Schuldenkrise Schwellenländer stoßen Euro ab

Spanien steckt in der Bankenkrise, Griechenland droht der Euro-Austritt, jetzt braucht offenbar auch Zypern Hilfen - die Lage in der Euro-Zone verschärft sich. Das Misstrauen der Investoren wächst. Laut einem Bericht der "Financial Times" trennen sich Schwellenländer von ihren Euro-Beständen.

Schaufenster in Madrid: Schwellenländer misstrauen Euro
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Schaufenster in Madrid: Schwellenländer misstrauen Euro


Hamburg - Der Euro hat einen seiner schlechtesten Monate hinter sich: Im Mai verlor die Gemeinschaftswährung fast sieben Prozent gegenüber dem US-Dollar - der höchste Monatsverlust seit September. Maßgeblich an dem Kursrutsch beteiligt sind laut der "Financial Times" ("FT") die Zentralbanken von Schwellenländern. Diese hätten sich zuletzt massiv aus dem Euro zurückgezogen, um ihre eigenen Währungen abzusichern.

Schwellenländer heißen so, weil sie an der Schwelle stehen vom Entwicklungsland zur Industrienation. Zu ihnen zählen beispielsweise China, Indien oder Brasilien. Die "FT" beruft sich auf Aussagen von Händlern. Demnach hätten die Notenbanken der Schwellenländer zuletzt ihre normale Kaufstrategie grundlegend geändert. So hätten diese bis vor kurzem generell in den Euro investiert, wenn er sich abschwächte - um eine breitere Mischung an Währungsreserven zu halten, und um ein Gegengewicht zum US-Dollar zu haben. Angesichts der sich verschärfenden Euro-Krise und eines möglichen Austritts Griechenlands aus der Währungsunion, sei es zuletzt aber zu dem radikalen Schwenk gekommen.

Seitdem die Sorgen um den Euro zugenommen haben, hätte sich die Begeisterung der Zentralbanken für die europäische Gemeinschaftswährung merklich abgekühlt, zitiert die Zeitung Steven Englander, Devisenhändler bei der Citigroup. Die Bank of America spricht von einem ungewöhnlich starken Euro-Verkauf der Zentralbanken aus Schwellenländern im Mai. Welche Länder zu den Verkäufern gehören, schreibt die "FT" nicht. Auch Hedgefonds und institutionelle Investoren trennten sich laut der Bank of America im vergangenen Monat verstärkt von der Gemeinschaftswährung. Zuletzt kostete der Euro rund 1,24 Dollar.

Auch im Juni könnten die Zentralbanken die Währung weiter abstoßen - denn die Furcht vor einem Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone und die Schieflage bei Spaniens Banken wird die Märkte weiter in Atem halten. Händler warten gespannt auf den 17. Juni, an dem das griechische Volk neu wählt und die Weichen für oder gegen einen Verbleib in der Euro-Zone stellt.

Wird Zypern das vierte Land unter dem Rettungsschirm?

Auch die Lage in Spanien beunruhigt. Nach SPIEGEL-Informationen wollen Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble das Land unter dem Rettungsschirm EFSF sehen - und so die Folgen eines möglichen Euro-Austritts von Griechenland begrenzen. Spanische Regierungskreise weist dies zurück.

Allerdings tut sich derzeit offenbar ein neues Problem in der Schuldenkrise auf: Nach einem Bericht des "Wall Street Journal Deutschland" könnte Zypern das vierte Land in der Euro-Zone werden, das ein Rettungspaket braucht. Der Inselstaat werde von der Krise in Griechenland derart in Mitleidenschaft gezogen, dass ein Antrag auf Hilfsgelder aus dem temporären Rettungsfonds EFSF noch in diesem Monat zunehmend wahrscheinlich werde, heißt es.

Für den Rettungsfonds wären die auf der Insel benötigten Summen wohl unproblematisch, schreibt das "Wall Street Journal Deutschland" weiter. Selbst nach der Rettung von Griechenland hat der Rettungsfonds noch rund 250 Milliarden Euro in der Kasse. Schlimmer wären jedoch die psychologischen Folgen, weil es das Scheitern der Politik ans Licht brächte, die Euro-Krise einzudämmen.

