf*- doch statt Bewunderung schlug ihm Abneigung entgegen. Berichte über Mitarbeiter-Schikane und Dumping-Löhne ramponierten Image. Der Niedergang der Firma zeigt: Die Billig-Masche zieht nicht mehr. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,810457,00.html
...daß ein humanistischer DM-Markt-Chef mehr von Wirtschaft & Menschlichkeit versteht, als die Geld-is-geil-Konkurrenten! siehe: Götz Werner (http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6tz_Werner)!
ronjaraeubertochter 20.01.2012
5. Ich kann nicht traurig sein...
Zitat von sysopAnton Schlecker baute Deutschlands einst erfolgreichste Drogeriekette auf*- doch statt Bewunderung schlug ihm Abneigung entgegen. Berichte über Mitarbeiter-Schikane und Dumping-Löhne ramponierten Image. Der Niedergang der Firma zeigt: Die Billig-Masche zieht nicht mehr. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,810457,00.html
Genau genommen ist das eine hervorragende Nachricht, selbst dann, wenn von der Schlecker-Pleite viele Arbeitsplätze betroffen sind. Ranzige Läden, überteuerte Preise und unterdrückte Verkäuferinnen, das war nur zum Boykottieren.
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