Schuh-Recycling Alte Treter auf neuen Pfaden

Bisher gab es meist nur eine Lösung für kaputte Schuhe: die Mülldeponie. Das will eine deutsche Firma mit der weltweit ersten Recycling-Maschine ändern. Wenn das Konzept aufgeht, könnten Zehntausende Tonnen als Böden oder Taschen wiederverwertet werden.

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SOEX GROUP 

Ein Riss im Lederschaft, eine kaputte Messingschnalle, ein abgerissener Sandalenriemen - das reicht, diese Schuhe sind nichts mehr wert. Mike Lee wirft sie in den Schlund einer knallroten Maschine. Sie hackt, schnippelt und walzt - und spuckt kurze Materialfetzen heraus. Drei Maschinen bearbeiten den Rest weiter, es klötert, walzt und saugt. Wenige Minuten später liegen die Schuhe, aufgetrennt in ihre vier Materialien in einzelnen Plastikwannen: Lederfetzen, Gummistücke, zerbrochene Metallteile und Stoffreste.

Was hier in Wolfen (Sachsen-Anhalt) steht, soll das Schuh-Recycling revolutionieren - denn diese Maschine ist die erste ihrer Art. Bisher gab es nur eine Lösung für kaputte Schuhe: die Mülldeponie. Das will die Firma Soex mit einer eigens entwickelten Schuhrecycling-Maschine ändern. Denn bei dem nach eigenen Angaben weltweit führenden Alttextilsortier- und Recyclingunternehmen kommen jeden Tag 400 Tonnen Alttextilien an, darunter 35.000 gebrauchte Schuhpaare.

Ein Viertel davon ist so kaputt, dass es bislang im Müll landet. Die Maschine soll nun wertvolles Gummi, Leder und Metall aus den Schuhen herausholen. Wenn das Konzept aufgeht, könnte das Modell Schule machen - und allein in Deutschland Zehntausende Tonnen Schuhe vor der Verbrennung bewahren.

Schuhrecycling - ein Ding der Unmöglichkeit?

"Schuhrecycling ist eigentlich unmöglich", sagt Lee, Direktor der englischen Firma In-Cycle, die die Anlage für Soex baut. "Denn mehr als vierzig Materialien sind extrem fest miteinander verklebt. Aber Leder und Gummi sollen in diesen Massen nicht mehr im Müll landen." Während Soex etwa 90 Prozent der Altkleider als Secondhandware, Putzlappen oder Fasern weiterverkauft, sieht die Quote bei Schuhen deutlich schlechter aus.

Zwar sind drei Viertel der gebrauchten Schuhe so gut erhalten, dass die Firma sie weitergeben kann. Aber etwa 9000 Paare schmeißt Soex in den Müll. Das kostet die Firma gleich dreifach: beim Einkauf, beim Sortieren und bei der Entsorgung. Daher bastelt Lee seit Jahren am mittlerweile sechsten Prototyp, zusammen mit Pailak Mzikian, Leiter Recycling und Nachhaltigkeit bei Soex. Beteiligt ist außerdem die französische Firma Eco TLC, ein Investor in Textil-Recycling.

Ende 2016 soll die Maschine regulär arbeiten. Mit dem Häcksler geht es los: Er spuckt das Schuhklein aus Leder-, Gummi-, Stoff- und Metallteilen aus. Danach fällt alles durch ein Zickzack-Rohr mit innenliegenden Magneten. An diesen bleiben die Reißverschlussreste und Metallschnallen hängen, der Rest fällt unten durch. Weil jetzt noch viele Gummistücke fest am Leder oder Stoff kleben, trennt die sogenannte Delaminations-Mühle die Materialien auf und zerrupft sie weiter. Zuletzt separiert eine Art gigantischer Staubsauger unter lautem Getöse Leder und Gummi voneinander und saugt die Stoffreste ab. Das Ergebnis: Gummi, Leder, Metall und Stoff, gemischt mit einigen anderen Resten wie Kork, Holz oder Kunstoffen, in vier verschiedenen Plastikwannen.

Doch was kann man mit gemischten Lederfetzen, Gummiteilen und Metallbruchstücken machen? Wer soll das kaufen? Mzikian hält sich bedeckt: Eine kleine Schuhfirma und ein Bauunternehmen hätten Interesse angemeldet, mehr gibt er nicht preis. Dass es bislang womöglich keinen Markt für ihre Recycling-Materialien gibt, scheint die Entwickler nicht weiter zu beunruhigen.

