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Schuldenkrise: Europa kämpft gegen neuen Banken-Crash

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Böse Erinnerungen an die Finanzkrise 2008 werden wach: Europas Bankenaufseher prophezeien den Instituten Kapitalnot - und fordern neue Staatshilfen. Experten warnen vor Panik, doch in den Bilanzen der Konzerne schlummern tatsächlich gefährliche Risiken.

Bankenviertel in Frankfurt am Main: Sorge vor Risiken in Geldhäusern Zur Großansicht
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Bankenviertel in Frankfurt am Main: Sorge vor Risiken in Geldhäusern

Hamburg - Es ist ein Tag, den die Finanzbranche wohl am liebsten vergessen würde: Am 15. September jährt sich die Pleite der US-Großbank Lehman Brothers zum dritten Mal. Doch auf Erinnerungsreden oder einen Rückblick auf die turbulenten Tage wird in europäischen Banken kaum jemand Lust haben. Denn die Geldhäuser stecken erneut in Schwierigkeiten. Die Aktienkurse der großen Institute sind eingebrochen. Der Index für europäische Banken verlor in den vergangenen sechs Monaten rund 37 Prozent.

Dieser Negativtrend ruft die Aufpasser auf den Plan. Christine Lagarde, die neue Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), und die europäische Bankenaufsicht EBA forderten die europäischen Staaten auf, den Banken in substantiellem Umfang frisches Geld zu geben, damit das Vertrauen in die Branche zurückkehrt.

Ist die Kapitalausstattung der Banken wirklich so schlecht, dass sie durch die Schuldenkrise und den Wirtschaftsabschwung in Schieflage geraten könnten?

Manch einer wundert sich: Denn erst Mitte Juli hatten die EBA-Aufseher ihren Stresstest für die europäischen Banken veröffentlicht. Dieser verlief einigermaßen glimpflich. Lediglich acht Institute aus Spanien, Griechenland und Österreich fielen durch. Die große Mehrheit der europäischen Banken sei deutlich stabiler aufgestellt als früher, erklärte die EU-Kommission damals.

Was hat sich also in den vergangenen sechs Wochen geändert, was nun die Aufseher auf den Plan rief?

Schwache Konjunktur und Börsenpanik

Zum einen wurde der Bankrott eines Euro-Landes beim Stresstest ausgeklammert. In den vergangenen Wochen hat sich die Schuldenkrise jedoch verschärft, neben Portugal, Spanien und Irland gilt auch Italien inzwischen als Wackelkandidat. Zum anderen fürchtet Europa nun eine deutliche Abkühlung der Konjunktur. Und außerdem herrschte an den Börsen zeitweise Panik.

Auch in der Finanzbranche selbst gibt es Hinweis auf wachsendes gegenseitiges Misstrauen. Die Banken leihen sich derzeit weniger Geld untereinander und parken es stattdessen gegen einen niedrigen Zins bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Parallele ist erschreckend: Auch nach der Lehman-Pleite horteten die Geldhäuser Geld bei der EZB, so dass der Kreditfluss austrocknete.

Um das zu verhindern und das Vertrauen wiederherzustellen, wollen Lagarde und die Bankenaufsicht den Instituten nun Kapitalspritzen verpassen. Die EBA fordert sogar direkte Hilfen aus dem Euro-Rettungsschirm EFSF.

"Man hat aus der Krise gelernt, dass eine höhere Eigenkapitalausstattung hilfreich ist", sagt Dieter Hein, Bankenexperte beim unabhängigen Analysehaus Fairesearch. Dafür gibt es genau zwei Möglichkeiten: Entweder besorgen sich die Geldhäuser frisches Kapital selbst am Markt - oder der Staat springt ein. Hein schätzt die Marktvariante derzeit als schwierig ein: "Momentan leihen sich die Banken untereinander selbst kurzfristig nicht so gerne Geld. In einer solchen Phase ist es schwierig, sich neues Kapital auf dem Markt zu besorgen."

Die Institute könnten zwar einen Teil ihrer Gewinne einbehalten, keine Dividenden auszahlen und so frisches Kapital generieren - doch das dürfte den Anlegern gar nicht gefallen. Schon jetzt sind die Aktienkurse der Finanzinstitute besonders stark gefallen.