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Gerdtrader50 04.06.2012
1. Jetzt auch noch externe Wirkungen am Devisenmarkt,
bislang hätte ich nur damit gerechnet, dass innereurozone - betreffende Verwerfungen auftreten und die implodierend ähnliche Wirkung derselben unter Verstärkung durch die ungeeignete Wirtschafts-, Finanz-, Fiskal- und Geldpolitik der Deutschen einschliesslich den rezessionsfördernden Fiskalpakte begrenzt wären. Dem scheint ja aber mittlerweile nicht mehr so zu sein. Wenn die Zentralbanken der Schwellenländer verstärkt Euro abstossen, bleibt dies weder am Forexmarkt ohne Wirkungen und erst recht nicht an den Futuremärkten. Die Währung stürzt also jetzt bald auch massiv im Devisenkurs ab gegenüber anderen Währungen. Gibt es überhaupt noch irgendeinen Grund, diese schrottige Währung am Leben zu erhalten, sofern dies überhaupt gelingen möge. Wie sehr müssen Verantwortliche in diesem Kontinent von Scheuklappen behindert sein, um alle diese Realitäten nicht wahrzunehmen ? Weg mit der Schrottwährung, weg mit diesen Schrottpolitikern.
larsmach 04.06.2012
2. Und wenn schwache tatsächlich austräten...
...dann stünden Staaten und Investoren ohne Euro da, um Anleihen zu kaufen - eine Kaufwelle würde den Außenwert des erheblich stärkeren "Rest-Euro" erhöhen. Etliche jener, die sich auf ein Ende der schwachen Währung gefreut haben, dürften ihre Freude mit dem Verlust des Arbeitsplatzes oder Gehaltseinbußen zahlen - immerhin wären Unternehmen gezwungen, Produktionskosten von Exportprodukten zu reduzieren. Da die USA ebenso wie Großbritannien derzeit in Schulden ersaufen und zu einem wachsenden Teil "Erträge" nur durch Wettscheinhandel ohne Gegengeschäfte erwirtschaften, dürfte der jeweils wechselnde Focus der Weltpresse auf die eine oder andere Problemregion maßgeblich beteiligt sein an Währungsumschichtungen; immerhin haben etliche Währungshändler eine Fabrik noch nie von innen gesehen und reagieren eher auf Einzelnachrichten. Aus Schwellenländern lasse ich Rohstoffe Generatoren meiner Maschinenbaufirmen kaufen. Ich lasse dorthin fertige Windkraftanlagen verkaufen. Ich reise gerne immer wieder dorthin. Doch ich bin glücklich darüber, in Europa zu leben. Europa ist ein großartiger Kontinent, und unsere britischen Freunde gehören dazu, auch wenn ihre dramatische Neuverschuldung jene in Griechenland weit hinter sich lässt. Wir müssen alle noch mehr produzieren!
albrechtstorz 04.06.2012
3. Politik-Versagen
Zitat von sysopREUTERSSpanien steckt in der Bankenkrise, Griechenland droht der Euro-Austritt, jetzt braucht offenbar auch Zypern Hilfen - die Lage in der Euro-Zone verschärft sich. Das Misstrauen der Investoren wächst. Laut einem Bericht der "Financial Times" trennen sich Schwellenländer von ihren Euro-Beständen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,836748,00.html
Eine Politik, die den "Märkten" hinterher rennnt, wie sie heute unter Merkel betrieben wird, wird nie Vetrauen schaffen, weder bei Bürgern, noch bei Anlegern. Das große Vetrauen, das Merkel bei den deutschen Wählern genießt ist rational leider nicht erklärbar. Die "Märkte" sind aber wohl doch nicht ganz so irrational wie die Wähler.
Maya2003 04.06.2012
4.
Zitat von sysopREUTERSSpanien steckt in der Bankenkrise, Griechenland droht der Euro-Austritt, jetzt braucht offenbar auch Zypern Hilfen - die Lage in der Euro-Zone verschärft sich. Das Misstrauen der Investoren wächst. Laut einem Bericht der "Financial Times" trennen sich Schwellenländer von ihren Euro-Beständen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,836748,00.html
Solange der Euro von den europäischen Eliten als "politisches Projekt" gesehen wird und die Augen vor der ökonomischen Realität verschlossen werden wird sich die Krise von Jahr zu Jahr verschärfen - und Billionen kosten. Es wird Zeit daß die Politik ihre Scheuklappen ablegt und endlich das unvermeidbare Ende DIESER Währungsunion angeht. Aber so wie es aussieht fahren Merkel und Co. den Karren lieber an die Wand anstatt ihre (angeblich so stark vorhandene) ratio zu gebrauchen, oder sie sind nur Marionetten in den Händen "höherer Mächte". Die interessierte Öffentlichkeit hat schon längst erkannt wie die Lage ist und welche Schlüsse daraus gezogen werden sollten - in Brüssel aber werden weiter utopische Ziele als "alternativlos" dem Publikum verkauft. Jetzt eine Bankenunion, eine Wirtschaftsregierung, die unvermeidliche Schuldenhaftung etc. - völlig abgehoben planen diese Bürokraten eine "weitere Vertiefung" der Eurozone, wollen sogar neue Länder aufnehmen. Die Eurokraten, die Regierungen der Eurozone mit Merkel an der Spitze leben in einer Parallelwelt die mit der Lebenswirklichkeit der Massen nichts mehr zu tun hat. Jeden Tag werden große Pläne vorgestellt, aber jeder spürt deren Weltfremdheit und Verlogenheit, und niemand erwartet ernsthaft daß sie erfolgreich sind. Wir sind von zweistellige Milliardenbeträgen zur "Rettung" Anfang 2010 jetzt bei vierstelligen oder sogar fünfstelligen angekommen - und immer noch müssen wir jeden Tag hören "Deutschland profitiert am meisten". Es wird Zeit etwas neues zu hören. Nein, DIESER Euro ist tot, und Merkel sollte alles tun ihn schnell und geräuschlos zu beerdigen - zum Wohle Deutschlands; dafür arbeitet die Dame doch, angeblich.
gaiusbonus 04.06.2012
5. _Ja, ... und ?
Zitat von sysopREUTERSSpanien steckt in der Bankenkrise, Griechenland droht der Euro-Austritt, jetzt braucht offenbar auch Zypern Hilfen - die Lage in der Euro-Zone verschärft sich. Das Misstrauen der Investoren wächst. Laut einem Bericht der "Financial Times" trennen sich Schwellenländer von ihren Euro-Beständen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,836748,00.html
Niemand der einigermaßen Herr über seine Sinne ist, ist heute Morgen aufgestanden, und hat die Meldung erwartet das alles wieder in Ordnung ist. Mit dem Euro wird es nie wieder Normalität geben, verlasst euch drauf. Die Mathematik kann man im Ergebnis nicht austricksen. (Finanzmathematik ist nur Ansammlung unbewiesener Annahmen!)
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