700.000 Euro werden bis zum Ende des Projekts in die Entwicklung fließen. "Die Marktentwicklung gehört ganz einfach zum Recycling dazu - erst muss man das Material erkennen, dann es herauslösen und zuletzt Abnehmer finden," sagt Mzikian. Noch in diesem Jahr solle genau getestet werden, wo und wie Recycling-Gummi und -Leder auf dem Markt Abnehmer finden könnten. Vor allem bei Gummi gibt sich das Unternehmen optimistisch.

Macht das ökologisch Sinn?

Auf einem Tisch neben der Maschine liegen Schalen mit pulverisiertem Leder und Gummi-Pellets. Daneben finden sich dunkelbraune Plättchen aus zusammengeschmolzenem Recycling-Leder oder Recycling-Gummi. Schuhsohlen mit Recycling-Gummi-Anteil sind bereits auf dem Markt, auch Fußmatten oder Sportbodenbeläge sind denkbar. Aber Leder? Die Lederplättchen sind etwas härter als Gummi, fest, aber elastisch. "Leder ist atmungsaktiv und kann Feuchtigkeit aufnehmen - daraus könnte man Fußbodenbeläge, Griffe oder Handytaschen machen", meint Lee.

Weil weltweit Rohstoffe knapper werden und Nachhaltigkeit längst zum Trend geworden ist, könnte es nach Meinung von Fachleuten durchaus einen Absatzmarkt für Recycling-Leder oder Gummi geben. Aber macht das denn auch ökologisch Sinn? Möglicherweise verbraucht das Recycling so viel Energie, dass man die Schuhe lieber verbrennen sollte, dabei die Energie gewinnen - und neue Schuhe aus neuem Material herstellen könnte.

Doch Knut Sander sieht das anders: "Recycling ist allemal besser als die Deponie", sagt der Experte für Kreislaufwirtschaft bei Ökopol. "Aber es müsste eigentlich 'Downcycling' heißen. Denn das gewonnene Leder oder Gummi ist nicht gut genug, um daraus neue Schuhe herzustellen." Für Bodenbeläge reiche es aber, und das sei vor dem Hintergrund des rasant wachsenden Konsums besser als nichts.

Weniger eindeutig sieht das Andreas Voget, Geschäftsführer von Fairwertung, dem Dachverband der Altkleidersammler für soziale Zwecke. "Wenn wir vor allem die Stoffe weiterverwerten wollen, dann macht das Schuh-Recycling Sinn. Wenn Sie allerdings die Energiebilanz nehmen, sieht die Rechnung wahrscheinlich anders aus," sagt er.

Noch sind das aber alles Vermutungen - denn eine Energiebilanz für das Schuh-Recycling gibt es noch nicht. Eine Lösung hat Voget aber: "Weniger, dafür hochwertige Schuhe kaufen und lange tragen. Denn gute Schuhe kann man auch gut recyceln."

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Rubyconacer 26.07.2015
1. Englische Firma.
Da hätten wir Deutschen ja auch drauf kommen können. Lederfasern hat man früher auch schon verarbeitet. Heute werden oft Ledergürtel, Handtaschen und Schuhe daraus hergestellt. Man trägt eine Paste aus Lederfaserabfall auf Polyurethan auf. Das ganze wird dann als "PU-Leder" angeboten.
Hinrich7 26.07.2015
2. ein ganz ganz alter Schuh
mich wundert weshalb auf einmal so eine alte Kamelle neu aufgelegt wird, denn die Recyclingbranche hatte Umsetzungskonzept hierfür - nur die Banken und Politiker hatten keine Fördermittel.
winterlied 26.07.2015
3. Leder schmilzt nicht
Die Lederfasern werden wohl eher mit Kunstharz vermischt, statt verschmolzen
Fürstenwalder 26.07.2015
4. Wenn
die Energiebilanz nicht stimmt und diese nicht mit genügend Abnehmern für die entstandenen Materialien aufgefangen werden kann, wird sich das Maschinchen wohl eher nicht durchsetzen. Auch müßte man dem faulen Bürger beibringen Schuhe und Stoffe grundsätzlich nicht mehr im Hausmüll zu entworgen. Auch werden Schuhe in Recyclinganlagen problemlos zerlegt, wenn auch nicht in die einzelnen Bestandteile bzw. Materialien. Aber sie werden so weit zerkleinert, dass die Reste entweder im Altmetall landen oder völlig zerfetzt als Zusatzbrennstoff in Kraftwerken u.ä. verbrannt werden können.
bauausdo 26.07.2015
5. Nicht englisch
@1: SOEX ist eine deutsche Firma. So steht es im Text, so steht es bei SOEX. 1000 Mitarbeiter, in sieben Ländern tätig. Sitz Bad Oldeslohe.
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