Um die Kapitalausstattung zu verbessern, haben sich Notenbanken und Bankaufseher weltweit bereits auf das Reformpaket Basel III geeinigt. Dieses sieht vor, dass die Eigenkapitalausstattung der Geldhäuser von 2013 bis 2019 schrittweise steigt. "Einige Banken haben schon damit begonnen, sich frisches Kapital am Aktienmarkt zu besorgen. Aber bis alle soweit sind, dauert es noch eine gewisse Zeit - und die hat man momentan nicht", sagt Hein.

Geht es Lagarde auch um politisches Kalkül?

Klamme Banken könnten in der aktuellen Krise durchaus Risiken bergen. Denn grundsätzlich seien Geldhäuser anfälliger als zum Beispiel Industrieunternehmen, sagt Hein. Letztere decken dem Experten zufolge 30 bis 40 Prozent ihres gesamten Kapitals mit Eigenkapital ab. "Bei Banken sind es nur rund zehn Prozent - und das auch nur auf dem Papier." In Wahrheit seien es sogar noch weniger, weil die Banken nur die Anlageobjekte mit Eigenkapital unterlegen, die für riskant gehalten werden. "Andere, die als sicher gelten - wie etwa Staatsanleihen - werden gar nicht berücksichtigt." In Zeiten, in denen sich viele Staatsanleihen als doch nicht so sicher entpuppen, erhöht das zusätzlich die Instabilität.

Hein kann Lagardes Vorstoß nachvollziehen. "Der IWF muss am Ende einspringen, deshalb ist er daran interessiert, Krisen im Vorfeld zu vermeiden. Das sollte eigentlich auch im Interesse der Staaten sein."

Der Bankenexperte Hans-Peter Burghof kritisiert allerdings, dass durch die öffentliche Warnung von Lagarde und der EBA die gesamte Finanzbranche unter Druck gerät. "Hilfreich sind diese Äußerungen nicht, denn sie erzeugen Unsicherheit", sagt er. "So pauschal ist die Diskussion nicht sinnvoll. Es wäre effizienter, wenn die EBA schauen würde, welche Banken frisches Kapital brauchen und die einzelnen Staaten dieses dann zwangsweise verabreichen."

Parallelen zur Lehman-Krise sind da

Burghof vermutet hinter der Diskussion auch politisches Kalkül. "Die neue IWF-Chefin gibt Gas, und auch die relativ neue europäische Bankenaufsicht muss sich positionieren." Von ungefähr kommen die Warnungen aber nicht. Vor allem Geldhäuser, die viele Anleihen von Krisenstaaten horten, könnten bei einer Verschärfung der Krise in Schieflage geraten.

Beim Stresstest haben alle Institute bestanden, die eine harte Kernkapitalquote von mindestens fünf Prozent vorweisen konnten. Vereinfacht formuliert sagt diese Kennziffer aus, wie viele dauerhafte Eigenmittel die Banken im Vergleich zu vergebenen Krediten haben. Bisher lagen die meisten europäischen Banken deutlich über der Fünf-Prozent-Marke (siehe Flash-Grafik). "Einen Schuldenerlass für Griechenland könnten die Banken verkraften, aber im Falle Spaniens würde es schon eng", sagt Burghof.

Es liege nun in der Hand der europäischen Krisenmanager, dass sich eine Krise wie nach der Lehman-Pleite nicht wiederholt. "Von der Bedrohungssituation her könnte uns Ähnliches passieren", sagt Burghof. "Vieles hängt davon ab, wie weit die Politik die Schuldenkrise laufen lässt."

Mitarbeit: Katharina Pauli

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1. ekelhaft
marc0815 30.08.2011
vielleicht sollten Banken anfangen ihre jählichen Milliardengewinne nicht als Boni auszuschütten sondern als ERhöhung der Eigenkapitalquote einzusetzen. Wie kann man nur solche gehäufte Finanzsektorpropaganda ablichten??? Ekelhaft SPON!!!
2. ... die Banken ...
stormy_weather 30.08.2011
Zitat von sysopBöse Erinnerungen an die Finanzkrise 2008 werden wach: Europas Bankenaufseher*attestieren den Instituten akute Geldnot - und fordern neue Staatshilfen. Experten warnen vor Panik, doch in den Bilanzen der Konzerne schlummern tatsächlich gefährliche Risiken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,783419,00.html
... fordern neue Staatshilfen. Nanu! Ich verstehe gar nichts mehr: Das sind doch die Gläubiger der klammen Staaten. Wie können die gleichzeitig pleite gehen? Na ja, ich weiß: Je mehr Staaten eine Pleite droht, desto mehr lassen sich die Zinsen erhöhen, desto mehr können satte Risikozulagen kassiert werden. Fürs "Risiko"? *haha* Welches Risiko, wenn das der Staat durch Giga-Safetyschirme übernimmt? Und ja, ich weiß auch: Banken können nicht pleite gehen, denn sie sind "too big to fail". Staaten sind das offenbar nicht ... Das ist nur noch gaga.
3. Kann ja gar nicht sein
madjenko 30.08.2011
Wir hatten doch neulich einen Stresstest und der hat gesagt alles ist gut. :)
4. Nicht Lernfähig
chiffer 30.08.2011
Zitat von sysopBöse Erinnerungen an die Finanzkrise 2008 werden wach: Europas Bankenaufseher*attestieren den Instituten akute Geldnot - und fordern neue Staatshilfen. Experten warnen vor Panik, doch in den Bilanzen der Konzerne schlummern tatsächlich gefährliche Risiken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,783419,00.html
Da die Banken nicht Lernfähig sind, sie haben sich ähnlich wie bei der amerikanischen Immobilienkrise auch zur Absicherung der Staatskredite übermäßig mit CDS Papieren eingedeckt. Deshalb hängen sie alle zusammen und müßten folglich ALLE gerettet werden. Nicht nur die europäischen, sondern auch die amerikanischen. Die Summe der CDS Papiere soll Schätzungen zufolge das WeltBruttoSozialprodukt übersteigen. Deshalb wird jede neue Bankenrettung im Fiasko enden.
5. xxxx
Dramidoc 30.08.2011
Zitat von sysopBöse Erinnerungen an die Finanzkrise 2008 werden wach: Europas Bankenaufseher*attestieren den Instituten akute Geldnot - und fordern neue Staatshilfen. Experten warnen vor Panik, doch in den Bilanzen der Konzerne schlummern tatsächlich gefährliche Risiken. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,783419,00.html
Das ist vollkommener Irrsinn. Die Staaten sollten so klug sein und auf eine Bankenrettung verzichten. Die letzte Bankenrettung hat doch in Teilen Europas und der USA die Verschuldungskrise erst möglich gemacht. Wenn die banken nicht mehr wettbewerbsfähig sein können, dann gelten auch bei ihnen die Gesetze der Marktwirtschaft. Eine weitere Bankenrettung wäre der Todesstoß für jedes Gemeinwesen und ist mir und vielen anderen auch nicht mehr vermittelbar.
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Milliarden für Griechenland - Die Ergebnisse des Euro-Gipfels
Neue Kredite
Griechenland soll vom europäischen Krisenfonds für wackelnde Eurostaaten (EFSF) Kredite zu niedrigen Zinssätzen von rund 3,5 Prozent bekommen. Die Laufzeiten der Kredite sollen von bisher siebeneinhalb Jahren auf 15 bis 30 Jahre gestreckt werden. Ein umfangreiches Wachstums- und Investitionsprogramm soll Griechenland in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission wieder auf die Beine bringen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird angehalten, sich am Hilfsprogramm zu beteiligen. Auch die Laufzeiten der Kredite aus dem bereits existierenden Rettungsprogramm von 2010 sollen deutlich verlängert werden.
Einbeziehung von Banken
Der Finanzsektor wird sich auf freiwilliger Basis mit einer Reihe von Optionen an der Rettung Griechenlands beteiligen. Der Nettobeitrag der Banken soll bei 37 Milliarden Euro liegen - für die Zeit von jetzt bis 2014. Zusätzlich wird ein Betrag von 12,6 Milliarden Euro genannt für ein Schuldenrückkaufprogramm. Legt man den Zeitraum von 2011 bis 2019 zugrunde, beträgt der Nettobeitrag des privaten Sektors laut Abschlusserklärung 106 Milliarden Euro.
Neue Aufgaben für Krisenfonds
Der EFSF-Fonds bekommt neue Aufgaben. Er kann künftig zum Ankauf von Staatsanleihen genutzt werden - aber unter strikten Bedingungen. Zudem soll der Rettungsfonds vorbeugende Programme für Wackelkandidaten im Eurogebiet auflegen dürfen. Der EFSF wird nicht aufgestockt.
Irland/Portugal
Auch für Portugal und Irland, die ebenfalls von milliardenschweren Hilfsprogramm der Partner profitieren, sollen die Ausleihbedingungen des EFSF gelten.
Budgetdefizite
EU-weit sollen Budgetdefizite bis 2013 möglichst auf unter drei Prozent gedrückt werden. Das Sparpaket Italiens, mit dem dies bis 2012 erreicht werden soll, fand lobende Worte. Ebenso wurden die Reformanstrengungen von Spanien begrüßt.
Banken-Stresstest
Für durchgefallene Banken sollen die Euro-Länder entsprechende Auffangmaßnahmen bereitstellen.
Mehr wirtschaftliche Koordination
Bei der geplanten Wirtschaftsregierung machen die Staats- und Regierungschefs Druck: Die seit Anfang Juli amtierende polnische EU-Präsidentschaft hat den Auftrag, die festgefahrenen Verhandlungen mit dem Europäischen Parlament voranzubringen.
Weniger Macht für Rating-Agenturen
Die Regierungschefs sind sich einig, dass die Macht der Rating-Agenturen eingedämmt werden muss. Vorschläge der Kommission zum Umgang mit den Agenturen werden erwartet. Außerdem wollen die Europäer eine eigene international bedeutende Rating-Agentur etablieren.
Besseres Krisenmanagement
In der Euro-Zone soll das Krisenmanagement verbessert werden. Bis Oktober sollen EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der Vorsitzende der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, konkrete Vorschläge machen.
Fakten zur Euro-Zone

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Prominente zur Euro-Krise: Die Wirtschaftshalbweisen

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Banken-Stresstest 2011 - Die Szenarien
Überblick
Mit dem Stresstest wurden 91 wichtige Banken in der EU auf ihre Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten geprüft. Auch 13 deutsche Großbanken stellten sich dem Test. Dabei durchliefen sie zwei Szenarien, die aufeinander aufbauen.
Stufe 1 - Basisszenario
Zunächst wurde geprüft, wie sich das Eigenkapital der Banken entwickelt, wenn die Wirtschaft in der Euro-Zone 2011 und 2012 genauso stark wächst, wie es die Europäische Kommission zuletzt prognostiziert hat - also um 1,5 Prozent im Jahr 2011 und 1,8 Prozent im Jahr 2012. Für die gesamte EU liegen die Erwartungen etwas höher. Hier geht die EU-Kommission von einem Wachstum von 1,7 Prozent (2011) und 2,0 Prozent (2012) aus.

Stufe 2 - Krisenszenario
Hier wurde simuliert, wie sich die Kapitalausstattung der Banken unter deutlich schlechteren wirtschaftlichen Bedingungen entwickelt. Dazu unterstellten die Aufseher, dass die Wirtschaft in den 17 Euro-Ländern 2011 um 0,5 Prozent und 2012 um 0,2 Prozent schrumpft. Die Aktienkurse brechen im Schnitt um 15 Prozent ein, und die Immobilienmärkte liegen darnieder. Die Arbeitslosigkeit in der Euro-Zone steigt auf 10,8 Prozent.

Auch eine weitere Verschärfung der Schuldenkrise wurde in diesem Szenario berücksichtigt. Die Kurse von Staatsanleihen fallen weiter. Für griechische Staatspaiere müssen die Banken eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 36 Prozent annehmen.

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